Richards ausdrucksloser Blick blieb auf die beiden Brüder geheftet. »Sag ihnen, ich finde, ihre Pfeile sind sehr gut gearbeitet. Frag sie, ob ich mir einen ansehen kann.«
Kahlan runzelte die Stirn, bevor sie für die Jäger übersetzte.
Die beiden Brüder strahlten vor Stolz. Prindin zog einen Pfeil aus seinem Köcher und reichte ihn Richard. Kahlan fiel auf, daß die Ältesten verstummt waren. Richard rollte den Pfeil zwischen seinen Fingern. Ohne sich seine Gefühle anmerken zu lassen, betrachtete er erst die Kerbe, dann drehte er ihn um und studierte die flache Spitze aus Metall.
Er gab den Pfeil zurück. »Sehr gute Arbeit.«
Während Prindin den Pfeil zurück in seinen Köcher steckte, erklärte Kahlan ihm, was Richard gesagt hatte. Er ließ die Hand ein Stück an seinem Speer nach oben gleiten und stützte sich leicht darauf. »Wenn du mit einem Bogen umgehen kannst, möchten wir dich einladen, uns morgen zu begleiten.«
Bevor sie übersetzen konnte, sprach Savidlin zu ihr. »Richard meinte damals, bei eurem ersten Besuch, er hätte seinen Bogen in Westland zurücklassen müssen und würde ihn vermissen. Als Überraschung habe ich einen für ihn angefertigt — zu eurer Rückkehr. Es ist ein Geschenk dafür, daß er mir beigebracht hat, wie man Dächer baut, die keinen Regen durchlassen. Er befindet sich in meinem Haus. Ich hatte vor, ihm den Bogen morgen zu schenken. Sag ihm das. Und sag ihm auch, wenn er einverstanden ist, würde ich gern einige meiner Jäger mitnehmen und ihn morgen begleiten.« Er lächelte. »Dann werden wir sehen, ob er ein so guter Schütze wie unsere Jäger ist.«
Die Brüder strahlten und nickten begeistert. Sie schienen sich, was den Ausgang des Wettstreits betraf, sehr sicher zu sein. Kahlan erklärte Richard, was Savidlin gesagt hatte.
Richard war überrascht. Was Savidlin getan hatte, schien ihn zu rühren. »Die Schlammenschen stellen mit die feinsten Bögen her, die ich je gesehen habe. Ich fühle mich geehrt, Savidlin.« Er mußte grinsen. »Jetzt können wir den beiden zeigen, wie man schießt.«
Die beiden lachten, als sie den letzten Teil der Übersetzung hörten. »Bis morgen also«, meinte Prindin schon im Gehen.
Richard blickte den beiden mit finsterer Miene nach.
»Was war das für eine Geschichte mit den Pfeilen?« fragte sie.
Schließlich sah er zu ihr hinüber. »Frag Savidlin, ob ich einen Blick auf seine Pfeile werfen dürfte, dann zeige ich dir, was ich meine.«
Savidlin reichte ihm den Köcher. Richard zog eine Handvoll Pfeile heraus und sortierte die mit einer dünnen, gehärteten Holzspitze aus. Kahlan wußte, daß sie vergiftet waren. Richard nahm einen Pfeil mit einer flachen Spitze aus Metall und steckte den Rest zurück.
Er reichte ihr den Pfeil. »Sag mir, was du siehst.«
Sie rollte ihn zwischen ihren Fingern, wie er es mit dem anderen gemacht hatte. Sie wußte nicht, was ihr das sagen sollte, daher betrachtete sie die Kerbe und die Spitze.
Sie zuckte mit den Achseln. »Sieht mir aus wie ein ganz gewöhnlicher Pfeil. Wie jeder andere auch.«
Richard lächelte. »Wie jeder andere?« Er zog einen Pfeil am eingekerbten Ende aus dem Köcher und hielt die schmale, runde Spitze in die Höhe, damit sie sie sehen konnte. Er zog eine Braue hoch. »Sieht er genauso aus wie dieser hier?«
»Eigentlich nicht. Diese Spitze ist klein, lang, dünn und rund. Der dagegen hat eine Spitze aus Metall. Er ist genau wie der, den Prindin hatte.«
Richard schüttelte langsam den Kopf. »Nein, das ist er nicht.« Er steckte den Pfeil mit der Holzspitze zurück, nahm ihr den einen aus der Hand und hielt ihn ihr mit der Kerbe nach vorn hin. »Siehst du, hier? Wo die Sehne hineingreift? Man klemmt ihn so auf die Sehne, daß die Kerbe senkrecht steht. Sagt dir das irgend etwas?« Sie runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Einige Pfeile haben spiralförmige Federn, damit die Pfeile rotieren. Manche Leute glauben, daß sie dadurch an Wucht gewinnen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber darum geht es auch nicht. Die Pfeile der Schlammenschen sind mit geraden Federn versehen. Das stabilisiert ihren Flug. Sie treffen in der gleichen Stellung auf, in der sie abgeschossen werden.«
»Aber mir ist immer noch nicht klar, worin sich dieser Pfeil von Prindins unterscheidet.«
Richard drückte seinen Daumennagel in die Kerbe. »So paßt der Pfeil auf die Sehne. Mit der Kerbe von oben nach unten. Wenn der Pfeil im Bogen liegt und wenn er trifft, befindet er sich genau in dieser Stellung. Und jetzt wirf einen Blick auf die Spitze. Siehst du, daß sie auch senkrecht steht? Genau wie die Kerbe. Spitze und Sehne liegen in derselben Ebene. Savidlins Pfeile mit Metallspitze sind alle so.
Der Grund dafür ist, daß er die Metallspitzenpfeile für die Jagd auf große Tiere benutzt, Wildschweine und Hirsche. Die Rippenknochen verlaufen bei Tieren senkrecht, genau wie die Metallspitzen. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit größer, daß sie durch die Rippen dringen, ohne von ihnen aufgehalten zu werden.«
Er beugte sich ein wenig weiter zu ihr herüber. »Prindins Pfeile sind anders. Die Spitzen sind um neunzig Grad gedreht. Wenn seine Pfeile in der Kerbe liegen, ist die Spitze waagerecht. Seine Pfeile sind nicht dafür gemacht, zwischen den Rippen von Tieren hindurchzudringen. Die Spitzen liegen waagerecht, weil er etwas anderes jagt. Etwas, dessen Rippen waagerecht liegen. Menschen.«
Kahlan spürte, wie sie eine Gänsehaut an den Armen bekam. »Warum sollte er das tun?«
»Die Schlammenschen sind sehr darauf bedacht, ihr Land zu sichern. Es geschieht nicht oft, daß sie Fremde hereinlassen. Ich könnte mir denken, daß Chandalen und seine Männer die Grenzen gegen Übertritte schützen. Vermutlich sind sie die wildesten Jäger der Schlammenschen und die besten Schützen. Frag Savidlin, ob sie mit ihren Bögen umzugehen verstehen.«
Sie leitete die Frage weiter.
Savidlin schien amüsiert. »Keiner von uns kann Chandalens Männer schlagen. Selbst wenn Richard mit dem Zorn gut sein sollte, wird er verlieren. Doch sie sind darauf bedacht, uns nicht zu sehr zu erniedrigen. Sie sind gute Gewinner. Richard braucht sich keine Sorgen zu machen, der Tag wird ihm Freude bereiten. Sie werden ihm beibringen, besser zu schießen. Das ist auch der Grund, weshalb ich meine Männer mitnehmen möchte: Chandalens Männer zeigen uns immer, wie wir uns verbessern können. Wenn man gewinnt, der Beste ist, bedeutet das bei den Schlammmenschen, daß man Verantwortung für die Besiegten übernimmt. Man muß ihnen zeigen, wie sie sich verbessern können. Sag ihm, daß er unmöglich kneifen kann, jetzt, nachdem er die Herausforderung angenommen hat.«
»Ich war immer schon der Ansicht, daß es nicht schaden kann, dazu zulernen«, meinte Richard. »Ich werde nicht kneifen.«
Als sie Richards angespannten Blick sah, mußte sie grinsen, bis ihre Kiefermuskeln schmerzten. Richard drehte sich grinsend um, zog seinen Rucksack über den Dielenboden und holte einen Apfel heraus. Er schnitt den Apfel entzwei, entfernte das Kerngehäuse und reichte ihr die Hälfte.
Die Ältesten rutschten nervös hin und her. In den Midlands galten rote Früchte als giftig — sie waren das Ergebnis eines bösen Zaubers. Im Westland, woher Richard stammte, war das unbekannt. Dort konnte man rote Früchte, wie zum Beispiel Äpfel, essen. Sie hatten ihn bereits einmal einen Apfel essen sehen, als er sie mit einem Trick dazu gebracht hatte, keine Frau aus ihrem Dorf heiraten zu müssen. Damals hatte er sie überzeugt, durch den Genuß eines Apfels könnte sein Samen für seine Braut vergiftet werden. Doch auch diesmal schwitzten sie, als sie sahen, wie die beiden die Prozedur wiederholten.
»Was tust du?« fragte Kahlan ihn.
»Iß einfach deinen Apfel, und dann übersetze für mich.«
Als sie fertig waren, erhob sich Richard und gab ihr ein Zeichen, sich neben ihn zu stellen. »Verehrte Älteste, ich bin zurückgekehrt, nachdem ich die Bedrohung für Euer Volk abgewehrt habe. Jetzt, wo das vorüber ist, möchte ich Euch in einer Sache um Eure Erlaubnis bitten. Ich hoffe, ich habe Eure Wertschätzung verdient. Ich möchte Euch um Erlaubnis bitten, eine Frau aus dem Volk der Schlammenschen zur Frau nehmen zu dürfen. Wie Ihr seht, habe ich Kahlan beigebracht, diese Dinge so zu essen, wie ich es tue. Sie wird weder durch sie noch durch mich zu Schaden kommen, und desgleichen werde ich auch durch sie nicht zu Schaden kommen, obwohl sie ein Konfessor ist. Wir möchten Zusammensein und würden uns gern vor Eurem Volk trauen lassen.«