Er sah sie gelassen an. »Dann hast du einen Fehler gemacht, Pasha. Du hättest erst überlegen und dann handeln sollen. Vielleicht denkst du beim nächsten Mal vorher nach?«
Pasha legte ihre Hand auf die Brust und japste nach Luft. »Richard, wir haben wohl kaum die Zeit…«
»Dann wäre es besser, du würdest dich beeilen, oder dein neuer Schützling sitzt hier immer noch im Hagenwald, wenn die Sonne untergeht.«
In ihren Augen standen Tränen der Verzweiflung. »Richard, bitte, du begreifst nicht. Dies ist kein Spiel. Der Ort hier ist gefährlich.«
Er drehte sich ein wenig und deutete mit dem Schwert auf etwas. »Ja, ich weiß.«
Pasha linste um ihn herum in die Schatten, dann stockte ihr der Atem. Zögernd näherte sie sich dem Wesen bei den Bäumen. Richard ging ihr nicht hinterher. Er wußte, was sich dort befand: zwei Hälften eines Geschöpfes aus einem Alptraum, dessen Eingeweide über den Boden verstreut lagen.
Sein gekrümmter Kopf, gleich dem eines Mannes, der zur Hälfte mit einer Schlange oder Echse verschmolzen war, bot ein Bild der Verruchtheit selbst: bedeckt von einer glänzenden, strammen, schwarzen Haut, die glatt war bis zum Ansatz des dicken Halses, wo sie in biegsame Schuppen überging. Der geschmeidige Körper war größtenteils wie der eines Mannes geformt. Das gesamte Geschöpf schien für fließend schnelle Bewegungen wie geschaffen — tödliche Anmut.
Es trug Häute, die mit schwarzen, kurzen Haaren besetzt waren, sowie ein körperlanges Cape mit Kapuze. Was Richard für Krallen gehalten hatte, waren keine Krallen, sondern drei mehrklingige Messer, eines für jede mit Schwimmhäuten versehene Hand, mit einem gekreuzten Griff, den man in der Faust hielt. Stahlschienen unterstützten bei einem Schlag zusätzlich die Handgelenke.
Pasha stand wie benommen da. Schließlich ging Richard zu ihr und betrachtete die beiden Hälften des Wesens. Was immer es war, es blutete genauso wie jedes andere Geschöpf. Und es stank — wie Fisch, der in der heißen Sonne faulte.
Pasha starrte bebend auf das Wesen. »Gütiger Schöpfer«, sagte sie tonlos. »Das ist ein Mriswith.« Sie machte einen Schritt nach hinten. »Was ist mit ihm passiert?«
»Was mit ihm passiert ist? Ich habe ihn getötet, das ist passiert. Was für ein Wesen ist ein Mriswith?«
Sie sah ihn mit ihren großen, braunen Augen an. »Was willst du damit sagen, du hast ihn getötet? Einen Mriswith kann man nicht töten. Niemand hat bisher einen Mriswith getötet.«
Ihr Gesicht war ein Bild der Bestürzung.
»Nun, jetzt hat jemand einen getötet.«
»Du hast ihn in der Nacht getötet, hab’ ich recht?«
»Ja.« Richard runzelte die Stirn. »Woher weißt du das?«
»Mriswiths werden außerhalb des Hagenwaldes nur selten beobachtet, aber in den letzten paar tausend Jahren gab es immer wieder Berichte über sie. Berichte von Leuten, die es irgendwie geschafft hatten, lange genug zu überleben, um zu erzählen, was sie gesehen hatten. Mriswiths nehmen immer die Farbe ihrer Umgebung an. In einem Bericht ist einer aus dem Watt gestiegen und hatte die Farbe von Schlick. Einmal, in den Sanddünen, war es die Farbe von Sand. In einem Bericht hieß es, der Mriswith sei im goldenen Licht des Sonnenuntergangs golden gewesen. Wenn sie des Nachts auf Mordzug gehen, sieht man sie nie, denn dann sind sie ebenso schwarz wie die Nacht. Wir glauben, daß sie, vielleicht durch Magie, die Fähigkeit besitzen, die Farbe ihrer Umgebung anzunehmen. Da dieser schwarz ist, mußt du ihn nachts getötet haben.«
Richard faßte sie am Arm und zog sie sachte fort. Das Geschöpf schien sie völlig in seinen Bann gezogen zu haben. Er fühlte, wie sie unter seiner Hand zitterte.
»Pasha, was sind das für Wesen?«
»Es sind Geschöpfe, die im Hagenwald leben. Was es für Wesen sind, weiß ich nicht. Ich habe gehört, es hieße, im Krieg, der die Neue von der Alten Welt trennte, hätten die Zauberer Armeen von Mriswiths aufgestellt. Manche Leute glauben, die Mriswiths würden vom Namenlosen geschickt.
Aber ihr Zuhause ist der Hagenwald. Hier sind auch noch andere Wesen beheimatet. Aus diesem Grund lebt niemand auf dieser Seite des Flusses. Manchmal kommen sie aus dem Wald heraus und machen Jagd auf Menschen. Sie verschlingen ihre Beute nie, offenbar töten sie nur um des Tötens willen. Mriswiths weiden ihre Opfer aus. Einige überleben lange genug und können noch erzählen, was sie erwischt hat. Von ihnen haben wir unsere Kenntnisse.«
»Wie lange gibt es den Hagenwald und diese Geschöpfe schon?«
»Soweit ich weiß, wenigstens so lange wie den Palast der Propheten, fast dreitausend Jahre.«
Sie packte ihn am Hemd und rüttelte ihn. »Während dieser ganzen Zeit hat niemand einen einzigen Mriswith getötet. Alle Opfer berichteten, sie hätten sie erst gesehen, nachdem sie von ihnen aufgeschlitzt worden waren. Einige der Opfer waren Schwestern und Zauberer, und nicht einmal ihr Han hat sie gewarnt. Sie sagten, sie wären für ihr Erscheinen blind gewesen, so als wären sie ohne die Gabe geboren worden. Wie ist es möglich, daß du einen Mriswith töten konntest?«
Richard erinnerte sich, wie er ihn in seinem Geist hatte kommen sehen. Er löste ihre Hand von seinem Hemd. »Vielleicht hatte ich bloß Glück. Irgend jemand mußte ja früher oder später mal einen erwischen. Vielleicht war dieser hier ein Trottel.«
»Richard, bitte, komm mit mir, fort von hier. Das ist keine Art, seinen Willen mit dem Palast zu messen. Du könntest dabei getötet werden.«
»Ich habe nicht die Absicht, jemandes Willen auf die Probe zu stellen, ich übernehme nur die Verantwortung für mein Tun. Es ist meine Schuld, daß Schwester Verna degradiert wurde, ich muß es wieder richten. Ich trete dafür ein, was richtig ist. Wenn ich das nicht tue, bin ich ein Nichts.«
»Richard, wenn die Sonne über dem Hagenwald untergeht –«
»Du verschwendest kostbare Zeit, Pasha.«
52
Es war später Nachmittag, als er sie kommen hörte. Er hörte das Geräusch von nur einem Pferd und Pashas Stimme, die laut rufend die Richtung angab. Schließlich brachen sie durch das Dickicht und traten auf die Lichtung.
Richard steckte sein Schwert in die Scheide. »Bonnie!« Er kraulte das Pferd am Hals. »Wie geht es dir, Mädchen?«
Bonnie rieb das Maul an seiner Brust. Richard schob ihr die Finger ins Maul und betastete die Trense, während Schwester Maren ihn stirnrunzelnd beobachtete.
»Freut mich zu sehen, daß Ihr eine Gelenktrense benutzt, Schwester.«
»Die Stallburschen meinten, sie könnten die starren Trensen nicht finden.« Sie blickte wütend und voller Argwohn auf ihn herab. »Wie es scheint, sind sie verschwunden. Auf rätselhafte Art und Weise.«
»Tatsächlich?« Richard zuckte mit den Achseln. »Ich kann nicht behaupten, daß mich das traurig macht.«
Pasha keuchte vor Anstrengung, weil sie zu Fuß mit der Schwester auf dem Pferd Schritt halten hatte müssen. Ihre weiße Bluse war schweißnaß. Hilflos versuchte sie das verfilzte Durcheinander ihrer Haare zu richten. Offenbar hatte die Schwester Pasha gezwungen, zu Fuß zu gehen — als Strafe. Schwester Maren in ihrem schlichten braunen, bis zum Hals zugeknöpften Kleid, machte auf ihrem Pferd den Eindruck, als wäre ihr kühl und behaglich zumute.
»Also, Richard«, meinte Schwester Maren, während sie abstieg, »ich bin hier, wie du es verlangt hast. Was willst du also?«
Sie wußte ganz genau, was er wollte, doch Richard beschloß, es ihr noch einmal in freundlichem Tonfall zu erklären. »Ganz einfach. Schwester Verna soll wieder zur Schwester gemacht werden. Sofort. Außerdem müßt Ihr ihr den Dacra wiedergeben.«
Sie machte eine abfällige Handbewegung. »Und ich dachte schon, du wolltest etwas Unvernünftiges. Das ist einfach. Schon erledigt. Verna ist wieder Schwester. Das macht für mich keinen Unterschied.«
»Und wenn sie fragt, warum, möchte ich nicht, daß Ihr ihr von der Geschichte mit mir erzählt. Sagt einfach, Ihr hättet es Euch anders überlegt, was auch immer, und hättet beschlossen, sie wieder einzusetzen. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr ihr sagen, Ihr hättet Euren Schöpfer um Weisung gebeten, und dann sei Euch klargeworden, daß sie Schwester bleiben sollte.«