Kahlan stöhnte. Sie war todmüde. Sie wollte niemanden empfangen, nur um irgendwelchen Frauen zu erzählen, wie wundervoll ihr hochgestecktes und verziertes Haar aussah, oder Männern, wie elegant sie den Schnitt ihrer Jacken fand, oder um geduldig irgendwelchen Gesuchen zu lauschen, die unweigerlich auf die Verteilung von Geldern hinausliefen und die stets zu beweisen suchten, daß der Bittsteller keinesfalls den eigenen Vorteil suchte, sondern nichts weiter als die Befreiung aus einer Notlage, in die er schuldlos geraten war.
Bernadette sah sie tadelnd an, wie sie es getan hatte, als Kahlan noch klein gewesen war, so als wolle sie sagen: »Jetzt hör mal zu, junges Fräulein, du hast Pflichten, und ich erwarte keinen Ärger damit.«
Was sie jedoch sagte, war: »Alle waren voller Sorge über das lange Ausbleiben der Mutter Konfessor. Es würde ihnen das Herz erleichtern, wenn sie sähen, daß Ihr gesund und wohlauf seid.«
Kahlan bezweifelte das. Was Bernadette tatsächlich meinte, war: Es wäre gut für Kahlan, wenn sie die Menschen daran erinnerte, daß die Mutter Konfessor noch lebte und die Fäden in den Händen hielt. »Natürlich, Bernadette. Danke, daß Ihr mich erinnert habt, daß die Menschen mich in ihren Herzen bewahrt und sich um mich gesorgt haben.«
Bernadette lächelte. »Ich denke, dafür seid ihr doch zu klug, Mutter Konfessor.« Sie wischte sich einen unsichtbaren Flecken vom Handrücken. »Mutter Konfessor … habt Ihr einen der anderen Konfessoren mit zurückgebracht? Wird von den anderen bald jemand zurückkommen?«
Kahlan setzte übergangslos ihre Konfessorenmiene auf, so wie ihre Mutter es ihr beigebracht hatte. »Tut mir leid, Bernadette, ich dachte, Ihr wüßtet Bescheid. Sie sind alle tot. Ich bin der letzte lebende Konfessor.«
Bernadettes Augen füllten sich mit Tränen, während sie leise ein Gebet sprach. »Mögen die guten Seelen immer mit ihnen sein.«
»Warum sollten sie jetzt damit beginnen?« meinte Kahlan knapp. »Als Dennee von dem Quadron geschnappt wurde, haben sie sich diese Mühe auch nicht gemacht.«
Die Feuer in ihren Gemächern brannten alle lichterloh, so wie Kahlan es vorhergesehen hatte, und so wie sie es jeden Tag während ihrer Abwesenheit getan hatten, Monat für Monat. Man ließ die Feuer in den Gemächern der Mutter Konfessor im Winter niemals ausgehen, für den Fall, daß sie zurückkehrte. Auf einem Tisch stand ein silbernes Tablett mit einem frischen Laib Brot, einer Kanne Tee und einer Schale dampfender Gewürzsuppe. Fräulein Sanderholt wußte, was Kahlan am liebsten aß.
Bei Gewürzsuppe mußte Kahlan an Richard denken. Sie erinnerte sich, daß sie sie für ihn gekocht hatte, und er für sie.
Nachdem sie ihren Rucksack und Bogen hatte fallen lassen, schritt Kahlan über die edlen Teppiche und ging ins Nachbarzimmer. Dort blieb sie stehen, strich gedankenverloren mit den Fingern über einen der prächtigen, polierten Pfosten am Fußende ihres Bettes, starrte vor sich hin und dachte daran, daß sie eigentlich mit Richard hätte hier sein sollen. Am Tage ihrer Ankunft in Aydindril hätten sie bereits verheiratet sein sollen. Sie hatte ihm dieses große Bett versprochen.
Kahlan mußte daran denken, welche Freude sie an jenem Tag in ihrem Herzen gespürt hatte, als sie über ihre Trauung und über ihre Rückkehr nach Aydindril als Mann und Frau gesprochen hatten. Da spürte sie, wie ihr eine Träne über die Wange lief. Sie holte tief Luft, um den Schmerz zu unterdrücken, der glühend ihre Brust durchbohrte, und wischte die Träne mit den Fingerspitzen fort.
Kahlan trat an die verglasten Türen, öffnete sie und trat hinaus auf den weiten Balkon. Sie legte ihre zitternden Finger auf das breite, eiskalte Geländer, stand in der kalten Luft und blickte den Hang hinauf zur Burg der Zauberer, zu ihren düsteren Steinmauern, die in den letzten goldenen Strahlen des Sonnenuntergangs aufleuchteten.
»Wo bist du nur, Zedd?« sagte sie leise. »Ich brauche dich.«
Er fuhr mit einem Keuchen aus dem Schlaf hoch, glitt aus und stieß sich den Kopf. Blinzelnd setzte er sich auf. Ihm gegenüber saß, in eine Ecke gekauert, eine alte Frau mit glattem, schwarzem und weißem, kinnlangem Haar. Die beiden befanden sich im Innern einer Kutsche. Das Gefährt schwankte unvermittelt, so daß er zur anderen Seite hinüberrutschte.
»Wer bist du?« fragte er.
»Und wer bist du?« fragte sie prompt zurück.
»Ich habe zuerst gefragt.«
»Ich…« Sie raffte ihren Umhang um das elegante grüne Kleid zusammen. »Ich weiß nicht, wer ich bin. Und wer bist du?«
Er hob den Zeigefinger. »Ich bin … ich bin…« Er stieß einen schwachen Seufzer aus. »Ich fürchte, ich weiß auch nicht, wer ich bin. Erkennst du mich nicht wieder?«
Sie raffte ihren Umhang noch ein wenig enger um sich. »Ich weiß es nicht. Ich bin blind. Ich kann nicht erkennen, wie du aussiehst.«
»Blind. Oh. Das tut mir leid.«
Er rieb sich die Stelle, wo er sich den Kopf an der Kutschenwand gestoßen hatte. Derweil blickte er an sich hinab und stellte fest, wie elegant er gekleidet war: ein kastanienbraunes Gewand mit schwarzen Ärmeln, das mit drei Reihen Silberbrokat besetzt war. Wenigstens, dachte er, scheine ich nicht arm zu sein.
Er hob einen schwarzen Stock vom Boden auf und betrachtete die feine Silberarbeit. Dann drehte er sich um und stieß ihn an die Decke, in die Richtung, wo ganz vorn der Fahrer sitzen mußte. Die alte Frau fuhr vor Schreck hoch.
»Was soll denn dieser Lärm!«
»Entschuldigung. Ich habe nur versucht, den Kutscher auf uns aufmerksam zu machen.«
Offenbar hatte der Kutscher ihn gehört. Die Kutsche kam rutschend zum Stehen und schaukelte leicht, als jemand vom Kutschbock kletterte.
Als die Tür aufgerissen wurde und er den riesigen Kerl in der langen Jacke sah, der sein wettergegerbtes Gesicht ins Wageninnere schob, riß er seinen Stock an sich und wich zurück.
»Wer bist du?« fragte er, den Stock bedrohlich schwingend.
»Ich? Ich bin bloß ein großer Narr«, knurrte der große Mann. Sein tief zerfurchtes Gesicht entspannte sich zu einem schwachen Lächeln. »Ich heiße Ahern.«
»Also schön, Ahern, und was tust du hier mit uns? Hast du uns entführt? Werden wir festgehalten, weil man ein Lösegeld erpressen will?«
Ahern lachte in sich hinein. »Eher umgekehrt, würde ich sagen.«
»Wie meinst du das? Wie lange haben wir geschlafen? Und wer sind wir?«
Ahern blickte in den Himmel. »Bei den Seelen, wie gerate ich nur immer wieder in so etwas hinein?« Er stieß einen Seufzer aus. »Ihr beide habt seit gestern spät am Abend geschlafen. Ihr habt die letzte Nacht durchgeschlafen und den ganzen heutigen Tag. Du bist Ruben. Ruben Rybnik.«
»Ruben?« räusperte er sich gewichtig. »Ruben. Nun, das ist ein wohlklingender Name.«
»Und wer bin ich?« erkundigte sich die Frau.
»Du bist Elda Rybnik.«
»Sie heißt auch Rybnik?« fragte Ruben. »Sind wir miteinander verwandt?«
Ahern zögerte. »Ja und nein. Ihr zwei seid Mann und Frau. Gewissermaßen.«
Ruben beugte sich zu dem großen Mann vor. »Ich finde, das bedarf der Erklärung.«
Ahern stieß einen Seufzer aus und nickte. »Dein Name lautet Ruben und ihrer Elda. Aber das sind nicht eure richtigen Namen. Ihr habt mir erklärt, im Augenblick wäre es besser, wenn ich euch eure richtigen Namen nicht verrate.«
»Du hast uns entführt! Du hast uns eins übergezogen und dann verschwinden lassen!«
»So beruhige dich doch. Ich werde dir alles erklären.«
»Dann fang schon an, bevor ich dir mit meinem Stock eine Tracht Prügel verpasse!«
»Das lohnt nicht«, murmelte Ahern wie zu sich selbst. »Wie bin ich nur hier reingeraten? Gold, das war’s«, beantwortete er sich die Frage selbst.
Ahern schob sich in die Kutsche und setzte sich neben Ruben. Die Tür zog er wegen des Schneegestöbers draußen zu.
»Recht so, mach es dir nur bequem«, meinte Ruben.
Ahern räusperte sich. »Also schön, jetzt hört zu, ihr zwei. Ihr wart beide krank. Ihr habt euch von mir zu drei Frauen bringen lassen.« Er beugte sich näher zu Ruben heran und runzelte die Stirn. »Drei Magierinnen.«