Kipp und Hersh seufzten ungeduldig. Richard sah um die Ecke, blickte den Gang hinunter, dann drückte er die beiden Jungs an die Wand. Frösche strampelten in ihren Hosentaschen.
»Dies ist eine ernste Angelegenheit. Ich hab’ euch zwei ausgesucht, weil ich weiß, daß ihr die Besten seid. Und jetzt tut, was ich euch erklärt habe, so wie wir es geplant haben. Bleibt hier stehen, mit dem Rücken zur Wand, und zählt bis fünfzig. Bevor ihr bei fünfzig seid, dürft ihr nicht einmal um die Ecke linsen. Ich verlasse mich auf euch.«
Die beiden grinsten. »Wir sind deine Leute«, meinte Kipp. »Wir holen sie da raus.«
Richard hockte sich vor sie und hielt den beiden drohend den Finger vors Gesicht. »Dies ist eine ernste Angelegenheit. Das ist nicht einfach irgendein Spiel. Diesmal könnt ihr richtigen Ärger bekommen. Seid ihr sicher, daß ihr mitmachen wollt?«
Kipp streckte die Hände in die Taschen und betastete die Frösche. »Du hast die Richtigen gefragt. Wir schaffen das. Wir wollen ganz bestimmt, Richard.«
Sie waren so aufgeregt, weil sie noch nie an den Wachen vorbeigekommen waren. Dies war Neuland für ihre Streiche. Richard wußte, sie konnten die Gefahr dabei nicht einschätzen, und er fand es abscheulich, sie auf diese Art mißbrauchen zu müssen, doch es war die einzige Möglichkeit, die ihm eingefallen war.
»Also gut, dann fangt an zu zählen.«
Richard bog um die Ecke und rannte mit wehendem Mriswith-Cape den Gang entlang. Als er die richtige Tür erreicht hatte, stellte er sich vor die weiße Marmorwand gegenüber der Doppeltür und streifte die Kapuze über. Er schloß das Cape und konzentrierte sich auf den Marmor hinter sich.
Er stand regungslos da. Die Jungen kamen lärmend um die Ecke, brüllten und schrien aus Leibeskräften und rannten den Gang entlang. Vor der Doppeltür blieben sie stehen und warfen einen Blick in beide Richtungen. Sie merkten nicht, daß er hinter ihnen stand, und er wußte, daß sie sich fragten, wo er sich versteckte.
Wie man ihnen aufgetragen hatte, stießen sie die Doppeltür auf und begannen, vor Aufregung kichernd, Frösche aus ihren Taschen zu ziehen und in das Zimmer zu werfen. Die beiden Schwestern waren einen Augenblick lang vor Schreck wie erstarrt. Richard beobachtete, wie sie dann um ihre Tische herumgeeilt kamen und wie eine von ihnen sich dabei eine Rute schnappte. Die beiden Jungs schleuderten ihre letzten Frösche kreischend von sich, dann flitzten sie, spöttisch rufend ›Ihr kriegt uns nicht! Ihr kriegt uns nicht!‹ in entgegengesetzten Richtungen davon.
Die Schwestern Ulicia und Finella kamen rutschend auf dem polierten Marmorboden draußen vor der Tür zum Stehen. Fast wären sie genau in ihn hineingeschlittert — sie waren nur noch Zentimeter entfernt. Richard hielt den Atem an.
Die Schwestern verfolgten, wie die beiden Jungs an den entgegengesetzten Enden des Ganges um die Ecke bogen. Sie warfen die Hände nach vorn. Bilder stürzten krachend zu Boden, als leuchtende Lichtblitze sie von den Wänden an den Stirnseiten fegten, doch die Jungs wurden nicht getroffen. Verärgert vor sich hin brummend, teilten sich die Schwestern auf und rannten je einem Jungen hinterher.
Richard wartete ab, bis sie um die Ecke waren, dann löste er sich von der Wand und ließ das Cape wieder schwarz werden. Er fragte sich, wie es wohl auf einen Beobachter wirken mochte, wenn plötzlich jemand aus dem Nichts auftauchte.
Im Vorzimmer war niemand. Vor der Tür, zwischen den beiden Schreibtischen, schien die Luft zu schimmern und zu summen. Richard steckte probeweise seine Hand hinein. Die Luft fühlte sich dick an, schien aber keine schädlichen Auswirkungen zu haben. Er schob sich durch die Funken hindurch und trat durch die dahinter liegende Tür.
Der Raum dahinter, der nicht ganz so groß war wie das Vorzimmer, war schummrig beleuchtet und in edlem, dunklem Holz getäfelt. In der Mitte stand ein schwerer Tisch aus Walnußholz voller Stapel aus Papieren und Büchern sowie drei Kerzen. Zu beiden Seiten gab es wandhohe Bücherregale, übervoll mit zerlesenen Büchern und ein paar anderen Gegenständen.
Eine alte Frau, eine Putzfrau, in einem dunkelgrauen, schweren Wollkleid stand auf einem Hocker und staubte einen der oberen Regalböden ab. Sie drehte sich überrascht um, als er stehenblieb. Kurz sah sie zur Tür, dann wieder zu ihm.
»Wie bist du …?«
»Tut mir leid. Ich wollte Euch nicht erschrecken. Ich bin gekommen, um die Prälatin zu sprechen. Ist sie hier?«
Die Frau bückte sich, suchte mit dem Fuß nach dem Boden. Richard reichte ihr die Hand. Dankbar lächelnd strich sie sich eine Strähne ihres ergrauenden Haars aus dem Gesicht. Das meiste davon hatte sie zu einem lockeren Knoten hinter ihrem Kopf zusammengebunden. Als sie wieder auf dem Fußboden stand, reichte ihr Kopf gerade bis an das untere Ende seines Brustbeines. Ihr Körper ging ein wenig in die Breite, so als wäre sie früher größer gewesen, und ein Riese hätte ihr die Hand auf den Kopf gelegt und sie einen guten Fuß weit gestaucht.
Sie hob den Kopf und sah ihn mit einem neugierigen Stirnrunzeln an. »Haben die Schwestern Ulicia und Finella dich hereingelassen?«
»Nein«, sagte Richard und sah sich in dem gemütlich vollgestellten Zimmer um. »Sie sind hinausgegangen.«
»Aber sie hätten doch bestimmt einen Schild…«
»Entschuldigung, aber ich muß dringend die Prälatin sprechen.« Auf der anderen Seite des Zimmers sah Richard eine Doppeltür, die offenstand und in den Innenhof hinausführte. »Ist sie in der Nähe?«
»Bist du angemeldet?« fragte sie mit ruhiger, sanfter Stimme.
»Nein«, gestand er. »Ich habe es tagelang versucht. Die beiden waren nicht sehr hilfsbereit, also habe ich mich selbst eingelassen.«
Sie legte einen Finger an die Unterlippe. »Verstehe. Aber du mußt angemeldet sein. So lauten die Regeln. Tut mir leid.«
Richard wandte sich zur offenen Tür. Er wurde ungeduldig, hielt seine Stimme jedoch im Zaum, da er die alte Dienstmagd nicht erschrecken wollte. »Hört, gute Frau, ich muß die Prälatin sprechen, sonst sind wir alle beim Hüter persönlich angemeldet.« Er ging los.
Sie zog erstaunt die Brauen hoch. »Tatsächlich?« Sie schnalzte mit der Zunge. »Der Hüter also, so, so.«
Abrupt blieb Richard stehen. Er zuckte zusammen und stöhnte. Dann machte er auf dem Absatz kehrt.
»Die Prälatin, das seid Ihr, nicht wahr?«
Ein schelmisches Grinsen huschte über ihr Gesicht, ihre Augen begannen zu funkeln. »Ja, Richard, ich denke, das bin ich.«
»Ihr wißt, wer ich bin?«
Sie lachte stillvergnügt in sich hinein. »Oh, ja, das weiß ich.«
Ihr Lachen wurde lauter. »Wie mir zu Ohren gekommen ist, scheinst du hier die Leitung übernommen zu haben. Du bist kaum einen Monat da, und schon hast du den halben Palast um den Finger gewickelt. Ich hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, mir einen Termin geben zu lassen, um dich zu sprechen.«
Richard blickte sie freundlich an. »Ich hätte ihn Euch gewährt.«
»Ich habe mich darauf gefreut, dich kennenzulernen.« Sie tätschelte seinen Arm. »Von nun an kannst du mich besuchen, wann immer du willst.«
»Wieso habt Ihr mich dann vorher nicht zu Euch vorgelassen?«
Sie verschränkte die Arme unter ihren schweren, runden Brüsten. »Eine Prüfung, mein Junge, eine Prüfung.« Sie lächelte zu ihm hinauf. »Ich bin beeindruckt. Ich hatte erwartet, du würdest noch sechs oder acht Monate brauchen.«
Die Tür flog auf. Richard wurde von den Beinen geholt, von seinem Halsring nach hinten gerissen und gegen eine Wand geworfen. Er saß fest, die Luft wurde ihm aus den Lungen gepreßt. In der Tür standen die beiden wutentbrannten Schwestern, die Fäuste in die Hüften gestemmt.
»Na, na«, meinte die Prälatin, »hört auf damit, ihr zwei. Laßt den Jungen runter.«
Richard schlug dumpf auf dem Boden auf und sah die beiden Schwestern wütend an. »Ich war es, der die beiden Jungs zu ihrem Streich überredet hat. Was sie getan haben, ist meine Schuld. Wenn sich irgend jemand dafür rächen will, dann an mir und nicht an ihnen. Wenn Ihr ihnen etwas tut, habt Ihr Euch vor mir dafür zu verantworten.«