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»Es könnte doch sein, daß ich ganz zufällig auf sie gestoßen bin.« Sie seufzte matt. »Die Türme wurden von Zauberern geschaffen, die über beide Arten von Kraft verfügen. Im weißen Turm gibt es weißen Sand, Zauberersand. Ich glaube nicht, daß du welchen mitgenommen hast.«

»Das beweist gar nichts. Was ist Zauberersand überhaupt?«

»Zauberersand ist äußerst wertvoll, fast unbezahlbar. Er sammelt sich nur in den Türmen an. Zauberersand besteht aus den kristallisierten Knochen von Zauberern, die den Türmen ihr Leben geopfert haben. Es handelt sich um eine Art destillierter Magie. Er verleiht den Bannen, die damit gezeichnet werden, Macht — im guten wie im bösen Sinn. Der richtige Bann, in weißem Zauberersand gezeichnet, kann den Hüter heraufbeschwören.

Du hast statt dessen etwas von dem schwarzen Sand mitgenommen, nicht wahr?«

»Na ja, stimmt. Ich wollte nur ein kleines bißchen, das ist alles.« Sie nickte. »Nur ein kleines bißchen! Richard, seit der Errichtung der Türme hat kein Zauberer mehr schwarzen Zauberersand einsammeln können. Nur wer subtraktive Magie besitzt, kann ihn aus dem Turm entfernen. Hüte diesen schwarzen Sand wie dein Leben. Er ist wertvoller, als du dir vorstellen kannst.«

»Wieso? Was kann man damit machen?«

»Schwarzer Zauberersand ist das Gegenstück des weißen. Sie heben sich gegenseitig auf. Der schwarze, nur ein einziges Körnchen davon, vergiftet einen Bann, der gezeichnet wurde, um den Hüter zu beschwören. Er zerstört diesen Zauber. Ein Löffel voll ist eine Waffe, die Königreiche wert ist.«

»Trotzdem«, meinte er, »könnte es doch sein –«

»Die letzten Zauberer, die mit beiden Arten von Magie geboren wurden, haben den Palast der Propheten mit ihrer Magie ausgestattet. Die Propheten jener Zeit wußten, daß einst wieder jemand mit beiden Seiten der Magie geboren werden würde, und so schufen sie auch den Hagenwald und die Mriswiths. Wer mit Subtraktiver Magie geboren wurde, würde sich dort hingezogen fühlen. Um dort zu kämpfen.

Der Halsring verhindert, daß die additive Magie dich tötet. Der Hagenwald stellt ein Ventil für die andere Seite deiner Kraft dar. Das ist etwas, das dir die Schwestern nicht bieten können.«

»Aber ich habe doch das Schwert der Wahrheit benutzt.« Seine Stimme kam ihm vor wie ein in den Sturm gerufenes Flehen. »Es war das Schwert.«

»Auch das Schwert der Wahrheit wurde von Zauberern mit der Gabe für beide Seiten der Magie geschaffen. Nur jemand, der von Geburt an war wie sie, kann ihm das volle Maß an Magie entlocken. Nur du kannst die Möglichkeiten des Schwertes voll ausschöpfen. Das hast du aber bis jetzt noch nicht getan.

Es hilft dir, und doch benötigst du es nicht, um einen Mriswith zu töten. Deine Gabe genügt. Wenn du mir nicht glaubst, dann laß dein Schwert zurück und geh nur mit deinem Messer in den Hagenwald. Du wirst den Mriswith trotzdem töten.«

»Andere haben die Klinge auch schon benutzt. Sie hatten nicht einmal die Gabe, noch viel weniger subtraktive Magie.«

»Sie haben nicht wirklich die Magie des Schwertes eingesetzt. Die Klinge wurde für dich gemacht. Sie ist ein Hilfsmittel, so wie Prophezeiungen und die Mriswiths Hilfsmittel sind, die man dir durch die Zeit hindurch zukommen läßt.«

»Ich glaube nicht, daß ich einer dieser Kriegszauberer bin.«

»Magst du Fleisch?«

»Was hat das damit zu tun?«

»Du bist ein Kind der Ausgewogenheit. Zauberer müssen sich selbst ausgleichen, die Dinge, die sie tun, ihre Kraft. Kriegszauberer essen selten Fleisch. Ihre Enthaltsamkeit in diesem Punkt ist ein Ausgleich für das Töten, zu dem sie gelegentlich gezwungen sind.«

»Tut mir leid, Ann, aber ich kann einfach nicht glauben, daß ich subtraktive Magie besitze.«

»Deshalb bist du eine solche Gefahr. Jedesmal, wenn du Magie begegnest, lernt dein Han mehr darüber, wie es dich schützen und dir dienen kann, obwohl du selbst gar nicht merkst, daß es etwas dazulernt. Der Rada’Han hilft ihm nur beim Wachsen.

Du tust Dinge, ohne die Wichtigkeit oder den Grund zu kennen, wie zum Beispiel, als du dich zum schwarzen Zauberersand hingezogen fühltest und ihn nahmst oder als du den runden Skrinknochen von Adie mitgenommen hast.«

Richards Brauen zogen sich zusammen. »Adie kennt Ihr auch?«

»Ja. Sie hat deinem Vater und mir geholfen, durch den Paß zu gelangen, damit wir das Buch der Gezählten Schatten zurückholen konnten.«

»Welchen runden Knochen meint Ihr?«

Richard bemerkte, wie ihre Augen kurz alarmiert aufblitzten.

»Adie hatte einen runden Knochen, in den ringsum Bestien geschnitzt waren. Es handelt sich um einen Gegenstand von großer Kraft. Bestimmt hat dich deine subtraktive Magie zu ihm hingezogen.«

Richard erinnerte sich, den runden Knochen oben auf einem Regal gesehen zu haben. »Ich habe so etwas in ihrem Haus gesehen, aber ich habe den Knochen nicht mitgenommen. Ich würde niemals etwas nehmen, was mir nicht gehört. Vielleicht besitze ich also in Wirklichkeit doch keine subtraktive Magie?«

Sie richtete sich auf. »Nein. Er ist dir aufgefallen. Daß du ihn nicht mitgenommen hast, bedeutet bloß, daß deine Kraft noch nicht genug entwikkelt war, um dich zu dem Skrinknochen ebenso hinzuziehen wie zu dem schwarzen Sand — und zwar deshalb, weil du den Rada’Han noch nicht getragen hast.«

Richard war unschlüssig. »Ist das ein Problem?«

Sie lächelte. Ihm kam dieses Lächeln gezwungen vor. »Nein. Adie würde diesen Knochen mit ihrem Leben verteidigen. Sie weiß, wie wichtig er ist. Du kannst ihn später wiederfinden.«

»Was kann man damit tun?«

»Er hilft, den Schleier zu beschützen. Von einem Kriegszauberer benutzt, der wie du über beide Kräfte verfügt, ruft er den Skrin herbei. Die Skrin sind eine Kraft, die dafür sorgt, daß die Welten getrennt bleiben. Man könnte sie als Wächter der Grenze zwischen den Welten bezeichnen.«

»Und wenn er in die falschen Hände gerät? In die Hände eines Menschen, der dem Hüter helfen will?«

Sie zupfte an seinem Hemd, drängte ihn, sich zu erheben. »Du machst dir zu viele Gedanken, Richard. Ich habe noch zu tun. Du mußt mich jetzt damit allein lassen. Gib dein Bestes, Kind, und lerne. Lerne, dein Han zu berühren, es zu beherrschen. Du mußt lernen, wenn du dem Schöpfer eine Hilfe sein willst.«

Richard drehte sich wieder zu ihr um. Ihr Blick war ins Ferne gerichtet.

»Ann, wozu will der Hüter die Welt der Lebenden? Was bringt ihm das? Was ist sein Ziel?«

Sie gab die Antwort mit leiser, entrückter Stimme. »Der Tod ist die Antithese des Lebens. Es ist der Lebenszweck des Hüters, die Lebenden zu verschlingen. Sein Haß für das Leben kennt keine Grenzen. Sein Haß ist genauso ewig wie sein Gefängnis des Todes.«

62

Richard hatte sich vollkommen in seinen Gedanken verloren, als er auf die Steinbrücke zusteuerte. Tagelang hatte er sich in sein Zimmer zurückgezogen und nachgedacht. Wenn die Schwestern kamen, um ihm seinen Unterricht zu geben, war er nur halbherzig bei der Sache. Mittlerweile hatte er Angst, er könnte tatsächlich sein Han berühren.

Warren war Tag und Nacht in den Gewölbekellern beschäftigt, überprüfte, was Richard ihm gesagt hatte, und suchte nach weiteren Hinweisen. Irgend etwas mußte dran sein, an dem, was die Prälatin ihm erzählt hatte — warum sonst hätte der Hüter das Tor nicht längst benutzen sollen, wenn er dazu in der Lage war.

Er mußte ein wenig raus. Der Kopf schien ihm zu platzen. Er wollte einfach eine Weile fort vom Palast.

Plötzlich tauchte Pasha an seiner Seite auf. »Ich habe schon nach dir gesucht.«

Er ging weiter und starrte geradeaus. »Warum?«

»Ich wollte einfach bei dir sein.«

»Also, ich habe jedenfalls vor, einen Spaziergang hinaus aufs Land zu machen.«

Sie zuckte mit den Achseln. »Gegen einen Spaziergang hätte ich nichts einzuwenden. Darf ich mitkommen?«

Richard sah sie an. Sie trug ihr hauchdünnes, kastanienbraunes Kleid, das mit dem V-Ausschnitt. Der Tag war kühl. Wenigstens hatte sie einen ganz brauchbar aussehenden violetten Umhang an. In den Ohren trug sie große goldene Ringe. Ihr Gürtel paßte zur Halskette, er wies dieselbe Art goldener Medaillons auf. Sie sah verführerisch aus, so wie sie vor ihm stand, wenn es auch nicht gerade die richtige Bekleidung für eine ländliche Wanderung war.