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Zwei der Hartgesottensten, die eine verbotene Zone an der Westseite des Palastes bewachten, ließen sich zwar von ihm zum Bier einladen, ansonsten wurde er mit ihnen nicht recht warm. Richard betrachtete dies als Herausforderung. Schließlich kam er auf die Idee, ihnen die Dienste von vier Prostituierten zu bezahlen — zwei für jeden — um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sie wollten wissen, warum. Richard erklärte ihnen, daß der Palast ihn mit Geld versorge und er nicht einsehe, warum nur er etwas davon haben sollte. Er erklärte ihnen, sie müßten den ganzen Tag auf den Beinen sein, um den Palast zu bewachen, deshalb sei es nur gerecht, wenn der Palast ihnen mal eine Frau bezahlte.

Das Angebot war zu gut, um es auszuschlagen. Schon bald zwinkerten sie ihm verstohlen zu, wenn er vorüberging. Nachdem er sie erst einmal mit seinem Angebot gefügig gemacht hatte, sorgte er dafür, daß sie Grund hatten, ihm noch häufiger zuzuzwinkern.

Wie Richard vorausgesehen hatte, begann die beiden Posten mit ihren Techtelmechteln zu prahlen. Als einige der anderen Männer dahinterkamen, daß Richard den beiden bereitwillig die Dienste der Damen zur Verfügung gestellt hatte, wiesen sie darauf hin, es sei den anderen gegenüber nicht gerecht, ausgeschlossen zu werden. Richard gestand ihrem Argument eine gewisse Logik zu. Doch fehlte ihm die Zeit, individuelle Wünsche zu erfüllen, und schließlich hatte er eine Idee.

Er fand die Madame eines Bordells, die aufgeschlossen war für ein originelles geschäftliches Arrangement. Er stellte dem Etablissement einen Vorschuß zur Verfügung, der nur seinen ›Freunden‹ offenstand. Er rechnete sich aus, daß er auf diese Weise dem Palast einer individuellen Regelung gegenüber tatsächlich sogar Geld ersparte.

Die Männer sollten sich daran erinnern, wem sie ihren Dank schuldig waren, daher mußten sie der Madame das Losungswort ›ein Freund von Richard Cypher‹ angeben, bevor sie eingelassen wurden. Andere Auflagen gab es nicht. Richard gewährte der Madame eine kräftige Erhöhung des Vorschusses, als sie sich bei ihm beschwerte, die Geschäfte würden sich beständiger entwickeln, als sie vorausgesehen hatte.

Richard tröstete sein Gewissen wegen der moralischen Bedenken über sein Vorgehen, indem er sich immer wieder sagte, daß er für das, was die Menschen taten, keine Verantwortung trüge, daß es ihm vielleicht jedoch ersparte, Wachen töten zu müssen, wenn der Zeitpunkt gekommen war. In diesem Licht betrachtet ergab es Sinn.

Eines Tages war Pasha bei ihm, als ein Mann ihm zuzwinkerte. Sie wollte wissen, warum. Er erklärte ihr, das läge daran, daß er in Begleitung der attraktivsten Frau aus dem Palast sei. Sie strahlte eine Stunde lang.

Richard gewöhnte die Wachen auch an das schwarze Cape des Mriswith, welches er ständig trug. Wenn Pasha ihn begleitete, machte er sie glücklich, indem er häufig jene rote Jacke trug, die sie am liebsten mochte. Gelegentlich trug er auch die anderen: die blaue, die dunkelblaue, die braune oder die grüne. Am liebsten ging Pasha mit ihm in die Stadt, doch führten sie ihre Spaziergänge auch in die nähere Umgebung, wo sie an den Dingen teilzuhaben versuchte, die Richard interessierten.

Richard fand heraus, daß die Wachen Soldaten der Imperialen Ordnung waren, ein für den Palast abgestelltes Sonderkommando. Die Imperiale Ordnung herrschte überall in der Alten Welt, schien gegenüber dem Palast jedoch eine Politik der Nichteinmischung zu verfolgen. Keine der Schwestern und kein Mann, der den Rada’Han trug, wurde je von ihnen behelligt.

Die Wachen waren im Palast stationiert und kümmerten sich um all die Menschen, die die Drahle-Insel aufsuchten. Jeden Tag strömten Menschen über die Brücken, um den Palast zu besuchen. Schwestern empfingen Bittsteller mit jeglichem Anliegen. Manche ersuchten um Mildtätigkeit, andere um Schlichtung bei einem Streit, und einige wollten in der Weisheit des Schöpfers unterwiesen werden. Wieder andere kamen, um in den Höfen zu beten, die über die gesamte Insel verstreut waren. Ihnen war der Palast heilig, in dem die Schwestern des Lichts lebten.

Richard erfuhr, daß die Stadt Tanimura, so riesig sie war, nur einen Außenposten der Alten Welt am Rande des Imperiums darstellte. Offenbar hatte der Kaiser der Imperialen Ordnung eine Übereinkunft mit dem Palast getroffen, die Wachen zu stellen, jedoch keine Gesetze vorgeschrieben. Richard vermutete, daß die Wachen sich in den Augen des Kaisers in einem Gebiet seines Reiches befanden, wo man ihm die Regierungsgewalt abstritt. Richard fragte sich, was der Kaiser als Gegenleistung für diese Regelung erhielt.

Richard erfuhr auch, daß in wenigstens einer der verbotenen Zonen die Schwestern einen ›besonderen Gast‹ beherbergten, der sich niemals zeigte. Mehr jedoch konnte er nicht in Erfahrung bringen.

Richard ging dazu über, die Loyalität der Wachen mittels kleiner, harmloser Wünsche auf die Probe zu stellen. Er erklärte Kevin, er wolle eine besondere Rose für Pasha, die nur im Trakt der Prälatin wuchs. Richard machte es sich zur Gewohnheit, Pasha Kevin zu präsentieren, wenn sie die gelbe Rose trug. Kevin strahlte vor Stolz.

In anderen verbotenen Zonen benutzte Richard die Ausrede mit der Blume ebenfalls, oder er erzählte, er wolle den Blick aufs Meer von einer bestimmten Mauer aus genießen. Er achtete darauf, zu jeder Zeit im Blick zu bleiben, um die Wachen zu beruhigen und ihre Vorsicht zu mindern.

Es dauerte nicht lange, bis er alle Wachen an seine Ausflüge gewöhnt hatte. Nach einer Weile kam und ging er fast nach Belieben. Er war ihr Freund — ein vertrauenswürdiger und nützlicher Freund.

Da er schon so viele Blumen aus den verbotenen Bereichen sammelte, setzte er sie auch zu seinem Vorteil ein — er verschenkte sie an die Schwestern, die mit ihm übten. Sie reagierten verwirrt darauf, daß er ihnen Blumen aus den verbotenen Bereichen schenkte. Er erklärte, die Schwestern, die ihn ausbildeten, wären für ihn etwas Besonderes, daher wolle er ihnen nicht irgendwelche Blumen schenken. Abgesehen davon, daß dies sie erröten ließ, entschärfte diese Erklärung auch den ansonsten unvermeidbaren Verdacht, wenn er sich häufig in verbotenen Bereichen aufhielt.

Soweit Richard feststellen konnte, gab es an die zweihundert Schwestern, aber nur sechs arbeiteten mit ihm.

Die Schwestern Tovi und Cecilia waren älter und so liebevoll wie vernarrte Großmütter. Tovi brachte immer Kekse oder eine andere Kleinigkeit zu ihren Sitzungen mit. Cecilia bestand darauf, ihm das Haar mit den Fingern aus der Stirn zu streichen und ihm dorthin einen Kuß zu geben, bevor sie nach getaner Arbeit aufbrach. Beide erröteten heftig, als er ihnen seltene Blumen schenkte. Richard fiel es schwer, sich die beiden als mögliche Feinde vorzustellen.

Als Schwester Merissa zum ersten Mal an seiner Tür erschien, hätte Richard fast seine Zunge verschluckt. Ihr dunkles Haar und die Art, wie sie ihr rotes Kleid ausfüllte, ließen ihn stammeln wie einen Trottel. Schwester Nicci, die niemals eine andere Farbe trug als Schwarz, hatte die gleiche Wirkung auf ihn. Wenn Schwester Nicci ihn mit ihren blauen Augen durchbohrte, hatte er Mühe, das Atmen nicht zu vergessen.

Die Schwestern Merissa und Nicci waren älter als Pasha — in seinem Alter oder höchstens vielleicht ein paar Jahre älter. Sie traten selbstsicher und mit gesetztem Charme auf. Obwohl Merissa dunkel und Nicci blond war, schienen sie aus demselben seltenen Holz geschnitzt zu sein.

Ihrer beider Han verstrahlte eine Kraft, die sie fast erglühen ließ. Manchmal glaubte Richard, er könne die Luft um sie geradezu knistern hören. Die beiden gingen nicht. Sie schwebten dahin — wie Schwäne, kühl und heiter. Und doch war Richard überzeugt, daß sie beide mit ihrem freundlichen Lächeln Eisenerz zum Schmelzen bringen konnten.

Keine von ihnen grinste jemals. Sie ließen einem höchstens ein kleines, gezähmtes Lächeln zuteil werden. Und auch nur dann, wenn sie ihm in die Augen sahen. Richard spürte, wie sein Herz schneller schlug, wenn sie es taten.