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Um den Obersten Sitz hatte sich eine dicht gedrängte Gruppe von Männern versammelt. Ihrer Zahl nach zu schließen war ungefähr die Hälfte des Rates anwesend. Als sie energisch die langen Streifen aus Sonnenlicht auf dem gemusterten Marmorboden durchschritt, folgten ihr die ersten Blicke.

Auf dem Obersten Sitz saß jemand. Auch wenn man die Strafe in letzter Zeit nicht vollstreckt hatte, es galt als Kapitalverbrechen, wenn ein Ratsmitglied den Obersten Sitz einnahm, da dies dem Ausrufen einer Revolution gleichkam. Das Gespräch verstummte, als sie sich näherte.

Es war der Hohe Prinz Fyren von Kelton, der den Sitz eingenommen hatte. Seine Füße lagen auf dem Schreibtisch, und er nahm sie auch nicht herunter, als er sie kommen sah. Er hielt den Blick auf sie gerichtet, lauschte jedoch einem Mann mit glattgestrichenem Haar und graudurchsetztem Bart, der sich tuschelnd über ihn beugte. Der Mann hatte die Hände in die gegenüberliegenden Ärmel seiner schlichten Robe gesteckt. Seltsam, dachte sie, daß ein Berater sich kleidet wie ein Zauberer.

Prinz Fyren zog erfreut die Brauen hoch. »Mutter Konfessor!« Mit übertriebener Umsicht nahm er seine Stiefel vom Schreibtisch und erhob sich. Er stützte seine Hände auf, beugte sich über den Tisch und sah hinunter. »Wie schön, Euch zu sehen!«

Früher hatte Kahlan immer einen Zauberer bei sich gehabt, jetzt hatte sie keinen. Keinerlei Schutz. Sie konnte es sich nicht leisten, zaghaft oder verletzlich zu wirken.

Wütend sah sie zu Prinz Fyren hoch. »Wenn ich Euch noch ein einziges Mal auf dem Platz der Mutter Konfessor erwische, werde ich Euch töten.«

Er richtete sich mit einem affektierten Grinsen auf. »Ihr würdet Eure Kraft gegen ein Ratsmitglied einsetzen?«

»Wenn es sein muß, werde ich Euch die Kehle mit einem Messer aufschlitzen.«

Der Mann im schlichten Gewand beobachtete sie aus unbeweglichen, dunklen Augen. Die anderen Räte wurden blaß.

Prinz Fyren öffnete seine dunkelblaue Jacke und stemmte eine Hand in die Hüfte. »Mutter Konfessor, ich hatte nicht die Absicht, Euch zu beleidigen. Ihr wart lange fort. Wir dachten alle, Ihr wärt tot. Im Palast hat es keinen Konfessor gegeben seit … wie lange ist das her?« Er sah einige der anderen Männer an. »Seit vier, fünf, sechs Monaten?« Die eine Hand noch immer an der Hüfte, streckte er die andere aus und machte eine Verbeugung. »Ich wollte Euch nicht beleidigen, Mutter Konfessor. Selbstverständlich bekommt Ihr Euren Sitz zurück.«

Kahlan musterte die übrigen Männer. »Es ist spät. Der Rat wird morgen früh als allererstes zu einer Sitzung zusammenkommen. Alle Räte werden anwesend sein. Die Midlands befinden sich im Kriegszustand.«

Prinz Fyren runzelte die Stirn. »Im Krieg? Auf wessen Befugnis hin? Eine solch schwerwiegende Angelegenheit wurde hier nicht diskutiert.«

Kahlan ließ den Blick über die Räte schweifen, bis er schließlich auf Prinz Fyren zur Ruhe kam. »Auf meine Befugnis als Mutter Konfessor hin.« Unter den Männern machte sich Gemurmel breit. Prinz Fyrens Blick wich keine Sekunde von ihren Augen. Indem sie den tuschelnden Männern einen zornerfüllten Blick zuwarf, sprudelte es aus ihr heraus. »Ich will jedes Ratsmitglied hier sehen, gleich als erstes morgen früh. Für jetzt seid Ihr entlassen, meine Herren.«

Kahlan machte auf dem Absatz kehrt und marschierte hinaus. Sie erkannte keine der Wachen wieder, die sie überall im Palast erblickte, aber das war auch nicht zu erwarten. Zedd hatte ihr bereits erzählt, daß die meisten der Palastwache getötet worden waren, als Aydindril an D’Hara gefallen war. Sie vermißte die alten Gesichter.

Der Mittelpunkt des Konfessorenpalastes in Aydindril wurde von einer monumentalen, achtfach verzweigten Treppe beherrscht, die vier Stockwerke weiter oben vom Tageslicht erhellt wurde, das durch ein Glasdach fiel. Das riesige Geviert war auf halber Höhe von Arkadengängen umgeben, deren überwölbte Öffnungen von polierten Säulen aus wild gemasertem, goldenem und grünem Marmor getrennt wurden. Diese standen auf quadratischen Säulenplatten, die mit jeweils einem Medaillon eines früheren Herrschers der Midlands verziert waren. Die Hunderte und Aberhunderte von glänzenden, bauchigen Treppensäulen waren aus einem sanftgelben Stein gedrechselt, der von innen heraus zu leuchten schien. Die quadratischen Endpfosten waren fast so hoch wie sie, und jeder wurde von einer mit Blattgold überzogenen Lampe gekrönt. Überladene Steinschnitzereien füllten weite Flächen unterhalb komplexer Zackenbänder, die als infulierte Streifen über den oberen Rand der Kapitelle liefen. Der zentrale Treppenabsatz trug Statuen von acht Müttern Konfessor. Kahlan hatte bescheidene Paläste gesehen, die in dieses Treppenhaus hineinpassen würden.

Vierzig Jahre hatte es gedauert, die monumentale Treppe und den Raum, der sie beherbergte, zu errichten. Die Kosten waren gänzlich von Kelton übernommen worden, als teilweise Entschädigung für dessen Widerstand gegen die Vereinigung aller Länder zu den Midlands und für den Krieg, der sich daraus entwickelt hatte. Gleichzeitig hatte man verfügt, kein Herrscher Keltons dürfe je mit einem Medaillon am Fuß der Säulen geehrt werden. Die Treppe war den Völkern der Midlands gewidmet und sollte diese ehren, nicht jene, deren Strafe es war, sie zu erbauen. Kelton war mittlerweile ein mächtiges, gutangesehenes Land der Midlands, und Kahlan fand es dumm, ein Volk weiterhin für etwas zu bestrafen, was seine Vorfahren vor Jahrhunderten verbrochen hatten.

Als sie den zentralen Treppenabsatz erreichte und die zweite Treppenflucht hinauf zu ihrem Zimmer ging, sah sie eine Phalanx von Bediensteten, die am oberen Treppenrand warteten. Sie alle verneigten sich wie ein Mann, als Kahlans Blick sie traf. Sie fand es absurd — an die dreißig glänzende, gekämmte und herausgeputzte Menschen in sauberen, flotten Uniformen, die sich allesamt vor einer verdreckten Frau in Wolfsfellen und mit einem Bogen und schwerem Gepäck verneigten. Dies konnte jedenfalls nur eins bedeuten: Die Kunde ihres Eintreffens hatte sich mittlerweile im gesamten Palast herumgesprochen. Vermutlich gab es selbst im entferntesten Gewächshaus keinen Gärtner mehr, der nicht längst wußte, daß die Mutter Konfessor wieder zu Hause war.

»Erhebt euch, meine Kinder«, sagte Kahlan, oben auf der Treppe angekommen. Sie wichen zurück, um ihr Platz zu machen.

Und dann ging es los. Möchte die Mutter Konfessor ein Bad, möchte die Mutter Konfessor eine Massage, möchte die Mutter Konfessor ihr Haar gewaschen und gebürstet bekommen, möchte die Mutter ihre Nägel poliert bekommen, möchte die Mutter Konfessor vielleicht Antragsteller hören, möchte die Mutter Konfessor irgendwelche Ratgeber sehen, möchte sie Briefe geschrieben bekommen, möchte die Mutter Konfessor dies, verlangt es ihr nach jenem. Eine ganze Liste von Dingen wurde aufgezählt.

Kahlan wandte sich an das oberste Dienstmädchen. »Bernadette, ich hätte gern ein Bad. Sonst nichts. Nur ein Bad.«

Zwei Frauen eilten davon, sich um das Bad zu kümmern.

Bernadettes Blick wanderte unfreiwillig an Kahlans Aufzug hinab. »Möchte die Mutter Konfessor vielleicht, daß Ihre Kleider geflickt oder gereinigt werden?«

Kahlan mußte an das blaue Kleid in ihrem Rucksack denken. »Ich habe ein paar Dinge, die wohl gereinigt werden müssen.« Sie dachte an all ihre übrigen Kleidungsstücke, von denen die meisten mit Blut durchtränkt waren. »Ich glaube, ich habe eine Menge Dinge, die gewaschen werden müssen.«

»Ja, Mutter Konfessor. Möchtet Ihr, daß ich Euch Euer weißes Kleid für heute abend bereitlege?«

»Heute abend?«

Bernadette errötete. »Man hat bereits Läufer zur Königsstraße ausgesandt, Mutter Konfessor. Jeder wird die Mutter Konfessor daheim willkommen heißen wollen.«