Scarlet riß ihren Kiefer auseinander und griff tief in ihren Schlund. Man hörte ein Knacken, und sie holte eine Zahnspitze hervor, die sie in ihren schwarzgespitzten Krallen hielt. Es war nur eine Spitze, aber gut zwanzig Zentimeter lang.
»Drachen besitzen Zauberkräfte«, erklärte sie ihm. »Öffne deine Hand.« Sie ließ die Zahnspitze in Richards Hand fallen. »Du hast offensichtlich den Bogen raus, wie man sich in Schwierigkeiten bringt. Bewahre dies sicher. Wenn du jemals in große Not gerätst, rufe mich damit, und ich werde kommen. Aber du mußt deiner Sache gewiß sein, denn es wirkt nur ein einziges Mal.«
»Aber wie kann ich dich damit rufen?«
Ihr Kopf kam schwebend näher. »Du besitzt die Gabe, Richard Cypher. Halte den Zahn einfach in der Hand und rufe mich. Ich werde es hören. Und vergiß nicht, nur in allergrößter Not.«
»Danke, Scarlet, aber ich besitze die Gabe nicht.«
Scarlet warf den Kopf in den Nacken und polterte vor Lachen. Der Boden bebte. Die Schuppen an ihrem Hals erzitterten. Indem ihr Lachanfall langsam verebbte, neigte sie den Kopf so, daß sie ihn aus einem ihrer gelben Augen ansehen konnte. »Wenn du die Gabe nicht besitzt, dann besitzt sie niemand. Bewahre dir die Freiheit, Richard Cypher.«
Alle aus dem Dorf verfolgten schweigend, wie der rote Drache am goldenen Himmel kleiner wurde. Richard legte den Arm um Kahlans Hüfte und zog sie ganz dicht an sich.
»Ich hoffe, das war das letzte Mal, daß ich mir diesen Unsinn anhören muß, ich hätte die Gabe«, murmelte er halb in sich hinein. »Ich habe dich aus der Luft beobachtet.« Er zeigte mit dem Kinn auf die andere Seite der unbebauten Fläche. »Möchtest du mir erzählen, um was es mit deinem Freund dort drüben ging?«
Chandalen gab sich alle Mühe, sie nicht anzusehen. »Nein. Es war nicht wichtig.«
»Werden wir denn nie allein sein?« fragte Kahlan mit scheuem Lächeln. »Nicht mehr lange, und ich werde dich vor all diesen Leuten küssen müssen.«
Die Dämmerung tauchte das improvisierte Fest in ein gemütliches Licht. Richard sah sich unter der grasbedachten Schutzhütte um und betrachtete die Ältesten in ihren Kojotenfellen. Sie lachten und schwatzten. Ihre Frauen und ein paar Kinder hatten sich zu der Gruppe gesellt. Leute warfen einen Blick in die Schutzhütte, um die beiden mit einem Lächeln willkommen zu heißen und sachte Schläge auszutauschen.
Gegenüber jagten kleine Kinder braune Hühner, die sich nichts lieber wünschten als ein ruhiges Plätzchen für die Nacht. Unter lautem Protestgegacker stoben die Hennen flatternd auseinander. Kahlan konnte nicht verstehen, wie es die Kinder aushielten, in dieser Kälte nackt herumzulaufen. Frauen in hellen Kleidern schleppten geflochtene Tabletts mit Tavabrot und glasierte Tonschüsseln mit gerösteten Paprika, Reiskuchen, langen gekochten Bohnen und gegrillten Fleischstücken heran.
»Glaubst du wirklich, sie werden uns von hier fortlassen, bevor wir ihnen die ganze Geschichte unseres großen Abenteuers erzählt haben?«
»Welches große Abenteuer? Ich weiß nur, daß ich die ganze Zeit über Todesangst hatte und mehr Schwierigkeiten, als mir lieb sein konnte.« Ihr Innerstes zog sich gequält zusammen, als sie daran dachte, wie sie erfahren hatte, daß er von einer Mord-Sith gefangengenommen worden war. »Und daß ich dich für tot gehalten habe.«
Er lächelte. »Wußtest du das nicht? Das macht das Abenteuer aus: daß man in Unannehmlichkeiten steckt.«
»Ich habe für den Rest meines Lebens Abenteuer genug gehabt.«
Richards graue Augen bekamen etwas Versonnenes. »Ich auch.«
Ihr Blick fiel auf den roten Lederstab, den Strafer, der an einer Goldkette um seinen Hals hing. Sie griff hinter sich und nahm ein Stück Käse von einer Platte. Ihr Gesicht fing an zu strahlen. Sie hielt ihm den Käse vor den Mund. »Vielleicht können wir einfach eine Geschichte erfinden, die sich anhört wie ein richtiges Abenteuer. Ein kurzes.«
»Von mir aus«, meinte er, dann biß er ein Stück von dem Käse ab, den sie ihm hinhielt.
Er spie den Käse augenblicklich wieder in seine Hand und zog ein säuerliches Gesicht. »Das ist ja grauenhaft!« flüsterte er.
»Wirklich?« Sie schnupperte an dem Stück, das sie noch immer in der Hand hielt. Sie nahm einen winzigen Bissen. »Also, ich mag keinen Käse, aber ich finde, er schmeckt nicht schlimmer als sonst auch. Ich glaube nicht, daß er schlecht ist.«
Er hatte das Gesicht noch immer verzogen. »Ich finde schon!«
Kahlan überlegte einen Augenblick lang, dann runzelte sie die Stirn. »Gestern, im Palast des Volkes, hast du den Käse auch nicht gemocht. Und Zedd meinte, er wäre vollkommen in Ordnung.«
»Vollkommen in Ordnung! Er hat grauenhaft geschmeckt! Ich sollte es wissen, schließlich mag ich Käse wirklich gern. Ich merke doch, ob Käse verdorben ist, wenn ich ihn esse.«
»Also ich kann Käse nicht ausstehen. Vielleicht übernimmst du einfach meine Angewohnheiten.«
Er rollte ein Stück geröstete Paprika in ein Stück Tavabrot und grinste. »Ich könnte mir ein schlimmeres Schicksal vorstellen.«
Sie erwiderte sein Lächeln und sah im selben Augenblick, wie sich zwei Jäger näherten. Sie richtete sich auf. Richard bemerkte ihre Reaktion und setzte sich ebenfalls auf. »Das sind zwei von Chandalens Männern. Ich habe keine Ahnung, was sie wollen.« Sie zwinkerte ihm zu. »Sei ein guter Junge, ja? Vermeiden wir jedes Abenteuer.«
Ohne zu lächeln oder ihr zu antworten, drehte Richard sich um und sah die beiden näher kommen. Die Jäger blieben am Rand der Plattform stehen. Sie bohrten die Schäfte ihrer Speere fest in den Boden und stützten sich mit beiden Händen darauf. Die beiden schätzten sie mit leicht zusammengekniffenen Augen ab — und einem dünnen, schmallippigen Lächeln, das aber nicht völlig unfreundlich wirkte. Der am nächsten Stehende schob seinen Bogen ein wenig höher auf die Schulter, dann hielt er ihr die geöffnete Hand mit der Handfläche nach oben hin.
Sie betrachtete die Hand. Was das bedeutete, wußte sie — eine offen dargebotene Hand ohne Waffe. Sie hob den Kopf und blickte ihn verwirrt an. »Ist Chandalen damit einverstanden?«
»Wir sind Chandalens Männer, nicht seine Kinder.« Er hielt ihr die Hand noch immer hin.
Kahlan blickte einen Augenblick lang darauf, dann strich sie mit ihrer Hand darüber. Sein Lächeln wurde etwas breiter, dann versetzte er ihr einen leichten Klaps.
»Kraft dem Konfessor Kahlan. Ich bin Prindin. Das hier ist mein Bruder Tossidin.«
Sie gab Prindin einen Klaps und wünschte ihm Kraft. Jetzt hielt Tossidin ihr die geöffnete Hand hin. Sie strich auch über seine. Dann gab er ihr einen Klaps und fügte seinen Wunsch nach Kraft hinzu. Er lächelte freundlich, ganz wie sein Bruder. Von seiner Freundlichkeit überrascht, erwiderte sie seinen Klaps und seinen Wunsch. Kahlan warf Richard einen Blick zu. Die Brüder bemerkten dies und erboten auch ihm Klaps und Gruß.
»Wir wollten dir sagen, daß deine Rede heute voller Kraft und Ehre war«, meinte Prindin. »Chandalen ist ein schwieriger Mann und schwer zu berechnen, aber schlecht ist er nicht. Er macht sich große Sorgen um unser Volk und hat keinen anderen Wunsch, als es vor Schaden zu bewahren. Das ist unsere Aufgabe — unser Volk zu schützen.«
Kahlan nickte. »Richard und ich sind auch Schlammenschen.«
Die Brüder lächelten. »Das haben die Ältesten verkündet, und alle wissen es. Wir werden euch beide beschützen, genau wie jeden anderen aus unserem Volk.«
»Gilt das auch für Chandalen?«
Die beiden schmunzelten, gaben aber keine Antwort. Sie zogen ihre Speere aus der Erde und wollten gehen.
»Erklär ihnen, ich hätte gesagt, sie hätten sehr gute Bögen.«
Sie blickte zur Seite und sah, daß er die beiden beobachtete. Daraufhin teilte sie Prindin seine Worte mit.
Sie nickten freundlich lächelnd. »Wir können auch sehr gut damit umgehen.«