Er zuckte abermals mit den Achseln. »Tut mir leid, Verna. Ich hatte dich immer für eine Frau gehalten, die Verschwiegenheit zu schätzen weiß und die nichts auf Wortgefechte gibt.« Sein Blick verschwamm. »Vermutlich habe ich seit damals, als ich noch jung war, viel über … das Leben gelernt…«
Sie riß ihren wütenden Blick von seinem hübschen Gesicht los und wollte gehen. »Gute Nacht, Jedidiah.«
»Was ist mit meiner Frage?« Seine Stimme klang unangenehm scharf. Er schlug einen sanfteren Ton an. »Wie ist der Neue denn so?«
Sie blieb stehen, drehte sich aber nicht um. »Du warst doch dabei. Ich habe dich gesehen. Richard ist genau so, wie du ihn kennengelernt hast.«
»Ich habe auch gesehen, was dir passiert ist. Ich habe ein wenig Einfluß bei einigen der Schwestern. Vielleicht kann ich etwas tun, um dir zu helfen.« Er machte eine vage Handbewegung. »Wenn du offen zu mir bist und meine Neugier zufriedenstellst, kann ich dir vielleicht aus deiner unglücklichen Zwangslage heraushelfen.«
Sie machte sich erneut auf den Weg. »Gute Nacht, Jedidiah.«
»Ich sehe dich hier im Palast, Verna. Denk darüber nach.«
Sie konnte kaum fassen, wie dumm sie gewesen war. Sie kannte Jedidiah als fürsorglichen und aufrichtigen Menschen. Vielleicht trog ihre Erinnerung.
Vielleicht dachte sie ausschließlich an sich selbst und hatte ihm gar keine Gelegenheit gelassen, freundlicher zu sein. Sie sah bestimmt fürchterlich aus. Sie hätte sich zurechtmachen, ein hübsches Kleid anziehen, wenigstens ihr struppiges Haar richten sollen, bevor sie Jedidiah begegnete. Doch dazu hatte sie keine Gelegenheit gehabt.
Wenn sie seine Wange berührt hätte, vielleicht hätte er sich dann an diesen ganz besonderen Funken erinnert, an die Tränen, die sie am Tage ihres Aufbruchs vergossen hatte, und an die Versprechungen, die er ihr gemacht hatte. Versprechungen, die, das wußte sie im selben Augenblick, als sie ihm über die Lippen kamen, schon gebrochen wären, bevor ihr Echo verhallt war — damals, vor so langer Zeit.
Sie erreichte den Flur, der zu den Kammern der Novizinnen führte. Sie stand da und betrachtete die Türen. Müde war sie. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang in den Ställen — das würde sehr anstrengend werden. Sie machte kehrt und ging statt dessen in die andere Richtung. Sie hatte noch etwas zu erledigen, bevor sie sich schlafen legte.
Pasha blieb vor einer großen, oben runden Tür aus dunklem Eichenholz stehen, die mit einer steinernen Einfassung umgeben war, die man Ranken nachempfunden hatte.
Pasha sah ihn mit hochgezogenen Brauen an. »Dein Verlies.«
»Es gibt keinen Riegel außen an der Tür. Wie willst du mich einsperren?«
Die Frage schien sie zu überraschen. »Wir schließen unsere jungen Männer nicht ein. Es steht dir frei, zu kommen und zu gehen, wie es dir beliebt.«
Richard runzelte die Stirn. »Heißt das, ich kann mich in diesem Gebäude frei bewegen?«
»Ja. Es steht dir frei, dort hinzugehen, wo du willst. Du darfst dich innerhalb des Palastes fast völlig frei bewegen oder auch in die Stadt gehen, wenn du möchtest. Die meisten Jungen verbringen einen großen Teil ihrer Zeit in der Stadt.« Bei ihrer letzten Bemerkung errötete sie leicht und wandte das Gesicht ab.
»Was ist mit dem Land rings um die Stadt?«
Sie zuckte mit den Achseln, dann zog sie die Schulter ihres blauen Kleides ein Stück höher. »Sicher. Ich weiß zwar nicht, wieso du hinaus aufs Land gehen solltest, keiner der anderen Jungen tut das, doch nichts hindert dich daran, sowohl den Palast als auch die Stadt zu verlassen.«
Eine Sorgenfalte erschien auf ihrer Stirn. »Nur den Hagenwald darfst du nicht betreten. Dort ist es äußerst gefährlich. Hat man dich schon vor dem Hagenwald gewarnt? Hat man dir auf dem Weg in den Palast gezeigt, wo er liegt?«
Richard nickte. »Wie weit darf ich in das Land hinausgehen?«
»Der Rada’Han verhindert, daß du dich zu weit entfernst. Wir müssen dich jederzeit finden können, doch die Grenze liegt etliche Meilen im Umkreis vom Palast der Propheten entfernt.«
»Wie viele Meilen?«
»Mehr, als du dich entfernen wollen wirst. Vermutlich bis fast an das Land der Wilden heran.«
»Du meinst der Baka Ban Mana.«
Sie nickte. »Fast bis dorthin, vermutlich.«
»Ohne Bewachung?«
Sie stemmte ihre Hände in die Hüften. »Du bist mir anvertraut worden. Ich werde dich fürs erste fast überallhin begleiten. Sobald unsere jungen Männer ein wenig erfahrener sind, ziehen sie auf Wunsch alleine los.«
»Ich kann mich einfach frei bewegen, wann immer ich will?«
»Nun, du wohnst natürlich hier im Palast. Und du mußt anwesend sein, wenn du deinen Unterricht bekommst. Ich werde dir Unterricht erteilen sowie auch einige der Schwestern. Wir werden dir beibringen, dein Han zu berühren, und wenn du das kannst, werden wir anfangen, dir zu zeigen, wie man es beherrscht.«
»Wieso verschiedene Schwestern? Warum nicht bloß eine oder nur du?«
»Weil das Han bestimmter Menschen manchmal besser zusammen funktioniert. Außerdem haben die Schwestern mehr Erfahrung als ich, mehr Wissen.«
»Wird Schwester Verna eine von ihnen sein?«
Pasha sah ihn unter gerunzelter Stirn hervor an. »Verna ist keine Schwester mehr. Sie ist nicht länger berechtigt, diesen Titel zu tragen. Sie ist jetzt Novizin und sollte schlicht mit Verna angesprochen werden. Novizinnen, abgesehen von der einen, die dir zugeteilt wurde — also mir –, ist es nicht erlaubt, Unterricht zu geben. Novizinnen des ersten Ranges wie Verna ist der Umgang mit unseren Jungen nicht gestattet. Die Pflicht der Novizinnen ist es, zu lernen, nicht zu lehren.«
Richard glaubte nicht, sich Schwester Verna jemals schlicht als Verna vorstellen zu können. Es klang so fremd. »Wann wird sie wider Schwester sein?«
»Sie muß als Novizin dienen und befördert werden wie jede andere Novizin auch. Ich habe damit angefangen, Töpfe in den Küchen zu schrubben, als ich klein war. Ich habe bis jetzt gebraucht, um diese Chance zu erhalten. Eines Tages, vorausgesetzt, Verna arbeitet so hart wie ich, wird auch sie die Gelegenheit bekommen, eine Schwester des Lichts zu werden. Bis dahin ist Verna Novizin.«
Die Vorstellung, daß man Schwester Verna seinetwegen degradiert hatte, machte ihn wütend. Sie würde eine alte Frau sein, bis sie es endlich wieder zur Schwester gebracht hätte. Er wechselte das Thema. »Und warum dürfen wir uns frei bewegen?«
»Weil ihr für die Menschen keine Gefahr darstellt. Eines Tages wirst du gelernt haben, dein Han zu kontrollieren, dann wird man dir allmählich Einschränkungen auferlegen, bezüglich der Orte, die du besuchen darfst. Die Menschen in der Stadt fürchten sich vor Jungen, die ihre Macht benutzen können — in der Vergangenheit ist es zu unglücklichen Zwischenfällen gekommen –, daher wird ein Junge aus der Stadt verbannt, sobald er weiß, wie er sein Han handhaben kann. Während die Jungen zu Zauberern aufsteigen, werden ihnen immer weitere Einschränkungen auferlegt, bis ihre Bewegungsfreiheit schließlich gegen Ende, kurz vor ihrer Entlassung, auf bestimmte Bereiche des Palastes beschränkt wird.
Im Augenblick jedoch steht es dir frei, fast überall dort hinzugehen, wo du willst. Durch den Rada’Han werde ich die ganze Zeit über wissen, wo du dich aufhältst.«
»Soll das heißen, daß mich jede Schwester durch dieses verfluchte Ding finden kann?«
»Nein, nur die, die ihn dir gegeben hat, denn sie hat ihn in der Hand gehalten und kann seine Kraft erkennen. Und ich muß jederzeit wissen, wo du dich befindest, da ich für dich verantwortlich bin, ich werde also dafür sorgen müssen, daß mein Han das unverwechselbare Gefühl deines Han erkennt.«
Sie stieß die Tür auf und trat in das dunkle Zimmer. Mit einer ausholenden Armbewegung schossen Flammen aus den überall im Raum verteilten Lampen.
»Den Trick mußt du mir beibringen«, murmelte er.
»Das ist kein Trick. Das war einfach mein Han. Und das ist noch das einfachste von vielen Dingen, die ich dir beibringen werde.«