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Kahlan wünschte sich, daß nur ein einziges Mal einer dieser Menschen, mit denen sie lebte und zusammenarbeitete, die Ehrlichkeit besäße zuzugeben, wie sehr sie sie haßten und wie wütend sie waren, weil sie ihnen nicht gestattete, die Midlands und ihre Bevölkerung zu ihrem eigenen Wohl zu unterjochen. Nun ja, nicht alle waren so, ermahnte sie sich.

Während sie mit halbem Ohr zuhörte, überlegte Kahlan, was diese ehrbare Gattin eines Botschafters wohl denken würde, wenn nicht die Mutter Konfessor in ihrem strahlend weißen Kleid und mit einem mächtigen Juwelenhalsband im Werte ihres halben Königreiches vor ihr stünde, sondern wenn sie statt dessen Kahlan auf einem Pferd sehen würde, nackt, mit weißer Farbe beschmiert und blutüberströmt, während sie mit einem Schwert auf die Gesichter der Männer eindrosch, die versuchten, sie umzubringen. Wahrscheinlich würde sie in Ohnmacht fallen, überlegte Kahlan.

Als die Frau endlich Luft holte, bedankte Kahlan sich für ihre Sorge und ging weiter. Es war spät, und sie war müde. Sie hatte morgen früh ein Treffen mit dem Rat. Als sie an einem Spiegel vorüberging und sich selbst betrachtete, kam es Kahlan so vor, als hätte sie sehr lange Zeit geträumt und wäre genauso aufgewacht wie früher, als Mutter Konfessor, in ihrem weißen Konfessorenkleid, im Palast der Konfessoren in Aydindril.

Doch sie war nicht mehr dieselbe wie bei ihrem letzten Aufenthalt. Sie fühlte sich um hundert Jahre gealtert. Sie mußte lächeln. Wenigstens war das Bad herrlich gewesen. Sie konnte sich nicht erinnern, ein Bad je als solchen Luxus empfunden zu haben. Sie hatte fast vergessen, wie es war, sich sauber zu fühlen.

In der Nähe der Tür trat eine weitere elegant gekleidete Dame an sie heran. Ein leises Runzeln zuckte über Kahlans Stirn. Das sandfarbene Haar der Frau erschien ihr zu kurz — es paßte nicht zum Haarstil der anderen Frauen, die es bis auf die Schultern trugen. Ihr Kleid jedoch paßte. Es war ein kostbar aussehendes Abendkleid, das ihre Schultern freigab und die funkelnde Smaragdhalskette zur Geltung brachte.

Die Frau versperrte Kahlan den Weg durch die Tür. Sie machte hastig einen Knicks. Ihre blauen Augen fuhren unruhig umher.

»Mutter Konfessor, ich muß Euch sprechen. Es ist dringend.«

»Tut mir leid, aber ich fürchte, ich kann mich nicht an Euch erinnern.«

Die Frau hob kein einziges Mal den Kopf. Ständig hielt sie mit ihren blauen Augen Ausschau nach den anderen Leuten. »Wir sind uns noch nie begegnet. Wir haben einen gemeinsamen Freund…«

Als sie eine ältere Frau mit säuerlicher Miene entdeckte, die in ihre Richtung blickte, drehte sie ihr den Rücken zu.

»Mutter Konfessor, seid Ihr allein nach Aydindril gekommen, oder habt Ihr jemanden mitgebracht?«

»Ein Freund, Chandalen, hat mich begleitet, doch er befindet sich im Wald südlich der Stadt. Warum?«

»Das ist nicht der Name, den ich zu hören gehofft hatte.« Sie hob den Kopf und sah Kahlan in die Augen. »Ihr müßt…«

Ihre Worte verklangen. Ihre durchdringenden blauen Augen wurden noch größer. Sie stand da, als wäre sie zu Stein erstarrt.

»Was ist?« fragte Kahlan.

Die Frau schien Gespenster zu sehen. »Ihr … Ihr…«

Die Farbe war ihr erschreckend schnell aus dem Gesicht gewichen. Die Frau taumelte einen Schritt zurück. Durch die plötzliche Blässe ihrer Schultern wirkte sie im Kontrast zum dunklen Stoff ihres Kleides wie ein Geist in Abendgala. Ihr Kinn zitterte, während sie erfolglos versuchte, etwas hervorzubringen. Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Maske des Entsetzens.

Ihre blauen Augen verdrehten sich nach oben. Zu spät versuchte Kahlan, sie zu halten. Die Frau sackte in sich zusammen.

Die Leute in der Nähe schrien erschrocken auf. Kahlan beugte sich zusammen mit anderen über die Frau. Männer und Frauen umdrängten sie und murmelten etwas von zuviel Wein.

Die sauertöpfische Frau bahnte sich mit den Ellenbogen einen Weg nach vorn. »Jebra! Dachte ich mir doch, daß das Jebra ist!«

Kahlan sah hoch. »Ihr kennt diese Frau? Und wer seid Ihr?«

Plötzlich wurde der Frau bewußt, mit wem sie sprach. Sofort setzte sie ein Lächeln auf und machten verlegen einen Knicks. »Ich bin Lady Ordith Condatith de Dackidvich, Mutter Konfessor. Ich freue mich sehr, endlich Eure Bekanntschaft zu machen. Ich wollte schon seit langem mit Euch…«

Kahlan schnitt ihr das Wort ab. »Wer ist diese Frau? Kennt Ihr sie?«

»Ob ich sie kenne?« Ihre säuerliche Miene kehrte zurück. »Sie ist meine Zofe. Ihr Name ist Jebra Bevinvier. Ich werde das faule Luder auspeitschen lassen!«

»Zofe?« sagte ein Mann. »Das glaube ich kaum. Ich habe mit Lady Jebra zu Abend gespeist, und ich kann Euch versichern, daß sie eine Dame ist.«

Lady Ordith rümpfte verächtlich die Nase. »Sie ist eine Heuchlerin.«

»Dann müßt Ihr sie gut bezahlen«, erwiderte der Mann voller Sarkasmus. »Sie wohnt in den elegantesten Gasthöfen und zahlt in Gold.«

Lady Ordith bedachte den Mann mit einem weiteren verächtlichen Naserümpfen und packte einen Wachposten am Arm. »Du! Bring dieses Luder in meine Gemächer! Ich wohne im Kelton-Palast. Ich werde der Sache auf den Grund gehen.«

Kahlan erhob sich und warf Lady Ordith einen vernichtenden Blick zu. »Ihr werdet nichts dergleichen tun. Es sei denn, Ihr erdreistet Euch, der Mutter Konfessor vorzuschreiben, was sie in ihrem eigenen Palast zu tun und zu lassen hat.«

Lady Ordith stammelte eine Entschuldigung. Kahlan schnippte mit den Fingern, ohne den Blickkontakt mit Lady Ordiths Augen abzubrechen. Wächter sprangen vor.

Kahlan drehte sich um. »Bringt Lady Jebra in ein Gästezimmer. Ein Diener soll ihr einen Ingwertee bringen, kalte Tücher für ihren Kopf und alles, was sie sonst noch wünscht. Sie soll von niemandem gestört werden, auch nicht von Lady Ordith. Ich ziehe mich jetzt für die Nacht zurück und wünsche ebenfalls keine Störung. Ich habe in aller Frühe eine Sitzung mit dem Rat. Sobald ich mich mit dem Rat getroffen habe, wünsche ich zudem, daß man Lady Jebra zu mir bringt.«

Die Wachen salutierten und verneigten sich vor Jebra.

Als Kahlan bei ihrem Gemach ankam, wurde sie von zwei keltonischen Wachen aus dem Kelton-Palast vor ihrer Tür aus ihren grüblerischen Gedanken gerissen. Als die Wachen sie erblickten, pochte einer von ihnen kühl mit dem Ende seines Speeres gegen die Tür. In ihren Gemächern war jemand. Kahlan warf den teilnahmslosen Wachen einen ernsten Blick zu, als sie erhobenen Hauptes durch die Tür schritt.

Im Vorzimmer war niemand. Sie stürmte ms Schlafzimmer und blieb wie erstarrt stehen, als sie ihn sah. Prinz Fyren stand auf ihrem Bett, mit dem Rücken zu ihr.

Er grinste fies über seine Schulter, während er mitten auf ihr Bett urinierte.

Als er fertig war, drehte er sich um und knöpfte sich dabei die Hosen zu.

»Was im Namen der Seelen glaubt Ihr, was Ihr da tut?« hauchte sie.

Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an und ging forschen Schritts an ihr vorbei. »Ich gebe der Mutter Konfessor lediglich zu verstehen, wie glücklich wir alle sind, sie wieder im Hause zu wissen.« Seine Jacke war offen. Er glättete die Rüschen auf seiner weißen Hemdbrust, während er an der Tür stehenblieb. »Geruhsamen Schlaf, Mutter Konfessor.«

Kahlan riß sechsmal an der Klingelschnur. Sechs Dienstmädchen kamen ihr auf dem Korridor atemlos entgegengeeilt.

»Habt Ihr einen Wunsch, Mutter Konfessor?«

Kahlan biß die Zähne aufeinander. »Bringt meine Matratze und meine Bettwäsche nach draußen in den Hof und verbrennt sie dort.«

Die Mädchen waren fassungslos. »Mutter Konfessor?«

»Reißt die Matratze aus meinem Bett, zusammen mit sämtlichen Laken, schleppt sie in den Hof unter meinem Fenster und zündet sie an.« Kahlan ballte die Fäuste. »Was ist daran so schwer zu verstehen?«

Die sechs wichen einen Schritt zurück. »Ja, Mutter Konfessor.« Sie standen bebend da, die Augen aufgerissen. »Jetzt sofort, Mutter Konfessor?«