Selbst nachts schienen die Menschen auf den Straßen Tanimuras nicht weniger zu werden. Die kleinen Feuer, über denen Fleisch an Spießen gebraten wurde, brannten noch, und auch die Händler hatten noch reichlich Kunden zu bedienen. Männer riefen ihm zu, er solle mit ihnen Würfel spielen. Hatten sie erst seinen Ring gesehen, versuchten die Leute ihn zu verleiten, alles mögliche zu kaufen, vom Essen bis hin zu Muschelketten für seine Liebste. Er erklärte ihnen, er habe keine Münzen. Daraufhin lachten sie nur und meinten, der Palast werde für alles zahlen, was er wolle. Richard zog den Kopf ein und ging weiter.
Frauen in gewagten Kleidern, schmiegten sich an ihn, kicherten und feixten, während sie ihn betatschten und versuchten, ihm die Finger in die Taschen zu stecken. Sie machten ihm Offerten, die er kaum glauben konnte. Mit abwehrenden Gesten waren sie nicht zu vertreiben. Aber mit seinem zornerfüllten Blick.
Richard war erleichtert, als er die Stadt hinter sich gelassen hatte, die Lichter und Fackeln, die Lampen, Kerzen und Feuer, all den Gestank und all den Lärm. Das Atmen fiel ihm leichter, während er in der mondbeschienen Landschaft stand. Als er die Hügel hinaufstieg, warf er einen Blick über die Schulter zurück auf die blinkenden Lichter.
Er war sich ständig des Rings um seinen Hals bewußt und fragte sich, was wohl geschehen würde, wenn er sich zu weit entfernte. Nach dem, was Pasha ihm erzählt hatte, war das jedoch viele Meilen weiter, als er zu gehen beabsichtigte. Trotzdem hatte er Angst, sie könnte sich geirrt haben und seine lange Leine sich mit einem Ruck strammspannen.
Endlich hatte er eine Stelle erreicht, die ihm gefiel. Sorgfältig prüfte er die grasbewachsene Anhöhe, von der aus man die Stadt in der Ferne überblicken konnte. Ein kleines Stück seitlich entfernt, in der Senke, konnte er die dunklen Umrisse alter Bäume erkennen, die im Mondschein aufragten. Schatten, so schwarz wie der Tod, lauerten in der Dunkelheit.
Richard starrte eine Weile in die bedrohliche Finsternis, wie gelähmt von einem schwachen, anhaltenden Verlangen, in den lauernden Schoß ihrer Nacht einzudringen. Irgend etwas in ihm hungerte danach, dorthin zu gehen und die Magie auf den Plan zu rufen. Irgend etwas in ihm gelüstete danach, dem Zorn zum Ausbruch zu verhelfen, seiner Wut Luft zu machen, ja, ihr Luft zu machen.
Ihm war, als müßte seine Niedergeschlagenheit darüber, gegen seinen Willen festgehalten zu werden, seine Wut darüber, ein hilfloser Gefangener zu sein, seine Angst, nicht zu wissen, was aus ihm wurde und sein Gram wegen Kahlan, als müßte all dies herausgelassen werden, so wie man mit der Faust gegen die Wand schlug. Irgendwie schien ihm dieser Wald diese Erleichterung zu verheißen.
Schließlich kehrte Richard dem Hagenwald den Rücken zu und ging daran, Feuerholz zu sammeln. Mit seinem Messer schnitzte er einen Haufen Holzspäne auf eine kahle Stelle, die er mit seinem Stiefel freigetreten hatte. Stahl und Feuerstein aneinanderschlagend, gelang es ihm, die Späne zum Schwelen zu bringen, und als sie Feuer gefangen hatten, legte er etwas Holz darüber. Als das Feuer richtig in Gang war, stellte er einen Topf nach draußen, goß Wasser hinein und setzte Reis mit Bohnen auf. Derweil er darauf wartete, daß es kochte, verspeiste er ein kleines Stück Bannock, das er noch übrig hatte.
Er saß da, die Arme um die Knie geschlungen, und betrachtete den dunklen Wald, den Hagenwald. Er betrachtete die Stadt, die in der Ferne glitzerte. Der Himmel war ein funkelnder Baldachin aus Sternen. Während er den Himmel beobachtete, wartete er darauf, daß sich ein vertrauter Schatten vor den Sternen abzeichnete.
Nach einer Weile vernahm er hinter sich einen dumpfen Aufschlag. Er lachte, als die pelzigen Arme nach ihm griffen und ihn zu Boden warfen. Gratch lachte gurgelnd und versuchte mit Armen, Beinen und Flügeln, seinen Gegner zu umwickeln. Richard kitzelte ihn an den Rippen, und Gratch stieß sein tiefes, knurrendes Lachen aus. Die Balgerei endete damit, daß Gratch schließlich oben hockte und Richard mit Armen und Flügeln umschlang. Richard drückte den kleinen Gar fest an sich.
»Grrrratch haaaag Raaach aaargh liiiig.«
Richard drückte ihn noch fester. »Ich habe dich auch lieb, Gratch.«
Gratch drückte seine runzlige Nase an Richards. Seine grünen, leuchtenden Augen sahen nach unten, und er stieß ein kehliges Kichern aus.
Richard rümpfte die Nase. »Gratch! Du hast Mundgeruch!« Er setzte sich auf und hielt den Gar auf seinem Schoß. »Hast du dir selbst was zu fressen gefangen?« Gratch nickte begeistert. Richard drückte ihn erneut.
»Ich bin so stolz auf dich! Du hast es sogar ohne die Blutmücken geschafft. Was hast du erwischt?« Gratch legte den Kopf auf die Seite. Seine pelzigen Ohren stellten sich nach vorn.
»Hast du eine Schildkröte gefangen?« erkundigte sich Richard. Gratch kicherte und schüttelte den Kopf. »Hast du einen Hirsch erwischt?« Gratch wackelte mit dem Kopf und knurrte enttäuscht. »Ein Kaninchen?« Gratch hüpfte kopfschüttelnd auf und ab und genoß das Spiel.
»Ich geb’s auf. Was war’s?«
Gratch bedeckte die Augen mit seinen Krallen und linste zwischen ihnen hindurch.
»Ein Waschbär! Du hast einen Waschbär erwischt!«
Gratch nickte breit grinsend, dann warf er seinen Kopf nach hinten und trommelte sich röhrend auf die Brust.
Richard tätschelte dem Tier den Rücken. »Gut gemacht! Sehr gut!«
Gratch kicherte gurgelnd, dann versuchte er, Richard für den nächsten Ringkampf nach hinten zu drücken. Richard war froh, weil der Gar sich sein Fressen endlich selbst fangen konnte. Er brachte Gratch dazu, stillzusitzen und sich zu beruhigen, während er nach dem Reis und den Bohnen sah.
Gratch beugte sich vor und schnupperte vorsichtig an dem Topf. Daß er heiß war, wußte er. Er hatte sich bereits einmal verbrannt und war vorsichtig, wenn Richard irgend etwas kochte. Er rümpfte die Nase über den Reis mit Bohnen. Er gab ein Krächzen von sich und rollte die Schultern. Richard wußte, das hieß, er war nicht begeistert, aber wenn nichts Besseres in Aussicht war, würde er sich damit zufriedengeben.
Richard schüttete ihm etwas in seine eigene Schale. »Du mußt erst pusten. Es ist heiß.«
Gratch hielt sich den Blechnapf vors Gesicht und schürzte die ledrigen Lippen. Beim Versuch, seinen Imbiß abzukühlen, blies und prustete er zwischen seinen Reißern hindurch. Richard aß mit einem Löffel und beobachtete, wie der Gar versuchte, den Reis und die Bohnen aus dem Napf zu schlecken. Schließlich wälzte sich Gratch auf den Rücken, packte den Napf mit Klauen und Füßen und schüttete sich den Inhalt in den Schlund. Mit drei Schlucken war alles verschwunden.
Dann setzte sich Gratch auf und schlug mit den Flügeln. Er rutschte näher. Mit einem jammervollen Laut hielt er Richard seinen Napf hin. Richard zeigte ihm den leeren Topf.
»Alles weg.« Gratch zog die Ohren ein. Er hakte eine Kralle in Richards Napf und zog leicht daran. Richard zog seinen Napf fort und drehte ihm den Rücken zu. »Das gehört mir. Das ist mein Abendessen.«
Gratch gab sich damit zufrieden, geduldig abzuwarten, bis Richard aufgegessen hatte. Als Richard die Knie hochzog, die Arme um sie schlang und dabei die Stadt betrachtete, ging Gratch in die Hocke und versuchte, seine Haltung nachzuahmen.
Richard nahm die Haarlocke aus der Tasche. Er zwirbelte sie im Mondlicht und beobachtete starren Blicks, wie sie sich drehte. Gratch reckte eine Klaue vor. Richard stieß sie mit dem Ellenbogen fort.
»Nein«, sagte er mit leiser Stimme. »Du kannst sie anfassen, aber nur, wenn du vorsichtig bist.«
Gratch streckte zögernd, langsam die Klaue aus und berührte die Locke vorsichtig mit seiner Kralle. Er sah mit seinen grün leuchtenden Augen auf und betrachtete sie sorgfältig. Dann strich er mit der Kralle über Richards Haar.
Gratch berührte Richards Wange. Berührte die Träne, die herunterkullerte. Richard schluchzte und schniefte. Er steckte die Haarlocke zurück in die Tasche.
Gratch legte Richard tapsig den Arm um die Schultern und lehnte seinen Kopf an ihn. Richard legte einen Arm um Gratch, und dann sahen sie eine Weile hinaus in die Nacht.