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Warren wischte sich hektisch die Schulter ab. »Da ist keine Asche. Ich sehe keine Asche.«

Richard wartete, bis Warren den Kopf hob. »Und warum wischst du dann an deinem Umhang herum?«

»Nun ich wollte nur … ich…«

Richard legte Warren die Hand auf den Rücken, um ihn zu beruhigen. »Ist schon in Ordnung, Warren. Ich glaube an die Gerechtigkeit. Ich glaube, Jedidiah hat bekommen, was er verdient. Ich werde niemandem etwas verraten. Und du darfst auch niemandem etwas hiervon verraten.«

»Ich muß dich warnen, Richard. Du hast gestern etwas sehr Gefährliches getan, als du den Schwestern gesagt hast, du seist der Bringer des Todes. Dies ist eine wohlbekannte und heiß umstrittene Prophezeiung. Es gibt Schwestern, die glauben, sie bedeutet, daß du jemand bist, der Menschen tötet. Sie werden versuchen, dir Trost zu spenden. Es gibt andere, die glauben, es bedeutet, daß du die Seelen herbeirufst. Sie werden dich studieren wollen.« Er kam ein wenig näher. »Und dann sind da noch jene, die denken, es bedeutet, daß du den Schleier zerreißen und dem Namenlosen dazu verhelfen wirst, uns alle zu verschlingen. Sie können versuchen, dich zu töten.«

»Ich weiß, Warren.«

»Warum hast du ihnen dann erzählt, du seist der, von dem in der Prophezeiung die Rede ist?«

»Weil ich der fuer grissa ost drauka bin. Wenn die Zeit kommt, werde ich jede von ihnen töten, die ich töten muß, um diesen Ring herunterzubekommen. Fairerweise mußte ich sie vorher warnen und ihnen so eine Chance geben.«

Warren legte einen Finger an die Unterlippe. »Aber Pasha würdest du doch nichts tun. Nicht Pasha.«

»Ich hoffe, ich muß niemandem etwas antun, Warren. Mit dem Wissen, mit dem du mir hilfst, brauche ich vielleicht niemandem Schaden zuzufügen. Ich hasse es, der fuer grissa ost drauka zu sein, aber ich bin es nun mal.«

Warrens Augen füllten sich mit Tränen. »Bitte, Pasha würdest du doch nichts tun.«

»Ich mag sie, Warren. Ich finde, sie ist ein wunderbarer Mensch, innerlich — wie du gesagt hast. Ich töte nur, um mein Leben oder das Leben Unschuldiger zu schützen. Hoffentlich wird mir Pasha niemals einen Grund dazu geben, aber du mußt begreifen, daß, wenn ich recht habe und der Schleier eingerissen ist, mehr auf dem Spiel steht als das Leben eines einzelnen. Sei es meines, deines oder Pashas.«

Warren nickte. »Ich habe die Prophezeiungen gelesen. Ich verstehe. Ich werde nach den Dingen forschen, die du brauchst.«

Richard versuchte ihn mit einem freundlichen Lächeln zu beruhigen. »Alles wird gut gehen, Warren. Ich bin der Sucher, ich werde mein Bestes tun. Ich will niemandem etwas antun.«

»Sucher? Was ist das, der Sucher?«

Richard schlug mit der flachen Hand auf die Metallplatte. »Das erkläre ich dir später.«

Warren starrte auf die Platte, als die Tür sich öffnete. »Wie kommt es, daß du das kannst?«

Pasha stand ruhig da und wartete. Man sah ihrem Gesicht an, welche Mühe sie hatte, sich ihren Ärger nicht anmerken zu lassen.

»Und was, bitte, sollte das?«

Richard trat durch die Öffnung. »Ein Gespräch unter Jungen.«

Pasha hielt ihn am Arm zurück. »Was soll das heißen ›ein Gespräch unter Jungen‹?«

Richard sah ihr in die warmen, braunen Augen. »Ich habe Warren den Arm verdreht und ihn gezwungen, mir von der Schmerzensprüfung zu erzählen. Du hast nichts davon erwähnt, also mußte ich ihn danach fragen.«

Pasha rieb sich die nackten Arme, als wäre ihr kalt. »Ich nehme keine Prüfungen ab, Richard. Ich bin nur Novizin. Das müssen voll ausgebildete Schwestern tun.«

»Warum hast du mir nichts davon erzählt?«

Tränen schossen ihr in die Augen. »Ich mag es nicht, wenn Menschen Leid geschieht. Du sollst keine Angst vor etwas haben, das vielleicht erst in langer Zeit stattfindet. Manchmal kann das Warten schlimmer sein als die tatsächliche Erfahrung. Ich wollte nicht, daß du verängstigt warten mußt.«

»Oh.« Richard atmete erleichtert auf. »Nun, das ist wohl ein guter Grund. Ich möchte mich für das, was ich über dich gedacht habe, entschuldigen, Pasha.«

Sie rang sich ein Lächeln ab. »Sollen wir jetzt gehen und mit dem Unterricht beginnen?«

Wieder oben, gingen sie schließlich durch Flure und mehrere Gebäude, bis sie schließlich das Guillaume-Haus erreichten, wo sich Richards Zimmer befand. Der Stoff von Pashas Kleid raschelte, als sie über die breite Marmortreppe nach oben stiegen. Wände und Säulen waren aus passendem, hellbraun-buntem Marmor.

Es war ein wundervoller Ort mit eleganten Räumlichkeiten, aber er war nicht so eindrucksvoll wie der Palast des Volkes in D’Hara. Bevor er jenes prächtige Bauwerk gesehen hatte, hätte ihn die Pracht dieses Gebäudes in Erstaunen versetzt. Jetzt merkte er sich nur seinen Grundriß und die Lage der einzelnen Gebäude und Räume. Als sie oben durch einen weiteren mit Teppich ausgelegten Flur gingen, sah er mehrere andere junge Männer, die einen Rada’Han trugen. Schließlich kamen sie zu seinem Zimmer.

Richard faßte sie am Handgelenk, als sie nach der Türklinke greifen wollte. Sie sah verwundert auf.

»Drinnen ist jemand«, sagte er.

55

»Es ist meine Pflicht, auf dich aufzupassen«, sagte Pasha. Sie benutzte ihr Han, löste seinen Griff an ihrem Handgelenk, schleuderte ihn wie mit unsichtbarer Hand zur Seite und stürmte durch die Tür. Richard rollte ab, landete auf den Füßen, zog sein Schwert und stürzte ihr hinterher. Einzig die kleinen Flammen aus dem Kamin erhellten das ansonsten dunkle Zimmer. Die beiden kamen stolpernd in fast völliger Dunkelheit zum Stehen.

Aus einem Sessel neben dem Feuer kam eine Stimme. »Erwartest du einen Mriswith, Richard?«

»Schwester Verna!« Richard ließ sein Schwert zurück in die Scheide gleiten. »Was tut Ihr hier?«

Sie erhob sich, machte eine Handbewegung Richtung Lampe und brachte den Docht zum Brennen. »Ich wußte nicht, ob du es schon gehört hast.« Ihrem Gesicht war nichts zu entnehmen. »Ich bin wieder eine Schwester des Lichts.«

»Wirklich?« sagte Richard. »Das sind ja gute Neuigkeiten.«

Schwester Verna faltete die Hand. »Da ich wieder eine Schwester bin, wollte ich dich einen Augenblick lang unter vier Augen sprechen.« Sie sah zu Pasha hinüber. »Über eine unerledigte Angelegenheit zwischen Richard und mir.«

Pasha blickte von der Schwester zu Richard. »Nun, ich denke, dieses Kleid ist, nun ja, vielleicht nicht gerade das bequemste, um darin Unterricht zu geben. Vielleicht sollte ich mich umziehen.« Sie machte einen Knicks vor Schwester Verna. »Gute Nacht, Schwester. Ich freue mich so für Euch. Ihr solltet wirklich Schwester sein. Und Richard, vielen Dank, daß du heute ein solcher Gentleman warst. Wenn ich mich umgezogen habe, komme ich zurück.«

Richard stand mit dem Gesicht zur Tür, nachdem sie sich hinter Pasha geschlossen hatte.

»Gentleman«, meinte Schwester Verna. »Ich bin entzückt, das zu hören, Richard. Außerdem möchte ich mich bei dir bedanken, weil man mich wieder zur Schwester gemacht hat. Schwester Maren hat mir erzählt, was passiert ist.«

Richard drehte sich lachend zu ihr um. »Ihr wart zu lange in meiner Gegenwart, Schwester. Trotzdem braucht Ihr noch mehr Übung im Lügen. Ihr seid noch nicht ganz überzeugend.«

Sie konnte nicht verhindern, daß ein Lächeln über ihre Lippen huschte. »Nun, Schwester Maren erzählte mir, sie habe für Unterweisung gebetet und sei zu dem Entschluß gekommen, ich könne dem Schöpfer angesichts meiner Erfahrung am besten als Schwester dienen.« Sie zog die Augenbrauen hoch. »Arme Schwester Maren. Seit deiner Ankunft scheint das Lügen zu einer ansteckenden Krankheit geworden zu sein.«

Er zuckte mit den Achseln. »Schwester Maren hat das Richtige getan. Ich glaube, Euer Schöpfer wäre mit dem Ergebnis zufrieden.«

»Wie ich gehört habe, hast du einen Mriswith getötet. Neuigkeiten breiten sich im Palast aus wie ein Feuersturm im trockenen Gras.«

Richard ging zum Kamin. Er lehnte sich an den dunklen, granitenen Sims und starrte in die Flammen. »Ich hatte keine Wahl.«