»Ich esse kein Fleisch.«
Sie blieb auf der Stelle stehen. »So etwas habe ich noch nie gehört.«
»Und ich mag wohl auch keinen Käse mehr.«
Sie überlegte einen Augenblick, dann ging sie weiter. »Ich werde den Köchen deine besonderen Wünsche mitteilen.«
Ein Plan formte sich in seinem Kopf, und dabei konnte er sie nicht gebrauchen. Er mußte sie loswerden.
Pasha ging zu einem abgebeizten Kleiderschrank aus Fichtenholz. Dort hingen Hosen aus feinem Garn, wenigstens ein Dutzend Hemden, größtenteils weiß, einige mit Rüschen, sowie Jacken in allen Farben.
»Die gehören dir«, meinte sie.
»Wenn alle überrascht waren, daß ich erwachsen bin, wieso haben die Kleider dann die Größe eines erwachsenen Mannes?«
Sie unterzog die verschiedenen Teile einer Betrachtung, befühlte den Stoff, nahm einige heraus und hielt sie in die Höhe, um besser sehen zu können. »Jemand muß es gewußt haben. Verna muß es jemandem erzählt haben.«
»Schwester Verna.«
Sie hängte eine schwarze Jacke zurück. »Tut mir leid, Richard, aber jetzt heißt es nur noch ›Verna‹.« Sie zog ein weißes Hemd heraus. »Gefällt dir das?«
»Nein. Ich sehe albern aus, wenn ich solch ausgefallene Kleidung trage.«
Sie lächelte kokett. »Ich glaube, du sähst sehr gut darin aus. Aber wenn es dir nicht gefällt, dort auf dem Tisch sind Münzen. Ich werde dir einige Geschäfte in der Stadt zeigen, und dort kannst du kaufen, was immer dir besser gefällt.«
Richard sah zu dem marmorgedeckten Tisch hinüber. Dort stand eine silberne Schale mit Silbermünzen und gleich daneben eine goldene Schale, zum Überfließen voller Goldmünzen. Selbst wenn er sein ganzes Leben als Waldführer arbeiten würde, niemals könnte er auch nur halb soviel Gold verdienen.
»Das gehört mir nicht.«
»Aber natürlich tut es das. Du bist Gast des Palastes, und der Palast stellt alles zur Verfügung, was immer unsere Gäste verlangen. Wenn du es aufgebraucht hast, wirst du neues bekommen.« Sie holte eine rote Jacke mit Goldbrokat an den Schultern und Manschetten hervor. Ihre Augen strahlten. »Richard, das würde dir ganz einfach prächtig stehen.«
»Auch wenn man einen Halsring unter prächtigem Geschmeide verbirgt, es bleibt immer noch ein Halsring.«
»Das hat nichts mit deinem Rada’Han zu tun. Deine Kleidung ist entsetzlich. Du siehst aus wie ein Wilder aus den Wäldern.« Sie hielt ihm die rote Jacke an. »Hier, probier das mal an.«
Er riß ihr die Jacke aus den Händen und schmiß sie aufs Bett. Dann packte er sie am Arm und zerrte sie zur Tür.
»Richard! Laß das! Was tust du?«
Er riß die Tür auf. »Ich bin müde. Es war ein langer Tag. Gute Nacht, Pasha.«
»Richard, ich versuche doch bloß dir zu helfen, damit du besser aussiehst. In diesen Kleidern siehst du aus wie ein Wilder. Wie ein großes wildes Tier.«
Er beruhigte sich, indem er ihr blaues Kleid betrachtete, blau wie die Farbe von Kahlans Hochzeitskleid.
»Diese Farbe steht dir nicht«, meinte er. »Sie steht dir überhaupt nicht.«
Sie stand im Flur und starrte ihn aus ihren großen, braunen Augen an. Er stieß die Tür mit dem Fuß zu.
Er wartete ein paar Minuten, dann sah er auf dem Flur nach. Nichts von ihr zu sehen. Er ging zu seinem Rucksack neben dem Kamin und machte sich daran, ihn auszupacken. Alles würde er nicht brauchen. Nicht nötig, all die zusätzlichen Kleidungsstücke mitzunehmen.
Als er die Sehne auf den Bogen spannte, klopfte es leise an der Tür. Er schlich über die Teppiche und lauschte. Vielleicht ging sie wieder fort, falls er nicht öffnete. Er konnte sie nicht gebrauchen, wenn sie um ihn herumscharwenzelte und ihm vorschrieb, was er anzuziehen hatte. Er hatte etwas Wichtiges zu erledigen.
Es klopfte leise noch einmal. Vielleicht war es gar nicht Pasha. Richard zückte sein Messer und riß die Tür auf.
»Schwester Verna.«
»Ich habe gerade Pasha gesehen, wie sie weinend den Korridor entlanglief. Du überraschst mich, Richard.« Sie zog die Augenbrauen hoch und sah ihn an. »Ich hätte nicht gedacht, daß du so lange brauchst. Ich hatte mich eine Ecke weiter versteckt und hatte Angst, beim Warten erwischt zu werden.« Ein Tuch bedeckte ihr lockiges Haar und fiel breit über ihre Schultern. »Mußtest du sie unbedingt zum Weinen bringen?«
»Sie kann von Glück reden, daß ich sie nicht habe bluten lassen.«
Sie nahm das Tuch ab und legte es sich um die Schultern. Ein schwaches Lächeln spielte über ihre Lippen. »Darf ich hereinkommen?« Er streckte ihr den Arm auffordernd entgegen. »Und ich heiße jetzt schlicht Verna«, meinte sie, als sie die Schwelle überschritt. »Ich bin keine Schwester mehr.«
Er ließ das Messer in die Scheide zurückgleiten. »Tut mir leid, aber ich glaube, ich bringe es nicht über mich, Euch irgendwie anders zu nennen. Für mich seid Ihr Schwester Verna.«
»Es ist nicht richtig, mich mit Schwester anzureden.« Sie sah sich im Zimmer um, während er die Tür schloß. »Wie ist die Unterbringung?«
»Selbst ein König könnte sich wohl kaum beschweren. Schwester Verna, ich weiß, Ihr werdet mir nicht glauben, aber was passiert ist, tut mir wirklich leid. Ich hatte nicht die Absicht, Euch meinen Arger aufzuladen.«
Ihr Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. »Du hast ständig nichts als Ärger für mich bedeutet, Richard, doch diesmal hast du nichts damit zu tun. Diese Suppe hat mir jemand anderes eingebrockt.«
»Schwester, ich weiß, ich bin schuld, daß Ihr zur Novizin degradiert worden seid. Das war nicht meine Absicht. Daß Ihr allerdings zur Arbeit in die Ställe geschickt werden sollt, das habt Ihr Euch selber zuzuschreiben.«
»Die Dinge sind nicht immer, was sie scheinen, Richard.« Ihre Augen glitzerten seltsam. »Ich kann Töpfeschrubben nicht ausstehen. Als ich noch jung und Novizin war, habe ich das mehr gehaßt als alles andere. In einer Küche fühle ich mich nicht wohl, und schon gar nicht, wenn meine Hände dabei in siedendem Wasser stecken.
Pferde gefallen mir viel besser. Sie geben keine Widerworte und streiten sich nicht mit mir. Ich bin gern in der Nähe von Pferden. Das um so mehr, seit du die Trensen zerstört hast und ich mich mit Jessup angefreundet habe. Schwester Maren war in dem Glauben, sozusagen die Zügel in der Hand zu halten, dabei hat sie mir nur einen Gefallen getan.«
Richard konnte sich ein schiefes Lächeln nicht verkneifen. »Ihr seid ein gerissenes Frauenzimmer, Schwester Verna. Ich bin stolz auf Euch. Trotzdem tut es mir noch immer leid, daß man Euch meinetwegen wieder zu Novizin gemacht hat.«
Sie zuckte mit den Achseln. »Ich bin hier, um dem Schöpfer zu dienen. Wie, spielt keine Rolle. Und du hast nichts damit zu tun, denn die Anordnungen der Prälatin waren es, wegen derer ich zur Novizin degradiert worden bin.«
»Ihr meint die Anordnungen, die sie in das Buch geschrieben hat? Sie hat Euch verboten, Eure Kraft bei mir anzuwenden, habe ich recht?«
»Woher weißt du das?«
»Das habe ich mir so überlegt. Oft wart Ihr wütend genug, um mich mit Feuer anzuspucken, aber nie habt Ihr Eure Kraft gebraucht, um mich zu bestrafen. Ich glaube, das wäre kaum passiert, wenn Ihr nicht die Anweisung gehabt hättet, Euch nicht einzumischen. Schließlich dient der RadaHan der Kontrolle — warum sonst solltet Ihr diese Kontrolle also nicht benützen?«
Sie schüttelte nachdenklich den Kopf. »Du bist selbst sehr gerissen, Richard. Wie lange hast du das schon gewußt?«
»Seit ich das Buch im Turm gelesen habe. Warum seid Ihr hier, Schwester?«
»Ich wollte sehen, ob es dir gut geht. Ich fange morgen an und werde nicht noch einmal die Gelegenheit bekommen, dich zu besuchen. Wenigstens für lange Zeit nicht — nicht, bevor ich wieder zur Schwester des Lichts ernannt worden bin. Novizinnen des ersten Ranges ist es nicht gestattet, mit den jungen Zauberern in Kontakt zu treten. Die Strafe ist recht hart.«
»Euer erster Tag als Novizin, und schon brecht Ihr die Regeln. Ihr hättet nicht kommen sollen. Ihr werdet bis zu den Ellenbogen in siedendem Wasser und schmutzigen Töpfen stecken, wenn sie Euch erwischen.«