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Schwester Marens Gesicht färbte sich rot. »Also schön, Novizin. Dann also in die Ställe.«

Schwester Maren blieb vor Richard stehen und lächelte ihn verkniffen an. »Ich nehme an, das bricht deine Waffenruhe nicht.« Sie hob die Nase in die Luft und stürmte von dannen.

Im Saal war es still geworden. Richard sah zu Schwester Verna hinüber, die jedoch starrte stur geradeaus. Pasha, die eine finstere Miene aufgesetzt hatte, schob sich plötzlich zwischen die beiden.

»Verna muß uns nicht länger kümmern. Dein Arm blutet. Da du mein Schützling bist, werde ich mich darum kümmern.«

Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen, während sie ihre Finger vor dem Bauch ineinanderschlang. »Im Speisesaal beginnt in diesem Augenblick zu deiner Begrüßung ein großes Festessen. Vielleicht hast du danach eine bessere Meinung von uns. Alle freuen sich darauf. Jeder möchte Gelegenheit haben, dich persönlich willkommen zu heißen.« Sie drohte ihm mit dem Finger. »Und du wirst deine besten Manieren zeigen, junger Mann!«

Mit dem Schwert hatte er auch den größten Teil seines Zornes weggesteckt. Den größten Teil, aber nicht alles. »Ich habe keinen Hunger. Bring mich in mein Verlies, Kind

Sie ballte die Fäuste vor ihrem blauen Rock. Sie betrachtete ihn einen Augenblick lang mit finsterer Miene. »Also schön. Ganz wie du willst. Du kannst ohne Abendessen zu Bett gehen, wie ein verwöhntes Kind.« Sie machte auf dem Absatz kehrt. »Folge mir.«

50

Schwester Verna legte die Hand auf den Messinggriff. Der Raum war abgeschirmt. Sie atmete tief durch, dann klopfte sie.

Eine gedämpfte Stimme hinter der schweren Tür antwortete. »Herein.«

Der Schutzschild löste sich auf. Sie öffnete den rechten Flügel der Doppeltür und trat ein. Zwei Frauen saßen, jede an ihrem eigenen Schreibtisch, rechts und links von der dahinterliegenden Tür. Beide schrieben in Hauptbüchern. Keine von ihnen sah auf.

»Ja«, sagte die zur Linken, während sie weiterschrieb, »was ist?«

»Ich bin gekommen, um das Reisebuch zurückzugeben, Schwester Ulicia.«

Schwester Ulicia leckte den Finger an und schlug eine Seite um. »Ja, gut, legt es einfach auf den Schreibtisch. Solltet Ihr nicht auf dem Festessen zu Ehren Eurer Rückkehr sein? Ich könnte mir denken, daß Ihr Eure alten Freunde wiedersehen wollt.«

Schwester Verna faltete die Hände. »Ich muß mich um wichtigere Dinge als Bankette kümmern. Ich möchte das Buch der Prälatin persönlich zurückgeben. Und ich möchte mit ihr sprechen, Schwester Ulicia.«

Die beiden sahen auf. »Nun«, sagte Schwester Ulicia, »die Prälatin wünscht aber nicht, mit Euch zu sprechen, Schwester Verna. Sie ist eine vielbeschäftigte Frau. Sie darf nicht mit Nebensächlichkeiten behelligt werden.«

»Nebensächlichkeiten: Es handelt sich nicht um eine Nebensächlichkeit!«

»Bitte mäßigt Euren Ton in diesem Büro, Schwester Verna«, warnte die andere. Sie tauchte ihren Federhalter in ein Tintenfaß und beugte sich wieder über ihre Schreibarbeit.

Schwester Verna trat einen Schritt vor. Die Luft zwischen den Schreibtischen, vor der dahinterliegenden Tür, begann plötzlich unter dem Einfluß eines mächtigen Schildes zu schimmern, der warnend zischte und knisterte.

»Die Prälatin hat zu tun«, meinte Schwester Ulicia. »Sollte sie Eurer Rückkehr irgendwelche Bedeutung beimessen, wird sie Euch holen lassen.« Sie zog eine Kerze näher heran und beugte sich wieder über ihr Buch. »Legt das Reisebuch nur auf meinen Schreibtisch. Ich werde dafür sorgen, daß sie es zurückbekommt.«

Schwester Verna beherrschte ihre Stimme und biß die Zähne zusammen. »Man hat mich zur Novizin degradiert.« Die beiden sahen auf. »Und zwar deshalb, weil ich die Anordnungen der Prälatin befolgt habe. Trotz meiner Bitten und Eingaben hat sie mir verboten, meine Arbeit zu machen, meine Pflicht zu erfüllen, und deswegen soll ich nun bestraft werden! Bestraft, weil ich getan habe, was die Prälatin mir befohlen hat! Ich möchte zumindest die Gründe dafür hören!«

Schwester Ulicia lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und wandte sich an die andere Frau. »Schwester Finella, bitte schickt einen Bericht an die Leiterin der Novizinnen. Setzt sie davon in Kenntnis, daß Novizin Verna Sauventreen ohne Befugnis und unaufgefordert das Büro der Prälatin betreten hat und sich des weiteren zu einer Tirade hat hinreißen lassen, die sich einer Novizin — die darauf hofft, eines Tages eine Schwester des Lichts zu werden — nicht geziemt.«

Schwester Finella richtete sich verärgert auf und sah wütend zu Schwester Verna hoch. »Tz, tz, Novizin Verna, dein erster Tag im Streben nach höherer Berufung, und schon hast du dir einen Tadel eingehandelt.« Sie schnalzte mit der Zunge. »Ich will nur hoffen, daß du lernst, dich zu betragen, falls du noch Hoffnung hast, jemals eine Schwester des Lichts zu werden.«

»Das wäre dann alles, Novizin«, sagte Schwester Ulicia. »Du bist entlassen.«

Schwester Verna machte auf dem Absatz kehrt. Sie vernahm ein Fingerschnippen. Sie blickte über die Schulter zurück und sah, wie Schwester Ulicia auf die Ecke ihres Schreibtisches tippte.

»Das Reisebuch. Außerdem glaube ich kaum, daß dies für eine Novizin die rechte Art ist, sich zu verabschieden, nachdem sie von einer Schwester entlassen wurde. Nicht wahr, Novizin?«

Schwester Verna zerrte das kleine Buch hinter ihrem Gürtel hervor und legte es vorsichtig auf die Ecke des Schreibtisches.

»Nein, Schwester, ist es nicht.« Sie machte einen Knicks. »Vielen Dank, Schwester, daß Ihr Zeit für mich hattet.«

Leise seufzend schloß Verna die Tür hinter sich. Dann blieb sie einen Augenblick lang stehen und dachte nach.

Die Augen auf den Boden geheftet, suchte sie sich ihren Weg durch den Palast, durch offene und geschlossene Flure, aus nacktem Stein wie auch holzgetäfelte, über mit Teppichen ausgelegte Böden und solche, die gefliest waren. Also sie um eine Ecke bog, trat ihr plötzlich jemand entgegen. Sie hob den Kopf und sah in ein Gesicht, dem sie lieber nicht begegnet wäre.

Er lächelte auf altvertraute Art. »Verna! Wie schön, dich zu sehen!«

Das junge Gesicht mit dem energischen Kinn war unverändert. Er trug das wellige, braune Haar ein wenig länger, bis über die Ohren, und seine Schultern waren breiter, als sie in Erinnerung hatte. Sie mußte sich zusammenreißen, um nicht seine Wange zu berühren, ihm nicht in die Arme zu fallen.

Sie verneigte den Kopf. »Jedidiah.« Sie sah ihm in seine braunen Augen. »Du siehst gut aus. Du siehst aus … genau wie immer. Du siehst gut aus für dein Alter.«

»Du siehst … nun ja…«

»Das Wort, nachdem du suchst, heißt alt. Ich sehe alt aus.«

»Ah, Verna, ein paar Fältchen…«, er ließ den Blick an ihrem Körper hinabgleiten, »… und ein paar Pfunde können einer Schönheit wie dir doch nichts anhaben.«

»Wie ich sehe, kannst du eine Frau noch immer so umgarnen wie früher.« Sie betrachtete sein schlichtes, hellbraunes Gewand. »Und wie ich ebenfalls sehe, bist du ein guter Schüler gewesen und vorangekommen. Ich bin stolz auf dich, Jedidiah.«

Er tat das Kompliment mit einem Schulterzucken ab. »Erzähl mir von dem Neuen, den du hierhergebracht hast.«

Sie kniff die Augen zusammen. »Du hast mich seit über zwanzig Jahren nicht gesehen, seit ich mich von deinem Bett erhoben und auf diese Reise gegangen bin, und dies ist deine erste Frage an mich? Nicht, wie es mir ergangen ist? Nicht, was ich nach all der Zeit für dich empfinde? Nicht, ob ich einen anderen in mein Herz geschlossen habe? Nun, vermutlich hat der Schock darüber, wie sehr ich gealtert bin, dich diese Frage glatt vergessen lassen.«

Das verschlagene Lächeln auf seinen Lippen blieb. »Verna, du bist doch kein dummes, kleines Mädchen. Dir ist doch sicher klar, daß niemand von uns beiden nach so langer Zeit verlangen kann…«

»Natürlich weiß ich das! Ich habe mir, was uns betrifft, keine Illusionen gemacht. Ich hatte schlicht darauf gehofft, bei meiner Rückkehr mit ein wenig Takt und Einfühlungsvermögen behandelt zu werden.«