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»Ich weiß es eben.« Er drehte sich zum Buch auf dem Tisch um. »Ich weiß es. In der letzten Zeit hat sie größtenteils in diesem Raum gelesen. Ich lebe mit diesen Büchern. Ich merke es, wenn jemand sie anfaßt. Siehst du diese Stelle, wo der Staub weggewischt wurde? Die stammt nicht von mir. Sondern von der Prälatin.«

Warren hob den Buchdeckel vorsichtig an und blätterte die vergilbten Seiten um, indem er sie mit beiden Händen behutsam hielt. Auf einer der Seiten, die Warren umblätterte, glaubte Richard etwas zu erkennen: eine Zeichnung. Sie löste eine verschüttete Erinnerung aus. Warren schlug noch weitere Seiten um und hielt schließlich inne. Er beugte sich über Richards Schulter und zeigte ihm etwas.

»Dies ist die Prophezeiung, von der du gesprochen hast.« Warren ging zur rechten Seite des Tisches hinüber. »Dies ist das Original, in der Handschrift des Propheten selbst. Nur wenige haben sie je zu Gesicht bekommen. Verstehst du Hoch-D’Haran?«

»Nein. Für mich sieht das bloß wie Gekritzel aus.« Richard überflog die für ihn bedeutungslose Schrift. »Du hast gesagt, es bestünde Uneinigkeit über ihre Bedeutung.«

Warrens Augen glänzten. »So ist es. Du mußt wissen, dies ist eine sehr alte Prophezeiung, vielleicht so alt wie der Palast, möglicherweise älter. Dies ist das Original der Prophezeiung. Sie ist in Hoch-D’Haran wie alles andere in diesem Raum. Nur sehr wenige verstehen Hoch-D’Haran.«

Richard nickte. »Man hat also immer nur die Übersetzungen gelesen, und es gibt Grund zu der Annahme, daß diese Übersetzungen nicht exakt sind.«

»Du verstehst es«, hauchte Warren. Seine Bewegungen wurden lebendiger. »Ja, ja, du siehst die Schwierigkeit. Die meisten tun das nicht. Die meisten glauben, etwas in der einen Sprache müsse etwas Bestimmtes in einer anderen bedeuten. Um die Übersetzung abzuschließen, entscheiden sie sich für eine Interpretation, die auf ihre Vorstellung von der Bedeutung paßt, doch dabei erzeugen sie einen Sinnzusammenhang, der vielleicht in der Prophezeiung enthalten ist, vielleicht aber auch nicht.«

»Doch das läßt die Möglichkeit unterschiedlicher Bedeutungen außer Betracht«, sagte Richard. »Sie geben ihr in der Übersetzung nur eine einzige Bedeutung. Ihren Doppelsinn können sie nicht erfassen.«

Warren schob sich aufgeregt nach vorn. »Ja! Genau das ist es! Das ist es, was sie nicht begreifen, und deswegen streiten sie über verschiedene Übersetzungen, ganz so, als gäbe es eine richtige und eine falsche. Hier handelt es sich jedoch um Hoch-D’Haran, und Hoch-D’Haran…«

Warrens Worte verklangen. Richard starrte auf die Seite. Die Bilder dort schlugen ihn in ihren Bann. Fast war es, als flüsterten sie ihm etwas zu. Noch nie zuvor hatte er derartige Worte gesehen, doch sie brachten irgend etwas tief in seinem Innern zum Klingen.

Wie angezogen von einem der Wörter, streckte er langsam die Hand aus. Seine Finger kamen auf dem Wort zur Ruhe.

»Dies hier«, flüsterte Richard wie in Trance. Die Linien der Buchstaben schienen sich aus dem Papier zu heben, als wären sie lebendig, und die dunklen Linien schlängelten sich um seinen Finger, zärtlich, streichelnd, mit intimer Vertrautheit. Zusätzlich schwebte ihm das Bild des Schwertes der Wahrheit vor den Augen.

Warrens weißes Gesicht löste sich aus dem Buch. »Drauka«, sagte er kaum hörbar. »Das ist das Wort, das im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht. Fiter grissa ost drauka — der Bringer des Todes.«

»Und worum geht es bei dieser Auseinandersetzung?« fragte Pasha. »Willst du sagen, daß man diese Worte unterschiedlich übersetzen kann?«

Warren machte eine vage Geste. »Ja und nein. Das ist die wörtliche Übersetzung dieser Worte. Die Bedeutung ist es, die strittig ist.«

Richard zog seine Hand zurück. Er verbannte das Bild des Schwertes aus seinen Gedanken. »Tod. Das kann vieles heißen.«

Warren lag praktisch auf dem Tisch, als er sich vornüberbeugte. »Ja! Du hast es verstanden!«

»Der Tod — das ist doch absolut eindeutig«, wandte Pasha ein.

Warren richtete sich auf und rieb sich die Hände. »Eben nicht, Pasha. Nicht in Hoch-D’Haran. Die Waffe, die die Schwestern mit sich führen, der Dacra, stammt von diesem Wort ab. Drauka bedeutet tot, wenn ich zum Beispiel sage: ›Der Mriswith, den Richard getötet hat, ist tot.‹ Drauka. Tot. Aber es hat auch noch andere Bedeutungen. Drauka steht auch für die Geister der Toten.«

Pasha beugte sich stirnrunzelnd vor. »Soll das heißen, drauka kann in diesem Sinne ›der Bringer der Geister‹ bedeuten?«

»Nein«, sagte Richard. Leise sprach er die zweite Bedeutung des Wortes aus: »Seelen. Der Bringer der Seelen.«

»Ja«, meinte Warren mit leiser Stimme. »Das ist die zweite Interpretation.«

»Wie viele dieser unterschiedlichen Bedeutungen von drauka gibt es?« fragte Pasha.

Drei, überlegte Richard.

»Drei«, sagte Warren.

Richard kannte die dritte. »Die Unterwelt«, sagte er leise, während er auf das Wort drauka auf der Seite starrte. »Der Ort der Toten. Das ist die dritte Bedeutung von drauka

Blaß wie ein Gespenst beugte Warren sich zu ihm hinüber. »Aber du verstehst doch kein Hoch-D’Haran?« Richard schüttelte langsam den Kopf, den Blick auf die Buchseite geheftet. Warrens Zunge schnellte vor und befeuchtete seine Lippen. »Jetzt erzähl mir bitte nicht, daß du d’haranisches Blut in den Adern hast.«

»Mein Vater war Darken Rahl«, sagte Richard leise. »Er war der Zauberer, der D’Hara als letzter regiert hat, und vor ihm saß mein Großvater Panis auf dem Thron.«

»Beim Schöpfer«, flüsterte Warren kaum hörbar.

Pasha legte Richard eine Hand auf den Arm, als sie sich zu den beiden hinüberbeugte. »Unterwelt? Wie kann es Unterwelt bedeuten?«

»Weil«, erklärte Warren, »die Unterwelt die Welt der Toten ist.«

Die Falten auf ihrer Stirn wurden tiefer. »Aber wie kann es ›Bringer der Unterwelt‹ bedeuten? Wie kann man die Unterwelt ›bringen‹?«

Richard starrte leeren Blicks nach vorn. »Indem man den Schleier zerreißt.«

Die Stille hallte durch den steinernen Raum. Pasha blickte von einem Gesicht zum anderen. Schließlich brach sie das Schweigen.

»Aber mir hat man beigebracht, um ein Wort aus einer Fremdsprache in einer Prophezeiung zu übersetzen, das unterschiedliche Nuancen in der Bedeutung aufweist, braucht man es nur im Zusammenhang zu deuten. Eigentlich brauchte man doch nur festzustellen, wie es verwendet wird, um seine Bedeutung zu erschließen.«

Warren zog die Augenbrauen hoch. »Eben darum geht der Streit. In dieser Prophezeiung ist von Dingen die Rede, die sich unter Umständen auf alle drei möglichen Bedeutungen des Wortes drauka beziehen. Je nachdem, welche Bedeutung beabsichtigt war, verändert sich die Bedeutung der Prophezeiung. Aus diesem Grund kann sie nicht mit Gewißheit gedeutet werden. Es ist wie mit einem Hund, der seinem eigenen Schwanz hinterherjagt. Je mehr er es versucht, desto schneller bewegt er sich im Kreis.

Deswegen bin ich auch so versessen darauf, die beabsichtigte Bedeutung des Wortes drauka zu erfahren. Wenn ich die wüßte, dann könnte ich zum ersten Mal den Rest der Prophezeiung korrekt entschlüsseln. Ich wäre der erste in dreitausend Jahren, der sie verstanden hätte.«

Richard schob seinen Stuhl vom Tisch zurück. »Nun, wie schon gesagt, ich bin nicht sehr gut im Rätselraten.« Er zwang sich zu lächeln. »Aber ich verspreche, ich werde darüber nachdenken.«

Warrens Miene hellte sich auf. »Würdest du das tun? Ich wüßte es sehr zu schätzen, wenn du mir helfen könntest.«

Richard drückte Warrens Schulter. »Du hast mein Wort darauf.«

Pasha stand auf. »Es wäre besser, wenn wir jetzt mit Richards Unterricht beginnen. Es wird spät.«