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Erschöpft ließ Richard sich auf die Knie fallen. Bestimmt waren sie bald hier. Die Schwestern benutzten mit Sicherheit ihr Han, um den Gar aufzuspüren. Gratch hätte keine Ahnung, was sie von ihm wollten. Selbst wenn er sich von ihnen fernhielt, konnten sie ihn mit ihrer Magie erreichen und töten. Sie konnten ihn aus der Luft holen oder einfach in Brand stecken.

»Graaaaatch! Graaaaaatch!«

Ein schwarzer Schatten verdunkelte ein Stück des Sternenhimmels. Der Gar landete mit dumpfem Aufprall auf dem Boden und faltete seine Flügel zusammen. Er legte den Kopf zur Seite und gab ein leises Gurgeln von sich.

Richard krallte Gratch die Fäuste in das Fell.

»Hör zu, Gratch. Du mußt fort von hier. Du kannst hier nicht länger bleiben. Sie wollen dich umbringen. Du mußt verschwinden.«

Gratch stieß ein fragendes Winseln aus, das gegen Ende höher wurde. Er stellte die Ohren auf und versuchte Richard in die Arme zu schließen.

Richard stieß ihn fort. »Verschwinde! Du hast mich verstanden, das weiß ich ganz genau! Geh! Ich will, daß du verschwindest! Sie werden versuchen, dich umzubringen! Geh fort und komm niemals zurück!«

Gratch ließ die Ohren hängen und legte den Kopf auf die andere Seite. Richard klopfte dem Gar mit der Faust vor die Brust. Er zeigte nach Norden.

»Geh fort!« Er streckte die Arme aus und zeigte es ihm noch einmal. »Ich will, daß du fortgehst und nie mehr wiederkommst!«

Gratch versuchte, die Arme um Richard zu legen. Richard stieß sie fort. Gratch legte die Ohren an den Kopf.

»Grrratch haaaag Raaaach aaaarrgh liiiig.«

Richard hätte nichts lieber getan, als seinen Freund in die Arme zu nehmen und ihm zu erklären, daß er ihn ebenfalls lieb hatte. Doch er konnte nicht. Er mußte ihn dazu bringen, daß er verschwand, wenn er ihm das Leben retten wollte.

»Aber ich liebe dich nicht! Geh fort und komm niemals wieder zurück!«

Gratch sah hinüber zu dem Hang, den Pasha hinuntergerannt war. Dann sah er Richard wieder an. Seine grünen Augen füllten sich mit Tränen. Er streckte die Arme nach Richard aus.

Richard stieß ihn fort. Gratch stand mit ausgestreckten Armen da. Richard mußte daran denken, wie er das pelzige Geschöpf zum ersten Mal in den Armen gehalten hatte. Damals war er noch so klein gewesen. Und jetzt war er so groß. Doch mit ihm war auch seine Freundschaft, seine Liebe gewachsen.

Er war Richards einziger Freund, und einzig Richard konnte ihn retten. Wenn Richard ihn wirklich liebte, mußte er es tun.

»Geh fort! Ich will dich nicht mehr bei mir haben! Ich will nicht, daß du jemals wiederkommst! Du bist nichts weiter als ein großes, dummes, pelziges Etwas! Verschwinde! Wenn du mich wirklich liebst, dann tu, was ich sage und verschwinde!«

Richard wollte ihn weiter anbrüllen, doch die Worte kamen an dem Kloß in seinem Hals nicht vorbei. Er wich zurück. Gratch schien in der kühlen Nachtluft in sich zusammenzusinken. Wieder reckte er die Arme vor, während er ein klagendes, verlorenes Jammern ausstieß. Er rief in jämmerlichem, schneidendem Ton nach ihm.

Richard ging einen weiteren Schritt zurück. Gratch kam einen Schritt auf ihn zu. Richard hob einen Stein auf und schleuderte ihn auf den Gar. Er prallte von seiner stattlichen Brust ab.

»Geh weg!« schrie Richard. Er warf noch einen Stein. »Ich will dich nicht mehr um mich haben! Verschwinde! Ich will dich nicht mehr sehen!«

Die Tränen strömten aus den leuchtenden grünen Augen über die Falten seiner Wangen. »Graaaaatch haaag Raaach aaarrrg liiiieg.«

»Wenn du mich wirklich lieb hast, dann wirst du es tun! Lauf!«

Der Gar blickte noch einmal zu dem Hang hinüber, den Pasha hinuntergerannt war, dann drehte er sich um und breitete die Flügel aus. Mit einem letzten Blick über die Schulter sprang er in die Luft und verschwand in die Nacht.

Als er den dunklen Schatten vor dem Hintergrund der Sterne nicht mehr sehen, den Schlag seiner Flügel nicht mehr hören konnte, brach Richard auf dem Boden zusammen. Sein einziger Freund war fort.

»Ich liebe dich auch, Gratch.«

Er schüttelte sich schluchzend. »Ihr guten Seelen, warum habt ihr mir das angetan? Er war alles, was ich hatte. Ich hasse euch. Jede einzelne von euch.«

Er hatte den Rückweg bereits halb hinter sich gebracht, als es ihn traf wie ein Schlag. Er blieb wie erstarrt auf der Stelle stehen, sein Mund stand offen. In der Stille der Nacht griff er mit zitternden Fingern nach seiner Tasche.

Nicht weit von ihm entfernt flackerten die Lichter der Stadt. Dächer schimmerten im Mondschein. Die fernen Geräusche der Stadt wehten zu ihm am Rand der Hügel hinauf.

Er nahm Kahlans Haarlocke heraus.

Wenn du mich wirklich liebst, hatte Kahlan gesagt, dann wirst du es tun. Genau dasselbe hatte er zu Gratch gesagt. Blitzartig wurde ihm alles klar. Die Wucht der Begreifens raubte ihm den Atem.

Kahlan hatte ihn nicht fortgeschickt, sie hatte ihm das Leben gerettet. Sie hatte für ihn dasselbe getan, was er gerade für Gratch getan hatte.

Der Schmerz darüber, daß er an ihr gezweifelt hatte, warf ihn auf die Knie. Es mußte ihr das Herz gebrochen haben. Wie hatte er nur an ihr zweifeln können?

Der Halsring. Er hatte solche Angst vor dem Halsring gehabt, daß er blind dafür gewesen war. Sie liebte ihn. Sie wollte nicht frei sein, sie wollte ihm nur das Leben retten.

Sie liebte ihn.

Er breitete die Arme aus und richtete sein Gesicht gen Himmel.

»Sie liebt mich!«

Er kniete nieder, starrte auf die Haarlocke, die sie ihm geschenkt hatte, um ihn an ihre Liebe zu erinnern. Sein ganzes Leben hatte er nie ein größeres Gefühl der Erleichterung verspürt. Die Welt erwachte für ihn zu neuem Leben.

Richard drehte sich der Kopf in einem Wirrwarr widersprüchlicher Gefühle. Er war zutiefst betrübt, daß er den Gar fortgeschickt hatte, daß Gratch denken mußte, Richard wollte ihn nicht mehr in seiner Nähe haben, gleichzeitig verspürte er jedoch eine überwältigende Freude darüber, daß Kahlan ihn liebte.

Am Ende überwog die Freude. Gratch würde vielleicht eines Tages ebenso verstehen wie er, daß es notwendig gewesen war. Eines Tages würde er den Halsring los sein, dann wollte er Gratch finden und alles wiedergutmachen. Und selbst wenn nicht, so war der Gar besser dran, wenn er lebte wie ein Gar, jagte und sich auf die Suche nach seinesgleichen machte. Irgendwann würde er sein Glück finden, genau wie Richard.

Mehr als alles andere wollte er jetzt die Arme um Kahlan schlingen, sie fest an sich drücken und ihr erklären, wie sehr er sie liebte. Doch das war ausgeschlossen. Er war noch immer ein Gefangener der Schwestern, aber er nahm sich vor, zu studieren, zu lernen und den Halsring loszuwerden. Er würde den Halsring loswerden und zu Kahlan zurückkehren. Er hatte nicht den geringsten Zweifel, daß sie auf ihn wartete. Sie hatte gesagt, sie werde ihn immer lieben.

Als er am Stadtrand von Tanimura auf den Suchtrupp aus Schwestern stieß, erklärte er ihnen, sie sollten sich keine Mühe mehr machen. Sie würden feststellen, daß das Tier verschwunden sei. Doch glaubten sie ihm nicht und zogen weiter in die Hügel. Richard war es egal. Gratch war fort. Sein Freund war in Sicherheit.

Von einem Straßenhändler kaufte er eine goldene Halskette. Ob das Gold echt war, wußte er nicht, aber es war ihm auch egal, sie sah hübsch aus. Das letzte Stück zum Palast lief er im Trab.

Pasha lief im Flur vor seinem Zimmer auf und ab.

»Richard! Richard, ich habe mir solche Sorgen gemacht. Ich weiß, im Augenblick bist du wütend auf mich, aber mit der Zeit wirst du verstehen…«

Er grinste. »Ich bin nicht wütend, Pasha. Ich habe dir sogar ein Geschenk mitgebracht, um dir zu danken.«

Sie lächelte verlegen, überrascht, als er ihr die Halskette reichte. »Für mich? Warum?«

»Durch dich bin ich darauf gekommen, daß sie mich noch liebt, mich immer lieben wird. Ich war nichts weiter als ein blinder Narr. Du hast mir geholfen, das zu erkennen.«