»Richard, der Schöpfer gibt uns das Verlangen — und das Vergnügen, wenn wir ihm nachgeben, damit wir Seine Herrlichkeit durch Seine Schöpfung begreifen. Daran ist nichts verkehrt. Es ist etwas Wunderbares.«
»Er hat uns auch einen Verstand gegeben, damit wir unterscheiden können, was richtig und was falsch ist.«
Sie hob ihr Kinn ein ganz kleines Stück. »Richtig und falsch? Wenn sie dich liebte, wäre sie bei dir und hätte dich nicht gehen lassen. Das ist es, was nicht stimmt. Sie glaubt, du bist nicht gut genug für sie. Offenbar hat sie den Wunsch, dich los zu sein. Wärst du ihr nicht egal, hätte sie dafür gesorgt, daß du bei ihr bleibst. Sie ist fort. Ich bin hier, und mir bist du nicht egal. Ich würde darum kämpfen, dich zu behalten. Hat sie vielleicht gekämpft?«
Richard öffnete den Mund, brachte vor Schmerz jedoch kein Wort hervor. Ihm war, als sei der Wille, alles durchzustehen, aufgebraucht und hätte nichts zurückgelassen als eine hohle, abgestorbene Schale.
Pasha streckte die Hand aus und berührte seine Wange. »Du wirst sehen, du bist mir nicht egal, Richard. Ich mag dich mehr, als sie es je getan hat. Du wirst es sehen. Es ist richtig, wenn ein Mensch sich sorgt wie ich.« Sie legte ihre Stirn in sorgenvolle Falten. »Es sei denn, du findest mich unattraktiv. Ist es das? Du hast so viele Frauen gesehen und glaubst, ich bin häßlich im Vergleich zu ihnen?«
Richard legte ihr die Hand auf die Wange. »Pasha … du bist hinreißend. Das ist es nicht.« Er schluckte die Trockenheit hinunter, versuchte seinen Worten einen ernsten Unterton zu geben. »Pasha, könntest du mir vielleicht noch etwas Zeit lassen? Es ist einfach noch zu früh. Kannst du das nicht verstehen? Könntest du einen Mann wirklich mögen, der seine Gefühle so schnell vergißt? Könntest du mir einfach noch etwas Zeit lassen?«
Sie schlang die Arme um ihn und legte ihren Kopf an seine Brust. »Ich wußte gestern schon, als du mich so sanft im Arm gehalten hast, daß dies ein weiteres Zeichen dafür war, daß der Schöpfer dich mir schickt. Da wußte ich, daß ich nie einen anderen haben will. Da ich auf ewig dir gehöre, kann ich warten. Zeit haben wir im Überfluß. Du wirst sehen, ich bin die Richtige für dich. Du brauchst mir nur zu sagen, wann du soweit bist, und ich werde dir gehören.«
Richard schloß seufzend die Tür hinter ihr und lehnte sich mit dem Rükken daran. Er dachte nach. Es gefiel ihm nicht, Pasha etwas vorzumachen, sie in dem Glauben zu lassen, er werde mit der Zeit anders für sie empfinden, doch irgend etwas mußte er tun. Wie gering war Pashas Menschenkenntnis, wenn sie tatsächlich glaubte, man könne die Liebe eines Menschen gewinnen, indem man an die Lust appelliert!
Er holte die Locke von Kahlans Haar hervor, drehte sie in seinen Fingern und betrachtete sie. Es ärgerte ihn, daß Pasha behauptet hatte, Kahlan hätte nicht um ihn gekämpft. Pasha konnte unmöglich wissen, welche Kämpfe er und Kahlan durchgestanden hatten. Welches Elend sie hatten überwinden müssen, welche Angst sie zusammen durchlitten, welche Schlachten sie zusammen geschlagen hatten. Eine Frau von Kahlans Intelligenz, Stärke und Mut war für Pasha wahrscheinlich unvorstellbar.
Kahlan hatte durchaus um ihn gekämpft. Mehr als einmal hatte sie selbstlos ihr Leben für ihn aufs Spiel gesetzt. Was wußte Pasha von den Schrecken, denen Kahlan tapfer ins Gesicht gesehen und die sie besiegt hatte? Pasha konnte Kahlan nicht im mindesten das Wasser reichen.
Er steckte die Haarlocke zurück in seine Tasche. Den Gedanken an Kahlan verbannte er aus seinem Kopf. Der Schmerz war unerträglich. Er hatte anderes zu tun.
Er ging ins Schlafzimmer, stellte den großen Spiegel mit dem Rahmen aus Eschenholz auf, dann holte er seinen Rucksack aus der Ecke. Er zog das schwarze Cape des Mriswith hervor, warf es sich über die Schultern und betrachtete sein Bild im Spiegel.
Es sah aus wie ein ganz normales Cape. Er fand es eigentlich recht edel. Der Schnitt und die Länge stimmten, denn der Mriswith hatte in etwa seine Größe gehabt. Der schwere Stoff war tintenschwarz, fast so schwarz wie der Stein der Nacht, den Adie ihm geschenkt hatte, um ihm über den Paß zu helfen, fast so schwarz, wie die Kästchen der Ordnung. Fast so schwarz wie der ewige Tod.
Doch es war nicht der ansprechende Schnitt des Capes, der ihn so faszinierte.
Richard trat zurück und stellte sich vor die helle, bräunliche Wand. Er zog die Kapuze hoch, warf sie über seinen Kopf und schloß das Cape mit dem Band. Während er sein Abbild im Spiegel betrachtete, konzentrierte er sich auf die Wand, vor der er stand.
Im Zeitraum eines Atemzugs erlosch sein Bild.
Das Cape hatte die Farbe der Wand angenommen, vor der er stand, auf eine Weise, daß er genau hinsehen und sich auf den Rand des Capes konzentrieren mußte, um sich von der Wand abzuheben. Obwohl sein Gesicht frei geblieben war, schaffte es die Magie des Capes oder möglicherweise auch die Magie des Capes zusammen mit seiner eigenen, auch dieses zu maskieren, es irgendwie in die alles verbergende Farbe einzubinden.
Das erklärte, weshalb der Mriswith in verschiedenen Farben aufgetreten war.
Richard schob Gegenstände hinter sich, um festzustellen, was sie bewirkten. Er stand teils vor der Wand und teils vor einem Stuhl, über dem seine rote Jacke hing. Das Cape erzeugte einen roten Farbtupfer, der die Farbe und Gestalt des Hintergrundes recht gut nachahmte. Es war zwar nicht ganz so makellos wie vor der glatten Wand, doch war er noch immer leicht zu übersehen, wenn er sich nicht bewegte.
Bewegung verzerrte die Bilder, während das Cape die Farbe wechselte, um sich den neuen Gegebenheiten anzupassen, auch wenn es das Auge noch immer so weit täuschte, daß man ihn übersehen konnte. Doch wenn er stillstand, war er praktisch vor jedem Hintergrund unsichtbar. Gelegentlich erzeugte der Effekt beim Hinschauen ein Schwindelgefühl. Sobald er aufhörte, sich zu konzentrieren, wurde das Cape wieder schwarz.
Dieses Ding, dachte er, während er sich im schlichten, schwarzen Cape im Spiegel betrachtete, könnte sich als nützlich erweisen.
56
Während die Wochen vergingen, war Richard ständig beschäftigt.
Er erinnerte sich, daß Kahlan und Zedd ihm erzählt hatten, es gäbe in den Midlands keine Zauberer mit der Gabe mehr. Das konnte kaum verwundern, offenbar hielten sie sich alle im Palast der Propheten auf. Es gab gut über hundert Burschen und junge Männer im Palast. Nach dem, was Richard in Erfahrung bringen konnte, stammte eine gute Zahl, zumindest von den älteren, aus den Midlands, einige sogar aus D’Hara.
Das Töten eines Mriswith hatte Richard bei den jüngeren Burschen zu einer Berühmtheit gemacht. Zwei von ihnen, Kipp und Hersh, waren am aufdringlichsten. Sie folgten ihm, wohin er auch ging, baten ihn, von seinen Abenteuern zu erzählen. Manchmal schienen sie die Reife, ja, fast die Weisheit alter Männer zu besitzen. Zu anderen Zeiten schienen sie sich, wie alle Jungen, für nichts anderes als Unfug zu interessieren.
Opfer dieses Unfugs war gewöhnlich eine Schwester. Im Ersinnen neuer Streiche, die sie ihnen spielen konnten, schienen die Jungen unermüdlich zu sein. Die meisten dieser Possen hatten entweder etwas mit Wasser, Schlamm oder Reptilien zu tun. Die Schwestern bekamen nur selten einen Wutanfall, wenn sie in die Mätzchen der beiden verwickelt wurden, doch selbst dann verziehen sie ihnen schnell. Soweit Richard erkennen konnte, brachte ihnen dies nie mehr ein als eine ernste Strafpredigt.
Anfangs spielten die jungen Burschen mit dem Gedanken, Richard zu einem ihrer Opfer zu machen. Richard hatte zu tun und für dergleichen weder Zeit noch Geduld. Als die Burschen dahinterkamen, daß Richard weder schüchtern noch langsam mit Strafen bei der Hand war, zogen sie mit ihren Wassereimern schnell zu anderen Opfern weiter.
Weil Richard Grenzen setzte, liebten Kipp und Hersh ihn nur noch mehr. Sie schienen geradezu nach älterer männlicher Gesellschaft zu hungern. Richard belohnte sie mit Abenteuergeschichten, oder manchmal, wenn er unterwegs von einem Ort zum ändern war und ihre Gegenwart ihn nicht behinderte, brachte er ihnen etwas über den Wald, das Spurenlesen und die Tiere bei.