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Schwester Verna strich ihm zärtlich übers Haar. »Ist alles in Ordnung mit dir, Richard? Wie geht es dir?«

»Gut.« Richard zog den Schwertgurt über seinen Kopf und legte ihn und das Schwert zur Seite. Die rote Jacke warf er über einen Stuhl. »Es ginge mir besser, wenn ich nicht diese albernen Kleider tragen müßte. Aber vermutlich ist das ein geringer Preis für den Frieden. Im Augenblick. Worüber wolltet Ihr mit mir sprechen, Schwester?«

»Ich weiß nicht, was du getan und wie du es angestellt hast, daß ich wieder als Schwester eingesetzt wurde, trotzdem danke, Richard. Ist das ein Freundschaftsangebot?«

»Nur, wenn Ihr diesen Halsring abnehmt.« Sie wich seinem Blick aus. »Eines fernen Tages, Schwester, werdet Ihr euch entscheiden müssen. Wenn es soweit ist, hoffe ich, Euch auf meiner Seite wissen zu dürfen. Nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben, wäre es mir äußerst unangenehm, Euch töten zu müssen, aber Ihr wißt, wozu ich fähig bin. Ihr kanntet meine Antwort. Gewiß seid Ihr nicht allein deshalb hergekommen.«

»Ich habe dir einmal gesagt, du würdest dein Han benutzen, ohne zu wissen, was du tust, erinnerst du dich noch?«

»Ja. Aber ich glaube nicht, ich benutze mein Han gar nicht.«

Sie runzelte die Stirn. »Richard, du hast einen Mriswith getötet. Soweit ich weiß, hat das in den letzten dreitausend Jahren niemand geschafft. Um das zu schaffen, mußt du dein Han benutzt haben.«

»Nein, Schwester, ich habe die Magie des Schwertes benutzt, um ihn zu töten.«

»Richard, ich habe dich beobachtet und ein wenig herausgefunden über dich und dein Schwert. Der Grund, aus dem niemand je einen Mriswith töten konnte, ist der, weil niemand merkt, wenn er kommt. Selbst das Han der Schwestern und Zauberer spürt das nicht. Vielleicht hat dein Schwert den Mriswith getötet, aber dein Han hat dir gesagt, daß er sich nähert. Du greifst auf deine Gabe zurück, aber unkontrolliert.«

Richard war müde. Ihm war nicht nach Widersprechen zumute. Er ließ sich in einen gepolsterten Sessel fallen. Er mußte daran denken, wie er den Mriswith im Geiste kommen gesehen hatte. »Ich begreife nicht, was ich tue, Schwester. Der Mriswith kam, und ich habe mich eben verteidigt.«

Sie setzte sich in den Sessel ihm gegenüber. »Betrachte es einmal von dieser Seite, Richard. Du hast eine Bestie getötet, die so gefährlich ist wie kaum eine andere, die diesen Landstrich unsicher macht, doch dieses kleine Mädchen mit den großen, braunen Augen und vielleicht ebensoviel Kraft im Vergleich zu dir wie ein Spatz verglichen mit einem Habicht, hat dich gerade mit seinem Han durch den Flur geschleudert. Ich hoffe nur, daß du fleißig studierst, damit du lernst, dem Han zu kontrollieren. Du mußt lernen, es zu beherrschen.«

Sie sah ihn aufmerksam an. »Wieso bist du in den Hagenwald gegangen, obwohl ich dir erklärt habe, daß es dort gefährlich ist? Den wahren Grund. Nicht die Rechtfertigung. Bitte sag mir die Wahrheit, Richard.«

Richard lehnte sich weit zurück und starrte an die Decke. Schließlich gab er mit einem Nicken nach. »Es war, als hätte mich irgend etwas dorthingezogen. Es war ein Bedürfnis. Eine Art Hunger. Es war, als müßte ich mit der Faust gegen eine Wand schlagen, und dies wäre genau die Möglichkeit, es zu tun.«

Er befürchtete, sie könnte eine Strafpredigt vom Stapel lassen, doch das tat sie nicht. Ihr Ton verriet Mitgefühl.

»Richard, ich habe mit ein paar Freunden gesprochen. Keiner von uns weiß alles über die Magie des Palastes und ganz besonders nicht über den Hagenwald, trotzdem gibt es Grund zu der Annahme, daß man den Hagenwald speziell für ganz bestimmte Zauberer an dieser Stelle angelegt hat.«

Richard betrachtete ihren ruhigen Gesichtsausdruck, ihre ernsten Augen. »Wollt Ihr damit sagen, Schwester, wenn ich mit der Faust gegen eine Wand schlagen muß, dann soll ich es vielleicht einfach tun?«

»Der Schöpfer hat uns den Hunger gegeben, damit wir essen, weil Essen notwendig ist.«

»Und was wäre der Zweck eines Hungers wie des meinen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Zum zweiten Mal in ebenso vielen Tagen hat es die Prälatin abgelehnt, mir eine Audienz zu gewähren. Doch ich werde trotzdem versuchen, Antworten zu finden. Laß es inzwischen bitte auf keinen Fall so weit kommen, daß die Sonne im Hagenwald über dir untergeht.«

»War es das, was Ihr mir mitteilen wolltet, Schwester?«

Sie wandte den Blick ab und hielt inne, rieb sich mit zwei Fingern die Stirn. Sie wirkte unsicher. So hatte er sie noch nie gesehen. »Richard, es geschehen Dinge, die ich nicht begreife, und sie stehen im Zusammenhang mit dir. Die Dinge geschehen nicht so, wie sie sollten.« Sie bemerkte seinen fragenden Blick. »Ich kann im Augenblick noch nicht darüber sprechen.«

Sie räusperte sich. »Richard, du darfst nicht jeder Schwester vertrauen.«

Richard machte ein erstauntes Gesicht. »Schwester, ich traue keiner einzigen von euch.«

Das lockte ihr ganz kurz ein Lächeln auf die Lippen. »Im Augenblick ist das wohl am besten. Das war es, was ich dir sagen wollte. Ich werde die Antworten finden, doch im Augenblick, nun, sagen wir einfach, ich weiß, daß du tun wirst, was du mußt, um in Sicherheit zu bleiben.«

Nachdem Schwester Verna gegangen war, dachte Richard über das nach, was sie und was Warren ihm erzählt hatte. Am meisten beschäftigte ihn der Stein der Tränen.

Es gab ihm zu denken, daß ihm die Magie im Tal der Verlorenen eine Vision von einem Gegenstand eingegeben hatte, den er noch nie gesehen hatte und ihn um Rachels Hals hängte. Die anderen Visionen schienen auf seine Sehnsüchte und Ängste zurückzugehen. Vielleicht sah er auch deshalb eine Vision von Rachel, weil er seinen Freund Chase vermißte. Rachel war bestimmt bei Chase. Doch warum trug sie in der Vision einen Gegenstand um den Hals, den er noch nie gesehen hatte, und der, wie sich herausstellte, aussah wie eine Zeichnung in einem Buch?

Vielleicht war es nicht derselbe Gegenstand. Er versuchte sich einzureden, daß es unmöglich derselbe sein konnte, doch ein beklemmendes Gefühl in seinem Innern sagte ihm etwas anderes.

So sehr er Chase und Rachel vermißte, es war der Stein um Rachels Hals, der seine Aufmerksamkeit erregte. Es war, als brächte Rachel ihn für Zedd zu ihm, und Zedd wäre mit ihm zusammen dort gewesen und hätte ihn gedrängt, den Stein anzunehmen.

Pashas Klopfen an der Tür riß ihn aus seinen Grübeleien. Sie trug ein schlichtes, bräunlich-graues Kleid mit kleinen rosa Stoffknöpfen auf der Vorderseite bis hoch zum Kragen. Es ließ zwar nicht so viel Haut erkennen wie das grüne Kleid, doch war es so geschnitten, daß man praktisch jede Einzelheit ihres Körpers erahnen konnte. Da es alles bedeckte, wurde das, was es bedeckte, nur noch verlockender. Die Farbe unterstrich irgendwie die Samtheit ihrer braunen Haare.

Pasha saß mit gekreuzten Beinen auf dem Boden, auf dem blaugelben Teppich vor dem Kamm. Sie drapierte ihr Kleid sorgsam über ihre Knie und hob dann den Kopf.

»Hier. Setz dich genauso hin wie ich, mir gegenüber.«

Richard setzte sich auf den Boden und schlug die Beine übereinander. Sie machte ihm ein Zeichen, er solle näher kommen, bis ihre Knie sich berührten. Sie nahm seine Hände und hielt sie locker fest, während sie auf ihrer beider Knien ruhten.

»Schwester Verna hat das nicht gemacht, wenn ich geübt habe.«

»Und zwar deswegen, weil sich der Rada’Han im Einflußkreis der Magie des Palastes befinden muß, bevor wir auf diese Weise üben können. Bis jetzt hast du allein geübt, wenn du versucht hast, dein Han zu berühren. Die meiste Zeit von jetzt an werden ich oder eine Schwester ihr Han benutzen, um dich zu unterstützen.« Sie lächelte. »Das wird dir helfen, schnellere Fortschritte zu machen, Richard.«

»Also schön. Was soll ich tun?«

»Sie hat dir erzählt, wie man versucht, sein Han zu erreichen? Wie man sich konzentriert, um diesen Ort in seinem Innern zu finden?« Richard nickte. »Dann möchte ich, daß du genau das tust. Während du nach diesem Ort suchst, werde ich mein Han benutzen, durch den Rada’Han hindurch, und versuchen, dich zu lenken.«