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Sie zuckte mit den Achseln. »Es gibt Wichtigeres als Regeln.«

Richard runzelte die Stirn, als er den entrückten Blick in ihren Augen sah. »Warum setzt Ihr Euch nicht?«

»Ich habe keine Zeit. Ich bin nur gekommen, um mein Versprechen einzulösen.« Sie zog etwas aus einer Tasche. »Und um dir dies zu bringen.«

Sie ergriff seine Hand, legte etwas hinein und schloß seine Finger darum.

Als Richard seine Finger öffnete und hinsah, hätten seine Knie beinahe nachgegeben. Plötzlich spürte er einen Kloß im Hals. In seinen Augen sammelte sich Wasser, während er in seine Hand starrte.

Es war die Locke von Kahlans Haar, die er weggeworfen hatte.

Schwester Verna hakte ihre Hände ineinander. »Am ersten Abend, unserem ersten Abend, habe ich dies gefunden.«

Ohne aufzusehen sagte er leise: »Was meint Ihr damit, gefunden?«

Sie lehnte sich zurück und blickte an die Decke. »Nachdem du eingeschlafen warst, nachdem du beschlossen hattest, mich nicht umzubringen, bin ich spazierengegangen und habe sie gefunden.«

Er schloß langsam die Augen. »Ich kann es nicht annehmen«, gelang es ihm hervorzustoßen. »Ich habe ihr die Freiheit gegeben.«

»Kahlan hat ein großes Opfer gebracht, um dir das Leben zu retten. Ich habe ihr versprochen, dafür zu sorgen, daß du nicht vergißt, daß sie dich liebt.«

Richards Kräfte waren dahin. Die Muskeln seiner Beine bebten. Seine Hand zitterte.

»Ich kann es nicht annehmen. Sie hat mich fortgeschickt. Ich habe ihr die Freiheit gegeben.«

Schwester Verna sprach sanft auf ihn ein. »Sie liebt dich, Richard. Bitte, nimm es an, mir zuliebe. Ich habe die Regeln gebrochen, um dir dies zu bringen. Ich habe Kahlan mein Versprechen gegeben, dafür zu sorgen, daß du weißt, wie sehr sie dich liebt. Ich wurde heute erst wieder daran erinnert, welch selten Ding wahre Liebe ist.«

Richard kam sich vor, als wäre der Palast mit seinem gesamten Gewicht über ihm zusammengestürzt.

»Also gut, Schwester, Euch zuliebe. Aber ich weiß, daß sie mich nicht will. Wenn man jemanden liebt, dann bittet man ihn nicht, sich einen Ring um den Hals zu legen. Man schickt ihn nicht fort. Sie will frei sein. Ich liebe sie, also habe ich ihr die Freiheit gegeben.«

»Eines Tages, Richard, wirst du ihre Liebe hoffentlich erkennen — und wieviel sie geopfert hat. Liebe ist etwas sehr Kostbares und sollte niemals in Vergessenheit geraten. Ich weiß nicht, was das Leben noch für dich bereithält, aber eines Tages wirst du die Liebe wiederfinden.

Doch im Augenblick, denke ich, brauchst du einen Freund nötiger als alles andere. Ich meine es ernst mit meinem Angebot, Richard.«

»Werdet Ihr mir diesen Ring abnehmen?«

Sie schwieg einen Augenblick. Ihre Stimme war voller Bedauern, als sie antwortete. »Das kann ich nicht, Richard. Es würde dir schaden. Ich habe die Pflicht, dein Leben zu erhalten. Der Ring muß bleiben.«

Er nickte. »Ich habe keine Freunde. Ich befinde mich auf feindlichem Gebiet, in der Hände meiner Feinde.«

»Das ist nicht wahr. Aber ich fürchte, als Novizin werde ich keine Gelegenheit haben, dich vom Gegenteil zu überzeugen. Pasha scheint eine nette junge Frau zu sein. Versuche dich mit ihr anzufreunden, Richard. Du brauchst einen Freund.«

»Ich kann mich nicht mit jemandem anfreunden, den ich vielleicht töten muß. Mir war es mit jedem Wort ernst, das ich gesagt habe, Schwester.«

»Ich weiß, Richard«, erwiderte sie leise. »Ich weiß. Aber Pasha ist fast so alt wie du. Manchmal fällt es leichter, mit jemandem im gleichen Alter Freundschaft zu schließen. Ich glaube, sie wäre gern deine Freundin.

Für eine Novizin ist diese Zeit genauso wichtig wie für einen jungen Zauberer. Das Verhältnis zwischen einer Novizin und dem Zauberer, der ihr anvertraut ist, ist einzigartig. Das Band, das sich daraus entwickelt, ist etwas ganz Besonderes und wird für beide ein Leben lang währen.

Auch sie hat Angst. Ihr ganzes Leben war sie Schülerin, Novizin. Jetzt ist sie zum ersten Mal Lehrerin. Nicht nur der Junge lernt, das Mädchen ebenfalls. Sie beide treten in ein neues Leben ein. Das ist für beide etwas ganz Besonderes.«

»Sklave und Herr. Das ist das einzige Band.«

Sie seufzte. »Ich bezweifle, daß je eine Novizin einer ähnlichen Aufgabe wie Pasha gegenübergestanden hat. Versuche ihr gegenüber verständnisvoll zu sein, Richard. Pasha wird alle Hände voll mit dir zu tun haben. Der Schöpfer weiß, selbst die Prälatin hätte alle Hände voll mit dir zu tun.«

Richard starrte ins Leere. »Habt Ihr jemals einen Menschen getötet, den Ihr liebt, Schwester?«

»Nun ja, nein…«

Richard wog den Strafer in der Faust. »Denna hielt mich mit Hilfe von Magie fest, genau wie die Schwestern. Sie legte mir einen Ring um den Hals, genau wie die Schwestern.

Man hat sie gefoltert, bis sie irre genug war, mir dasselbe anzutun. Ich verstand, wieso sie dazu fähig war, weil ich alles getan hätte, was sie mir befahl, um nicht länger gequält zu werden.«

Er spürte den Schmerz des Strafers kaum, der durch seinen Körper tobte.

»Ich verstand sie, und ich liebte sie.« Eine Träne lief ihm über die Wange. »Das war für mich die einzige Möglichkeit zu entkommen. Sie kontrollierte den Zorn des Schwertes. Weil ich aber fähig war, sie zu lieben, konnte ich die Klinge des Schwertes der Wahrheit weiß färben.«

»Gütiger Schöpfer«, sagte Schwester Verna leise, »du hast die Schwertklinge weiß gefärbt?«

Richard schloß die Augen und nickte. »Ich mußte die Liebe zu ihr in mein Herz aufnehmen. Erst danach konnte ich die Klinge weiß färben. Erst danach konnte ich sie damit durchbohren, während sie mir gleichzeitig liebevoll in die Augen sah. Nur weil ich sie liebte, konnte ich sie töten und entkommen.

Solange ich lebe, werde ich mir das nicht verzeihen können.«

Schwester Verna nahm ihn tröstend in die Arme. »Gütiger Schöpfer«, hauchte sie, »was hast du deinem Kind nur angetan?«

Richard stieß sie von sich. »Geht, Schwester, bevor Ihr in Schwierigkeiten kommt.« Er wischte sich über die Augen. »Ich benehme mich wie ein Narr.«

Sie packte ihn an den Schultern. »Warum hast du mir nicht vorher schon davon erzählt?«

Er wischte sich mit dem Ärmel über die Nase. »Ich bin nicht gerade stolz darauf. Und Ihr seid mein Feind, Schwester.« Er blickte in ihre feuchten Augen. »Ich habe Euch die Wahrheit gesagt, ich habe heute den anderen Schwestern die Wahrheit gesagt: Ich werde jeden töten, wenn ich muß. Schwester, ich bin fähig, jeden zu töten. Ich bin der Bringer des Todes. Ich bin ein Ungeheuer. Deshalb wollte Kahlan, daß ich fortgeschickt werde.«

Sie strich ihm das Haar aus dem Gesicht. »Sie liebt dich, Richard. Sie hat versucht, dir das Leben zu retten. Irgendwann wirst du das erkennen.« Sie seufzte. »Entschuldige. Ich muß gehen. Wirst du zurechtkommen?«

Sein Lächeln war hohl. »Ich glaube nicht, Schwester. Ich glaube, es wird Krieg geben. Ich glaube, es wird damit enden, daß ich Schwestern töte. Hoffentlich werdet Ihr nicht zu ihnen gehören.«

Sie fuhr ihm mit den Fingern über die Wange. »Wir wissen nie, was der Schöpfer für uns bereithält.«

»Wenn Euer Schöpfer über irgendwelche Macht verfügt, dann werdet Ihr erheblich schneller wieder zu einer Schwester ernannt werden, als Ihr glaubt, Schwester.«

»Ich muß gehen. Viel Glück, Richard. Hab Vertrauen.«

Sofort nachdem sie gegangen war, warf er sich den Umhang über die Schultern und setzte den Rucksack auf. Er mußte jetzt handeln, solange sie sich noch vor ihm fürchteten, solange sie noch unsicher waren. Er vergewisserte sich, daß das Schwert locker in der Scheide steckte. Er hakte den Köcher an seinen Rucksack und schulterte den Bogen, dann trat er hinaus auf den Balkon.

Mit einer Schlinge befestigte Richard das Seil am steinernen Geländer. Er nahm das Messer zwischen die Zähne, dann ließ er sich über die Kante gleiten, hinein in die Dunkelheit, in sein Element.

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