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Eine der Schwestern machte einen Schritt auf ihn zu. »Ihre Strafe wurde bereits angeordnet. Diesmal werden sie endlich eine Lektion erteilt bekommen.« Wütend zeigte sie mit einer kräftigen Rute auf ihn. »Du kannst dir über deine eigene Bestrafung Gedanken machen.«

»Ganz recht, Schwester Ulicia«, meinte die Prälatin. »Ich denke, eine Bestrafung ist durchaus angebracht.« Die Schwester sah Richard selbstzufrieden lächelnd an. »Und zwar für Euch.«

Schwester Ulicia blieb die Luft weg. »Prälatin Annalina?«

»Habe ich Euch nicht ausdrücklich angewiesen, daß Richard hier nicht eingelassen werden darf?«

Die beiden Schwestern richteten sich auf. »Doch, Prälatin Annalina.«

»Und trotzdem steht er hier. Mitten in meinem Arbeitszimmer.«

Schwester Ulicia deutete auf die Tür. »Aber … wir haben einen Schild hinterlassen. Er hätte niemals…«

»Ach nein? Niemals?« Die Schwester ließ die Hand an ihre Seite fallen, als sie die düstere Miene der Prälatin sah. »Mir scheint, als sehe ich ihn vor mir stehen. Oder etwa nicht, Schwestern?«

»Ja, Prälatin Annalina«, meinten die beiden wie aus einem Mund.

»Und jetzt wollt Ihr Euer beider Versagen auch noch damit belohnen, daß Ihr auf Euren Posten zurückkehrt, als sei nichts geschehen, und die Jungen für ihren Erfolg bestrafen?« Die Prälatin schnalzte mit der Zunge. »Ihr werdet die Strafe auf Euch nehmen, die Ihr für die Jungen angeordnet habt.«

Die Schwestern wurden bleich. »Aber Prälatin…«, hauchte die zweite. »Das könnt Ihr keiner Schwester antun.«

»Wirklich nicht, Schwester Finella? Was habt Ihr für die beiden Jungen angeordnet?«

»Daß sie den Hintern versohlt bekommen … öffentlich … morgen früh, gleich nach dem Frühstück.«

»Das klingt gerecht. Ihr zwei werdet ihre Plätze einnehmen.«

»Aber Prälatin«, zischelte Schwester Ulicia erstaunt. »Wir sind Schwestern des Lichts. Das wäre doch demütigend.«

»Es hat noch niemandem geschadet, ein wenig Demut beigebracht zu bekommen. Vor dem Schöpfer leben wir alle in Demut. Für euer Versagen wird man Euch an ihrer Statt schlagen.«

Schwester Ulicia richtete sich zu ganzer Größe auf. »Und wenn wir uns weigern, Prälatin Annalina?«

Die Prälatin lächelte. »Damit gäbt Ihr mir zu verstehen, daß Ihr mein Vertrauen nicht länger verdient habt, und weiterhin, daß Ihr nicht länger Schwestern des Lichts sein wollt.«

Die beiden verneigten sich. Als die Tür sich hinter ihnen schloß, sah Richard die Prälatin erstaunt an.

»Hoffentlich errege ich niemals Euren Zorn, Prälatin Annalina.«

Sie lachte stillvergnügt. »Nenn mich bitte Ann. So nennen mich alle meine alten Freunde.«

»Ich fühle mich geehrt, Euch Ann zu nennen, Prälatin, aber ich bin kein alter Freund.«

»Du glaubst, das bist du nicht?« Sie lächelte. »Was für ein gescheiter Junge. Nun, wie auch immer. Nenne mich trotzdem Ann. Weißt du, warum ich sie bestraft habe? Weil du die Verantwortung für dein Tun übernommen hast. Sie haben noch nicht erkannt, was das heißt. Du bist auf dem Weg, zu lernen, wie man ein Zauberer wird.«

»Wie meint Ihr das?«

»Du wußtest, daß es gefährlich war, die beiden zu verärgern, nicht wahr?« Richard nickte. »Und dennoch hast du die beiden Jungen benutzt, obwohl du wußtest, ihnen könnte etwas zustoßen.«

»Ja. Aber ich mußte es tun. Es war zu wichtig. Außerdem ist mir nichts anderes eingefallen.«

»Die Bürde eines Zauberers. So nennt man es. Die Menschen zu benutzen. Ein weiser Zauberer begreift, daß er nicht alles allein machen kann und, wenn eine Angelegenheit wichtig genug ist, andere Menschen benutzen muß, um das zu erreichen, was getan werden muß. Selbst wenn es den einen oder anderen dieser Menschen das Leben kosten sollte. Dies ist eine seltene Fähigkeit, und für einen guten Zauberer lebenswichtig. Für eine gute Prälatin vielleicht auch.«

»Ann, es ist dringend. Ich muß mit Euch sprechen.«

»Dringend, ja? Nun, warum gehen wir dann nicht in meinen Garten, dann können wir diese dringende Angelegenheit besprechen.«

Sie hakte sich bei ihm ein und führte ihn durch die offene Tür. Draußen im Mondschein lag ein prächtiger, großzügiger Innenhof mit Bäumen, Pfaden, Blumenbeeten, wild überwucherten Stellen und einem wunderschönen Teich. Richard entging die Schönheit des Gartens vollkommen. Seit seiner Unterredung mit Warren hatte er kaum essen oder schlafen können. Sollte der Hüter entfliehen, würde er alle Menschen bekommen, auch Kahlan. Richard mußte etwas unternehmen.

»Ann, der Welt steht großer Ärger ins Haus. Ich brauche Eure Hilfe. Ich muß diesen Halsring loswerden, damit ich selbst helfen kann.«

»Dafür bin ich da, Richard. Um zu helfen. Was ist das für ein Ärger?«

»Der Hüter…«

»Der Namenlose«, verbesserte sie.

»Was macht das für einen Unterschied?«

»Ihn beim Namen zu nennen, weckt seine Aufmerksamkeit.«

»Ann, das ist doch nur ein Wort. Die Bedeutung eines Wortes zählt, nicht die Zusammensetzung der Buchstaben. Glaubt Ihr, wenn Ihr den Hüter statt dessen den Namenlosen nennt, daß er sich dadurch täuschen ließe und nicht wüßte, daß Ihr von ihm sprecht? Es ist ein Fehler, seine Feinde für dumm zu halten und sich selbst für zu schlau.«

Ein herzhaftes Lachen entfuhr ihrer Brust. »Ich habe sehr lange darauf gewartet, daß jemand darauf kommt.«

Sie blieb mit ihm am Rand des Teiches stehen, und er fragte: »Was ist ›der Kiesel im Teich‹?«

Sie blickte über das Wasser. »Du bist einer, Richard.«

»Soll das heißen, daß es mehr als einen gibt?«

Ein kleiner Stein schwebte durch die Luft, hinauf in ihre Hand. »Jeder hat eine Wirkung auf andere. Manche Menschen inspirieren andere dazu, Großes zu tun. Manche ziehen andere mit sich ins Verderben. Die Menschen, die die Gabe besitzen, haben einen noch größeren Einfluß auf ihre Umgebung. Je stärker das Han, desto größer die Wirkung.«

»Und was hat das mit mir zu tun? Was hat das mit dem Kiesel im Teich zu tun?«

»Siehst du die Entengrütze, die auf der Oberfläche treibt? Nimm einmal an, das sind die anderen Menschen, die Welt der Lebenden, und dieser Kiesel, das bist du.« Sie warf den Stein in den Teich. »Siehst du, was geschieht? Die von dir hervorgerufenen Wellen beeinflussen alle anderen. Ohne dich wäre es zu all diesen Wellen nicht gekommen.«

»Sie treiben also auf und ab, auf den Wellen. Doch der Stein geht unter.«

Sie lächelte ihn ohne jeden Humor an. »Vergiß das nie.«

Die Antwort machte ihn nachdenklich. »Ich glaube, Ihr setzt zu viel Vertrauen in mich. Ihr wißt doch gar nichts über mich.«

»Vielleicht mehr, als du denkst, Junge. Und was besorgt dich am Hüter so?«

»Es muß etwas geschehen. Er kann jeden Augenblick entkommen. Eines der Kästchen der Ordnung wurde geöffnet, das Tor steht offen. Der Stein der Tränen befindet sich in dieser Welt. Ich muß etwas tun.«

»Ahh.« Sie lächelte und blieb langsam stehen. »Du, der du gerade eben vom Han einer einfachen Schwester an die Wand geworfen wurdest, du willst also ausziehen und höchstpersönlich gegen den Hüter kämpfen?«

»Aber es ist viel passiert. Es muß etwas geschehen.«

»Wie ich sehe, hast du mit Warren gesprochen. Ein sehr heller junger Mann, dieser Warren. Doch er ist noch sehr jung. Manchmal braucht er Führung. Anleitung.« Sie zog einen Ast näher heran. »Er studiert hart und liebt diese Bücher. Bestimmt kennt er jeden Fingerabdruck auf ihnen.«

Sie betrachtete eine Blüte auf dem Ast. Während er sich so im Mondschein betrachtete, entschied er, daß er sich vielleicht doch für etwas schlauer gehalten hatte, als er war. Warren ebenfalls.

»Und was ist nun mit dem Hüter? Was ist mit dem Stein der Tränen?«

Sie hakte sich wieder bei ihm ein und führte ihn weiter. »Wenn das Tor offensteht und der Stein der Tränen sich in dieser Welt befindet, Richard, wieso hat der Hüter uns dann nicht längst überwältigt? Hmm?«