Köpfe schlugen krachend gegen die Wand, Blut spritzte über den Stein. Tyler brach einem Mann den Arm. Schmerzensschreie hallten durch den Raum. Minutenlang kam es zu einem wüsten Kampf, bis es Kahlan gelang, Tyler so zu steuern, daß sie das bekam, was sie wollte — einen Waffenstillstand.
Sie wollte nicht, daß er gegen alle Männer kämpfte. Wenn es ihnen gelang, ihn zu überwältigen, war sie erledigt. Sie wollte sie nur trennen. Tyler sollte sie beschützen und die Männer auf Abstand halten. So hatte sie die besten Chancen zu überleben, bis sie ihre Kraft wiedergewonnen hatte.
Sie schrie den Männern und Tyler Befehle zu. Sechs waren noch auf den Beinen und in der Verfassung zu kämpfen. Sie waren außer sich vor Wut. Einer wand sich vor Schmerzen schreiend auf dem Boden. Die anderen vier, darunter auch der, den sie ins Gesicht getreten hatte, rührten sich nicht mehr.
Kahlan erklärte den Männern, daß sie Tyler im Zaum halten werde, solange sie in ihrer Ecke blieben. Widerwillig zogen sie sich auf die andere Seite zurück, die anderen mit sich schleppend. Deren Schreie überzeugten sie davon, den rechten Zeitpunkt abzuwarten, bevor sie über den großen Mann mit dem wilden Blick herfielen. Mit der Drohung, Tyler auf sie zu hetzen, brachte sie sie dazu, ihr ihre Unterkleider zuzuwerfen.
Kahlan hockte in der Ecke, den Rücken an der Wand. Tyler stand vor ihr, in halb gehockter Stellung, balancierte auf den Zehen, die Arme ausgestreckt, bereit. Die Männer beobachteten ihn, während sie an der gegenüberliegenden Wand lehnten. Kahlan wußte, dieser unbehagliche Waffenstillstand konnte nicht tagelang halten. Früher oder später würde Tyler die Kraft ausgehen. Dann würden sie über ihn herfallen. Und über sie. Das wußten auch die Männer.
60
Die Nacht schleppte sich dahin, während die Männer sie beobachteten und Tyler sie bewachte. Ab und zu gelang es ihr, für ein paar Augenblicke in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Kahlan hatte keine Ahnung, wie spät es war. Ihrer Schätzung nach mußte es irgendwann zwischen Mitternacht und kurz vor der Dämmerung sein.
Auch wenn sie Angst hatte und wußte, daß sie früher oder später kommen würden, um sie zu enthaupten, so empfand sie doch Freude über ihre zurückgewonnene Kraft und den Sieg. Nicht die Guten Seelen hatten ihr beigestanden, sondern sie hatte sich selbst geholfen. Darüber war sie zufrieden mit sich. Sie hatte sich nicht aufgegeben.
Und die Guten Seelen hatten sie wie immer damit allein gelassen. Kahlan war außer sich über die Guten Seelen. Obwohl sie ihr ganzes Leben lang dafür gekämpft hatte, daß ihre Ideale hochgehalten wurden, hatten sie ihr nicht ein einziges Mal geholfen.
Nun, das war vorbei. Sie war fertig mit den Guten Seelen, sie war fertig damit, den undankbaren Menschen in den Midlands zu helfen. Was hatte es ihr eingebracht? Im Ratssaal hatte sie das erfahren. Den unsterblichen Haß ihres Volkes. Eben jenes Volkes, für das sie gekämpft hatte, obwohl sie dafür Kindern hatte weh tun müssen. Die Menschen mochten keine Konfessoren und hatten aus einer Vielzahl von Gründen Angst vor ihnen, doch Kahlan war verblüfft gewesen, als sie entdeckt hatte, wie sie wirklich über sie dachten.
Von jetzt an wollte sie sich nur noch um sich selbst kümmern, um ihre Freunde und um Richard, und zum Hüter mit all den anderen. Er konnte sie alle haben. Mit denen war sie fertig.
Sie war die längste Zeit die Mutter Konfessor gewesen. Jetzt war sie Kahlan.
Die Fackel erlosch flackernd und tauchte das Verlies in tiefe Dunkelheit.
»Nochmals vielen Dank, ihr Guten Seelen!« schrie sie aus Leibeskräften. Ihre Worte hallten durch das Verlies. »Zum Hüter mit euch!«
Die Männer fielen in der Dunkelheit über Tyler her. Kahlan wußte nicht, was vor sich ging. Sie hörte Ächzen, Schreie und dumpfe Schläge.
Dann vernahm sie ein hallendes, schlagendes Geräusch. Sie begriff nicht, was es war. Und dann hörte sie eine gedämpfte Stimme, die sie leise bei ihrem Titel rief. Die vertraute Stimme kam von oben.
»Chandalen! Chandalen! Ich bin hier unten! Mach die Tür auf!«
»Mutter Konfessor!« erscholl die Stimme hinter der Tür. »Wie soll ich denn die Tür aufmachen?«
Kahlan stieß einen spitzen Schrei aus, als eine Hand sie am Knöchel packte und sie von den Füßen riß. Als Chandalen ihren Schrei hörte, rief er etwas. Tyler packte die Finger an ihrem Knöchel und bog sie zurück, bis sie brachen. Der Mann schrie in der Dunkelheit auf.
»Chandalen! Du brauchst einen Schlüssel! Nimm den Schlüssel!«
»Schlüssel? Was ist das, ein Schlüssel?«
»Chandalen!« Sie stieß einen Kopf von ihrem Bauch. »Chandalen! Weißt du noch, als wir in der Stadt mit all den toten Menschen waren? Erinnerst du dich an das Gemach der Königin, das abgeschlossen war? Erinnerst du dich, wie ich dir einen Schlüssel gezeigt habe, mit dem man die Tür öffnen konnte? Chandalen, einer der Wachen hat einen Ring an seinem Gürtel! Daran hängt der Schlüssel! Beeil dich!«
Kahlan hörte Tylers Ächzen, als er krachend gegen die Wand geschleudert wurde. Sie hörte die knochenerschütternden Schläge seiner Fäuste. Von oben vernahm sie ein metallisches Klingeln.
»Mutter Konfessor! Er läßt sich nicht drehen!«
»Dann ist es der falsche! Probiere einen anderen!«
Jemand prallte gegen sie, stieß sie zu Boden. Sie kratze ihm die Augen aus. Er boxte sie in den Bauch.
Plötzlich fiel ein Streifen Licht in die Grube. Tyler erblickte den Kerl auf ihr und riß ihn herunter. Eine Leiter wurde heruntergelassen.
»Tyler! Halte sie von der Leiter fern!«
Kahlan stürmte zur Leiter und krabbelte nach oben. Die Männer warfen sich auf Tyler. Sie hörte ihn stöhnen, hörte, wie sein Genick brach. Als ihr jemand mit der Faust gegen die Wade schlug, glitt sie mit dem Fuß an einer Sprosse ab. Hände griffen nach ihren Knöcheln. Kahlan trat dem Mann unter ihr ins Gesicht und kletterte mühsam weiter. Er stürzte rücklings hinab und riß die anderen mit. Im Nu waren sie jedoch wieder hinter ihr her.
Kahlan streckte sich nach der Hand, die ihr nach unten gereicht wurde. Chandalen umklammerte ihr Handgelenk und riß sie durch den Türeingang. Den Kerl gleich hinter ihr erstach er. Als der Mann nach hinten stürzte, schloß Chandalen die Tür mit einem Knall. Keuchend sank sie ihm in die Arme.
»Komm, Mutter Konfessor. Wir müssen hier raus.«
Überall lagen tote Wachen, alle geräuschlos von Chandalens troga getötet. Er hielt ihre Hand, während sie durch die feuchten, dunklen Korridore und die Treppen hinaufrannten. Wie war es Chandalen nur gelungen, den Weg nach hier unten zu finden? Irgend jemand mußte ihn ihm gezeigt haben.
Hinter einer Ecke bot sich ihnen der Anblick eines blutigen Gefechts. Überall lagen Leichen. Nur ein Mann war noch auf den Beinen. Orsk. Seine riesige Streitaxt troff von Blut. Orsk wäre vor Freude fast aus der Haut gefahren, als er sie sah. Und auch sie verspürte zum ersten Mal Freude, sein zernarbtes Gesicht zu erblicken.
»Ich habe ihm gesagt, er soll warten«, erklärte Chandalen, während er sie durch das Chaos von Blut und Leichen zerrte. »Ich habe ihm gesagt, ich würde dich holen, wenn er wartet und diesen Flur bewacht.«
Chandalen sah sie stirnrunzelnd an. Kahlan merkte, daß er auf ihre Haare starrte, oder besser, darauf, was davon noch übrig war. Er sagte jedoch nichts, und sie war froh darüber. Es war mehr als seltsam, das Gewicht der Haare nicht zu spüren, nein, es zerriß ihr fast das Herz. Sie hatte ihr Haar geliebt, genau wie Richard.
Kahlan bückte sich und nahm einem der toten Wachsoldaten seine Axt ab. Solange ihre Kraft noch nicht völlig wiederhergestellt war, fühlte sie sich mit einer Waffe in der Hand wohler.
Chandalen, der Kahlan an der Hand voranzog, während Orsk die Nachhut bildete, stürzte durch eine Tür. Unmittelbar dahinter stand der Hauptmann der Palastwache und drückte eine Frau an die Wand. Er hatte ihr die Arme um den Hals geschlungen, während sie ihn küßte. Seine Hände steckten unter ihrem Kleid.
Der Hauptmann hob verblüfft den Kopf, als sie vorbeirannten. Chandalen stieß dem Mann sein langes Messer in die Rippen.