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Der Mann mit den hängenden Wangen tat überrascht. »Ich bin erst vor zwei Tagen aus der wundervollen Stadt Ebinissia eingetroffen, und dort weiß niemand, daß er abgeschlachtet worden ist.«

Die Menge fiel in sein Lachen ein. Ranson lächelte Kahlan gereizt an.

»Habt Ihr etwa erwartet, wir hätten keine Zeugen, die Eure grotesken Geschichten bloßstellen? Hier handelt es sich schlicht um eine Erfindung, die die Angst der Menschen entflammen und sie zu einem Krieg anstacheln soll.«

Ranson schnippte mit den Fingern. Eine Frau in trister, abgetragener Kleidung kam herein und blieb etwas seitlich stehen. Ranson erklärte ihr freundlich, sie brauche keine Furcht zu haben und solle ihre Geschichte erzählen. Die Frau erzählte, wie ihre Kinder hungrig zu Bett gehen müßten, weil sie kein Geld habe. Sie sagte, man habe sie zur Prostitution gezwungen, damit sie ihre Kinder ernähren könne. Kahlan wußte, das war gelogen. Es herrschte kein Mangel an wohltätigen Menschen und Organisationen, die jedem halfen, der wirklich bedürftig war.

In der nächsten Stunde ließ man einen Zeugen nach dem anderen auftreten, und jeder erzählte eine Geschichte von Hunger und Not und davon, daß der Palast sich weigerte, ihm Geld zu geben, damit er essen und sich kleiden konnte, und daß sich dort niemand darum scherte, ob Kinder verhungerten. Die Menschen auf den Baikonen lauschten aufmerksam und gespannt den traurigen Geschichten und klagten ihr Weh mit den Zeugen.

Kahlan erkannte einige der Leute wieder, die eine Zeugenaussage machten. Sie erinnerte sich, daß ihnen Fräulein Sanderholt früher einmal Arbeit angeboten hatte. Sie hatte Kahlan berichtet, sie hatten nur über die Arbeiten gespottet, die man ihnen aufgetragen hatte. Am Ende hatte Fräulein Sanderholt vieles davon selbst machen müssen.

Zauberer Ranson erhob sich, nachdem der letzte Zeuge seine tränenreiche Geschichte vorgetragen hatte, verneigte sich zu beiden Seiten und sprach zu den versammelten Menschen. »Die Mutter Konfessor verfügt über einen gewaltigen Staatsschatz, und sie hatte die Absicht, ihn zur Finanzierung eines Krieges gegen jene Völker der Midlands zu benutzen, die sich von ihrer Herrschaft befreien wollten. Zuerst stiehlt sie euch und euren Kindern das Essen vom Mund, und dann, um zu verhindern, daß ihr über den nagenden Hunger in euren Mägen nachdenkt, erfindet sie einen Feind und bricht mit eurem hartverdienten Geld, das sie für ihre jetzt schon reichen Freunde gestohlen hat, einen Krieg vom Zaun.

Während ihr hungrig seid, läßt sie es sich schmecken! Während ihr Kleidung braucht, kauft sie Waffen! Während eure Söhne in der Schlacht verbluten, läßt sie es sich im Schoß des Luxus wohl ergehen! Beschuldigt man Mitglieder eurer Familien ungerechterweise eines Verbrechens, zwingt sie sie mit ihrer Magie dazu, Verbrechen zu gestehen, die sie nicht begangen haben, damit der Protest gegen ihre Tyrannei verstummt!«

Menschen weinten. Ein paar schrien beim letzten Teil gequält auf. Andere verlangten wütend nach Gerechtigkeit. Kahlan bekam erste Zweifel, ob man sie enthaupten würde. Dieser Mob riß sie vermutlich in Stücke, bevor sie es bis zum Schafott geschafft hatte.

Ranson breitete vor den versammelten Menschen die Arme aus. »Als Vertreter der Imperialen Ordnung verfüge ich, daß die Menschen das bekommen, was sie wirklich brauchen. Der Staatsschatz von Aydindril wird seiner bestmöglichen Verwendung zugeführt. Er wird den Unterdrückten zurückgegeben werden. Jeder Familie soll pro Monat ein Goldstück zustehen, um die Kinder zu kleiden und zu ernähren. Unter der Herrschaft der Imperialen Ordnung wird es keinen Hunger geben.«

Im riesigen Saal brach Jubel aus. Der wilde Beifall und die Hurrarufe hielten gute fünf Minuten lang unvermindert an. Ranson setzte sich, legte die Fingerspitzen aneinander und lauschte seiner Verherrlichung. Dabei ließen weder Kahlan noch er sich auch nur für einen Moment aus den Augen.

Kahlan wußte, daß die Härten dieses Lebens nicht so einfach zu beseitigen waren. Scheinbare Mildtätigkeit konnte in Wahrheit grausam sein. In spätestens sechs Monaten mußte die Kasse leer sein, rechnete sie. Sie fragte sich, was dann im siebten Monat geschehen würde, wenn das Geld ausgegeben war und die Menschen längst aufgehört hatten, zu arbeiten und zu pflanzen, um für sich selbst zu sorgen. Dann kam es mit Sicherheit zu Hunger und Elend — unter dem Deckmantel der Großzügigkeit.

Endlich ließ der Lärm nach, und es wurde still. Ranson beugte sich vor.

»Man kann unmöglich sagen, wie viele Menschen auf Euren Befehl hin gehungert haben oder verhungert und im Krieg umgekommen sind, Mutter Konfessor. Offenkundig ist, Ihr seid des Verrats an den Völkern der Midlands schuldig. Ich sehe keinen Grund, die Beweisaufnahme auf Wochen zu verlängern, obwohl wir dies könnten.« Die anderen Ratsmitglieder taten mit Zurufen ihre Zustimmung kund. Ranson schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Des ersten Punktes also schuldig: des Verrats.«

Die Menschen jubelten erneut. Kahlan stand mit durchgedrücktem Rükken da, hatte ihre Konfessorenmiene aufgesetzt. Ranson verlas Anklagepunkte, bei denen sie es kaum für möglich hielt, daß jemand sie vortrug, ohne eine Miene zu verziehen. Zeugen traten vor und bezeugten Greueltaten, über die nach Kahlans Ansicht jeder hätte lachen müssen, der gesunden Menschenverstand besaß. Doch es lachte niemand.

Menschen, die sie noch nie gesehen hatte, gaben intime Kenntnisse dessen preis, was Konfessoren angeblich insgeheim taten. Ein Kloß setzte sich in Kahlans Hals fest, als sie hörte, was die Leute von ihr dachten. Die Menschen plapperten irrationale Ängste und Gerüchte über jede Art von Ungeheuerlichkeit nach, die angeblich von Konfessoren begangen wurden und ganz besonders von der Mutter Konfessor.

Ihr ganzes Leben lang hatte sie, wie auch die anderen Konfessoren, alles dafür geopfert, die Menschen zu beschützen, und die ganze Zeit über hatten sie diese Ungeheuerlichkeiten von ihr geglaubt. Als sie einen Zeugen erklären hörte, Konfessoren müßten regelmäßig Menschenfleisch verspeisen, um ihre magische Kraft zu erhalten, rechnete Kahlan damit, man werde über diesen Vorwurf lachen. Statt dessen rissen die Menschen die Augen auf und beugten sich entsetzt vor. Sie biß sich auf die Innenseite ihrer Wangen, um nicht in Tränen auszubrechen, weniger, weil man ihr solche Dinge zur Last legte, sondern weil die Menschen sie dieser Dinge überhaupt für fähig hielten.

Schließlich gab Kahlan es auf zuzuhören. Während Ranson weiter Anklagepunkte auflistete, Zeugen aufrief und der Rat sie eines Vorwurfs nach dem anderen für schuldig befand, dachte sie an Richard. Sie versuchte sich all die Augenblicke in Erinnerung zu rufen, die sie mit ihm verbracht hatte, all die Male, die er sie berührt hatte. Sie versuchte, sich an jeden einzelnen Kuß zu erinnern.

»Ihr findet das also amüsant?« fuhr Ranson sie an.

Kahlan hob den Kopf. Sie merkte, wie sie lächelte. »Was?«

Etwas seitlich stand eine Frau und weinte in ihr Taschentuch. Kahlan sah sie blinzelnd an, dann blickte sie zu Ranson hoch.

»Tut mir leid, ich nehme an, ich habe ihren Auftritt verpaßt.«

Die Menge stimmte ein wütendes Murren an. Ranson lehnte sich in seinem Sessel zurück und schüttelte angewidert den Kopf.

»Schuldig der Ausübung der Magie von Konfessoren an Kindern.«

»Was? Habt Ihr den Verstand verloren? An Kindern?«

Ranson zeigte mit der Hand auf die Frau, die daraufhin in wildes Schluchzen ausbrach. »Sie hat gerade ausgesagt, ihr Kind sei verschollen. Sie hat erzählt, anderen Frauen seien ebenfalls Kinder abhanden gekommen, und es sei allgemein bekannt, daß die Kinder entführt worden seien, damit Konfessoren ihre Magie an ihnen üben können. Als Zauberer kann ich dies nur bestätigen.« Die Menge heulte wütend auf.

Kahlan sah fassungslos zu ihm hinauf. »Ich habe Kopfschmerzen. Warum hackt Ihr meinen Kopf nicht einfach ab?«

»Fühlt Ihr Euch nicht wohl, Mutter Konfessor? Nicht wohl, weil die Menschen Gelegenheit erhalten, ihrer Unterdrückerin gegenüberzutreten und das ganze Ausmaß ihrer scheußlichen Verbrechen zu erfahren?«