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»Hast du wieder diese Pantöffelchen an?«

Sie streckte einen Fuß vor, um ihm ihre handgearbeiteten Lederstiefel zu zeigen. »Habe ich mir extra anfertigen lassen, damit ich mit dir wandern kann.«

Extra anfertigen lassen, dachte er. Richard erinnerte sich, wie verletzt sie gewesen war, als er ihr erklärt hatte, das blaue Kleid stehe ihr nicht gut. Er wollte sie nicht verletzen, indem er sie fortschickte. Sie versuchte nur, ihm zu gefallen. Vielleicht täte ihm die Gesellschaft eines lächelnden Gesichtes ganz gut, überlegte er.

»Also gut, von mir aus. Du kannst mitkommen, solange du keine fröhlichen Plaudereien von mir erwartest.«

Schmunzelnd hakte sie sich bei ihm ein. »Ich bin schon glücklich, wenn ich dich nur begleiten darf.«

Zumindest hielt ihm Pasha an seinem Arm die meisten Frauen fern, als sie die Stadt durchquerten. Die, die sich trotzdem dreist an ihn ranmachten, handelten sich einen wütenden Blick von Pasha ein. Wer diesem wütenden Blick die Stirn bot, bekam etwas anderes zu spüren, eine Berührung durch ihr Han. Die Frauen schrien auf, sobald sie etwas Unsichtbares zwackte, und machten sich auf und davon.

Inzwischen begriff Richard, warum der Palast Zauberer heranzüchtete. Sie versuchten einen Zauberer mit additiver und Subtraktiver Magie hervorzubringen.

Und jetzt hatten sie einen.

Schweigend wanderten sie hinauf in die Hügel, die ins goldene Licht der späten Nachmittagssonne getaucht waren. Hier draußen, in den offenen, felsigen Hügeln, von denen man die Stadt überblicken konnte, fühlte Richard sich besser. Auch wenn es eine Selbsttäuschung war, er fühlte sich frei. Plötzlich wünschte er sich, Pasha wäre nicht mitgekommen. Seit Tagen war er nicht mehr hergekommen, um Gratch zu besuchen. Wahrscheinlich war Gratch schon ganz verzweifelt.

Er wußte nicht recht, was er als nächstes tun sollte. Er wußte nicht, ob alles stimmte, was die Prälatin gesagt hatte, er wußte auch nicht, wovor er sich mehr fürchtete — davor, daß es eine Lüge war oder die Wahrheit.

Pashas Hand auf seinem Arm verkrampfte sich. Das riß ihn aus seinen düsteren Grübeleien und ließ ihn stehenbleiben. Sie sah sich nervös um. An der Art, wie sie durch ihren Mund atmete, konnte er erkennen, daß sie sich fürchtete.

»Was ist?« fragte er.

Ihr Blick wanderte suchend über die umliegenden Felsen. »Richard, hier draußen ist irgendwas. Bitte, laß uns umkehren.«

Richard zog das Schwert. Das einzigartige Klirren erfüllte die stille Nachmittagsluft. Er spürte nichts, kein Gefühl von Gefahr, doch offenkundig hatte Pashas Han etwas gespürt, das ihr angst machte.

Pasha stieß einen leisen Schrei aus. Richard wirbelte herum. Gratchs Kopf schob sich hinter einem Felsen vor. Pasha wich zurück.

»Schon gut, er tut dir nichts.«

Gratch lächelte zögernd und zeigte seine Reißzähne, während er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete.

»Töte ihn!« kreischte sie. »Das ist eine wilde Bestie!«

»Beruhige dich, Pasha. Er tut dir nichts.«

Sie wich noch weiter zurück. Gratch stand da, blickte von Richard zu Pasha und wußte nicht, was er tun sollte. Richard wurde klar, daß sie möglicherweise ihr Han benutzen würde, um dem Gar weh zu tun, also stellte er sich zwischen die beiden.

»Richard! Geh dort weg! Man muß ihn töten! Das ist eine Bestie!«

»Er wird dir nichts tun. Ich kenne ihn. Pasha…«

Sie machte kehrt und lief davon, ihr violetter Umhang flatterte hinter ihr her. Stöhnend verfolgte Richard, wie sie von einem Fels zum anderen sprang und sich auf diese Weise den Hügel hinunterarbeitete. Er warf Gratch einen wütenden Blick zu.

»Was ist los mit dir! Mußtest du sie unbedingt erschrecken! Was fällt dir ein, dich vor anderen Menschen blicken zu lassen!«

Gratch ließ die Ohren hängen. Seine Schultern fielen herunter, und er fing an zu jammern. Als seine Flügel zu zittern begannen, ging Richard zu ihm.

»Zum Jammern ist es jetzt zu spät. Komm und nimm mich in die Arme.« Gratch senkte den Blick zu Boden. »Es wird schon alles wieder gut.«

Er schlang die Arme um das große, pelzige Geschöpf. Schließlich erwiderte Gratch die Umarmung. Er warf Arme und Flügel um Richard und gluckste glücklich. Im Handumdrehen hatte er Richard vom Felsen heruntergezogen und ihn zu Boden gerungen. Richard kitzelte ihn an den Rippen und wehrte sich, bis Gratch vor Wonne jauchzte.

Als sie sich wieder beruhigt hatten, hakte Gratch die Spitze einer Kralle in die Tasche, in der Richard die Locke von Kahlans Haar aufbewahrte. Er blickte Richard unter den Brauen hervor an, die so groß wie Axtgriffe waren. Endlich begriff Richard, was Gratch meinte.

»Nein, nein. Das ist nicht dieselbe Frau. Das ist jemand anderes.«

Gratch runzelte die Stirn. Er verstand nicht. Richard war nicht nach Erklärungen zumute, wieso die Haarlocke, die er immer betrachtete, nicht Pasha gehörte. Auf Gratchs Drängen ließ er sich auf einen zweiten Ringkampf ein.

Es dämmerte bereits, als Richard wieder im Palast eintraf. Er mußte Pasha finden und ihr erklären, daß Gratch sein Freund war und keine gefährliche Bestie. Er war noch nicht weit gekommen, als er statt dessen Schwester Verna traf.

»Hast du den kleinen Gar aus der Wildnis etwa gefüttert, obwohl ich dir befohlen habe, ihn zu töten? Hast du zugelassen, daß das Tier uns folgt?«

Richard starrte sie an. »Er war hilflos, Schwester. Ich konnte doch kein Tier töten, das mir nichts anhaben kann. Wir haben uns angefreundet.«

Brummend wischte sie sich mit der Hand übers Gesicht. »So absurd es klingt, aber ich denke, ich kann dich verstehen. Du hast Gesellschaft gesucht, und das ganz sicher nicht bei mir.«

»Schwester Verna…«

»Aber warum hast du ihn Pasha gezeigt?«

»Hab’ ich nicht. Ich wußte gar nicht, daß er da war. Pasha hat ihn gesehen, bevor ich etwas davon mitbekommen habe.«

Sie stieß einen verzweifelten Seufzer aus. »Die Menschen in dieser Gegend haben Angst vor wilden Tieren, sie töten sie. Pasha kam schreiend zu den Schwestern gelaufen, in den Hügeln sei ein wildes Tier.«

»Ich werde es ihnen erklären. Ich werde dafür sorgen, daß sie verstehen…«

»Richard! Hör mir zu!« Er wich einen Schritt zurück und wartete schweigend, daß sie weitersprach. »Der Palast ist der Ansicht, ›Haustiere‹ würden stören, wenn man lernen will, sein Han zu kontrollieren. Die Schwestern glauben, daß es die Gefühle von ihnen auf das Tier umlenkt. Ich halte das für Unsinn, aber darum geht es nicht.«

»Worum denn dann? Wollt Ihr damit sagen, sie werden versuchen, mich daran zu hindern, ihn zu sehen?«

Sie legte ihm ungeduldig die Hand auf den Arm. »Nein, Richard. Sie halten ihn für eine scheußliche Bestie, die dich anfallen könnte. Sie glauben, er wäre gefährlich für dich. Deshalb wollen sie ihn zu deinem Schutz töten.«

Richard starrte nur eine einzige Sekunde lang in ihr sorgenvolles Gesicht, dann rannte er bereits davon. Er hetzte über die Brücke und zurück in die Stadt. Leute starrten ihm offenen Mundes hinterher, als er vorüberflog. Er sprang über Karren hinweg, die nicht schnell genug ausweichen wollten. Er rannte einen Stand um, an dem Amulette verkauft wurden. Leute riefen ihm wütend etwas hinterher, doch er rannte weiter.

Das Herz klopfte ihm bis in die Ohren, als er die Hügel hinaufhastete. Mehrere Male stürzte er über Gräben oder Steine, rollte ab, kam wieder auf die Füße, japste nach Luft und rannte weiter. Wenn er Hohlwege überqueren mußte, sprang er im Dunkeln von Stein zu Stein.

Auf dem Kamm einer Hügelkuppe, in der Nähe der Stelle, wo er Gratch zuvor getroffen hatte, fing er an, nach ihm zu rufen, wobei er zwischendurch keuchend um Atem rang. Die Fäuste in die Hüften gestemmt, legte er den Kopf nach hinten und rief Gratchs Namen. Seine Stimme wurde von den umliegenden Hügeln zurückgeworfen. Das Echo verhallte, und die einzige Antwort war Stille.