Viele der jungen Männer mit Halsringen stellten sich Richard vor und äußerten den Wunsch, ihn näher kennenzulernen. Sie versprachen, ihm die Stadt und einige ihrer interessanteren Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Bei Bemerkungen wie der letzteren wurde Pasha rot. Richard erkundigte sich, ob sie wüßten, wo die Posten Bier trinken gingen, und man versprach ihm, ihn dorthin zu begleiten, wann immer er es wünschte.
Schwestern jeden Alters, jeder Gestalt und Größe kamen und begrüßten ihn. Sie alle taten, als hätte der Skandal gestern abend niemals stattgefunden. Als Richard Pasha nach dem Grund fragte, meinte sie, alle Schwestern hätten Verständnis für die Schwierigkeiten, die ein junger Mann bei der Ankunft im Palast habe. Sie sagte, sie seien an derartige Gefühlsausbrüche gewöhnt und nähmen sie sich nicht zu Herzen. Richard behielt den Gedanken für sich, daß sie es sich diesmal besser doch zu Herzen nehmen sollten.
Einige der Schwestern äußerten lächelnd die Hoffnung, sie würden Gelegenheit bekommen, mit ihm zu arbeiten, und ein paar setzten eine finstere Miene auf und versprachen, ihm nichts als allergrößtes Bemühen durchgehen zu lassen. Richard antwortete lächelnd, er wolle immer nur sein Bestes geben. Insgeheim fragte er sich, auf was er sich wohl einließ.
Gegen Ende des Mahles kamen zwei junge Frauen hereingestürzt, die eine in einem seidigen rosa Kleid, die andere in Gelb, blieben an verschiedenen Tischen stehen und tuschelten leise mit anderen Frauen. Schließlich kamen sie in die Ecke, wo Richard und Pasha saßen.
Eine von ihnen beugte sich dicht zu Pasha heran. »Hast du schon gehört?« Pasha starrte mit leerem Blick zurück. »Jedidiah ist eine Treppe hinuntergefallen.« Ihre Augen funkelten, weil sie den Tratsch loswerden konnte. Aufgeregt beugte sie sich noch näher heran. »Er hat sich ein Bein gebrochen.«
Pasha stockte der Atem. »Nein! Wann denn? Wir haben ihn gerade eben noch gesehen.«
Die Frauen kicherten und nickten. »Ja, richtig. Es ist gerade erst passiert, gerade mal vor ein paar Minuten. Die Heilerinnen sind bereits bei ihm. Kein Grund zur Sorge, bis zum Morgen ist er wieder wohlauf.«
»Wie ist das passiert?«
Die Frauen zuckten mit den Achseln. »Er war einfach ungeschickt. Er ist über den Teppich gestolpert und gestürzt.« Sie senkte die Stimme. »Er war so wütend, daß er den Teppich zu Asche verbrannt hat.«
»Zaubererfeuer!« hauchte Pasha ungläubig. »Im Palast? Ein solch schweres Vergehen…«
»Nein, nein, nicht Zaubererfeuer, natürlich nicht, Dummerchen. So frech ist selbst Jedidiah nicht. Trotzdem, es war einer der ältesten Teppiche im Palast. Die Schwestern sind über dieses übellaunige Gehabe nicht begeistert. Sie haben angeordnet, zur Strafe dürfte der Knochen bis zum Morgen nicht gerichtet werden, und er muß die Schmerzen ertragen.«
Als ihnen der Gesprächsstoff schließlich ausging, richteten die beiden jungen Frauen ihre Blicke lächelnd auf Richard. Pasha stellte sie als zwei Freundinnen von ihr vor, Celia und Dulcy, zwei Novizinnen, die selbst Schützlinge hatten. Richard gab sich höflich, lobte ihre hübschen Kleider und die Art, wie sie die Locken in ihrem Haar hergerichtet hatten. Ihre Gesichter strahlten.
Als sie endlich gingen, faßte Pasha ihn am Arm und dankte ihm.
»Wofür?«
»Ich durfte noch nie zusammen mit den Schwestern speisen oder mit den Novizinnen, die einen jungen Mann haben, den sie ausbilden. Dies ist das erste Mal, daß ich am Abendessen teilgenommen habe, so als wäre ich bereits eine Schwester. Du warst höflich und aufmerksam zu allen, ich war so stolz, dich bei mir zu haben. Außerdem siehst du in diesen Kleidern sehr gut aus.«
»Ich bin sicher, in diesem Kleid könntest du einen wohlerzogeneren Tischnachbarn finden als mich.« Richard öffnete den ausgefallenen Kragen seines Hemdes. »Ich habe noch nie einen Kragen mit so vielen Rüschen getragen, oder einen weißen. Oder eine derart rote Jacke. Ich glaube, ich sehe albern aus.«
Auf Pashas Gesicht machte sich ein Grinsen breit, sie war mit sich zufrieden. »Ich kann dir versichern, Celia und Dulcy finden dich ganz bestimmt nicht albern. Mich überrascht, daß du nicht mitbekommen hast, wie sie dich angestrahlt haben. Ich dachte fast, sie würden sich dir glatt auf den Schoß setzen.«
Richard überlegte, wenn Celia und Dulcy die rote Jacke so sehr gefiel, dann sollten sie sie haben; er behielt den Gedanken jedoch für sich. »Wieso trägt ein wichtiger Zauberer wie Jedidiah keine elegante Kleidung?«
»Nur Zaubereranfänger tragen solche Kleidung, und nur ihnen ist es gestattet, in die Stadt zu gehen. An bestimmten Meilensteinen ihrer Entwicklung gehen sie zu einer besondern Art der Kleidung über. Je weiter fortgeschritten ein Zauberer ist, desto bescheidener wird seine Kleidung. Aus diesem Grund trägt Jedidiah ein schlichtes braunes Gewand, denn er hat das Ende seiner Ausbildung fast erreicht.«
»Worin liegt der Zweck einer solchen seltsamen Regelung?«
»Man lernt dadurch Bescheidenheit. Die mit den schönsten Kleidern, den größten Freiheiten und unbegrenzten finanziellen Mitteln sind die, welche die geringste Macht besitzen. Niemand respektiert sie wegen dieser Dinge. Es soll diesen jungen Burschen zeigen, daß Meisterschaft aus dem Innern kommt und nichts mit dem äußerlichen Schmuck zu tun hat.«
»Dann bedeutet das Tragen dieser Kleider für mich eine Degradierung. Ich trug bereits bescheidene Kleidung.«
»Du bist noch nicht berechtigt, bescheidene Kleidung zu tragen. Gelegentlich ist es dir erlaubt, deine eigene Kleidung zu tragen, wenn du das möchtest. War die Kleidung jedoch schlicht, dann ist dies nicht gestattet. Kein Zauberer, der einfache Kleidung trägt, hat die Erlaubnis, in die Stadt zu gehen.« Sie lächelte. »Eines Tages, wenn du weit genug bist, wird man dir erlauben, die Robe eines Zauberers zu tragen.«
»Ich mag keine Roben. Ich mag die Kleidung, die ich anhatte.«
»Wenn du den Halsring losgeworden bist und den Palast verläßt, kannst du tragen, was du willst. Natürlich, die meisten lernen die Kleidung ihres Berufsstandes zu schätzen und tragen sie für den Rest ihres Lebens.«
Richard wechselte das Thema. »Ich möchte Warren besuchen. Erklär mir, wie ich nach dort unten komme.«
»Jetzt? Heute abend? Es war ein langer Tag, Richard, außerdem muß ich dir heute deinen ersten Unterricht geben.«
»Erklär mir nur, wie ich dort hinunterkomme. Wird Warren so spät noch dort unten sein?«
»Ich wüßte nicht, daß man ihn je irgendwo anders gesehen hätte. Wahrscheinlich schläft er auf den Büchern. Ich war überrascht, ihn heute oben im Palast zu sehen. Allein das wird wochenlang Gerede geben.«
»Ich möchte nicht, daß er glaubt, ich hätte ihn vergessen. Erklär mir bloß, wie ich nach dort unten komme.«
»Also schön«, seufzte sie, »wenn du darauf bestehst, dann gehen wir zusammen. Ich soll dich im Palast der Propheten überallhin begleiten. Jedenfalls im Augenblick.«
54
Sie begannen den Abstieg in die Gewölbe des Palastes der Propheten. Die Treppenhäuser in den oberen Stockwerken waren elegant. Weiter unten waren die Treppen dann aus praktischem Stein, dessen Vorderkanten glatt und abgetreten waren. Dienstmädchen, die er in den oberen Stockwerken bemerkt hatte, waren nun nirgends mehr zu sehen.
Getäfelte Wände wichen nackten Mauern. An manchen Stellen mußte er sich unter dicken Balken hindurchducken. An den Wänden hingen keine Lampen mehr, statt dessen beleuchteten Fackeln in großen Abständen den Weg. Einige der Gänge waren naß vom Sickerwasser.
»Was befindet sich in diesen Gewölben?« wollte Richard wissen.
»Die Bücher der Prophezeiungen. Außerdem Geschichtsbücher und Aufzeichnungen des Palastes.«
»Wieso befinden sie sich hier, so weit unten?«
»Aus Sicherheitsgründen. Prophezeiungen sind für den ungeübten Verstand gefährlich. Alle Novizinnen studieren die Bücher mit den Prophezeiungen, doch nur gewissen Schwestern ist es vorbehalten, sie alle zu lesen und mit ihnen zu arbeiten. Junge Zauberer, bei denen sich herausstellt, daß ihnen ihre Gabe ein Talent für Prophezeiungen verleiht, werden von diesen Schwestern unterrichtet.