Richard ging weiter und betrachtete die vor ihm liegende Landschaft. »Schwester Verna ist nicht meine Freundin. Was ich getan habe, habe ich nur deshalb getan, weil man sie für meinen Fehler bestraft hat, was ungerecht war. Das ist der einzige Grund.
Wenn ich irgendwann beschließe, diesen Halsring abzunehmen, werden nur diejenigen, die mir dabei helfen, meine Freunde sein. Schwester Verna hat mir deutlich zu verstehen gegeben, daß sie mir nicht helfen wird, den Halsring abzunehmen. Sie besteht darauf, daß ich ihn anbehalte. Wenn die Zeit kommt und sie mir im Wege steht, werde ich sie töten, genau wie jede andere Schwester, die versucht, mich aufzuhalten. Genau wie ich dich töten werde, wenn du mir im Weg bist.«
»Richard«, spottete sie, »du bist bloß ein Schüler, du solltest nicht so mit deinen Kräften prahlen. Das ziemt sich nicht für einen jungen Mann. Du solltest über solche Dinge nicht einmal scherzen.« Sie nahm wieder seinen Arm. »Ich glaube, du könntest niemals einer Frau weh tun…«
»Dann glaubst du eben etwas Falsches.«
»Die meisten jungen Männer haben anfangs Schwierigkeiten, sich einzufügen, aber du wirst noch Vertrauen zu mir fassen. Wir werden Freunde, da bin ich mir ganz sicher.«
Richard riß seinen Arm los und wirbelte zu ihr herum. »Dies ist kein Spiel, Pasha. Wenn du dich mir in den Weg stellst, sollte ich beschließen, die Zeit sei gekommen, dann werde ich dir deine hübsche kleine Kehle durchschneiden.«
Sie sah zu ihm hoch und lächelte kokett. »Findest du meinen Hals wirklich hübsch?«
»Das ist nur so eine Redewendung«, knurrte er.
Er ging weiter, zerrte Bonnie hinter sich her. Pasha mußte fast laufen, um Schritt zu halten. Eine Weile ging sie schweigend weiter und beschäftigte sich damit, kleine Knoten aus ihrem Haar zu ziehen.
Richard war nicht in der Stimmung, nett zu sein. Den Mriswith umzubringen, hatte ihm ein seltsames Gefühl der Erfüllung verschafft, doch das ließ allmählich nach; die Niedergeschlagenheit über seine Lage kehrte zurück und mit ihr seine schlechte Laune.
Pashas Gesicht hellte sich auf. Sie setzte ein freundliches Lächeln auf.
»Ich weiß überhaupt nichts über dich, Richard. Warum erzählst du mir nicht etwas über dich?«
»Was willst du wissen?«
»Na ja, was hast du getan … bevor du in den Palast gekommen bist? Hast du einen Beruf? Oder irgendwelche besonderen Fertigkeiten?«
Richard scharrte mit den Stiefeln im Staub. »Ich war Waldführer.«
»Wo?«
»Dort, wo ich aufgewachsen bin, in Westland.«
Pasha zupfte ihre feuchte weiße Bluse von der Brust, damit sie besser trocknen könnte. »Ich fürchte, ich weiß nicht, wo das ist. Ich weiß gar nichts über die Neue Welt. Eines Tages, wenn ich eine Schwester bin, werde ich vielleicht dorthinberufen, um einem Jungen zu helfen.«
Richard schwieg, also fuhr sie fort. »Du warst also Waldführer. Das muß doch unheimlich gewesen sein, die ganze Zeit im Wald. Hast du keine Angst vor den Tieren gehabt? Ich hätte vor den Tieren Angst.«
»Warum? Wenn ein Kaninchen aus dem Gebüsch springt, kannst du es doch mit deinem Han zu Asche verbrennen.«
Sie kicherte. »Ich hätte trotzdem Angst. Die Stadt gefällt mir besser.« Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah ihn an, während sie weitergingen. Sie hatte eine komische Art, ihre Nase zu rümpfen. »Hattest du eine … na ja, du weißt schon, ein Mädchen, eine Liebste oder so was?«
Die Frage überraschte Richard. Sein Mund klappte auf, doch es kamen keine Worte heraus. Er machte den Mund wieder zu. Er war nicht gewillt, sie etwas über Kahlan wissen zu lassen.
»Ich habe eine Frau.«
Pasha blieb einen Schritt lang stehen. Sie mußte sich beeilen, um ihn wieder einzuholen. »Eine Frau!« Sie überlegte einen Augenblick. Ihre Stimme bekam einen scharfen Unterton. »Wie heißt sie?«
Richard ging weiter und hielt den Blick genau nach vorn gerichtet. »Ihr Name ist Du Chaillu.«
Pasha wickelte sich eine Haarsträhne um den Finger. »Ist sie hübsch? Wie sieht sie aus?«
»Ja, sie ist hübsch. Sie hat volles, schwarzes Haar, ein wenig länger als deines. Sie hat hübsche Brüste, und auch der Rest von ihr ist bestens geformt.«
Aus den Augenwinkeln konnte er erkennen, wie Pashas Gesicht rot erglühte. Sie zupfte am Ende ihrer Haarsträhne. Ihre Stimme klang abweisend, obwohl sie sich alle Mühe gab, ihr einen Unterton von Gleichgültigkeit zu geben. »Wie lange kennst du sie schon?«
»Ein paar Tage.«
Sie nahm die Hand aus den Haaren. »Was soll das heißen, ein paar Tage? Wieso kennst du sie erst seit ein paar Tagen?«
»Als Schwester Verna und ich in das Land der Majendie kamen, hatte man sie sie dort angekettet. Die Leute wollten sie ihren Seelen opfern, und ich sollte sie töten. Schwester Verna meinte, ich müßte den Majendie ihren Wunsch erfüllen, damit wir ihr Land passieren könnten.
Ich habe der Schwester nicht gehorcht und statt dessen mit einem Pfeil auf ihre Königin-Mutter geschossen und ihre Hand an einen Pfahl genagelt. Ich erklärte ihnen, wenn sie Du Chaillu nicht gehen ließen und mit den Baka Ban Mana Frieden schlössen, würde ich der Königin-Mutter den nächsten Pfeil in den Kopf schießen. Sie waren klug genug, um zuzustimmen.«
»Sie ist eine Wilde?«
»Sie ist eine Baka Ban Mana. Eine Weise. Sie ist keine Wilde.«
»Und sie hat dich geheiratet, weil du ihr Held warst? Weil du sie gerettet hast?«
»Nein. Schwester Verna und ich, wir mußten ihr Land durchqueren, um hierherzukommen. Während wir dort waren, habe ich ihre fünf Ehemänner getötet.«
Pasha packte ihn am Arm. »Sie sind Meister der Klinge! Du hast es geschafft, fünf von ihnen zu töten?«
Richard ging weiter. »Nein. Ich habe dreißig von ihnen getötet.« Pasha stockte der Atem. »Unter diesen dreißig waren auch ihre fünf Ehemänner. Du Chaillu ist ihre Seelenfrau. Sie meinte, ich sei nun der Führer ihres Volkes. Sie war der Ansicht, da sie die Seelenfrau und ich ihr Führer sei, ihr Caharin, wäre ich jetzt ihr Gatte.«
Pashas Lächeln kam langsam zurück. »Dann bist du nicht wirklich ihr Ehemann. Sie hat dir nur irgend etwas von ihren Wilden, von ihrem BakaBan-Mana-Geschwätz erzählt.«
Richard erwiderte nichts. Pashas Lächeln verflog. Abermals setzte sie eine finstere Miene auf. »Woher weißt du dann, wie ihre Brüste und ihr Körper überhaupt aussehen?« Sie blickte zur Seite und schnaubte verächtlich. »Wahrscheinlich hat sie dich für deine Gefälligkeit belohnt.«
»Ich weiß es, weil sie einen Ring um den Hals trug und angekettet war, als man mich zu ihr schickte, um sie zu töten. Man hielt sie nackt mit diesem Ring gefangen, damit die Männer sie vergewaltigen konnten, wann immer ihnen danach war.« Pasha schluckte. »Sie bekommt jetzt ein Kind von einem dieser Männer. Wahrscheinlich sind die Schwestern deshalb nie auf die Idee gekommen, dem ein Ende zu machen, weil die Menschen, die geopfert werden sollten, mit einem Ring gefangengehalten werden. Ich glaube, die Schwestern interessiert es nicht groß, was mit jemandem passiert, der einen Halsring trägt.«
»Doch, das interessiert die Schwestern«, meinte Pasha kleinlaut.
Richard widersprach erst gar nicht. Er ging schweigend weiter. Pasha schien zu frieren, denn sie verschränkte die Arme unter ihren Brüsten. Der Himmel verfärbte sich tiefviolett, doch kühler wurde es nicht — es war noch immer warm.
Nach einer Weile gewann Pashas Schritt wieder etwas Schwung zurück. Sie sah zu ihm hinüber, ihr Lächeln war wieder da.
»Und du? Du besitzt die Gabe. Besitzt dein Vater ebenfalls die Gabe? Hat er sie dir vererbt?«
Richards Stimmung sank wie ein Stein im Brunnen. »Ja, mein Vater besaß die Gabe.«
Sie hob hoffnungsvoll den Kopf. »Lebt er noch?«
»Nein. Er wurde vor kurzem umgebracht.«
Pasha strich die Vorderseite ihres Rockes glatt. »Oh, das tut mir leid, Richard.«