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»Hätte ich es morgen erledigt haben wollen, hätte ich euch morgen gerufen!«

Kahlan erreichte die Treppe über dem großen Eingang gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie Prinz Fyren sich zu dem Mann in schlichter Robe gesellte, der dort auf ihn gewartet hatte. Einen ganzen Augenblick lang sah er sie aus seinen dunklen Augen an.

»Wachen!« schrie sie nach unten Richtung Eingang. Die uniformierten Männer blickten hoch, als sie angerannt kamen. »Die diplomatischen Privilegien sind außer Kraft! Wenn ich dieses keltonische Schwein oder einen aus seiner Leibgarde vor der Ratssitzung morgen früh noch einmal zu Gesicht bekomme, ziehe ich jedem von euch persönlich bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren, nachdem ich ihn getötet habe!«

Sie salutierten. Unten in der Eingangshalle sah Kahlan Lady Ordith, die beobachtet hatte, was gerade geschehen war.

»Lady Ordith.« Lady Ordith starrte bereits zu ihr hoch. »Wenn ich mich nicht irre, sagtet Ihr, Ihr wärt Gast im Kelton-Palast. Dann laßt Euch in meinem nicht mehr blicken.«

Die Angesprochene stammelte Abschiedsworte, während Kahlan auf dem Absatz kehrtmachte und zurück in ihre Gemächer ging. Auf dem Weg dorthin wählte sie eine Handvoll Wachen aus.

Sie wartete vor ihren Gemächern, bis die Männer vor ihrer Tür Aufstellung genommen hatten. »Sollte irgend jemand heute nacht meine Räume betreten, dann nur über eure Leichen. Habt ihr das begriffen?«

Sie alle salutierten, zum Zeichen, daß sie verstanden hatten. Kahlan warf sich ihren weißen Umhang über die Schultern und ging hinaus auf den Balkon, hinaus in die bitterkalte Nacht. Sie stand da mit durchgedrücktem Rücken in der Nähe des Geländers, während sie auf das Geschehen unten im Hof hinabblickte.

Zu gern wäre sie davongelaufen, doch das konnte sie nicht. Sie war die Mutter Konfessor. Sie mußte tun, was all die anderen Mütter Konfessor vor ihr getan hatten — die Midlands beschützen. Sie war allein und hatte niemanden, der ihr bei der Erfüllung ihrer Pflicht helfen konnte.

Tränen liefen ihr über die Wangen, während sie zusah, wie ihr Bett im Hof in Flammen aufging — das Bett, das sie Richard versprochen hatte.

58

Die Spiegelbilder der Mutter Konfessor in ihrem weißen Kleid kreisten um die polierten schwarzen Marmorsäulen, als sie die Galerie entlangmarschierte, dem privaten Zugang der Mutter Konfessor zum Ratssaal. Kahlan war eine Stunde vor der Zeit gekommen. Sie hatte vor, vom Obersten Sitz aus das Eintreffen sämtlicher Ratsmitglieder zu beobachten. Sie wollte verhindern, daß sie Absprachen trafen, bevor sie zugegen war.

Als sie die Türflügel aufstieß, blieb sie wie erstarrt stehen. Jeder Ratssitz war besetzt. Auf den Galerien drängten sich die Menschen — nicht nur Offizielle, Verwalter, Personal und Adel, sondern ganz normale Leute: Bauern, Händler, Köche, Fuhrleute, Arbeiter. Männer und Frauen aller Art. Aller Augen ruhten auf ihr, als sie in der Tür stand.

Auf der anderen Seite des Saales hatten die Ratsmitglieder auf ihren Sitzen Platz genommen. Alles war mucksmäuschenstill. Auch auf dem Obersten Sitz saß jemand. Von weitem konnte sie nicht erkennen, um wen es sich handelte, doch sie wußte es ohnehin.

Als Kahlan den geschwungenen Schreibtisch erreichte, stellte sich heraus, daß der Mann auf dem Obersten Sitz nicht der war, den sie erwartet hatte. Auf einer Trage vor dem Podium lag hingestreckt die Leiche von Prinz Fyren. Seine Haut war wachsfarben. Er hatte die Arme verschränkt, seine Hände ruhten auf den blutdurchtränkten Rüschen seines Hemdes. Sein Schwert lag quer über seinem Körper. Jemand hatte Prinz Fyren die Kehle fast bis zur Wirbelsäule aufgeschlitzt.

Kahlan blickte hinauf in die ernsten, dunklen Augen, die auf sie gerichtet waren. Der Mann beugte sich aus der Tiefe des Obersten Sitzes nach vorn und faltete seine Hände auf dem Schreibtisch. Ein kurzer Blick enthüllte, was ihr zuvor nicht aufgefallen war: ein Ring aus Wachen umgab den Saal.

Wütend sah sie zu dem Mann mit dunklem Haar und Bart hinauf. »Runter von meinem Sitz, oder ich bringe Euch eigenhändig um.«

Das Klirren von Schwertern, die gezogen wurden, erfüllte den Saal. Der Mann machte eine knappe Handbewegung, ohne seine dunklen Augen von ihr zu nehmen. Jedes Schwert glitt zögernd zurück in die Scheide.

»Mit dem Morden ist jetzt Schluß für Euch, Mutter Konfessor«, meinte er mit ruhiger Stimme. »Prinz Fyren war Euer letztes Opfer.«

Kahlan runzelte die Stirn. »Wer seid Ihr?«

»Neville Ranson.« Ohne sie aus den Augen zu lassen, drehte er seine Hand nach oben. Ein Ball aus Feuer entzündete sich über seiner Handfläche. »Zauberer Neville Ranson.«

Den Blick weiterhin auf sie gerichtet, schleuderte er den Ball gen Decke. Der stieg gehorsam in die Höhe bis unter die Kuppel, wo er mit einem dumpfen Knall zu tausend Funken zerbarst. Ein verblüfftes Raunen ging durch den Saal.

Zauberer Ranson lehnte sich zurück und zog eine Schriftrolle auf. »Wir haben hier eine große Zahl von Anklagen, Mutter Konfessor. Womit wollt Ihr beginnen?«

Ohne den Kopf zu drehen, suchte Kahlan jenen Teil des Saales ab, der in ihrem Blickfeld lag. Keine Hoffnung zu entkommen. Keine. Selbst wenn der Mann vor ihr kein Zauberer gewesen wäre.

»Da sie sämtlich erdichtet sein werden, spielt das vermutlich keine Rolle. Warum verzichten wir nicht einfach auf die Posse und schreiten gleich zur Hinrichtung?«

Im Saal blieb es totenstill. Zauberer Ranson lächelte nicht. Er zog die Augenbrauen hoch.

»Oh, keine Posse, Mutter Konfessor, sondern ernsthafte Vorwürfe. Wir sind hier, um sie auf ihre Wahrheit hin zu überprüfen. Im Gegensatz zu den Konfessoren widerstrebt es mir, einen Unschuldigen hinzurichten. Ehe wir hier und heute fertig sind, wird jeder im Saale die Wahrheit über Euren Verrat erfahren haben. Ich will, daß die Menschen das volle Ausmaß Eurer ekelhaften Tyrannei erkennen.«

Kahlan verschränkte die Hände und stand aufrecht da. Sie hatte ihre Konfessorenmiene aufgesetzt. Die Leute beugten sich alle ein Stück vor.

»Da die Liste lang ist«, sagte Ranson, »beginnen wir vielleicht am besten mit dem ernstesten Anklagepunkt.« Er blickte kurz nach unten. »Verrat.«

»Seit wann ist es Verrat, das Volk der Midlands zu verteidigen?«

Zauberer Ranson hämmerte mit der Faust auf den Tisch und sprang auf. »Das Volk der Midlands verteidigen! Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich einen derartigen Unflat aus dem Munde einer Frau gehört!« Er strich die hellbraune Robe über seinem Bauch glatt und nahm wieder Platz. »Eure ›Verteidigung‹ des Volkes bestand darin, es in einen Krieg zu stürzen. Ihr verurteilt Tausende zum Tod, nur weil Ihr fürchtet, jemand anderes als Ihr selbst könnte die Herrschaft übernehmen. Die Herrschaft mit der einstimmigen Zustimmung des Rates, wie ich hinzufügen möchte.«

»Sie kann wohl kaum einstimmig sein, wenn die Mutter Konfessor anderer Meinung ist.«

»Anderer Meinung aufgrund ihrer eigenen, selbstsüchtigen Beweggründe.«

»Und wer soll Eurer Ansicht nach die Midlands beherrschen? Kelton? Ihr selbst?«

»Der Retter der Menschheit. Die Imperiale Ordnung.«

Ein Kribbeln kroch Kahlans Beine hoch. Kahlan war, als bräche die Kuppel über ihrem Kopf zusammen. Vor ihren Augen begann sich alles zu drehen. Sie glaubte, sich gleich hier, vor allen Menschen, übergeben zu müssen. Sie zwang ihren Magen, sich zu beruhigen.

»Die Imperiale Ordnung! Die Imperiale Ordnung hat Ebinissia in Schutt und Asche gelegt! Sie zerschlägt jeden Widerstand, um selbst die Herrschaft an sich zu reißen.«

»Lügen. Die Imperiale Ordnung hat sich der Herrschaft der Güte verschrieben. Man wünscht nichts weiter, als Euren mörderischen Absichten ein Ende zu machen.«

»Güte! Diese Schlächter haben die Menschen in Ebinissia vergewaltigt und hingemetzelt!«

Ranson lachte leise in sich hinein. »Ich bitte Euch, Mutter Konfessor. Die Imperiale Ordnung hat niemanden ermordet.« Er wandte sich an einen Mann, den Kahlan nicht kannte. »Ratsmann Thurstan, ist dem Sitz Eurer Krone von irgend jemandem Schaden zugefügt worden?«