Mit einer weiten Armbewegung scheuchte er die anderen auf die andere Seite der Grube, während sie verzweifelt nach dem Gefühl ihrer Magie suchte. Er erklärte ihnen, sie könnten unter sich ausmachen, wer als nächstes an die Reihe kam. Und dann drehte er sich zu ihr. Er fing an, die Schnalle seiner Hose aufzumachen.
Wie von Sinnen suchte Kahlan ihren Verstand nach einer Möglichkeit ab, ihn hinzuhalten. Sie brauchte Zeit, um sich zu überlegen, wie sie ihre Kraft finden sollte. »Wie wär’s zuerst mit einem Kuß?«
»Ich pfeife auf einen Kuß«, knurrte er. »Mach die Beine breit, wie eben. Das hat mir gefallen.«
»Es ist nur so, ein Kuß von einem großen, hübschen Kerl macht eine Frau so richtig scharf darauf, ihn zu verwöhnen.«
Er zögerte einen Augenblick, dann legte er ihr den rechten Arm um die Schultern und schmetterte sie neben sich auf den Boden. »Du tätest gut daran, schnell scharf zu werden, bevor ich die Geduld verliere.«
»Versprochen. Nur küß mich vorher.«
Tyler preßte seine Lippen auf ihren Mund. Ihr verschlug es den Atem, als er seine andere Hand plötzlich zwischen ihren Beinen nach oben schob, diesmal nicht sanft wie zuvor, sondern mit zwingender Unnachgiebigkeit. Er hielt das Keuchen für Bereitwilligkeit und preßte seine Lippen noch fester auf ihren Mund. Sie schlang die Arme um seinen Hals. Er stank so übel, daß sie sich fast erbrochen hätte.
Kahlan versuchte sich darauf zu konzentrieren, ihren Ruhepunkt zu finden, wie sie es zuvor immer getan hatte, wenn sie ihre Kraft benutzte. Sie fand den Ort nicht. Verzweifelt suchte sie nach ihrer Magie, konnte aber nichts finden.
Der Fehlschlag trieb ihr Tränen der Verzweiflung in die Augen. Tylers Atem ging schneller. Sein Druck war so stark, daß ihr die Lippen an den Zähnen schmerzten. Sie tat, als genieße sie es.
Das Entsetzen darüber, was er mit seiner Hand zwischen ihren Beinen anstellte, machte es ihr fast unmöglich, sich zu konzentrieren, aber sie wagte es nicht, ihn davon abzuhalten. Panik kroch ihr die Kehle hinauf, indes sie sich zwang, die Beine weiter für ihn breit zu machen. Sie stemmte die Fersen fester in den Boden. Ihre Füße in den Stiefeln zitterten.
Kahlan rügte sich selbst. Sie war die Mutter Konfessor. Sie hatte ihre Kraft zahllose Male angewendet. Sie versuchte es erneut, doch nichts geschah. Die Erinnerung an die jungen Mädchen aus Ebinissia machte alle Konzentration unmöglich.
Und dann dachte sie an Richard. Fast hätte sie laut aufgeschrien vor Sehnsucht. Wenn sie noch eine Chance haben wollte, Richard wiederzusehen, dann mußte sie ihre Magie anwenden. Sie mußte stark sein. Sie mußte es tun — für ihn.
Nichts geschah. Sie merkte, daß sie vor Verzweiflung in Tylers Mund winselte. Er hielt es für Leidenschaft.
Er zog das Gesicht ein paar Zentimeter weit zurück. »Mach die Beine breiter, damit alle sehen können, wie scharf eine noble Dame auf Tyler ist.«
Gehorsam zog sie die Fersen näher an den Körper und drückte die Knie weiter auseinander. Die Kerle johlten vor Begeisterung. Sie fühlte, wie ihr die Ohren brannten. Sie mußte daran denken, wie Ranson davon gesprochen hatte, ihr die Würde zu nehmen. Tyler preßte seine Lippen wieder auf ihren Mund. Tränen liefen ihr aus den Augenwinkeln.
Es funktionierte nicht. Sie konnte ihre Kraft nicht finden — selbst wenn sie dagewesen wäre. Sie hatte keine Wahl. Sie mußte zu Ende bringen, was sie den Männern angeboten hatte. Es nicht zu tun, würde ihr nur eine zusätzliche Tracht Prügel einbringen. Es gab kein Entrinnen.
Sie dachte an die armen Frauen in Ebinissia. Genau dasselbe würde auch mit ihr geschehen. Es war hoffnungslos. Innerlich gab sie sich auf. Sie überließ sich dem Geschehen.
Dann kam ihr etwas in den Sinn, was ihr Vater ihr einmal erklärt hatte: »Solltest du jemals aufgeben, Kahlan, dann bist du verloren. Kämpfe mit jedem Atemzug. Bis zum letzten, wenn es sein muß, aber gib nicht auf. Niemals. Überlaß den anderen nicht den Sieg. Kämpfe mit allem, was du hast, bis zum allerletzten Atemzug.« Das tat sie im Augenblick nicht. Sie war dabei aufzugeben.
Tyler richtete sich auf. »Genug geküßt, jetzt bist du reif.«
Ihre Zeit war abgelaufen. Sie überlegte, ob Richard sie deswegen hassen würde. Nein. Er wüßte, daß sie keine Wahl gehabt hatte. Er wäre nur dann enttäuscht, wenn sie sich schämen müßte, weil sie zum Opfer geworden war. Er hatte selbst unvorstellbare Qualen erlitten, bevor Denna ihren Willen durchsetzen konnte. Er wußte, was es hieß, hilflos zu sein. Sie machte ihm keinen Vorwurf für das, was man ihm aufgezwungen hatte. Er würde ihr auch keinen Vorwurf machen. Er würde sie trösten.
Wenn es bei diesem Mann nicht funktionierte, sagte sie sich, vielleicht funktionierte es dann mit dem nächsten. Sie würde es immer weiter versuchen, bei jedem. Sie würde nicht aufgeben. Sie würde immer weiter versuchen, ihre Kraft zu finden, bei jedem.
»Laß die Beine auseinander«, knurrte Tyler, als er seine Hosen öffnete. Sie hatte, ohne es zu merken, die Knie zusammengelegt. Gehorsam machte sie sie wieder breit, während eine Träne über die Seite ihres Gesichtes kullerte.
Gute Seelen, betet sie, so helft mir doch. Nein. Die Guten Seelen hatten ihr noch nie geholfen. Sie waren ihr noch nie zur Hilfe gekommen, obwohl sie sich so viel Mühe gegeben hatte, obwohl sie so sehr darum gefleht hatte. Sie würden auch jetzt nicht kommen.
Zum Hüter mit den wertlosen Guten Seelen.
Weine nicht, Mädchen, redete sie sich ein, #bekämpfe sie. Bis zum letzten Atemzug, wenn es sein muß.
»Bitte«, sagte sie, »nur noch einen Kuß#.«
»Du hast genug Küsse bekommen. Jetzt ist es Zeit, dein Versprechen einzulösen. Zeit für mich, und zwar jetzt.«
Kahlan zog die Fersen an den Körper, machte die Beine so breit wie möglich und wackelte mit dem Hintern, während er sie lüstern ansah. »Bitte. Deine Küsse sind die besten, die ich je bekommen habe. Nur noch einen, ja? Bitte!« Sie sah, wie seine Brust sich hob. »Dann werde ich dich so befriedigen wie noch keine Frau zuvor. Nur noch einen Kuß.«
Er ließ sich auf sie fallen, zwischen ihre Beine. Sein Gewicht preßte ihr die Luft aus den Lungen. »Einen noch, und dann bist du dran.«
Er brachte sein schnauzbärtiges Gesicht dicht an ihres. Er hatte die Beherrschung verloren. Sein Mund quetschte ihre Lippen. Sie versuchte seine glühende Erregung zu ignorieren, als er sich schmerzhaft an sie drückte.
Kahlan schlug ihm die Hände seitlich an den muskulösen Hals. Ihre Lungen brannten, sie bekam kaum Luft. Dies war ihre letzte Chance. Ihr letzter Atemzug. Benutze ihn zum kämpfen, redete sie sich ein. Kämpfe.
Für Richard. So wie zahllose Male zuvor ließ sie alle Schranken fallen, obwohl sie keinen Widerstand verspürte.
Es war, als stürze man sich in ein dunkles, bodenloses Loch.
Es gab ein Donnern, doch ohne Hall.
Der heftige Schlag gegen die Luft ließ einen Schauer aus Steinstaub herabregnen.
Die Männer schrien auf vor Schmerz, weil sie so nahe standen, als sie ihre Kraft freisetzte.
Kahlan hätte vor Freude fast aufgeschrien. Plötzlich spürte sie die Magie in ihrer Mitte wieder. Schwach nur, da sie gerade gebraucht worden war, aber sie spürte sie wieder. Sie war wieder da. Sie war nie verschwunden gewesen. Ranson hatte sie mit Magie dazu gebracht, eine Lüge zu glauben.
Tylers Kiefer war erschlafft, als er von ihr abließ und ihr in die Augen sah. »Herrin!« hauchte er. »Befehlt mir.«
Die anderen Männer kamen auf die beiden zugekrochen.
»Beschütze mich!«
Köpfe schlugen krachend gegen die Wand, Blut spritzte über den Stein. Tyler brach einem Mann den Arm. Schmerzensschreie hallten durch den Raum. Minutenlang kam es zu einem wüsten Kampf, bis es Kahlan gelang, Tyler so zu steuern, daß sie das bekam, was sie wollte — einen Waffenstillstand.
Sie wollte nicht, daß er gegen alle Männer kämpfte. Wenn es ihnen gelang, ihn zu überwältigen, war sie erledigt. Sie wollte sie nur trennen. Tyler sollte sie beschützen und die Männer auf Abstand halten. So hatte sie die besten Chancen zu überleben, bis sie ihre Kraft wiedergewonnen hatte.
Sie schrie den Männern und Tyler Befehle zu. Sechs waren noch auf den Beinen und in der Verfassung zu kämpfen. Sie waren außer sich vor Wut. Einer wand sich vor Schmerzen schreiend auf dem Boden. Die anderen vier, darunter auch der, den sie ins Gesicht getreten hatte, rührten sich nicht mehr.
Kahlan erklärte den Männern, daß sie Tyler im Zaum halten werde, solange sie in ihrer Ecke blieben. Widerwillig zogen sie sich auf die andere Seite zurück, die anderen mit sich schleppend. Deren Schreie überzeugten sie davon, den rechten Zeitpunkt abzuwarten, bevor sie über den großen Mann mit dem wilden Blick herfielen. Mit der Drohung, Tyler auf sie zu hetzen, brachte sie sie dazu, ihr ihre Unterkleider zuzuwerfen.
Kahlan hockte in der Ecke, den Rücken an der Wand. Tyler stand vor ihr, in halb gehockter Stellung, balancierte auf den Zehen, die Arme ausgestreckt, bereit. Die Männer beobachteten ihn, während sie an der gegenüberliegenden Wand lehnten. Kahlan wußte, dieser unbehagliche Waffenstillstand konnte nicht tagelang halten. Früher oder später würde Tyler die Kraft ausgehen. Dann würden sie über ihn herfallen. Und über sie. Das wußten auch die Männer.