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In dem Gebäude, in welchem sein Zimmer untergebracht war, dem Guillaume-Haus, das, wie Richard erfahren hatte, nach einem Propheten benannt worden war, trat ein junger Mann zögernd aus dem Schatten vor den Marmortreppen im unteren Stock. Sein blonder Lockenkopf war an den Seiten kurz geschnitten. Er hatte die Hände in die gegenüberliegenden Ärmel seiner violetten Robe gesteckt. Silberbrokat umgab Manschetten und Halsöffnung. Wegen seiner geduckten Körperhaltung wirkte er kleiner, als er tatsächlich war.

Er verneigte sich vor Pasha, während seinen blauen Augen nach einem Fleck zu suchen schienen, auf dem sein Blick gefahrlos ruhen konnte.

»Gesegnet seist du, Pasha«, sagte er leise. »Du siehst hübsch aus heute abend. Ich hoffe, es geht dir gut.«

Pasha kniff nachdenklich die Augen zusammen. »Warren, nicht wahr?« Er nickte heftig mit dem Kopf, überrascht, daß sie seinen Namen kannte. »Es geht mir gut, Warren. Danke der Nachfrage. Dies ist Richard Cypher.«

Warren lächelte Richard schüchtern an. »Ja, ich habe dich gestern vor den Schwestern gesehen.«

»Wahrscheinlich willst du auch etwas über den Mriswith wissen«, meinte Pasha mit einem Seufzer.

»Mriswith?«

»Richard hat einen Mriswith getötet. Hast du nicht deshalb hier gewartet?«

»Tatsächlich? Einen Mriswith? Nein…« Er wandte sich wieder an Richard. »Ich wollte dich fragen, ob du nicht vielleicht irgendwann einmal in die Kellergewölbe gehen möchtest, um dir mit mir die Prophezeiungen anzusehen.«

Richard wollte den jungen Mann nicht in Verlegenheit bringen, doch an Prophezeiungen hatte er kein Interesse. »Dein Angebot ehrt mich, Warren, aber ich fürchte, ich bin nicht sehr gut im Rätselraten.«

Warren wandte den Blick ab und sah zu Boden. »Natürlich. Verstehe. Auch von den anderen interessiert sich kaum einer besonders für die Bücher. Ich dachte bloß, vielleicht, nun ja, als du gestern von dieser besonderen Prophezeiung gesprochen hast, dachte ich, du wolltest dich vielleicht darüber unterhalten. Es ist ein außergewöhnliches Werk. Aber ich verstehe schon. Tut mir leid, daß ich dich damit behelligt habe.«

Richard runzelte die Stirn. »Welche Prophezeiung?«

»Die, von der du am Schluß gesprochen hast. In der es heißt, daß du der, nun ja« — Warren schluckte — »Bringer des Todes seist. Es ist nur so, ich habe noch nie jemanden aus den Prophezeiungen getroffen.« Er blinzelte vor ehrfurchtsvoller Scheu. »Da du in den Prophezeiungen erscheinst, dachte ich, nun ja, ich dachte, vielleicht…« Seine Stimme verlor sich. Er sah zu Boden und machte Anstalten zu gehen. »Aber ich verstehe. Tut mir leid, wenn ich…«

Richard faßte Warren sanft am Arm und zog ihn wieder herum. »Wie schon gesagt, ich bin nicht gut im Rätselraten. Aber vielleicht könntest du mir etwas darüber beibringen, damit ich nicht so unwissend bleibe. Ich lerne gern etwas dazu.«

Warrens Gesicht hellte sich auf. Er schien zu wachsen. Als er sich aufrichtete, war er fast so groß wie Richard.

»Aber gern. Ich würde mich wirklich gern mit dir über diese Prophezeiung unterhalten. Es ist geradezu eine Scherzfrage. Bis heute konnte der Streit darüber nicht beigelegt werden. Vielleicht mit deiner Hilfe…«

Ein breitschultriger Mann in einem schlichtem Gewand mit einem Rada’Han schlich heran, packte Warrens Robe an der Schulter und zog ihn zur Seite. Er ließ Pasha keinen Augenblick lang aus den Augen und lächelte sie aalglatt an.

»Guten Abend, Pasha. Es ist bald Zeit fürs Abendessen. Ich habe beschlossen, dich mitzunehmen.« Sein Blick glitt von oben bis unten an ihr herab, dann wieder hinauf. »Vorausgesetzt, du schaffst es, dich ein wenig zurechtzumachen. Vor allem deine Haare. Du bietest ja ein Bild des Jammers.«

Er wollte gehen. Pasha hakte sich bei Richard unter.

»Ich fürchte, ich habe schon andere Pläne, Jedidiah.«

Jedidiah warf Richard einen flüchtigen Blick zu. »Was denn, mit diesem Bauernburschen? Wollt ihr zwei etwa Holzhacken gehen oder vielleicht Kaninchen häuten?«

»Du bist das«, meinte Richard. »Ich erkenne deine Stimme wieder. Du hast gestern vom Balkon gerufen und gefragt: ›Du ganz allein?‹«

Das herablassende Lächeln schien Jedidiah keine Mühe zu bereiten. »Die Frage war doch angemessen, findest du nicht?«

Pasha hob ihr Kinn. »Richard hat einen Mriswith getötet.«

Jedidiah zog die Augenbrauen in gespieltem Erstaunen hoch. »Hör an, wie tapfer von unserem Bauernburschen.«

»Du hast noch nie einen Mriswith getötet«, mischte sich Warren ein.

Jedidiah warf Warren einem vernichtenden Blick zu. Warren sackte in sich zusammen. »Was machst du eigentlich hier oben, Maulwurf?« Er drehte sich wieder zu Pasha um. »Und, hast du gesehen, wie er ihn getötet hat? Ich würde wetten, er war allein, als er ihn getötet hat, wie er behauptet. Wahrscheinlich hat er einen Mriswith gefunden, der an Altersschwäche gestorben ist, ihn mit seinem Schwert erstochen und dann vor dir damit geprahlt, um Eindruck zu schinden.« Er richtete sein höhnisches Grinsen wieder auf Richard. »Na, ist es nicht ganz genauso passiert, Bauernbursche?«

Richard grinste. »Verdammt, du hast mich ertappt. Ganz genauso war es.«

»Hab’ ich es mir doch gedacht.« Er lächelte Pasha kurz zu. »Komm später zu mir, Kind, dann zeigte dir ein wenig richtige Magie. Die Magie eines Mannes.«

Jedidiah marschierte gebieterisch von dannen und verschwand um eine Ecke. Pasha stemmte ihre Fäuste in die Hüften.

»Warum hast du das gesagt? Warum hast du ihn in dem Glauben gelassen?«

»Ich habe es deinetwegen getan«, meinte Richard. »Ich dachte, es wäre dir lieber, wenn ich aufhöre, dauernd nur Schwierigkeiten zu machen und mich statt dessen benehme wie ein Gentleman.«

Sie verschränkte eingeschnappt die Arme. »Allerdings.«

Richard wandte sich an Warren, der, erneut zusammengesunken, an einem marmornen Geländerpfosten lehnte. »Sollte er dir irgend etwas antun, Warren, möchte ich, daß du zu mir kommst und mir davon erzählst. Ich bin es, der ihm ein Dorn im Auge ist. Sobald er das an dir ausläßt, erzählst du es mir.«

Warrens Miene hellte sich auf. »Wirklich? Danke, Richard. Aber ich glaube, er wird sich kaum mit mir abgeben. Besuch mich im Keller, wenn du Zeit hast.« Er lächelte Pasha schüchtern an. »Gute Nacht, Pasha. War nett, dich wiederzusehen. Du siehst wirklich hübsch aus heute abend. Gute Nacht.«

Sie mußte lächeln. »Gute Nacht, Warren.« Sie sah ihm hinterher, wie er den Flur entlang davoneilte. »Was für ein eigenartiger junger Mann. Fast konnte ich mich nicht an seinen richtigen Namen erinnern. Jeder nennt ihn Maulwurf. Er kommt fast nie aus den Gewölben unter dem Palast nach oben.«

Sie warf Richard einen Seitenblick zu. »Na, und du hast heute abend einen Freund gewonnen, der dir nichts nützen wird, und einen Feind gewonnen, der dir nur schaden kann. Halte dich von Jedidiah fern. Er ist ein erfahrener Zauberer, der kurz vor seiner Entlassung steht. Bevor du nicht gelernt hast, dich mit deinem Han zu verteidigen, kann er dir etwas anhaben. Er kann dich töten.«

»Ich dachte, wir wären eine einzige, große Familie.«

»Es gibt eine Hackordnung unter den Zauberern. Die Zauberer mit der größten Macht wetteifern um die Vorherrschaft. Manchmal wird das sehr gefährlich. Jedidiah ist der Stolz des Palastes und dürfte keinen Gefallen daran finden, wenn ihm ein anderer seine Stellung streitig macht.«

»Für die Macht eines Zauberers bin ich wohl kaum eine Gefahr.«

Pasha runzelte die Stirn. »Jedidiah hat nie einen Mriswith getötet, und jeder weiß das.«

Obwohl Richard sich in der roten Jacke, die Pasha für ihn ausgesucht hatte, entschieden unwohl fühlte, versuchte er den Haferbrei mit Linsen zu genießen, den man extra für ihn zubereitet hatte. Pasha trug ein phantastisches grünes Kleid, das ihre Vorzüge eher preisgab als verhüllte. Richard fand, es zeigte mehr Busen als klug war. Die als Gäste der Schwestern oder der Novizinnen anwesenden jungen Männer kamen kaum zum Essen, soviel gab es zu sehen. Niemandem entging auch nur eine einzige von Pashas Bewegungen.