Pashas Blick zuckte zu Schwester Verna hinüber. Die Schwester schüttelte in einer ernsten Warnung langsam und kaum merklich den Kopf. Pashas Blick kehrte zu Richard zurück, und ihr mißbilligender Blick verwandelte sich in ein Lächeln.
»Nun gut, wir können später darüber sprechen.« Sie zog die Brauen hoch. »Aber du mußt dringend ein paar Manieren lernen, junger Mann.«
Richards Tonfall ließ Pasha ein gutes Stück erblassen. »Welche dieser Frauen ist die Prälatin?«
Pasha lachte überrascht und erschrocken auf. »Die Prälatin ist nicht hier. Sie ist viel zu beschäftigt, um…«
»Bring mich zu ihr.«
»Man kann die Prälatin nicht einfach aufsuchen, wann man will. Sie empfängt einen nur, wenn sie persönlich es für notwendig erachtet. Hat Schwester Verna dir nicht beigebracht, daß wir unseren Jungen nicht erlauben…«
Richard schob sie mit der Hand zur Seite, trat einen weiteren Schritt nach vorn in den Saal und richtete seinen wütenden Blick wieder auf die Hunderte von Augenpaaren, die ihm entgegenstarrten.
»Ich habe etwas zu sagen.«
Stille breitete sich in dem riesigen Saal aus. Ein Gedanke formte sich in seinem Kopf, von zwei verschiedenen Quellen inspiriert. Eine war Die Abenteuer von Bonnie Day, das Buch, welches sein Vater ihm geschenkt hatte, und die andere war die Magie des Schwertes, das Wissen des Schwertes, mit dem die Seelen getanzt hatten.
Erinnerung und Botschaft lauteten gleich: Wenn du in der Unterzahl bist und die Situation ausweglos ist, bleibt dir keine Wahl — du mußt angreifen.
Er wußte, wozu der Halsring diente. Seine Lage war aussichtslos. Er hatte keine Alternativen. Er wartete, bis die Stille im Saal beklemmend wurde.
Er tippte mit den Fingern an seinen Rada’Han. »Solange Ihr mich diesen Halsring tragen laßt, seid Ihr meine Häscher, und ich bin Euer Gefangener.« Gemurmel erfüllte den Raum. Richard wartete, bis es verstummt war, bevor er fortfuhr. »Da ich mich keines Angriffs auf Euch schuldig gemacht habe, betrachte ich Euch als Feinde. Wir befinden uns im Krieg.
Schwester Verna hat mir geschworen, daß man mir beibringen wird, die Gabe zu beherrschen, und daß ich, sobald ich alles Nötige gelernt habe, freigelassen werde. Solange Ihr Euch an dieses Versprechen haltet, befinden wir uns im Waffenstillstand. Aber ich habe Bedingungen.«
Richard nahm den roten Lederstab, den Strafer, in die Hand. Über den Zorn der Magie hinaus rief der Strafer nur ein leicht schmerzhaftes Kribbeln hervor. »Man hat mir schon einmal einen Halsring angelegt. Die Person, die mir damals den Halsring anlegte, hat mir weh getan — um mich zu bestrafen, um mich auszubilden, mich zu zähmen.
Das ist der einzige Zweck eines Halsrings. Einem wilden Tier legt man einen Halsring um. Seinem Feind legt man einen Halsring um.
Ich habe meiner ersten Lehrerin dasselbe Angebot gemacht, daß ich auch Euch jetzt mache. Ich habe sie gebeten, mich freizulassen. Sie wollte es nicht tun. Ich war gezwungen, sie zu töten.
Nicht eine von Euch darf jemals hoffen, gut genug zu sein, um ihr das Wasser reichen zu können. Was sie tat, tat sie, weil man sie gefoltert und gebrochen und verrückt genug gemacht hatte, einen Halsring zu benutzen, um Menschen Schmerzen zuzufügen. Sie tat es gegen ihre innere Natur.
Ihr«, damit blickte er von Augenpaar zu Augenpaar. »Ihr tut es, weil Ihr glaubt, es sei Euer Recht. Ihr macht Menschen im Namen des Schöpfers zu Sklaven. Ich kenne Euren Schöpfer nicht. Ich kenne nur einen einzigen, der sich ebenso verhalten würde wie Ihr, und das ist der Hüter.« Die Menge holte erschrocken Luft. »Was mich anbelangt, könnt Ihr durchaus die Anhänger des Hüters sein.
Wenn Ihr dasselbe tut wie sie und diesen Halsring dazu benutzt, mir Schmerzen zu bereiten, endet die Waffenruhe. Ihr glaubt vielleicht, Ihr haltet die Leine für diesen Halsring in der Hand, doch ich verspreche Euch, wenn der Waffenstillstand endet, werdet Ihr feststellen, daß ihr einen Blitz in Händen haltet.«
Im Saal war es totenstill geworden. Richard rollte sich den Ärmel hoch. Er zog das Schwert der Wahrheit blank. Das unverwechselbare Klirren von Stahl hallte durch die Stille.
»Die Baka Ban Mana sind mein Volk. Sie haben sich einverstanden erklärt, von jetzt an mit allen Völkern in Frieden zu leben. Jeder, der einem von ihnen etwas antut, wird sich vor mir verantworten müssen. Akzeptiert Ihr dies nicht und laßt Ihr die Baka Ban Mana nicht in Frieden leben, endet unsere Waffenruhe.«
Er zeigte mit dem Schwert hinter sich. »Schwester Verna hat mich gefangengenommen. Ich habe auf jedem Schritt dieser Reise gegen sie gekämpft. Um mich herzuschaffen, hätte sie mich fast umgebracht und auf ein Pferd gebunden. Doch obwohl auch sie meine Häscherin und Feindin ist, bin ich ihr in mancher Hinsicht etwas schuldig. Sollte irgend jemand ihr wegen mir ein Härchen krümmen, werde ich den Betreffenden töten und unsere Waffenruhe ist beendet.«
Aus den Augenwinkeln konnte Richard sehen, wie Schwester Verna die Augen schloß. Sie bedeckte ihr bleiches Gesicht mit der Hand.
Der Menge stockte der Atem, als Richard sein Schwert über die Innenseite seines Armes zog. Er drehte es, zog beide Seiten durch das Blut, bis es von der Spitze tropfte.
Die Knöchel weiß um das Heft geschlossen, reckte er die Klinge in die Luft.
»Ich schwöre Euch einen Bluteid! Tut den Baka Ban Mana etwas an, tut Schwester Verna etwas an oder mir, und die Waffenruhe ist beendet, und ich verspreche Euch, dann sind wir im Krieg! Und wenn es zum Krieg kommt, werde ich den Palast der Propheten in Schutt und Asche legen!«
Vom gegenüberliegenden Balkon, wo Richard ihren Ursprung nicht ausmachen konnte, wehte eine spöttische Stimme über die Menge hinweg. »Du ganz allein?«
»Zweifelt an mir, Ihr tut es auf eigene Gefahr. Ich bin Gefangener, es gibt nichts, wofür ich leben könnte. Ich bin die fleischgewordene Prophezeiung. Ich bin der Bringer des Todes!«
Aus der Stille kam keine Antwort. Er rammte sein Schwert in die Scheide zurück.
Richard breitete die Arme aus und verbeugte sich elegant. Lächelnd kam er wieder hoch. »Jetzt, da wir uns alle gegenseitig verstehen und die Bedingungen der Waffenruhe kennen, dürfen die Damen sich wieder der Feier meiner Gefangennahme widmen.«
Er kehrte der verblüfften Menge den Rücken zu. Schwester Verna hielt den Kopf gesenkt, hielt sich die Hand vor das Gesicht. Pasha preßte die Lippen so fest aufeinander, das die bereits blau anliefen.
Eine beleibte Frau mit ernstem Gesicht ging an ihm vorbei und blieb vor Schwester Verna stehen. Die Frau reckte die Nase in die Luft, bis Schwester Verna den Kopf hob und den Rücken durchdrückte.
»Schwester Verna. Es ist offenkundig, daß Ihr weder über die Begabung noch das nötige Wissen verfügt, eine Schwester des Lichts zu sein. Euer Scheitern überschreitet alle Grenzen des Erlaubten. Mit sofortiger Wirkung seid Ihr zur Novizin ersten Ranges degradiert. Du wirst als Novizin dienen, und zwar solange, bis und falls der Schöpfer will, daß du den Titel einer Schwester des Lichts erneut verdienst.«
Schwester Verna hob ihr Kinn. »Ja, Schwester Maren.«
»Novizinnen sprechen nur dann mit einer Schwester, wenn sie dazu aufgefordert werden!« Sie streckte ihre Hand aus. »Gib den Dacra ab!«
Schwester Verna machte eine schnelle Handbewegung, und das silberne Messer schoß aus ihrem Ärmel. Sie drehte es herum, hielt der anderen Frau den Griff hin, dann stand sie schweigend da, die Augen starr geradeaus gerichtet.
»Morgen früh bei Tagesanbruch wirst du dich in der Küche melden. Du wirst Töpfe scheuern, bis man dich für würdig hält, etwas deiner Intelligenz Angemesseneres zu versuchen. Hast du verstanden?«
»Ja, Schwester Maren. Ich habe verstanden.«
»Und solltest du auch nur den Anschein erwecken, mir irgendwann zu widersprechen, wirst du in den Ställen landen, Pferdeboxen ausmisten und Dung schleppen!«
»In diesem Fall, Schwester Maren, will ich mich sofort in den Ställen statt in der Küche melden, um Euren Ohren zu ersparen, was ich Euch zu sagen hätte.«