Выбрать главу

Kahlan saß ein dicker Kloß im Hals. Sie brachte die letzten Worte kaum heraus und konnte sich nur schwerlich beherrschen, nicht die Arme um ihn zu schlingen. Sie spürte, wie ihre Augen brannten und sich mit Tränen füllten, und mußte sich räuspern, bevor sie zu Ende sprechen konnte. Sie legte Richard den Arm um die Hüften und lehnte sich bei ihm an.

Die Ältesten strahlten überrascht. Der Vogelmann trug ein breites Grinsen im Gesicht. »Ich glaube, allmählich lernt ihr, was es heißt, Schlammmenschen zu sein«, sagte er. »Eine größere Freude als eure Heirat könnt ihr uns gar nicht machen

Richard wartete die Übersetzung gar nicht erst ab, sondern gab ihr einen Kuß, der ihr den Atem raubte. Die Ältesten und ihre Frauen klatschten Beifall.

Für Kahlan war es etwas ganz Besonderes, vor den Schlammenschen getraut zu werden. Kahlan fühlte sich hier zu Hause. Als sie das erste Mal hier gewesen waren und nach Hilfe im Kampf gegen Darken Rahl gesucht hatten, hatte Richard den Schlammenschen beigebracht, wie man Dächer baute, die kein Regenwasser durchließen. Sie waren Freunde geworden und hatten zusammen Kämpfe ausgefochten. Dabei hatten die beiden einen Bund mit diesen Menschen geschlossen. Als Anerkennung ihrer Opfer hatte der Vogelmann sie zu Schlammenschen gemacht.

Der Vogelmann erhob sich und nahm Kahlan väterlich in den Arm. Er war froh, daß sie endlich ihr Glück gefunden hatte. Sie weinte ein paar Tränen an seiner Schulter, während er sie in seinen kräftigen Armen hielt. Ihr Abenteuer, eine lange, schwere Prüfung, hatte sie aus den Tiefen der Qualen und der Verzweiflung zu den Höhen des Glücks hinaufgeführt. Der Kampf war gestern erst beendet worden. Kaum zu glauben, daß er endlich vorbei sein sollte.

Je länger das Fest andauerte, desto heftiger wünschte sich Kahlan sein baldiges Ende herbei, damit sie mit Richard allein sein konnte. Er war über einen Monat lang gefangen gewesen und hatte sie erst am Vortag wiedergetroffen. Sie hatte nicht einmal Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen. Oder ihn auch nur richtig in die Arme zu schließen.

Kinder tanzten und sprangen um das kleine Feuer herum, während die Erwachsenen sich um die Fackeln scharten, aßen, sich unterhielten, lachten. Weselan hockte sich neben sie, drückte sie an sich und meinte, sie wolle ihr ein richtiges Hochzeitskleid nähen. Savidlin drückte ihr einen Kuß auf die Wange und gab Richard einen Klaps auf den Rücken. Es fiel ihr schwer, Richard nicht andauernd in die grauen Augen zu sehen. Am liebsten hätte sie ihn ständig angeschaut.

Die Jäger, die damals draußen in der Ebene dabeigewesen waren, als der Vogelmann Richard hatte beibringen wollen, mit der Spezialpfeife, die er ihm geschenkt hatte, bestimmte Vogelarten herbeizurufen, schlenderten an der Plattform der Ältesten vorbei. Damals hatte Richard nur einen einzigen Laut zustande gebracht, mit dem er sämtliche Vögel auf einmal rief, nicht aber die einzelnen Arten. Die Jäger hatten an jenem Tag nicht mehr aufgehört zu lachen.

Jetzt hörten sie zu, wie Savidlin Richard bat, die Pfeife herzuzeigen und noch einmal zu erzählen, wie er mit ihrer Hilfe all die Vögel herbeigerufen hatte, die in dem von Gars bewohnten Tal nisteten. Tausende hungriger Vögel hatten die Blutmücken der Gars gefressen und eine Panik erzeugt. In dem Durcheinander war es Richard gelungen, Scarlets Ei zu retten.

Der Vogelmann lachte, obwohl er die Geschichte mittlerweile schon dreimal gehört hatte. Savidlin schlug Richard vor Lachen auf den Rücken. Die Jäger lachten und schlugen sich auf die Schenkel. Richard lachte, als er sah, wie sie auf Kahlans Übersetzung reagierten.

Und Kahlan lachte, weil sie Richard lachen sah. »Ich glaube, die Geschichte gefällt ihnen.« Sie dachte darüber nach, dann runzelte sie die Stirn. »Wie hat es Scarlet eigentlich geschafft, dich nahe genug am Ei abzusetzen, ohne von den Gars gesehen zu werden?«

Richard drehte den Kopf fort und wurde eine Zeitlang still. »Sie hat mich im Tal auf der anderen Seite der Hügel rings um die Feuerstelle abgesetzt. Ich bin durch die Höhle gegangen.«

Er sah sie nicht an. Kahlan schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Und gab es in der Höhle tatsächlich ein Ungeheuer? Einen Shadrin?«

Er atmete tief durch und blickte über die unbebaute Fläche hinweg. »Allerdings. Und noch etwas anderes.« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. Er ergriff sie und küßte sie auf den Handrücken, immer noch in die Ferne blickend. »Ich dachte, ich müßte dort sterben, einsam und allein. Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen.« Dann schien er die Erinnerung abzuschütteln, stützte sich auf einen Ellbogen und sah sie mit seinem schiefen Lächeln an.

»Der Shadrin hat ein paar Narben hinterlassen, die noch nicht verheilt sind. Aber ich müßte meine Hosen ausziehen, wenn ich sie dir zeigen wollte.«

»Ach, wirklich?« Kahlan lachte derb. »Ich glaube, ich sollte besser einen Blick darauf werfen … um zu sehen, ob alles noch in Ordnung ist.«

Sie sah ihm tief in die Augen, und ganz plötzlich wurde ihr bewußt, daß die meisten Ältesten sie beobachteten. Sie spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Sie schnappte sich einen Reiskuchen und nahm schnell einen Bissen, heilfroh darüber, daß die anderen ihre Worte nicht verstehen konnten. Hoffentlich wußte niemand den Blick in ihren Augen zu deuten. Sie machte sich Vorwürfe, weil sie nicht darauf geachtet hatte, wo sie war. Richard setzte sich wieder auf. Kahlan beugte sich zu einer kleinen Schale mit gebratenen Rippchen hinüber, die dem Anschein nach vom Wildschwein stammten, und stellte sie ihm in den Schoß.

»Hier. Probier mal hiervon.«

Sie schaute zu einer Gruppe Frauen hinüber, hielt den Reiskuchen in die Höhe und lächelte. »Sie sind ausgezeichnet.« Die Frauen nickten zufrieden. Sie drehte sich wieder zu Richard um. Er starrte in die Schale mit dem Fleisch. Sein Gesicht war blaß.

»Nimm es fort«, sagte er leise.

Kahlan nahm ihm erstaunt die Schale aus dem Schoß und stellte sie hinter sich ab. Sie rutschte näher an ihn heran. »Richard, was ist denn?«

Er starrte immer noch in seinen Schoß, als wäre die Schale noch dort. »Ich weiß es nicht. Ich habe das Fleisch gesehen, dann habe ich es gerochen. Mir ist schlecht davon geworden. Es kam mir vor, als wäre es einfach nur ein totes Tier. Als würde ich ein totes Tier essen, das dort vor mir liegt. Wie kann man ein totes Tier verspeisen, das einfach nur so daliegt?«

Kahlan wußte nicht, was sie sagen sollte. Er sah gar nicht gut aus. »Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Man hat mir auch schon einmal Käse zu essen gegeben, als mir übel war. Ich habe alles wieder ausgespuckt. Die Leute dachten, es würde mir guttun, und gaben mir jeden Tag mehr davon zu essen. Und ich spie alles wieder aus, bis es mir besserging. Vielleicht ist es bei dir ähnlich, weil du diese Kopfschmerzen hast.«

»Vielleicht«, meinte er mit schwacher Stimme. »Ich war lange im Palast des Volkes. Dort ißt man kein Fleisch. Darken Rahl ißt — oder aß — kein Fleisch, also wurde im Palast keines aufgetischt. Vielleicht habe ich mich daran gewöhnt, kein Fleisch zu essen.«

Sie rieb ihm über den Rücken, während er seinen Kopf in die Hände nahm und sich mit den Fingern durch die Haare fuhr. Erst der Käse, jetzt das Fleisch. Seine Eßgewohnheiten wurden so merkwürdig wie die eines … Zauberers.

»Kahlan … es tut mir leid, aber ich muß irgendwohin, wo es ruhig ist. Mein Kopf tut wirklich weh.«

Sie legte ihm die Hand auf die Stirn. Seine Haut fühlte sich kalt und feucht an. Er sah aus, als könnte er jeden Augenblick zusammenklappen. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit.