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Zedd war nicht da.

Die Burg lag jetzt da, wie sie sie beim letzten Mal vor so vielen Monaten gesehen hatte, als sie aufgebrochen war, um den verschollenen großen Zauberer zu finden. Sie hatte ihn gefunden und ihm geholfen, der Bedrohung durch Darken Rahl ein Ende zu machen, doch jetzt brauchte sie den großen Zauberer ein weiteres Mal.

Seit ihrem Abschied von der galeanischen Armee vor fast einem Monat hatte sie den beschwerlichen Weg, nach Aydindril zu gelangen — und zu Zedd –, hinter sich gebracht. Tagelang hatten Unwetter gewütet. Pässe waren durch Wetter und Schnee unpassierbar geworden, hatten sie gezwungen, umzukehren und Umwege zu machen. Die Reise war ermüdend und voller Rückschläge gewesen, doch die Verzweiflung darüber, ihr Ziel erreicht, Zedd aber nicht gefunden zu haben, war niederschmetternd.

Kahlan hatte die Königsstraße gemieden und sich ihren Weg durch die Seitenstraßen gebahnt. In den Palästen längs der Königs-Straße waren Würdenträger, Personal und Gardetruppen jener Länder untergebracht, die in Aydindril vertreten waren. Die Könige und Königinnen und Herrscher jener Länder wohnten ebenfalls in ihren Palästen, wenn sie kamen, um sich an den Rat zu wenden. Die Paläste waren für alle Länder eine Frage des Stolzes, und von daher war jeder einzelne prachtvoll gestaltet, auch wenn sich keiner von ihnen auch nur annähernd mit dem Palast der Konfessoren messen konnte.

Kahlan hatte die Königsstraße gemieden, weil man sie dort erkennen würde, im Augenblick aber wollte sie nicht erkannt werden. Sie wollte nichts weiter als Zedd finden, und, wenn dies fehlschlug, mit dem Rat sprechen, also hielt sie auf den seitlichen Dienstbotentrakt in der Nähe der Küchen zu.

Chandalen wartete draußen im Wald. Er wollte nicht nach Aydindril. Die Größe der Stadt und die Menschenmassen machten ihm angst, auch wenn er dies abstritt und behauptete, unter freiem Himmel lediglich bequemer schlafen zu können. Kahlan konnte ihm keinen Vorwurf daraus ziehen. Nachdem sie so lange allein draußen in den Bergen gewesen war, wurde selbst sie auf dem Weg in die Stadt unsicher, und das, obwohl sie an diesem Ort aufgewachsen war und ihr die Straßen und die majestätischen Gebäude hier ebenso vertraut waren, wie Chandalen die Ebene rings um das Dorf der Schlammmenschen. Das Gedränge überall gab ihr wie nie zuvor ein Gefühl des Eingesperrtseins.

Nachdem er sie sicher in Aydindril abgeliefert hatte, zog es Chandalen zurück nach Hause zu seinem Volk. Sie konnte verstehen, wie sehr es ihn danach verlangte aufzubrechen, bat ihn aber, sich die Nacht über auszuruhen und sich am Morgen von ihr zu verabschieden.

Orsk ließ sie über Nacht bei Chandalen. Seine Gegenwart war aufreibend: sein eines Auge, das ihr überallhin folgte, seine Beflissenheit, ihr bei allem zu helfen, seine unerschütterliche Bereitschaft, auf das geringste Zeichen hin zu tun, was immer sie verlangte. Es war, als hätte man ständig einen Hund bei Fuß. Sie brauchte eine Nacht weit weg von alledem. Chandalen schien sie zu verstehen. Was sie mit Orsk machen sollte, wußte sie noch nicht.

Ein atemberaubender Schwall warmer Luft schlug ihr entgegen, als sie durch den Kücheneingang trat. Beim Geräusch der Tür wirbelte eine dürre Frau in einer blitzweißen Schürze zu ihr herum.

»Was willst du hier! Verschwinde, Bettlerin!«

Als die Frau ihren Holzlöffel in bedrohlicher Manier erhob, schob Kahlan die Kapuze ihres Umhangs zurück. Der Frau stockte der Atem. Kahlan lächelte.

»Fräulein Sanderholt. Ich freue mich so, Euch wiederzusehen.«

»Mutter Konfessor!« Die Frau fiel auf die Knie und faltete die Hände. »Oh, Mutter Konfessor, vergebt mir! Ich habe Euch nicht erkannt. Oh, den Seelen sei Dank, seid Ihr es wirklich?«

Kahlan zog die drahtige Frau auf die Füße. »Ich habe Euch so vermißt, Fräulein Sanderholt.« Kahlan breitete die Arme aus. »Nehmt Ihr mich in die Arme?«

Fräulein Sanderholt fiel Kahlan in die Arme. »Oh, Kind, es tut so gut, Euch wiederzusehen!« Sie löste sich, Tränen strömten ihr übers Gesicht. »Wir wußten nicht, was aus Euch geworden ist. Wir waren so besorgt. Ich dachte schon, ich sehe Euch nie wieder.«

»Es war eine lange und schwere Zeit. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie gut es tut, Euer Gesicht wiederzusehen.«

Fräulein Sanderholt wollte Kahlan zu einem Seitentisch hinüberziehen. »Kommt. Ihr braucht eine Schale Suppe. Ich habe etwas auf dem Feuer, wenn die Spatzenhirne, deren Tun man wohl kaum als Kochen bezeichnen kann, sie nicht mit zuviel Pfeffer verdorben haben.«

Der lärmende, chaotische Haufen von Köchen und Küchenhilfen bekam die Worte mit, und jeder senkte den Kopf über seiner Arbeit. Das Klappern von Schneebesen und Löffeln in Schüsseln schwoll an. Männer nahmen Säcke auf und eilten davon. Bürsten schrubbten mit gesteigertem Eifer in den Töpfen. Butter zischte in heißen Pfannen, und plötzlich mußte nach dem Brot in den Öfen, dem Fleisch an den Spießen gesehen werden.

»Dafür habe ich im Augenblick keine Zeit, Fräulein Sanderholt.«

»Aber ich muß Euch einiges erzählen. Wichtige Dinge.«

»Ich weiß. Auch ich habe Euch einiges zu erzählen. Aber zuerst muß ich den Rat aufsuchen. Es ist dringend. Ich war lange unterwegs und bin erschöpft, aber ich muß den Rat aufsuchen, bevor ich mich ausruhe. Wir werden morgen miteinander sprechen.«

Fräulein Sanderholt mußte sie einfach noch einmal in die Arme schließen. »Natürlich, Kind. Ruht Euch nur aus. Wir werden morgen miteinander sprechen.«

Kahlan nahm den kürzesten Weg durch die gewaltige Halle, die für wichtige Zeremonien und Feierlichkeiten benutzt wurde. Feuer in den großen, prachtvollen, zu allen Seiten zwischen ausgekehlten Säulen plazierten Kaminen bewirkten, daß ihr eigener Schatten sie umkreiste, als sie den Boden aus grünem Schiefer überquerte. Der Saal war im Augenblick leer, und ihre Schritte hallten von oben aus dem fein gearbeiteten Zwischenrippengewölbe mit den wellenförmigen, weit geschwungenen Bögen wider. Ihr Vater hatte früher des öfteren Tausende von Walnüssen und Eicheln, die Soldaten darstellten, überall auf dem Boden dieses Raumes ausgelegt, um ihr Schlachttaktiken beizubringen.

Sie bog in die Halle am anderen Ende ein, zum Korridor, der zu den Ratskammern führte. In der privaten Galerie des Konfessors stützten Gruppen von vier glänzenden, schwarzen Marmorsäulen zu jeder Seite eine Folge mehrfarbiger Gewölbe. Am Ende, vor den Ratskammern, befand sich ein rundes, zwei Stockwerke hohes Pantheon, dem Gedenken der Heldinnen gewidmet: den Gründungsmüttern Konfessor. Deren Porträts, als Fresken zwischen sieben wuchtigen, bis zum Oberlicht aufragenden Säulen, waren doppelt lebensgroß.

Kahlan kam sich in der Gegenwart der sieben strengen Gesichter, die dem Raum zu überwachen schienen, immer vor, als hätte sie sich dieses Amt erschlichen. Sie schienen zu sagen: »Und wer bist du, Kahlan Amnell, daß du dich für die Mutter Konfessor hältst?« Daß sie die Geschichte dieser Heldinnen kannte, unterstrich noch ihr Gefühl der Unzulänglichkeit.

Beide Messingklinken packend, warf sie die hohen Mahagonitüren auf und betrat forschen Schritts die Ratskammer.

Eine riesige Kuppel überspannte den gewaltigen Raum. Am hinteren Ende war das Hauptgewölbe mit einem Zierfresko geschmückt, das den Ruhm der Magda Searus feierte, der ersten Mutter Konfessor. Ihre Finger lagen auf dem Handrücken ihres Zauberers Meritt, der sein Leben geopfert hatte, um sie zu beschützen. Auf ewig in dem farbenfrohen Fresko vereint, überwachten die beiden jetzt gemeinsam die Mütter Konfessor, die ihnen nachfolgten und auf dem Obersten Sitz saßen — sowie deren Zauberer.

Zwischen den kolossalen Kapitellen der Säulen, die sich rings um den Saal in die Höhe reckten, begrenzten wellenförmig geschwungene, polierte Mahagonigeländer Balkone, die einen Ausblick auf den eleganten Saal boten. Die bogenförmigen, rund um den Saal in bestimmten Abständen verteilten Öffnungen, die bis an die Balkone heranreichten, waren mit Stuckreliefs heroischer Szenen dekoriert. Dahinter gab es Fenster, von denen aus man in die Innenhöfe blickte. Runde Fenster entlang des unteren Kuppelrandes ließen zusätzliches Licht in den prachtvollen Raum. Am hinteren Ende befand sich das halbkreisförmige Podium, auf dem die Räte hinter einem reich verzierten Schreibtisch saßen. Der opulente Oberste Sitz in der Mitte war der höchste.