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»Wir teilen und bestimmen das Chaos mittels Ordnung und halten es dadurch getrennt: Licht und Dunkel, Gut und Böse. Die Ausgewogenheit, das sind wir.

Wir sind wie die Entengrütze, die auf der Oberfläche eines Teiches treibt. Die Luft darüber ist der Schöpfer, die Tiefen darunter der Hüter. Die Seelen der Lebenden, die vom Schöpfer herabgestiegen sind, erblühen an diesem Ort zum Leben, und wenn sie sterben, sinken sie hinab in die Welt der Toten.

Doch das bedeutet nicht, daß dieser böse ist. Böse, das ist ein Urteil, das wir ihm auferlegen. Der Hüter ist wie der Schlick am Grunde des Teiches. Die Seelen der Toten wohnen überall, angefangen von den Tiefen dieses Chaos und des Hasses in der Nähe des Hüters, bis in die Nähe der Lebenden, in die Nähe des Lichts des Schöpfers. Es ist die Hoffnung der Lebenden, die Ewigkeit in der Wärme dieses Lichtes zu verbringen.

Wir, die Lebenden, sind es, die die Welten trennen und sie zu beiden Seiten des Lebens bestimmen. Magie ist das Element, das dieser Welt die Kraft dazu gibt. Magie ist der Ausgleichspunkt.

Der Hüter würde gern die Welt der Lebenden verschlingen, um zu triumphieren. Dazu muß er die Magie ausmerzen. Gleichzeitig jedoch muß er, um zu triumphieren, Magie einsetzen, um das Gleichgewicht zu kippen.«

Richard hatte Mühe, den Kopf nicht in den trüben Wassern der Verwirrung zu verlieren. »Und Zauberer haben die Kraft, diese Ausgewogenheit zu beeinflussen?«

Sie stand noch immer über ihn gebeugt. Sie hob den Zeigefinger. »Ja. Und du besitzt beide Seiten der Magie.« Ihr Lächeln löste sich auf eine Weise auf, die ihm den Atem raubte. »Das macht dich zu einem äußerst gefährlichen Menschen, Richard.

Du besitzt beide Seiten der Gabe, du hast die Kraft, den Schleier zu richten oder zu zerstören. Es gibt gute Menschen, die dich im Handumdrehen töten würden, wüßten sie von deiner Kraft — aus Angst, du könntest uns alle, wenn nicht absichtlich, so doch aus Versehen, vernichten.«

»Und Ihr? Gehört Ihr auch zu denen?«

»Wenn, dann hätte ich deinem Vater nicht geholfen, das Buch der Gezählten Schatten zu bekommen. Durch deine Beteiligung wurde die unmittelbare Bedrohung abgewendet, aber dadurch wurde dem Tor auch Magie zugeführt, wodurch sich das Risiko erhöht, daß uns in Zukunft noch größere Gefahren drohen. Ich mußte dieses Risiko eingehen. Es nicht zu tun, hätte eine Katastrophe bedeutet. Doch wenn das, was schiefgelaufen ist, nicht gerichtet wird, dann wird es am Ende zu einer noch größeren Katastrophe kommen.«

»Was ist der Schleier? Wo befindet er sich?«

Sie streckte die Hand aus und tippte ihm gegen die Stirn. »Der Schleier befindet sich in denen von uns, die Magie besitzen. Wir sind seine Wächter. Deswegen bedeutet den Menschen mit der Gabe Ausgewogenheit so viel. Wenn der Schleier eingerissen ist, beginnt das Gleichgewicht zu kippen. Je mehr es kippt, um so weiter reißt der Schleier ein.

Der Schöpfer herrscht über sein Reich, der Hüter über das seine. Der Hüter braucht den Schöpfer, da dieser ihm Leben zuführt, der Schöpfer braucht den Hüter, damit sich das Leben erneuern kann. Der Schleier wahrt dieses Gleichgewicht.«

Ihre Miene wurde grimmig. »Viele würden dies als Blasphemie bezeichnen. Sie sehen den Hüter nur als Übel, das vernichtet werden muß. Doch damit bewirkte man genau das Gegenteil — alles Leben würde fortgeschwemmt wie eine Sandbank von der Flut.«

»Nur um der Debatte willen, was wäre, wenn ich tatsächlich beide Arten von Magie besäße? Wozu dient meine Kraft?«

»Die meisten Zauberer haben ein Talent, das in eine bestimmte Richtung geht. Einige sind Heiler, manche stellen magische Gegenstände her, Propheten sind schon seltener. Am seltensten sind Kriegszauberer. Seit über dreitausend Jahren wurde keiner mehr geboren. Bis du kamst.«

Richard wischte sich die schweißnassen Hände an den Hosenbeinen ab. »Das gefällt mir überhaupt nicht.«

»Das Wort Kriegszauberer hat zwei Bedeutungen, die sich, wie alle Dinge der Magie, ausgleichen. Die erste hat zum Inhalt, daß sie den Schleier einreißen, Tod und Zerstörung bringen können — eben Krieg. Und die zweite, daß sie jene Magie besitzt, die man braucht, um gegen die Kräfte des Hüters anzukämpfen. Ein Kriegszauberer zu sein, bedeutet nicht, daß du böse bist, Richard. Viele, die kämpfen, tun dies, um Wehrlose zu schützen. Es bedeutet vielmehr, daß du genug Verantwortungsbewußtsein besitzt, um zu kämpfen und die Wehrlosen zu verteidigen.«

»›Nur der, der aus der Wahrheit geboren wurde, kann um die Bande des Lebens kämpfen. Und dieser ist gezeichnet, er ist der Kiesel im Teich‹«, zitierte Richard.

Sie zog eine Augenbraue hoch. »Für jemanden, der vorgibt, sich nichts aus Prophezeiungen zu machen, ist es erstaunlich, wie gut du einige der zentraleren Stellen zu kennen scheinst. Wenn ich nicht völlig verwirrt bin, müßtest du gezeichnet sein.«

Richard spürte die Narbe auf seiner Brust, als er nickte. »Wollt Ihr damit sagen, das Ende meines Lebens zeichnet sich bereits ab? Daß ich es nur zu Ende leben soll, so wie es vorherbestimmt ist?«

»Nein, Richard. Das Leben ist nicht vorherbestimmt. Die Prophezeiungen bedeuten lediglich, daß du über das Potential verfügst. Du besitzt die Fähigkeit, Ereignisse zu beeinflussen. Deswegen ist das Lernen für dich so wichtig.

Du mußt, und das ist von äußerster Wichtigkeit, lernen, dich selbst zu akzeptieren. Wenn du das nicht tust, dann fügst du dem entscheidendsten Teil deines Ichs Schaden zu: deinem freien Willen. Wenn du handelst, ohne zu verstehen, überläßt du dich dem Chaos.

Ich habe dich bei deiner Geburt am Leben gelassen, weil du die Fähigkeit besitzt, Gutes zu tun. In dir ruht die Hoffnung des Lebens. Doch bis du wirklich beide Seiten deiner Magie akzeptierst, stellst du für jedes lebendige Wesen eine Gefahr dar.«

Richard wollte verzweifelt das Thema wechseln. Er fühlte sich von alldem, von der ganzen Welt erdrückt. »Was ist der Stein der Tränen?«

Sie zuckte kurz mit den Achseln. »In der Welt der Toten existiert er als eine Kraft. In dieser Welt ist er ein Gegenstand, der Macht besitzt, und diese Kraft repräsentiert.

Der Stein der Tränen ist wie ein Gewicht, das den Hüter am grenzenlosen Ende seiner Welt gefangenhält, wohingegen hier sein Einfluß bis zur Ausgewogenheit abgeschwächt ist.«

»Wenn er sich also hier befindet, von ihm gelöst, dann ist der Hüter aus seinem Gefängnis frei.«

»Wenn das stimmte, dann wären wir alle längst tot. Hmmm?« Sie zog fragend die Augenbrauen hoch, doch Richard sagte nichts. »Er ist eines der Siegel, die den Hüter ins Jenseits sperren. Es gibt andere, die noch immer halten. Magie hält ihn fürs erste noch zurück.

Der Stein der Tränen besitzt allerdings die Kraft, das Gleichgewicht zu zerstören, den Schleier einzureißen und den Hüter zu befreien, wenn ihn jemand wie du in dieser Welt auf die falsche Art benutzt. Du siehst, der Stein hat die Kraft, jede Seele in die unendlichen Tiefen der Unterwelt zu verbannen. Doch würde er auf diese Art benutzt, aus Haß und Selbstsucht, dann gäbe er Kraft an diese Seite ab und zerstörte den Schleier.

Der Schleier kann nur von jemandem wiederhergestellt werden, der die Gabe für beide Seiten der Magie besitzt. Der Stein muß wieder dorthin zurückgebracht werden, wo er hingehört.

Wir müssen darum kämpfen, daß die anderen Siegel bis zu jenem Tag intakt bleiben, an dem jemand wie du den Schleier erneuern kann — solange noch Zeit ist. In der Zwischenzeit gewinnt der Hüter hier an Kraft. Seine Günstlinge kämpfen darum, die anderen Siegel aufzubrechen. Es gibt noch andere Wege, den Hüter zu befreien. Ann … seid Ihr sicher, was mich anbetrifft? Vielleicht…«

»Du hast es heute abend erst bewiesen, indem du durch diesen Schild gegangen bist. Unsere Schilde sind aus additiver Magie gemacht. Du hast es nur durchdringen können, weil dein Han subtraktive Magie benutzt.«

»Vielleicht ist mein Han, meine Additive Magie, bloß stärker.«

»Als du durch das Tal der Verlorenen gekommen bist, bist du doch bestimmt von den Türmen angezogen worden. Hab’ ich recht?«