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»In unser Volk«, korrigierte sie ihn. Kahlan knöpfte die Manschette ihres Hemdes auf und schob den Ärmel bis zur Schulter hoch. Sie hielt ihm den Arm unter die Nase. »Toffalar hat mich mit dem Messer verletzt. Das hier ist die Narbe, die er beim Versuch, mich umzubringen, hinterlassen hat. Das war, bevor ich ihn getötet habe. Nicht danach. Er hat sich durch seinen Angriff auf mich selbst getötet. Ich hatte es nicht auf ihn abgesehen

Chandalen blickte ungerührt von der Narbe zu ihren Augen. »Mein Onkel war nie gut mit dem Messer. Schade

Kahlans Kiefermuskeln spannten sich. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Sie blickte ihm in die Augen und küßte ihre Fingerspitzen. Dann berührte sie mit den geküßten Fingern die Wange, wo sie ihn geschlagen hatte. Unter den Jägern brach ein zorniges Getuschel aus, sie rissen ihre Speere aus dem Boden. Chandalens Gesicht verzog sich zu einer haßerfüllten, wütenden Grimasse.

Es war die schlimmste Beleidigung für einen Jäger. Er hatte sich unhöflich und kränkend verhalten, indem er sie nicht geschlagen hatte. Damit war nicht gesagt, daß er ihre Stärke nicht respektierte, lediglich, daß er dies nicht zu zeigen wünschte. Durch einen Kuß auf jene Stelle, wo sie ihn zum Zeichen des Respekts geschlagen hatte, hatte sie jedoch ihren Respekt für seine Stärke zurückgenommen. Die Berührung durch den Kuß besagte, daß sie keinen Respekt vor seiner Stärke hatte und in ihm nicht mehr als ein törichtes Kind sah. Sie hatte praktisch in aller Öffentlichkeit auf seine Ehre gespuckt.

Das war zwar gefährlich, doch als noch gefährlicher galt es unter den Schlammenschen, einem Feind gegenüber Schwäche zu zeigen. Ebensogut hätte man darum bitten können, im Schlaf ermordet zu werden. Das Zeigen von Schwäche nahm einem das Recht, einem Widersacher offen gegenüberzutreten. Die Ehre verlangte, daß man seine Stärke öffentlich in Frage stellte. Sie hatte dies getan, von daher verlangte der Ehrenkodex, daß jede Herausforderung seinerseits auf gleiche Weise geschehen müsse.

»Von jetzt an«, sagte sie, »wirst du dir meinen Respekt verdienen müssen, wenn du ihn willst

Chandalen riß seine Faust bis zum Ohr zurück, bereit zuzuschlagen.

Kahlan hielt ihm das Kinn hin. »Sieh an. Du hast dich also entschieden, Respekt vor meiner Stärke zu bekunden?«

Sein wütender Blick fiel auf etwas hinter ihr. Seine Jäger fuhren zusammen und bohrten die Knaufe ihrer Speere widerstrebend in den Boden. Kahlan drehte sich um und erblickte ungefähr fünfzig Männer mit gespannten Bögen. Sämtliche Pfeile waren auf Chandalen und seine neun Männer gerichtet.

»Ach«, höhnte Chandalen, »du bist also gar nicht so stark. Du mußt andere bitten, daß sie dir den Rücken stärken?«

»Senkt eure Waffen«, rief sie den Männern hinter sich zu. »Niemand wird für mich seine Waffe gegen diese Männer hier erheben. Niemand. Das ist ausschließlich eine Sache zwischen mir und Chandalen

Widerstrebend senkten sich die Bögen, und die Pfeile fielen klappernd zurück in die Köcher.

Chandalen verschränkte erneut die Arme. »Du bist gar nicht so stark. Du versteckst dich sogar hinter dem Schwert des Suchers

Kahlan schlug ihm die Hand auf den Unterarm und packte kräftig zu. Chandalen erstarrte und riß die Augen auf. Es galt als unverhohlene Drohung, wenn ein Konfessor jemanden auf diese Weise mit der Hand berührte, und so hatte Chandalen es auch verstanden. Bei aller Verachtung für sie war er nicht so dumm, auch nur einen Muskel zu rühren. So schnell wie ihre Gedanken war er nicht, und das war alles, was sie brauchte.

Leise zischte sie ihn an: »Ich habe im vergangenen Jahr mehr Männer getötet, als du dich fälschlicherweise rühmst, in deinem gesamten Leben getötet zu haben. Solltest du jemals versuchen, Richard etwas anzutun, werde ich dich umbringen.« Sie beugte sich zu ihm vor. »Selbst wenn du es wagen solltest, diesen Gedanken nur laut auszusprechen, und mir das zu Ohren kommt — werde ich dich umbringen

Sie ließ den Blick bewußt langsam über die Jäger schweifen und musterte sie. »Ich strecke jedem von euch meine Hand in Freundschaft entgegen. Erhebt sich aber eine Hand von euch mit einem Messer gegen mich, so werde ich den Betreffenden töten, wie ich Toffalar getötet habe. Ich bin die Mutter Konfessor — glaubt nicht, ich könnte das nicht. Oder würde es nicht tun

Sie hielt dem Blick jedes einzelnen Jägers stand, bis diese nickten — zum Zeichen, daß sie verstanden hatten. Schließlich traf ihr stechender Blick Chandalen. Ihr Griff wurde fester. Er schluckte. Endlich nickte auch er.

»Das ist eine Sache zwischen uns. Ich werde dem Vogelmann gegenüber nichts erwähnen.« Sie nahm die Hand von seinem Arm. In der Ferne kündigte ein Donnern die Rückkehr des Drachen an. »Wir stehen auf derselben Seite, Chandalen. Wir beide kämpfen für das Überleben der Schlammenschen. Diesen Teil von dir respektiere ich

Sie verpaßte ihm einen sehr sanften Schlag. Sie bot ihm jedoch weder Gelegenheit, ihn zu erwidern, noch ihr eine Antwort zu verweigern, und kehrte ihm statt dessen den Rücken zu. Der Schlag hatte ihm in den Augen seiner Männer einen kleinen Teil seiner Würde zurückgegeben, doch stünde er nun als Tor und Schwächling da, käme er auf die Idee, ihr einen Kampf aufzudrängen. Das Friedensangebot war zurückhaltend, aber es bewies, daß sie ehrenvoll handelte. Die Entscheidung, ob das gleiche auch für ihn galt, wollte sie seinen Männern überlassen. Eine Frau zu schikanieren galt nicht als ehrenvoll.

Andererseits war sie nicht irgendeine Frau, sie war ein Konfessor.

Kahlan stieß einen tiefen Seufzer aus, als sie zu Savidlin zurückkehrte und sich umdrehte, um dem Drachen bei der Landung zuzusehen. Neben ihm stand Weselan, die Siddin immer noch fest an sich drückte. Was Siddin anbetraf, schien er nichts weiter auf der Welt zu wollen, als von seiner Mutter in den Armen gewiegt zu werden. Kahlan schauderte innerlich bei dem Gedanken, was ihm alles hätte zustoßen können.

Savidlin drehte sich zu ihr um und meinte erstaunt: »Du würdest eine gute Älteste abgeben, Mutter Konfessor. Du könntest Lektionen in Ehrgefühl und Führerschaft erteilen

»Mir wäre es lieber, die Lektionen wären gar nicht notwendig

Savidlin gab ihr durch ein Brummen zu verstehen, daß er derselben Ansicht war. Staub, von Drachenflügeln aufgewirbelt, wehte heran, und der Wind bauschte ihr Gewand auf. Kahlan war damit beschäftigt, ihre Manschette zuzuknöpfen, als die beiden Männer von Scarlet herunterglitten.

Der Vogelmann war ein wenig grün im Gesicht, grinste aber von einem Ohr zum anderen. Er streichelte anerkennend über Scarlets rote Schuppen und strahlte das gelbe Auge an, das ihn musterte. Kahlan ging zu ihm, und der Vogelmann bat sie, eine Botschaft an Scarlet zu übersetzen.

Lächelnd hob sie den Kopf und betrachtete den großen Drachenkopf und die Ohren, die sich in diesem Augenblick in ihre Richtung drehten. »Der Vogelmann möchte dir sagen, daß dies eine der größten Ehren seines Lebens war. Er meint, du hättest ihm das Geschenk einer neuen Sichtweise gemacht. Er sagt, sollte von diesem Augenblick an dein Junges oder du selbst jemals Schutz benötigen, dann seist du in diesem Land sicher und willkommen.«

Scarlet setzte eine Art Drachengrinsen auf. »Danke, Vogelmann. Das freut mich.« Sie senkte den Kopf und wandte sich an Richard. »Ich muß jetzt aufbrechen. Mein Junges war lange genug allein und wird hungrig sein.«

Richard strich lächelnd über eine rote Schuppe. »Danke, Scarlet. Für alles. Danke, daß du uns dein Kleines gezeigt hast. Es ist noch hübscher als du. Paßt auf euch beide auf. Und bewahrt euch eure Freiheit.«