Er war zu weit entfernt. Aus so großer Entfernung hatte sie noch nie einen Schuß abgegeben. Richard schon. Sie hatte ihn mit eigenen Augen dabei beobachtet. Bitte, Richard, hilf mir. Zeig mir, wie es geht, wie an jenem Tag. Hilf mir.
Steinerne Ranken lösten sich neben ihr von der Wand, wanden sich peitschengleich um ihre Körpermitte und drückten zu. Der schneidende Schmerz ließ sie aufschreien.
Sie riß den Bogen erneut hoch. Wenn es sein muß, bis zum letzten Atemzug, sagte sie sich. Ihre Arme zitterten. Sie konnte den Zauberer kaum erkennen. Er war zu weit entfernt. Die Ranken hielten sie fest umklammert. Sie konnte nicht fortlaufen, selbst wenn sie gewollt hätte.
Hilf mir, Richard.
Die nächste brutale Schmerzwelle kroch brennend ihre Beine hoch und durch ihren Körper. Tränen strömten brennend über ihre Wangen, während sie sich keuchend schüttelte. Sie konnte den Bogen nicht hochhalten.
Ein Lichtbogen spannte sich um das Treppenhaus. Der Lärm war ohrenbetäubend. Gesteinssplitter pfiffen vorbei. Staubwolken stiegen auf, als eine Säule krachend in sich zusammenstürzte.
In Gedanken hörte sie Richards Stimme: Du mußt schießen können, egal, was gerade geschieht. Nur du und das Ziel, das ist alles, was es gibt. Nichts anderes zählt. Du mußt in der Lage sein, alles andere abzublocken. Du darfst nicht daran denken, wieviel Angst du hast, oder was geschehen wird, wenn du das Ziel verfehlst. Du mußt in der Lage sein, den Schuß unter Druck abzufeuern.
Sie mußte daran denken, wie er leise auf sie eingeredet hatte, ihr zugeflüstert hatte, das Ziel herbeizurufen.
Mit einem Ruck kam das Ziel auf sie zu, so als stünde der Zauberer direkt vor ihr. Sie sah, wie Blitze flüssigen Lichts aus seinen Fingerspitzen zuckten.
Sie konnte ihr Ziel sehen — die Erhebung an seinem Kehlkopf, die auf und ab tanzte, während er lachte. Sie ließ ihren Atem hinausströmen, so wie Richard es ihr beigebracht hatte. Der Pfeil fand die Rille in der Luft.
Sachte wie der Atem eines Säuglings verließ der Pfeil den Bogen.
Sie sah, wie die Federn sich vom Bogen lösten. Sie sah, wie die Sehne gegen ihr Handgelenk prallte. Die steinerne Ranke schlang sich um ihren Hals. Sie ließ das Ziel nicht aus den Augen. Sie beobachtete die Federn des Pfeiles im Flug. Der Schmerz, der sie innerlich zerriß, nahm mit dem Lachen des Zauberers zu.
Plötzlich riß das Lachen ab. Kahlan hörte den dumpfen Aufprall, als die Pfeilspitze seine Kehle traf. Plötzlich ließ die steinerne Ranke von ihr ab, und Kahlan fiel nach vorn, auf Hände und Knie. Tränen tropften ihr vom Gesicht, während sie darauf wartete, daß der Schmerz nachließ. Er verschwand barmherzig schnell.
Kahlan rappelte sich auf. »Zum Hüter auch mit dir, Zauberer Neville Ranson!«
Es gab ein ohrenzersplitterndes Krachen, wie ein Blitzeinschlag, doch statt eines Lichtblitzes fegte eine Welle völliger Dunkelheit durch den Saal. Sie bekam eine Gänsehaut. Die Lampen erloschen flackernd und gingen wieder an.
Kahlan wußte, der Hüter hatte Zauberer Neville Ranson zu sich geholt.
Sie hörte ein Ächzen und drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um einen Wachposten zu sehen, der die Treppe hinab auf sie zugesprungen kam. Kahlan duckte sich und richtete sich unter ihm auf, als er landete. Sie benutzte seinen Schwung und warf ihn über das Geländer in den dahinterliegenden Treppenschacht.
Er schnappte nach ihr, als er über das Geländer ging, bekam aber nur ihre Halskette zu fassen. Sie zerriß und fiel mit ihm in die Tiefe. Kahlan beugte sich über das Geländer und sah ihn drei Stockwerke tiefer auf den Steinfußboden schlagen. Sie sah, wie ihm die Halskette beim Aufprall entglitt und über den Fußboden schlidderte.
»Verflucht sollen die Guten Seelen sein«, brummte sie.
Kahlan wollte zur Treppe, um ihr Knochenhalsband wiederzuholen. Doch als sie das Geräusch von Stiefeln auf dem steinernen Boden hörte, kam sie rutschend zum Stehen und hob den Kopf. Weitere Wachen rückten an. Einen Augenblick lang zögerte sie, warf einen Blick nach unten, rannte jedoch statt dessen zum Korridor. Die Seelen hatten ihr nicht geholfen, was sollte dann eine Halskette bewirken? Sie war es nicht wert, ihr Leben zu riskieren.
Kahlan holte die anderen ein, als sie gerade die Tür ins Freie erreichten. Sie seufzten erleichtert auf, als sie Kahlan sahen und erfuhren, daß der Zauberer ihnen nicht mehr auf den Fersen war. Kahlan voran stürzten sie nach draußen in die Nacht. Die vier rannten die breite Treppenflucht hinunter, verfolgt vom unbarmherzigen Lärm der Alarmglocken. Sie lief nach Süden — auf dem kürzesten Weg in den Wald.
Atemlos packte Jebra sie am Arm und riß sie zurück, so daß sie stehenbleiben mußte. »Mutter Konfessor …!«
»Ich bin nicht mehr die Mutter Konfessor. Ich bin Kahlan.«
»Dann also Kahlan. Ihr müßt mir zuhören. Ihr könnt nicht weglaufen.«
Kahlan drehte sich zum Pfad um, der durch den Innenhof führte. »Ich habe diesen Ort satt.«
»Zedd braucht Euch.«
Kahlan wirbelte herum. »Zedd? Du kennst Zedd? Wo ist er?«
Jebra schnappte nach Luft. »Zedd hat mich nach Aydindril geschickt. Am Tag nach Eurer Abreise aus D’Hara. Er sagte, er müsse zu einer Frau namens Adie, und dann werde er zur Burg der Zauberer kommen. Er hat mich hergeschickt, damit ich Euch und Richard helfe und dafür sorge, daß ihr wartet. Zedd braucht Euch.«
Kahlan faßte Jebra bei den Schultern. »Ich brauche Zedd. Ich brauche ihn dringend.«
»Dann müßt Ihr Euch von mir helfen lassen. Ihr dürft nicht fort. Bestimmt rechnen sie damit, daß Ihr flieht, und suchen die Umgebung ab. Sie erwarten sicherlich nicht, daß Ihr in Aydindril bleibt.«
»Bleiben? Ich soll in Aydindril bleiben?«
Sie dachte einen Augenblick lang nach. In Aydindril kannte man sie. Nein, genaugenommen stimmte das nicht. Man kannte ihr langes Haar. Abgesehen von den Ratsmitgliedern, den Botschaftern, dem Personal und Edelleuten bekam kaum jemand die Mutter Konfessor aus der Nähe zu Gesicht, und wenn doch, dann starrten sie bloß auf ihr langes Haar. Dieses Haar hatte sie nicht mehr.
Der Gedanke an den Verlust schnürte ihr das Herz zusammen. Ihr war gar nicht klar gewesen, wieviel ihr ihre Kraft und ihr langes Haar bedeuteten — bis sie beides nicht mehr besessen hatte.
»Es könnte eine Möglichkeit sein, Jebra. Aber wo sollen wir uns verstecken?«
»Zedd hat mir Gold gegeben. Niemand weiß, daß ich mit Eurer Flucht etwas zu tun habe. Ich werde Zimmer anmieten und Euch verstecken, Euch alle.«
Kahlan dachte einen Augenblick lang nach, dann lächelte sie. »Wir könnten als deine Diener auftreten. Eine Lady wie du hätte sicher Personal.«
Jebra wich erschrocken zurück. »Das könnt Ihr unmöglich tun, Mutter Konfessor. Ich bin doch selbst nur eine Dienerin. Zedd hat mich gezwungen, so zu tun, als sei ich eine Dame. Aber ich kann nicht heucheln. Ihr seid eine richtige Dame.«
»Daß du eine Dienerin bist, macht dich nicht zu etwas Geringerem, als ich es bin. Wir können immer nur das sein, was wir sind, nicht mehr und nicht weniger.« Kahlan setzte die Gruppe wieder in Bewegung und führte sie in ein Viertel von Aydindril mit ruhigen, vornehmen Gasthäusern. »Außerdem ist es verblüffend zu erfahrend, wozu man fähig ist, wenn man muß. Wir werden tun, was wir müssen. Aber wenn du mich weiter Mutter Konfessor nennst, bringst du uns alle um.«
»Ich werde mein Bestes geben … Kahlan. Ich weiß nur, daß wir warten müssen, bis Zedd nach Aydindril zurückkehrt.« Sie zupfte beharrlich an Kahlans Ärmel. »Mutter Konfessor! Wo steckt Richard? Das ist von äußerster Wichtigkeit!« Sie senkte beklommen die Stimme. »Ich will Euch nicht herabwürdigen und hoffe, Ihr faßt es nicht so auf, aber es geht um Richard. Zedd braucht Richard.«
»Und deswegen brauche ich Zedd«, sagte Kahlan.
61
Richard schnappte sich die beiden Jungen beim Arm. »Langsam«, sagte er leise. »Ich hab’ euch doch erklärt, ich muß zuerst gehen.«