Sie betrachtete ihn mit frostigem Blick. »Aber jetzt bist du hier, Richard. Du wirst sie mit der Zeit vergessen. Du wirst erkennen, daß ich die Richtige für dich bin.«
Er lächelte sie glücklich an. »Pasha, tut mir leid. Das ist nicht gegen dich gerichtet. Du bist eine wundervolle junge Frau. Irgendwann wirst du den Richtigen für dich finden. Du kannst praktisch unter allen Männern wählen. Jeder mag dich. Aber ich bin nicht der Richtige für dich. Vielleicht wenn ich hundert werde, aber vorher…«
Ihr verlegenes Lächeln kam zurück. »Dann warte ich.«
Er küßte sie auf den Kopf, bevor er durch die Tür ging. Wahrscheinlich konnte er nicht schlafen, solange er so aufgeregt war, aber all das viele Laufen hatte ihn erschöpft. Sein letzter Gedanke, bevor ihn der Schlaf übermannte, galt Kahlan. Er stellte sie sich vor, als wäre sie hier bei ihm: ihr besonderes Lächeln, ihre tiefen, grünen Augen, ihr leuchtendes, langes Haar. In dieser Nacht schlief er so gut wie schon seit Monaten nicht mehr.
In den darauffolgenden Tagen fühlte sich Richard, als berührten seine Füße kaum den Boden. Seine gute Laune verwirrte alle. Anfangs sah man ihn mißbilligend an, doch dann steckte seine gute Laune die anderen an. So manche der Schwestern kicherte vergnügt, wenn er ihnen erzählte, sie wären schön wie ein Tag, an dem die Sonne schien.
Er drängte die Schwestern, die zu ihm kamen, sich noch mehr Mühe zu geben, ihm die Beherrschung seines Han beizubringen. Er ließ sie länger bleiben als gewöhnlich. Die Schwestern Tovi und Cecilia waren über alle Maßen begeistert, Merissa und Nicci ließen ihm ein schwaches Lächeln der Freude zuteil werden, Armina war vorsichtig erfreut und Liliana entzückt. Er wollte seinen Halsring loswerden, aber er wußte, solange er noch nicht zu dem fähig war, was sie von ihm verlangten, würde er sich nicht entfernen lassen.
Er hatte Warren eine Weile nicht gesehen und ging schließlich hinunter in die Gewölbekeller, um zu sehen, wie seine Suche voranging.
Schwester Becky hatte sich mit Übelkeit entschuldigt, und die andere Schwester kicherte, als er ihr zuzwinkerte.
Warren war angenehm überrascht, ihn zu sehen, und gänzlich aufgeregt über einige der Dinge, die er herausgefunden hatte. Er konnte es kaum erwarten, Richard davon zu berichten. Als sich die Tür zu einer der hinteren Kammern mit einem Knirschen geschlossen hatte, legte er mehrere Bücher auf den Tisch und schlug sie auf.
»Was du mir erzählt hast, hat sehr geholfen. Sieh her.« Warren zeigte auf Wörter, die Richard nicht verstand. »Genau wie du gesagt hast. Hier heißt es, der Umstand, daß der Stein der Tränen sich in dieser Welt befindet, könne allein den Hüter noch nicht befreien.«
»Und was bedeutet er dann?«
»Nun, man muß es sich wie eine Reihe von Schlössern an einer Gefängnistür vorstellen, und dieser Stein ist der Schlüssel von einem, doch er allein befreit den Hüter nicht. Sicherlich ist er ihm auf die eine oder andere Art hilfreich, aber es gibt schließlich noch eine ganze Reihe von magischen Gegenständen, die dem Hüter helfen. Doch der Stein der Tränen selbst muß von jemandem aus dieser Welt benutzt werden, von einem, der sowohl die Gabe für additive wie für subtraktive Magie besitzt, wenn er den Hüter befreien soll. Wer nur die Gabe für additive Magie besitzt, könnte Unheil anrichten und den Schleier weiter einreißen, ihn jedoch nicht damit befreien.
Ich glaube«, meinte Warren augenzwinkernd, »daß wir uns mit diesem schwarzen Stein in dieser Welt sicher fühlen können, solange wir vorsichtig sind.«
»Er ist nicht schwarz. Ich habe nie gesagt, er sei schwarz. Ich habe dir nur seine Form und Größe beschrieben.«
Warren legte einen Finger an die Unterlippe. »Er ist nicht schwarz? Welche Farbe hat er dann?«
»Bernstein.«
Warren schlug sich erleichtert stöhnend die flache Hand vor die Brust. »Dem Schöpfer sei Dank.« Er stieß einen Jubelschrei aus, was gar nicht seine Art war. »Das ist die beste Neuigkeit seit einem Jahr! Bernstein bedeutet, daß er von den Tränen eines Zauberers berührt wurde. Das stößt den Hüter ab. Es wirkt auf ihn wie verwestes, fauliges Fleisch auf uns. Seine Agenten würden ihn nicht anfassen!«
Richards Grinsen wurde breiter. Das mußte Zedd gewesen sein. Deswegen hatte er Zedds Sog aus dem Stein verspürt. Dies und dazu die Entdekkung über Kahlan war einfach zuviel. Er konnte sein Glück nicht für sich behalten. »Warren, ich habe auch noch eine gute Neuigkeit. Ich bin verliebt. Ich werde heiraten.«
Warren jubelte erneut, doch dann erlosch sein Lächeln. »Es ist doch nicht Pasha, oder? Ich meine, ich würde das schon irgendwie verstehen. Ihr zwei gebt ein hübsches…«
Richard legt ihm die Hand leicht auf die Schulter. »Nein, es ist nicht Pasha. Ich erzähle dir ein anderes Mal von ihr. Es ist die Mutter Konfessor. Ich wollte dich nicht unterbrechen. Was ist mit den anderen Dingen?«
»Nun ja.« Er zog ein weiteres Buch heran. »Es gibt reichlich wenig Hinweise auf den runden Knochen, von dem du gesprochen hast, und auf diesen Skrin. Einer von ihnen findet sich in einer Gabelprophezeiung, in der es um die Wintersonnenwende geht, die uns in ein paar Wochen ins Haus steht. Es handelt sich um eine komplizierte Verbindung von Gabelungen und Kreuzungen. Erst vor kurzem sind wir dahintergekommen, daß die Prophezeiung über diese Frau und ihr Volk von einem echten Ast stammt…«
Jedesmal, wenn Warren mit seinem Gerede über Äste und Gabelungen abhob, kam Richard sich verloren vor. So ziemlich das einzige Wort, das er verstand, war ›Wintersonnenwende‹.
»Was hat die Wintersonnenwende damit zu tun?«
Warren hob den Kopf. »Die Wintersonnenwende. Der kürzeste Tag des Jahres. Der kürzeste Tag, die längste Nacht. Verstehst du, was ich meine?«
»Nein.Was hat das mit dem Skrin zu tun?«
»Die längste Nacht des Jahres. Die längste Nacht, die längste Dunkelheit. Du siehst, es gibt gewisse Zeiten, in denen der Hüter einen größeren, wieder andere, in denen er einen geringeren Einfluß in dieser Welt nehmen kann. Seine Welt ist die Welt der Finsternis, und wenn wir uns in der Zeit der längsten Dunkelheit befinden, ist der Schleier am schwächsten. Dann kann er am meisten Schaden anrichten.«
»Dann schweben wir in ein paar Wochen, zur Wintersonnenwende, in Gefahr.«
Warrens Brauen schossen entzückt in die Höhe. »Genau. Aber du hast mir mit dem, was du mir erzählt hast, geholfen, eine bevorstehende Prophezeiung zu entschlüsseln, zusammen mit dem, wie wir mittlerweile wissen, echten Ast, der wiederum mit ihr in Zusammenhang steht. Du siehst, mit dieser Wintersonnenwende hängt eine Prophezeiung zusammen, in der es um eine Gefahr für die Welt der Lebenden geht.
Damit es sich um einen echten Ast handeln kann, müssen für den Hüter eine Reihe von Elementen an Ort und Stelle sein — wie zum Beispiel ein offenes Tor –, doch dazu muß er einen Agenten in diese Welt berufen« — Warren beugte sich entzückt nach vorn — »und dieser wiederum benötigt den Skrin. Befindet er sich im Besitz des Skrinknochens, von dem du erzählt hast, kann er den Wächter herbeirufen und ihn vernichten. Wenn der Wächter zerstört ist, kann der Hüter durch das Tor gelangen.«
»Warren ich finde, das klingt ziemlich furchterregend.«
Warren machte eine abwehrende Handbewegung. »Nein, nein. Manche Prophezeiungen klingen unheilvoll, so wie diese. Doch die Elemente befinden sich nur selten alle an Ort und Stelle, daher erweisen sich die Prophezeiungen als falsche Äste, wie meistens. Die Bücher sind voll von solchen falschen Ästen, denn –«
»Warren, komm zur Sache.«
»Ach ja. Nun, du hast erzählt, dein Freund hätte den Knochen, der den Skrin herbeirufen kann. Und der Hüter braucht einen Agenten, hat aber keinen. Ohne den Skrinknochen und mit der bevorstehenden Gabelung, die, wie wir wissen, korrekt passiert werden muß — was sie wohl auch wird –, handelt es sich hier bloß um eine weitere falsche Gabelung, also sind wir in Sicherheit!«