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Richard warf Warren einen argwöhnischen Blick zu. »Ist Schwester Beckys Kind von dir?«

Warren wurde heftig rot. »Nein.« Er hielt den Blick auf die Stadt gerichtet. »Ich warte auf die Frau, die ich hebe.«

»Pasha«, meinte Richard.

Warren nickte. Richard blickte hinunter zum Palast der Propheten und auf die Stadt, die ihn umgab. Bedürfnisse.

»Warren, erben alle Kinder die Gabe ihrer Väter?«

»O nein. Man sagt, vor vielen tausend Jahren, bevor die Alte und die Neue Welt getrennt wurden, hätten viele die Gabe besessen. Doch im Laufe der Zeit haben die Machthaber alle jungen Männer mit der Gabe methodisch ausgerottet, damit sie ihre Herrschaft nicht gefährden konnten. Sie versagten ihnen auch die nötige Ausbildung. Früher war es so, daß die Väter ihre Söhne ausbildeten, doch als immer weniger mit der Gabe geboren und immer mehr Generationen übersprungen wurden, behielten diejenigen, die wußten, wie man es macht, ihre Kenntnisse für sich. Aus diesem Grunde wurde auch der Palast der Propheten geschaffen — um denen zu helfen, die die Gabe besaßen, aber keinen Lehrer hatten.

Im Laufe der Zeit wurde die Gabe den Menschen weggezüchtet, so wie man Tieren ein bestimmtes Merkmal wegzüchtet. Dadurch bot sich den Zauberern, die die Macht in Händen hielten, noch weniger Widerstand.

Jetzt, da dieses Merkmal weggezüchtet ist, wird nur noch äußerst selten jemand mit der Gabe geboren. Vielleicht nur eins von tausend Kindern, die von einem Zauberer gezeugt werden, wird noch mit der Gabe geboren. Wir sind eine aussterbende Art.«

Richard sah wieder auf die Stadt, dann auf den Palast.

Den Blick auf den Palast geheftet, stand Richard langsam auf. »Sie kümmern sich nicht um unsere ›Bedürfnisse‹«, sagte er leise, »sie benutzen uns als Zuchtvieh.«

Warren sprang auf. Er runzelte die Stirn. »Was?«

»Sie benutzen den Palast, die jungen Männer im Palast, um Zauberer zu züchten.«

Die Falten auf Warrens Stirn wurden tiefer. »Aber warum?«

Richards Kiefernmuskeln spannten sich. »Ich weiß es nicht, aber ich habe die Absicht, es herauszufinden.«

»Gut«, meinte Warren grinsend. »Ich könnte ein Abenteuer gebrauchen.«

Richard sah ihn kalt an. »Weißt du, was ein Abenteuer ist, Warren?«

Warren nickte, das Lächeln noch immer im Gesicht. »Eine aufregende Erfahrung.«

»Abenteuer bedeutet, Todesangst zu haben und nicht zu wissen, ob man überleben oder sterben wird, oder ob die, die man liebt, überleben oder sterben werden. Abenteuer bedeutet, daß man in Schwierigkeiten steckt, aus denen man nicht wieder rauszukommen weiß.«

Warren spielte nervös mit dem Aufschlag seines Ärmels. »So habe ich das noch nie gesehen.«

»Das solltest du aber tun«, sagte Richard. »Ich habe nämlich vor, ein Abenteuer anzufangen.«

»Nun«, meinte Warren mit einem Zwinkern in den Augen, »ich habe wenigstens eines herausgefunden, das helfen kann.«

»Der Stein der Tränen?«

Warren nickte grinsend. »Ich habe herausgefunden, daß du ihn unmöglich gesehen haben kannst. Er ist hinter dem Schleier eingesperrt. In gewisser Weise ist er Teil des Schleiers.«

»Bist du sicher? Bist du sicher, daß ich ihn unmöglich gesehen haben kann?«

»Absolut. Der Stein der Tränen ist das Siegel, das den Namenlosen in seinem Gefängnis des Todes, in der Unterwelt eingesperrt hält. Er kann die Seelen der Toten beherrschen, die mit ihm dort sind, aber er kann nicht in unsere Welt hinein. Der Stein der Tränen sperrt ihn aus.«

»Gut«, meinte Richard mit einem Seufzer der Erleichterung. »Das ist großartig, Warren. Gute Arbeit.« Er packte sanft Warrens Gewand und zog ihn an sich. »Du bist also sicher. Es ist völlig ausgeschlossen, daß der Stein der Tränen sich in dieser Welt befindet.«

Warren nickte. »Völlig. Es ist unmöglich. Die einzige Möglichkeit, in diese Welt zu gelangen, besteht darin, durch das Tor zu kommen.«

Richard spürte, wie seine Haut zu kribbeln begann. »Das Tor? Was ist ›das Tor‹?«

»Nun, der Name sagt es bereits. Ein Durchgang. In diesem Fall ein Durchgang zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten. Es ist Magie aus beiden Welten, ein Durchgang, konstruiert aus Magie. Das Tor kann nur sowohl mit additiver als auch mit Subtraktiver Magie geöffnet werden. Der Namenlose verfügt nur über subtraktive Magie, daher kann er das Tor nicht öffnen. Genauso, wie jemand aus dieser Welt es nicht öffnen kann, da wir nur über additive Magie verfügen.«

Richard bekam eine Gänsehaut. »Aber jemand aus dieser Welt, jemand, der über beide Formen der Magie verfügt, könnte das Tor öffnen?«

»Nun ja, sicher«, stammelte Warren. »Vorausgesetzt, er ist im Besitz des Tores. Doch es ist seit über dreitausend Jahren verschollen. Es ist verschwunden.« Er lächelte Richard selbstbewußt an. »Wir sind in Sicherheit.«

Richard lächelte nicht. Er packte Warren mit beiden Händen an der Robe und riß sein Gesicht heran. »Warren, sag mir, daß das Tor nicht Magie der Ordnung genannt wird. Sag mir, daß das Tor nicht aus den drei Kästchen der Ordnung besteht.«

Warrens Augen weiteten sich langsam bis zur Größe zweier Goldmünzen. »Wo hast du die Namen dafür gehört?« fragte er leise in besorgtem Ton. »Ich bin neben der Prälatin und den beiden Schwestern der einzige im Palast, dem es gestattet ist, die Bücher zu lesen, die das Tor bei seinem alten Namen nennen.«

Richard biß die Zähne aufeinander. »Was geschieht, wenn eines der Kästchen geöffnet wird?«

»Sie können nicht geöffnet werden«, beharrte Warren. »Es geht nicht. Wie gesagt, man braucht beide Arten von Magie, additive wie auch subtraktive, um ein Kästchen zu öffnen.«

Richard rüttelte ihn. »Was passiert!«

Warren schluckte, die Augen noch immer aufgerissen. »Dann wird das Tor zwischen den Welten geöffnet. Der Schleier bekommt einen Riß. Das Siegel wird vom Namenlosen entfernt.«

»Und der Stein der Tränen befände sich in dieser Welt?« Warren nickte, während Richards Griff an seinem Gewand immer fester wurde. »Und wenn die Kästchen geschlossen würden, damit schlösse sich auch das Tor? Und der Riß wäre versiegelt?«

»Nein. Na ja, schon, aber es kann nur von jemandem mit der Gabe geschlossen werden. Man braucht das magische Gepräge, um das Tor zu schließen. Schließt jedoch jemand mit der Gabe der Kästchen und damit das Tor, dann wird das Gleichgewicht zerstört, denn er verfügt nur über additive Magie, und der Namenlose flieht aus der Unterwelt. Um es genauer zu sagen, diese Welt würde von der Welt der Toten geschluckt werden.«

»Wie kann man dann die Kästchen schließen, um die beiden Welten auseinanderzuhalten?«

»Genauso, wie sie geöffnet werden. Mit additiver und Subtraktiver Magie.«

»Und was ist mit dem Stein der Tränen?«

»Das weiß ich nicht. Das müßte ich nachlesen.«

»Dann solltest du dich damit beeilen.«

»Bitte«, greinte Warren, »du willst doch damit nicht etwa sagen, daß du weißt, wo die Kästchen sind. Du hast sie doch nicht etwa gefunden, oder?«

»Sie gefunden? Das letzte Mal, als ich die Kästchen gesehen habe, wurde eins geöffnet und war im Begriff, meinen Vater, diesen Bastard, in die Unterwelt zu ziehen.«

Warren fiel in Ohnmacht.

57

Unter den kraftlosen Strahlen der Sonne des späten Tages streute eine alte Frau Holzasche auf das Eis, das die weite Treppenflucht bedeckte. Kahlan ging vorbei, erleichtert, daß die alte Frau den Kopf nicht hob und in der Person in den schweren Kleidern und dem weißen Fellumhang, die einen Rucksack und einen Bogen bei sich trug, nicht die nach Aydindril zurückgekehrte Mutter Konfessor erkannte.

Sie war nicht in der Stimmung, an diesem Abend zum Anlaß einer Feier zu werden. Sie war erschöpft. Sie war bereits vor ihrer Heimkehr in den Palast den Hang zur Burg der Zauberer hinaufgeklettert, doch in der Burg war es eiskalt und dunkel wie der Tod. Die Schilde befanden sich an ihrem Platz. Ein Konfessor konnte zwar hinein, doch drinnen war niemand.