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Es gibt zwar mehrere junge Männer, die hier unten arbeiten und studieren, doch für die Gewölbe ist Warren das, was Jedidiah oben ist. Jeder Zauberer hat sein Spezialgebiet. Wir werden mit dir arbeiten, um herauszufinden, wo deine angeborene Begabung liegt. Bis wir das herausgefunden haben, wird es schwierig sein, mit deiner Ausbildung Fortschritte zu erzielen.«

»Schwester Verna hat mir ein wenig darüber erzählt. Was glaubst du, wo liegt mein Talent?«

»Gewöhnlich können wir das anhand der Persönlichkeit des Jungen feststellen. Einige arbeiten gern mit den Händen und stellen schließlich magische Gegenstände her. Manche helfen gern Kranken und Verwundeten und werden zu Heilern. So in etwa. Gewöhnlich erkennen wir das.«

»Und ich?«

Sie blickte kurz zu ihm hinüber. »Jemand wie du ist noch keinem von uns begegnet. Wir haben keine Ahnung, noch nicht.« Pashas Miene hellte sich auf. »Aber das kommt noch.«

Eine riesige, runde Tür aus Stein, so dick wie Richard groß war, stand im Dämmerlicht offen. Dahinter lagen Räumlichkeiten, die man aus eben jenem Muttergestein gehauen hatte, auf dem der Palast stand. Den Lampen gelang es nur im geringen Maße, den Ort zu erhellen. Es gab eine Anzahl langer, abgenutzter Tische, auf denen Bücher und Papiere verstreut lagen, sowie lange Reihen mit Regalen an den Wänden. Zwei Frauen saßen an den Tischen, machten sich Notizen, während sie bei Kerzenschein lasen.

Eine von ihnen sah auf und sprach Pasha an. »Was tust du hier unten, Kind?«

Pasha machte einen Knicks. »Wir sind gekommen, um Warren zu besuchen, Schwester.«

»Warren? Wieso?«

Just in diesem Augenblick kam Warren aus dem Dunkel hervorgehastet. »Schon gut, Schwester Becky. Ich habe sie gebeten herzukommen.«

»Nun, beim nächsten Mal sag bitte vorher jemandem Bescheid.«

»Ja, Schwester, das werde ich tun.«

Warren schob sich zwischen die beiden, nahm von beiden einen Arm und führte sie zu den Regalen. Als ihm bewußt wurde, daß er Pasha berührte, riß er seine Hand zurück und wurde rot.

»Du siehst … blendend aus, Pasha.«

»Danke, Maulwurf.« Sie errötete ebenfalls. Dann legte sie ihm eine Hand auf die Schulter. »Tut mir leid, Warren … ich habe mir nichts dabei gedacht.«

Er lächelte. »Nicht schlimm, Pasha. Ich weiß schon, die Leute nennen mich doch alle Maulwurf. Sie denken, das sei abschätzig, aber für mich ist es ein Kompliment. Weißt du, ein Maulwurf kann seinen Weg im Dunkeln finden, dort, wo andere blind sind. Das ähnelt sehr dem, was ich tue. Ich finde meinen Weg dort, wo andere nichts sehen.«

Pasha seufzte erleichtert. »Ich bin froh, Warren. Maulwurf, hast du schon gehört, daß Jedidiah eine Treppe hinuntergestürzt ist und sich ein Bein gebrochen hat?«

»Tatsächlich?« Er sah ihr suchend in die Augen. »Vielleicht wollte ihm der Schöpfer zeigen, daß man nicht mehr sieht, wohin man läuft, wenn man die Nase zu sehr in die Höhe reckt.«

»Ich glaube, Jedidiah schenkt den Lektionen des Schöpfers keine große Beachtung«, meinte Pasha. »Ich hab’ erzählen hören, er habe einen kostbaren Teppich zu Asche verbrannt.«

Warren hielt ihrem Blick noch immer stand. »Du solltest verärgert sein, nicht Jedidiah. Er hat die widerwärtigen Dinge gesagt. Niemand sollte so etwas zu dir sagen.«

»Normalerweise ist er immer freundlich zu mir, aber ich gebe zu, ich sah wirklich schrecklich aus.«

»Einige dieser Bücher hier sehen für die Leute auch schrecklich aus, doch was zählt, ist das, was drinnen steht, nicht der Staub auf dem Einband.«

Pasha errötete aufs neue. »Trotzdem … danke, Maulwurf.«

Warren blickte Richard an. »Ich wußte nicht, ob du tatsächlich kommen würdest. Die meisten sagen nur, sie kommen, tun es aber nie. Um so mehr freue ich mich. Hier entlang. Ich fürchte, du mußt hier warten, Pasha.«

»Was?« Sie beugte sich vor, und Richard fürchtete, ihre Brüste könnten aus dem Kleid fallen, wenn sie sich nicht wieder aufrichtete. »Ich komme mit.«

Warren riß die Augen auf. »Aber ich muß ihn in eines der hinteren Zimmer bringen. Du bist Novizin. Novizinnen haben keinen Zutritt.«

Sie richtete sich auf und setzte ein freundliches Lächeln auf.

»Maulwurf, wenn eine Novizin dort keinen Zutritt hat, wie dann ein neuer Schüler?«

Warren kniff nun die Augen zusammen. »Er steht in den Prophezeiungen. Wenn die Prophezeiungen es für richtig halten, über ihn zu schreiben, kann es kaum in ihrer Absicht liegen, daß er sie nicht liest.«

Hier unten in seinem Element wirkte Warren beträchtlich selbstsicherer als zuvor oben im Palast. Er ließ sich nicht von seiner Ansicht abbringen. Pasha strich ihm über die Schulter. Er blickte auf ihre Hand.

»Warren, du bist der Maulwurf, du zeigst anderen den Weg. Ich bin für Richard verantwortlich, ich zeige ihm den Weg. Ich würde meine Pflicht vernachlässigen, wenn ich ihm erlaube, so früh schon ohne mich irgendwohin zu gehen. Du kannst doch bestimmt eine Ausnahme für mich machen. Oder, Warren? Um Richard zu helfen, ihm zu helfen, die Prophezeiung zu verstehen und wie er dem Schöpfer dienen soll. Ist es nicht das, was wirklich wichtig ist?«

Schließlich löste Warren seinen Blick von ihr und meinte, sie sollten warten. Er ging hinüber zu den beiden Schwestern und unterhielt sich leise mit ihnen. Als er schließlich zurückkam, trug er ein Lächeln im Gesicht.

»Schwester Becky meinte, es sei erlaubt. Ich habe ihr erklärt, du verstündest ein wenig Hoch-D’Haran. Sag ihr das, falls sie danach fragt.«

»Was ist Hoch-D’Haran? Warren, soll ich allen Ernstes lügen?«

»Sie wird bestimmt nicht fragen.« Warren wandte sein Gesicht ab. »Ich habe die Lüge für dich erzählt, Pasha, damit du es nicht zu tun brauchst.«

Sie beugte sich näher zu ihm vor. »Du weißt, was geschieht, Warren, wenn man dich beim Lügen erwischt.«

Er lächelte sie gequält an. »Ja, das weiß ich.«

»Und was geschieht dann?« fragte Richard, plötzlich mißtrauisch.

Warren winkte ungeduldig ab. »Keine Sorge. Ihr zwei kommt mit.«

Sie mußten sich beeilen, ihm zu folgen, als er loslief, in die Dunkelheit hinein. Sie gingen an dichtgestellten Reihen von Regalen vorbei, erreichten schließlich eine massive Wand aus Felsgestein. Warren legte die Hand auf eine Metallplatte, und ein Teil der Wand bewegte sich und gab den Blick auf eine Kammer dahinter frei. In dem kleinen Raum standen ein Tisch und vielleicht ein Dutzend Regalreihen. Vier Lampen ließen es drinnen vergleichsweise hell erscheinen.

Drinnen berührte Warren eine weitere Platte. Die Wand glitt zu. Inmitten des Steins herrschte tödliche Stille. Warren zog einen Stuhl für Pasha vor und bat Richard, sich rechts neben sie zu setzen. Schließlich nahm er ein ledergebundenes Buch aus dem Regal und legte es behutsam vor Richard ab.

»Berühr es bitte nicht«, sagte Warren. »Es ist sehr alt und zerbrechlich. In der letzten Zeit ist es häufiger benutzt worden. Laß mich die Seiten umblättern.«

»Wer hat es benutzt?« wollte Richard wissen.

»Die Prälatin.« Ein Lächeln zuckte über Warrens Lippen. »Wann immer es heißt, daß sie nach hier unten kommt, tauchen zuerst ihre beiden großen Wächterinnen auf und treiben jeden hinaus. Sie räumen die Gewölbe, damit die Prälatin sie für sich hat und niemand weiß, was sie liest.«

»Ihre beiden Wächterinnen?« fragte Pasha. »Du meinst die beiden Schwestern in ihrem Vorzimmer?«

»Ja«, antwortete Warren. »Schwester Ulicia und Schwester Finella.«

»Wir haben sie heute gesehen«, meinte Richard. »So groß sind sie mir gar nicht vorgekommen.«

Warren senkte bedeutungsvoll die Stimme. »Solltest du ihnen jemals in die Quere kommen, wirst du anders darüber denken. Dann werden sie dir sehr groß vorkommen.«

Warrens Ausdrucksweise machte Richard nachdenklich. »Wenn der Keller geräumt wird, woher weißt du dann, daß sie dieses Buch gelesen hat?«