Trotzdem konnte er sich ihr nicht völlig öffnen. Die Schwestern waren seine Häscher, nicht seine Freunde. Sie waren im Augenblick der Feind. Dennoch wußte er, wenn die Zeit käme, würde sich Liliana auf seine Seite schlagen.
Richards Unterricht mit den sechs Schwestern nahm höchstens zwei Stunden pro Tag in Anspruch. Zwei vergeudete Stunden, soweit es ihn betraf. Er war dem Berühren seines Han nicht näher als beim ersten Mal, als Schwester Verna es ihn hatte versuchen lassen.
Wenn Richard es einrichten konnte, allein zu sein, erkundete er das Land um den Palast, und dabei entdeckte er die Grenzen seiner unsichtbaren Kette. Als er die weiteste Entfernung erreicht hatte, die ihm sein Halsring zugestand, fühlte sich dies an, als ginge er durch eine drei Meter dicke Lage Schlamm. Es war niederschmetternd, ungehindert darüber hinausblicken, jedoch nicht weitergehen zu können.
Soweit er es beurteilen konnte, lag diese Grenze in jeder Richtung gleich weit vom Palast entfernt. Es waren etliche Meilen, doch nachdem er die Grenze einmal gefunden hatte, begann seine Welt sehr zu schrumpfen.
Am Tag, als er die Grenze seines Gefängnisses entdeckte, ging er in den Hagenwald und tötete einen Mriswith.
Sein einziger wahrer Trost war Gratch. Richard verbrachte die meisten Nächte mit dem Gar. Er machte Ringkämpfe mit seinem pelzigen Freund und aß mit ihm. Richard jagte Nahrung für Gratch, doch der Gar lernte, allein auf die Jagd zu gehen. Richard war erleichtert, als er dies bemerkte. Er hatte nicht die Zeit, jede Nacht bei ihm zu sein. Hungrig oder nicht, Gratch war immer besorgt, wenn Richard eine Nacht ausblieb.
Richard war besorgt, Pasha könnte durch seinen Halsring erfahren, wo er ständig hinging, ganz zufällig jedoch entdeckte er eine weitere Fähigkeit des Mriswith-Capes: Es verbarg seinen Aufenthaltsort vor Pasha. Wenn er das Cape trug, konnte sie ihn mit Hilfe seines Halsrings, seines Han, nicht aufspüren.
Das Verschwinden seines Aufenthaltsortes aus ihren Sinnen verwirrte sie, doch sie wirkte nicht übermäßig besorgt und meinte, dafür gäbe es vielleicht eine Erklärung, auf die sie eines Tages noch kommen werde. Richard fragte sich, wieso er die Bestie in Gedanken hatte sehen können. Vielleicht war es, wie Schwester Verna gesagt hatte, daß er sein Han gebrauchte. Doch Schwestern und Zauberer wußten ebenfalls, wie man sein Han benutzt, und konnten den Mriswith trotzdem nicht entdecken.
Für Richard war es einfacher, hingehen zu können, wo er wollte, und dabei zu wissen, daß Pasha keine Ahnung hatte, wo er sich befand. Es ersparte ihm, sich Erklärungen ausdenken zu müssen. Er befürchtete, sollte sie je dahinterkommen, könnte sie das Cape zerstören, daher versteckte er ein zweites für eben diesen Fall.
Gratch schien jedesmal gewachsen zu sein, wenn Richard ihn sah. Gegen Ende von Richards erstem Monat im Palast war der Gar bereits einen Kopf größer als Richard und bedeutend kräftiger. Gratch lernte, vorsichtig zu sein, damit er Richard nicht verletzte, wenn sie miteinander rangen.
Abgesehen davon verbrachte Richard einen Teil seiner Zeit mit Warren und brachte ihm die Welt draußen näher. Anfangs nahm er Warren nachts mit hinaus in die Innenhöfe. Warren hatte ihm erklärt, die Weite des Himmels und der Landschaft machten ihm angst. Richard folgerte daraus, daß er nachts weniger von der Landschaft sehen würde.
Warren meinte, die Schwestern hätten ihn so lange in den Gewölben hocken lassen, bis er glaubte, er habe sich einfach an das Eingeschlossensein gewöhnt, doch jetzt sei er es leid. Richard hatte Mitleid mit ihm und wollte ihm helfen. Er mochte Warren wirklich. Er war so ziemlich der klügste Mensch, den Richard je kennengelernt hatte. Es schien keine Sache zu geben, über die Warren nichts wußte.
Warren wurde nervös, wenn er sich aus der Geborgenheit des Palastes entfernen sollte, doch Richards Gegenwart und der Umstand, daß er sich nie über seine Ängste lustig machte, beruhigten ihn. Richard war stets voller Rücksicht und nahm Warren niemals weiter mit, als es diesem ohne Beschwerden möglich war. Richard erklärte ihm, es sei wie nach einer Verletzung, wenn man eine Zeit ans Bett gefesselt war: Es dauere eine Weile, bis man die alten Muskeln wieder strecken konnte.
Nach ein paar Wochen dieser nächtlichen Ausflüge ging Richard dazu über, Warren bei Tageslicht mit hinauszunehmen, anfangs hinauf auf die Mauern, von wo aus man die Weite des Himmels und des Meeres betrachten konnte. Warren blieb stets in der Nähe einer Treppe, die zurück ins Innere des Palastes führte, damit er immer einen Fluchtweg in der Nähe wußte, sobald er das Gefühl bekam, zurück nach drinnen zu müssen. Ein paarmal war dies der Fall, und Richard begleitete ihn und lenkte das Gespräch auf andere Themen, um ihn von diesem unangenehmen Gefühl abzulenken. Richard ermutigte Warren, ein Buch mit nach draußen zu nehmen, so daß er sich mit Lesen ablenken konnte. Warren dazu zu bringen, die Weite des Himmels zu vergessen, half.
An einem hellen, sonnigen Tag, nachdem Warren seine Beklommenheit im Freien abgelegt hatte, beschloß Richard ihn in die Hügel mitzunehmen. Zunächst war Warren ein wenig schwindelig, doch als sie dann auf einem Felsen hoch in den Hügeln saßen und auf die Landschaft und die Stadt hinunterblickten, meinte Warren, er habe das Gefühl, seine Angst überwunden zu haben. Er fühlte sich zwar immer noch beklommen, spüre jedoch, daß er die Angst unter Kontrolle habe.
Er mußte grinsen über die weite Landschaft, die sich unter ihm ausbreitete, und genoß den Ausblick, der ihm wegen seiner Ängste so lange vorenthalten worden war. Richard sagte ihm, er sei froh, derjenige zu sein, der ihn aus seinem Maulwurfsloch hätte holen können. Warren mußte lachen.
Warren sagte, er brauche ein wenig Abenteuer in seinem Leben, und dies scheine der Anfang dazu zu sein.
Was Warrens Nachforschungen anbetraf, so hatte er reichlich wenig in Erfahrung bringen können. Bislang hatte er nur ein paar Hinweise in alten Büchern entdeckt, in denen vom Tal der Verlorenen und den Baka Ban Mana die Rede war. Was er jedoch gefunden hatte, war faszinierend. In der Quelle war von der Macht die Rede, die die Zauberer den Baka Ban Mana als Gegenleistung für ihr Land gegeben hatten, damit sie eines Tages ihr Land zurückbekommen konnten. Dort hieß es, sobald das Bindeglied sich mit der Macht vereinte, mit der ihre Seelenfrau ausgestattet war, würden die Türme fallen.
Richard dachte daran, daß Du Chaillu davon gesprochen hatte, er sei der Caharin, und sie beide jetzt Mann und Frau. Das war eine Art Verbindung. Er fragte sich, ob in der Zwischenzeit sich dieses Wort für Verbindung entgegen der ursprünglichen Bedeutung zu Ehe gewandelt haben konnte.
Während sie dasaßen und die weite Landschaft betrachteten, meinte Warren: »Die Prälatin hat Prophezeiungen und Geschichten gelesen, in denen vom ›Kiesel im Teich‹ die Rede ist.«
Richard wurde hellhörig. Er erinnerte sich, daß Kahlan ihm ein Lied über Screelings vorgesungen hatte, in dem ein ›Kiesel im Teich‹ vorkam. Warren hatte diese Prophezeiungen zuvor nicht untersucht und war bislang nicht imstande gewesen, das Puzzle ihrer Wichtigkeit zusammenzusetzen.
»Weißt du, wie das Zweite Gesetz der Magie lautet?« fragte Richard.
»Das Zweite Gesetz? Zauberer haben Gesetze? Wie lautet das Erste?«
Richard schaute hinüber. »Erinnerst du dich an den Abend, als Jedidiah sich das Bein brach und ich zu dir sagte, du hättest Teppichasche auf der Schulter? Und wie du versucht hast, sie abzuwischen? Da habe ich das Erste Gesetz der Magie angewandt.« Warren runzelte die Stirn. »Denk darüber nach, Warren, und sag mir, zu welchem Ergebnis du kommst. In der Zwischenzeit ist es wichtig, daß du deine Suche nach den Informationen vorantreibst, um die ich dich gebeten habe.«
»Nun, jetzt wird es etwas einfacher, da es Schwester Becky jeden Morgen übel ist und sie mir nicht mehr über die Schulter sieht. Sie ist schwanger«, gab er als Antwort auf Richards fragendes Stirnrunzeln.
»Haben viele Schwestern Kinder?«
»Klar«, sagte Warren. »Bei all den Zauberern, die nicht mehr in die Stadt gehen können. Die Schwestern helfen ihnen bei der Befriedigung ihrer Bedürfnisse, damit sie sich ihren Studien widmen können.«