Schließlich entschied Richard, es wäre besser, wenn er etwas schliefe, suchte sich eine Stelle mit dichtem Gras, auf der er eine Decke ausbreitete. Er legte sich hin, wobei Gratch sich eng an ihn schmiegte, und die beiden schliefen zusammen ein.
Richard wachte auf, als der Mond fast untergegangen war. Er setzte sich auf und reckte sich. Gratch ballte die Fäuste und äffte Richard nach und nahm auch noch die Flügel zur Hilfe, während er sich gähnend reckte. Richard rieb sich die Augen. In ein oder zwei Stunden würde es dämmern. Es war an der Zeit.
Er stand auf. Gratch neben ihm rappelte sich ebenfalls auf. »Ich will, daß du mir genau zuhörst, Gratch. Ich habe dir einige wichtige Dinge zu erzählen. Hörst du mir zu?«
Gratch nickte, das runzelige Gesicht zu einer ernsten Miene verzogen. Richard zeigte auf die Stadt.
»Siehst du den Palast dort, mit all den Feuern, all den Lichtern? Ich werde eine Weile dort wohnen.« Richard tippte sich an die Brust und zeigte dann auf die Stadt. »Ich werde dort unten sein. Aber ich will nicht, daß du mich dort besuchst. Du darfst nicht dorthin. Der Ort ist gefährlich für dich. Komm nicht dorthin.« Gratch beobachtete Richards Gesicht. »Ich komme hier hinauf, um dich zu besuchen. Einverstanden?« Gratch überlegte einen Augenblick, dann nickte er.
»Du hältst dich von der Stadt fern. Und siehst du den Fluß dort unten? Du weißt, was ein Fluß ist, ich habe dir Wasser gezeigt. Du bleibst auf dieser Seite des Wassers. Auf dieser Seite. Verstanden?«
Richard wollte nicht, daß der Gar Jagd auf das Vieh der Bauernhöfe jenseits des Flusses machte. Das brächte ihn mit Sicherheit in Schwierigkeiten. Gratchs Blick wanderte von Richards Gesicht zur Stadt, dann wieder zurück. Er machte tief in seiner Kehle ein Geräusch, um zu zeigen, er habe verstanden.
»Und noch etwas, Gratch, wenn du Menschen siehst«, Richard tippte sich auf die Brust und zeigte auf die Stadt, »Menschen wie mich, friß sie nicht.« Er hielt den Finger drohend vor Gratchs Gesicht. »Menschen sind nichts zum Fressen! Friß keinen Menschen. Verstanden?«
Gratch knurrte enttäuscht, dann nickte er. Richard legte dem Gar einen Arm um die Schultern und drehte ihn zum Hagenwald um.
»Jetzt hör zu. Das ist wichtig. Siehst du diesen Ort dort unten? Diesen Wald?«
Ein tiefes, bedrohliches Knurren drang aus der Kehle des Gar. Er bleckte seine Reißer. Das Glühen in seinen grünen Augen wurde intensiver.
»Du hältst dich von dort fern. Ich will nicht, daß du an diesen Ort gehst. Ich meine es ernst, Gratch. Halte dich von dort fern.« Gratch betrachtete den Wald, noch immer knurrend. Richard packte eine Handvoll Fell und rüttelte ihn. »Bleib weg von dort. Verstanden?«
Gratch sah kurz hinüber, schließlich nickte er.
»Ich muß dort hinein, aber du kannst mir nicht folgen. Dort drinnen ist es gefährlich für dich. Bleib dort weg.«
Mit einem jämmerlichen Wimmern legte Gratch einen Arm um Richard und zog ihn einen Schritt zurück.
»Mir wird dort nichts geschehen, ich habe das Schwert. Erinnerst du dich noch an das Schwert? Ich habe dir mein Schwert doch gezeigt. Es wird mich beschützen. Aber du kannst nicht mitkommen.«
Richard hoffte, daß er in bezug auf das Schwert recht hatte. Schwester Verna hatte ihm erzählt, daß der Hagenwald ein Ort dunkler Magie sei. Doch er hatte keine Wahl. Es war der einzige Ort, der ihm einfiel.
Richard nahm den Gar noch einmal fest in die Arme. »Sei ein guter Junge. Geh und jag dir noch etwas zu fressen. Ich werde hier hinaufkommen und dich besuchen, und dann machen wir einen Ringkampf. Einverstanden?«
Gratch mußte grinsen, als das Wort Ringkampf fiel. Er zerrte voller Hoffnung an Richards Arm. »Nicht jetzt, Gratch. Ich muß etwas erledigen. Aber an einem anderen Abend komme ich zurück und ringe mit dir.«
Gratch ließ erneut die Ohren hängen. Zum Abschied nahm er Richard in die langen Arme und drückte ihn. Richard suchte seine Sachen zusammen und stieg nach einem letzten Winken den Hang hinunter in die Senke. Gratch verfolgte, wie der dunkle Wald ihn verschluckte.
Richard lief ungefähr eine Stunde lang. Er mußte tief genug im Hagenwald sein, damit sein Plan auch ganz sicher funktionierte. Mit Moos und Kletterpflanzen verhangene Äste sahen aus wie Arme, die sich reckten, um nach ihm zu greifen. Geräusche wehten durch die Bäume — ein kehliges Schnalzen und lange, tiefe Pfeiftöne. Fernab, in stehenden Gewässern, klatschte dauernd irgend etwas ins Wasser, sobald er sich näherte.
Erhitzt und von der Anstrengung des Fußmarsches keuchend, erreichte er eine kleine Lichtung, hoch genug, um trocken zu sein, und offen genug, um ihm die Sicht auf ein kleines Stück Sternenhimmel zu bieten. Auf der Lichtung gab es weder Stein noch Baumstamm, also trat er ein dickes Grasbüschel platt, ließ sich neben seinem Rucksack nieder und verschränkte die Beine. Er schloß die Augen und atmete tief durch.
Richard dachte an zu Hause und an den Kernlandwald. Er sehnte sich nach seinem Wald zurück. Er dachte an die Freunde, die ihm so sehr fehlten, an Chase und Zedd. All die Zeit, die er bei dem alten Mann aufgewachsen war, hatte Richard nicht gewußt, daß Zedd sein Großvater war. Aber er hatte gewußt, daß er sein Freund war und daß sie sich sehr mochten. Das war es wohl, was wirklich zählte. Welchen Unterschied hätte es gemacht? Richard hätte ihn unmöglich mehr lieben, und Zedd hätte ihm kein besserer Freund sein können.
Es war so viel Zeit vergangen, seit er Zedd das letzte Mal gesehen hatte. Er hatte ihn zwar im Palast des Volkes in D’Hara getroffen, doch da hatte er eigentlich kaum Zeit gehabt, mit ihm zu sprechen. Er hätte nicht so bald aufbrechen sollen. Wie gern würde er jetzt mit Zedd reden, ihn um seine Hilfe und sein Verständnis bitten.
Richard hatte keine Ahnung, ob Kahlan zu Zedd gehen würde. Warum sollte sie? Sie war Richard los, und das war es schließlich, was sie gewollt hatte.
Er wünschte sich von ganzem Herzen, daß es nicht so wäre.
Er vermißte ihr Lächeln, ihre grünen Augen, den sanften Klang ihrer Stimme, ihre Klugheit und ihren Witz, ihre Berührung. Durch sie wurde die Welt lebendig. Er hätte in diesem Augenblick sein Leben dafür gegeben, sie bloß für fünf Minuten in den Armen halten zu können.
Aber sie wußte, was er war, und hatte ihn fortgeschickt.
Und er hatte sie freigegeben.
So war es am besten. Er war nicht gut genug für sie.
Bevor er merkte, was er tat, begann er, den Frieden in seinem Innern zu suchen, sein Han, wie Schwester Verna es ihm beigebracht hatte. Er hatte fast jeden Tag geübt, während er mit ihr zusammengewesen war, und obgleich er nie sein Han gespürt hatte, was immer das auch war, die Suche danach war stets angenehm gewesen. Sie war entspannend und erfüllte ihn mit Frieden. Es war ein gutes Gefühl, eben dies jetzt zu tun. Er ließ seine Gedanken jenen Ort des Friedens finden, ließ seine Sorgen davontreiben.
In Gedanken stellte er sich, wie er es immer tat, das Schwert der Wahrheit vor, das vor seinem inneren Augen durch den Raum schwebte. Er konnte jede Einzelheit erkennen, jede Einzelheit spüren.
In seinem Zustand der Ruhe, in seiner Meditation, ohne die Augen zu öffnen, zog er sein Schwert. Er wußte nicht so recht, warum, doch es schien genau das Richtige zu sein. Das einzigartige Klirren des Stahls hing in der Nachtluft und verkündete die Ankunft der Klinge im Hagenwald.
Er legte das Schwert auf seine Knie. Anstelle des Friedens tanzte die Magie in seinem Innern. Was immer geschah, er war bereit.
Jetzt mußte er warten. Es würde eine ganze Weile dauern, dessen war er sicher, aber kommen würde sie.
Sie würde kommen, sobald sie wußte, wo er war.
Während er still und ruhig dasaß, kehrte die Nacht rings um ihn zu ihrer gewohnten Betriebsamkeit zurück. Während er sich auf das Bild des Schwertes konzentrierte, war sich Richard vage des Zirpens und Schnalzens der Käfer bewußt, des tiefen, gleichmäßigen Quakens der Frösche, des Rascheins der Mäuse und Maulwürfe im trockenen Bodensatz des Waldes. Gelegentlich brachte eine Fledermaus die Luft zum Sirren. Einmal hörte er ein Quieken, als eine Eule sich ihr Abendessen fing.