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»Vielleicht steht er kurz davor, uns alle jeden Augenblick zu verschlingen.«

»Aha. Du glaubst also, er ist vielleicht noch mit seinem Abendessen beschäftigt, und wenn er damit fertig ist, dann kommt er endlich dazu, die Welt alles Lebendigen zu verschlingen. Und deshalb willst du losrennen und das Tor schließen, bevor er sich die Serviette vom Schoß nimmt? Glaubst du tatsächlich, so funktioniert die Welt jenseits der unseren? Auf dieselbe Weise wie die unsere auch?«

Richard fuhr sich nervös mit den Fingern durchs Haar. »Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wie das alles funktioniert. Warren meinte jedenfalls…«

»Warren weiß auch nicht alles. Er ist nur ein Schüler. Er ist begabt, was die Prophezeiungen anbetrifft, aber er hat noch viel zu lernen.

Weißt du, warum wir die Prophezeiungen unten in den Gewölbekellern aufbewahren und beschränken, wer sie lesen darf? Aus demselben Grund, weshalb wir auch diese Diskussion führen. Weil Prophezeiungen für den ungeschulten Verstand gefährlich sind, manchmal sogar für den geschulten. An den Dingen ist oft mehr, als einem ins Auge fällt, sonst hätte der Hüter uns längst übermannt.«

»Wollt Ihr damit sagen, wir würden nicht in Gefahr schweben?«

Sie setzte ein verschmitztes Lächeln auf. »Wir schweben ständig in Gefahr, Richard. Solange es eine Welt der Lebenden gibt, solange gibt es auch Gefahr. Alles Leben ist sterblich.«

Sie tätschelte erneut seinen Arm. »Du bist eine wichtige Person, eine Person aus den Prophezeiungen, doch wenn du unüberlegt oder töricht handelst, richtest du mehr Schaden an als Nutzen. Daß der Stein der Tränen in dieser Welt ist, das allein ermöglicht es dem Hüter noch nicht, durch das Tor zu entkommen. Der Stein ist nur eins der Mittel zu diesem Zweck.«

»Hoffentlich habt Ihr recht«, meinte Richard im Weitergehen.

Sie sah kurz auf. »Wie geht es deiner Mutter?«

Richard blickte hinaus in die Dunkelheit. »Sie starb, als ich noch klein war. Bei einem Brand.«

»Das tut mir leid, Richard. Und dein Vater?«

»Welcher«, murmelte er.

»Dein Stiefvater, George.«

Richard räusperte sich. »Er wurde von Darken Rahl umgebracht.« Er warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. »Woher kennt Ihr meinen Stiefvater?«

Sie sah ihn mit einem jener zeitlosen Blicke an, die er schon bei anderen gesehen hatte: bei Adie, bei Shota, Schwester Verna, Du Chaillu und Kahlan. »Tut mir leid, Richard. Ich wußte nicht, daß er gestorben ist. George Cypher war ein bemerkenswerter Mann.«

Er blieb stehen. Er hatte eine Gänsehaut bekommen. »Ihr wart es«, sagte er kaum hörbar. »Durch Euch ist mein Vater an dieses Buch gekommen.« Er ließ die Bemerkung vage genug, daß sie die Einzelheiten ergänzen mußte, wenn sie sie bestätigen wollte.

Ihr Lächeln kam zögernd zurück. »Du hast Angst, es laut auszusprechen? Das Buch der Gezählten Schatten, das ist das Buch, welches du meinst.« Sie deutete auf eine Bank aus Stein. »Setz dich, Richard, bevor du umfällst.«

Richard ließ sich auf die Bank fallen. Er hob den Kopf, als sie vor ihm stand. »Ihr? Ihr habt meinem Vater das Buch gegeben?«

»Genaugenommen habe ich ihm dabei geholfen, es zu bekommen. Siehst du, Richard, es ist, wie ich gesagt habe. Du und ich, wir sind alte Bekannte. Natürlich, als ich dich das letzte Mal gesehen habe, hast du dir noch die Seele aus dem Leib geschrien. Du warst gerade erst ein paar Monate alt.«

Sie lächelte versonnen. »Wenn deine Mutter dich jetzt sehen könnte. Sie war so ungeheuer stolz auf dich. Sie sagte, du seist der Segen, der den Fluch ausgleicht. Weißt du, Richard, Ausgewogenheit, das ist es, worum es in der Welt der Lebenden im wesentlichen geht. Du bist ein Kind dieser Ausgewogenheit. Ich habe viel in dich investiert.«

Richard hatte das Gefühl, seine Zunge würde am Gaumen kleben. »Wieso?«

»Weil du ein Kiesel im Teich bist.« Ihr Blick schien zu verschwimmen. »Vor über dreitausend Jahren besaßen Zauberer subtraktive Magie. Seitdem wurde keiner mehr mit ihr geboren. Wir haben darauf gehofft, doch kein einziger ist mit dieser Gabe geboren worden — bis jetzt. Ein paar hatten die Berufung dazu, aber nicht die Gabe. Du besitzt die Gabe sowohl für die additive als auch die subtraktive Magie.«

Richard fuhr hoch. »Was! Seid Ihr verrückt?«

»Setz dich, Richard.«

Die ruhige Kraft ihrer Stimme, ihr durchdringender Blick, ihre Präsenz ließen ihn auf die Bank zurücksinken. Aus irgendeinem Grund kam sie ihm plötzlich sehr groß vor. Sie war genauso groß wie zuvor, und doch schien sie ihn zu überragen. Auch ihre Stimme verstärkte diesen Eindruck.

»Und jetzt hör mir zu. Du bereitest mir große Unannehmlichkeiten. Du benimmst dich wie ein wilder Bulle, der ständig Zäune niederrennt und Ernten zertrampelt. Es steht zuviel auf dem Spiel, als daß du handeln könntest, ohne zu wissen, was du tust. Ich weiß, du glaubst, du tust das Richtige, aber das glaubt der Bulle auch. Dein Problem ist, es fehlt dir an Wissen. Ich habe die Absicht, dir eine Ausbildung zu geben.

Auch wenn du mir einiges nicht glauben wirst, was ich dir zu sagen habe, so tätest du gut daran, es zu akzeptieren, oder du wirst eine sehr lange Zeit in diesem Halsring stecken, denn er löst sich erst, wenn du die Wahrheit akzeptierst.«

»Man hat mir gesagt, die Schwestern nähmen einem den Halsring ab.«

Der Blick in ihren Augen ließ ihn wünschen, er hätte den Mund gehalten oder er könnte den Platz mit den beiden Schwestern tauschen, die öffentlich eine Tracht Prügel bekommen sollten.

»Nur wenn du dich selbst akzeptierst, deine Fähigkeit und deine wahre Kraft, wird er sich lösen. Du hast dir den Rada’Han selbst um den Hals gelegt. Wir haben nicht die Macht, ihn abzunehmen, bevor du uns nicht helfen kannst, mit deiner eigenen Kraft. Und das kannst du einzig dadurch erreichen, daß du lernst und akzeptierst, wer du bist.

Und jetzt mußt du als allererstes etwas über den Hüter lernen und über den Schöpfer und über das Wesen dieser Welt. Dein Problem, das Problem, das die meisten Menschen haben, das Problem, das auch Warren hat, besteht darin, daß du die Welt des Jenseits vom Standpunkt dieser Welt aus zu verstehen suchst.

Gut und Böse, Schöpfer und Hüter, bilden ein Chaos, das in zwei entgegengesetzte Kräfte aufgespalten ist. Obwohl die beiden sich gegenseitig verabscheuen, so sind sie dennoch voneinander abhängig und können ohne den jeweils anderen nicht existieren. Sie bedingen sich gegenseitig. Unser Kampf, unser Existenzkampf in dieser Welt, bewahrt dieses Gleichgewicht.«

Richard hielt zwar den Mund, aber er konnte nicht verhindern, daß seine Stirn sich in Falten legte.

»Aus dem Schöpfer entspringt das Leben, die Seele des Lebens. Es erblüht in dieser Welt. Ohne den Hüter, ohne den Tod, kann es kein Leben geben. Ohne den Tod wäre das Leben zeitlich unbegrenzt.

Kannst du dir eine Welt vorstellen, in der niemand jemals stirbt? In der jedes Neugeborene überlebt? Auf ewig? In der jede Pflanze, die keimt, zur Blüte gelangt? In der jeder Baum ewig lebt und jeder Samen keimt und zu einem Baum heranwächst?

Was geschähe dann? Wie könnten wir essen, wenn wir kein Tier töten, kein Getreide ernten könnten, wenn alles ewig lebte und nicht sterben könnte? Ein niemals endendes Leben in nagendem Hunger wäre die Folge. Die Welt der Lebenden ginge im Chaos unter und vernichtete sich selbst für immer.

Der Tod, die Unterwelt, wie ihn manche nennen, ist ewig. Du stellst ihn dir vom Standpunkt dieses Lebens aus vor. In der Ewigkeit hat Zeit keine Bedeutung, keine Dimension. Für den Hüter ist eine Sekunde oder auch ein Jahr bedeutungslos.

Nur durch die Menschen, die ihm in dieser Welt dienen, erlangt der Hüter eine Dimension der Zeit. Auf ihr Drängen hin treibt er seinen Kampf voran, denn sie haben einen Begriff von Zeit. Er braucht die Lebenden, wenn er erfolgreich sein will. Die Versprechungen, die er ihnen macht, sind verlockend, und sie gieren danach, daß er obsiegt.«

»Und welche Rolle spielen nun die Lebenden dabei?«