Richard schloß die Augen und ließ den Kopf auf ihre Schulter sinken. Er unterdrückte den aufkommenden Schmerz. Sie fuhr mit ihren Fingern durch sein Haar und hielt seinen Kopf an ihren Körper.
Nach einer Weile hatte er seine Stimme wiedergefunden. »Vielleicht würde es mir nicht schaden, gelegentlich einen dieser Anzüge zu tragen.«
Sie löste sich ein Stück von ihm und blickte durch ihre Tränen hindurch zu ihm hoch. »Vielleicht nur im Speisesaal, bei den Schwestern?«
Er zuckte mit den Achseln. »Dort wären sie sicher angebracht. Wähle einen aus, den ich tragen soll. Ich kenne mich mit diesen eleganten Kleidern nicht aus.« Er brachte ein schmales Lächeln zustande. »Ich bin bloß ein Waldführer.«
Ihr Gesicht hellte sich auf. »Die rote Jacke würde dir gut stehen.«
Richard zuckte zusammen. »Die rote? Muß es unbedingt die rote sein?«
Sie strich mit dem Finger über den Strafer, der an seinem Hals hing. »Nein, nicht unbedingt. Ich dachte bloß, auf deinen breiten Schultern würde sie sich gut machen.«
Richard seufzte. »Ich würde mir in jeder von ihnen albern vorkommen. Die rote ist so gut wie jede andere.«
»Du wirst nicht albern aussehen, du wirst gut aussehen.« Pasha strahlte. »Du wirst sehen. Alle Frauen werden dir schöne Augen machen.« Sie nahm den Strafer in die Hand. »Was ist das, Richard?«
»Eine Art Talisman. Bist du soweit, können wir zurück? Ich denke, du solltest mit dem Unterricht anfangen. Je eher du beginnst, desto schneller werde ich diesen Halsring los. Dann sind wir beide glücklich. Du wirst eine Schwester sein und ich frei.«
Er legte ihr den Arm um die Schultern, sie den ihren um seine Hüfte, und sie gingen zurück, um Bonnie zu holen.
53
Auf der Brücke zur Insel Drahle, in einem Lichtkegel unter einer Laterne, bedrängte sie lautstark eine Gruppe von Burschen und jungen Männern. Viele von ihnen waren elegant gekleidet, einige trugen Roben, und jeder hatte einen Rada’Han um seinen Hals. Aufgeregt stellten sie alle gleichzeitig irgendwelche Fragen, wollte wissen, ob es stimmte, daß Richard einen Mriswith getötet hatte, und wie er aussah. Sie wollten Richard ihre Namen zurufen und verlangten lärmend, er solle sein Schwert ziehen und ihnen zeigen, wie er das sagenumwobene Ungeheuer besiegt hatte.
Pasha wandte sich an den hartnäckigsten Burschen, der ihr bis zur Hüfte reichte. »Ja, Kipp, es stimmt, daß Richard einen Mriswith getötet hat. Schwester Maren ist gerade dabei, ihn zu untersuchen, und wenn sie es für richtig hält, wird sie euch erzählen, um was für eine Art Wesen es sich handelt. Aber ich kann euch versichern, es ist ein furchterregend aussehendes Ungetüm. Und jetzt fort mit euch. Es ist bald Zeit fürs Abendessen.«
Sie waren zwar enttäuscht darüber, nichts weiter zu erfahren, trotzdem versetzte sie das wenig Gehörte in große Aufregung. Gemeinsam stürzten sie davon, um den anderen davon zu berichten.
Nachdem sie Bonnie bei den Ställen zurückgelassen hatten, ging Richard mit Pasha durch Flure und riesige Gemächer und versuchte sich deren Lage einzuprägen. Sie zeigte ihm den Speisesaal der Jungen sowie den Saal, wo die Schwester und einige der älteren jungen Männer speisten. Sie führte ihn auch an den Küchen vorbei, wo die Essensdüfte durch die umliegenden Flure wehten.
Pasha zeigte durch einen mit Flechtwerk versehenen Bogen auf eine elegante Steinmauer, die unter dem ausladenden Geäst von Bäumen verlief. Die Mauer war stellenweise unter Kletterpflanzen verborgen. Große, weiße Blumen sprenkelten das Grün.
»Das sind die Arbeitsräume und Gemächer der Prälatin«, meinte Pasha.
»Wird sie heute abend zum Essen erscheinen?«
Pasha mußte leise kichern. »Nein, natürlich nicht. Die Prälatin hat keine Zeit, mit uns zu Abend zu essen.«
Richard bog ab, verließ das Gebäude und ging über einen Weg auf ein Tor in der Mauer zu.
»Richard! Was tust du? Wo willst du hin?«
»Ich möchte die Prälatin kennenlernen.«
»Du kannst nicht einfach so zu ihr gehen!«
»Warum nicht?«
Sie hastete neben ihm her. »Nun, sie ist eine vielbeschäftigte Frau. Man darf sie nicht belästigen. Außerdem wird man dich nicht vorlassen. Die Posten werden uns nicht einmal durch das Tor lassen.«
Er zuckte mit den Achseln. »Fragen kostet nichts, oder? Anschließend kannst du dann einen Anzug für mich aussuchen, und wir gehen mit den Schwestern zum Abendessen. Einverstanden?«
Das Angebot, sie seinen Anzug aussuchen zu lassen, machte Pasha weich. Sie stotterte, es könne vermutlich nicht schaden zu fragen, und hatte Mühe, Schritt zu halten, während er auf den Posten losmarschierte. Der Posten stellte sich breitbeinig vor das Eisentor und hakte die Daumen in seinen Waffengurt, als Richard kurz vor ihm stehenblieb.
Richard legte dem Mann eine Hand auf die Schulter. »Ich bin untröstlich. Verzeih mir, ja? Ich habe dir doch keine Schwierigkeiten gemacht? Hoffentlich nicht. Sie ist doch hoffentlich nicht schon hier gewesen und hat dich angeschrien?«
Der Mann runzelte verwirrt die Stirn, als Richard sich noch näher zu ihm vorbeugte. »Hör mal … wie lautet dein Name?«
»Schwertmann Andellmere. Kevin Andellmere.«
»Hör zu, Kevin, sie hat gesagt, sie würde den Posten am Westtor schikken, um mich zu holen, wenn ich mich auch nur eine Minute verspäte. Wahrscheinlich hat sie vergessen, dich loszuschicken. Du kannst nichts dafür. Ich verspreche dir, ich werde deinen Namen nicht erwähnen. Hoffentlich bist du nicht böse auf mich.«
Richard hatte Pasha den Rücken zugekehrt. »Du verstehst schon.« Er verdrehte die Augen vielsagend in Richtung Pasha und zwinkerte dem Mann dann zu. Kevin warf einen kurzen Blick auf Pasha, die gerade ihr zerzaustes Haar zu richten versuchte. »Was? Du verstehst mich schon, ich bin ganz sicher. Paß auf, Kevin, angenommen, ich lade dich zu einem Bier ein. Einverstanden? Es wäre besser, wenn ich jetzt hineingehe, bevor ich dich in Schwierigkeiten bringe, aber bevor ich gehe, mußt du mir versprechen, daß ich dich zu einem Bier einladen darf, um es wieder gut zu machen.«
»Na ja, ein Bier könnte ich mir von dir schon ausgeben lassen…«
Richard versetzte Kevin einen Klaps auf die Schulter. »So ist’s recht.«
Pasha folgte Richard dicht auf den Fersen, während er an dem Posten vorbei durch das Tor stürmte. Er drehte sich noch einmal um und winkte Kevin lächelnd zu.
Pasha beugte sich zu ihm hinüber. »Wie hast du das geschafft? Niemand kommt an den Posten der Prälatin vorbei.«
Richard hielt die Tür des Gebäudes für sie auf. »Ich habe ihm einfach zu viel zum Nachdenken gegeben und dazu eine Angst eingeredet, die sich, wie er fürchtet, bewahrheiten könnte.«
Als auf ihr Klopfen hin geantwortet wurde, betraten sie einen schwach beleuchteten Raum mit zwei Schreibtischen und zwei Schwestern.
Pasha machte einen Knicks. »Schwestern, ich bin Novizin Pasha Maes, und dies ist unser neuester Schüler, Richard Cypher. Er möchte gern wissen, ob er vielleicht die Prälatin besuchen dürfte.«
Die beiden Schwestern funkelten sie zornig an. Die rechte sprach. »Die Prälatin ist beschäftigt. Du bist entlassen, Novizin.«
Ein wenig bleich machte Pasha erneut einen Knicks. »Vielen Dank für Eure Zeit, Schwester.«
Richard verneigte sich knapp. »Ja, vielen Dank, Schwestern. Bitte überbringt der Prälatin meine besten Empfehlungen.«
»Ich habe dir doch gesagt, sie wird uns nicht empfangen«, meinte Pasha auf dem Weg nach draußen.
Richard schob seinen Rucksack höher auf die Schulter. »Nun, wenigstens haben wir unser Bestes gegeben. Vielen Dank, daß du es mich hast versuchen lassen.«
Natürlich würde Pasha recht behalten und die Prälatin sie nicht empfangen, das war ihm durchaus klar gewesen, doch er hatte gesehen, weshalb er hergekommen war. Er hatte nur das Gebäude und das Gelände kennenlernen wollen, um später dort Bescheid zu wissen.
Richard hatte seine Meinung über seine Gefangenschaft nicht geändert, hingegen beschlossen, es für eine Weile mit gutem Willen zu versuchen. Er wollte abwarten und sehen, was man ihm beibringen konnte. Nichts wäre ihm lieber, als von dem Halsring befreit zu werden, ohne jemandem weh tun zu müssen.