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»Ich bin Konfessor, schon vergessen? Mein Haar ist das Symbol meiner Kraft. Außerdem kann ich es nicht selbst abschneiden. Das kann nur jemand anders.«

»Gut. Ich würde es niemals tun. Ich liebe dich so, wie du bist, mit deiner Kraft und allem anderen. Laß niemals zu, daß dir jemand die Haare abschneidet. Ich habe dein Haar seit jenem Tag im Wald von Kernland gemocht, als ich dich zum erstenmal gesehen habe.«

Lächelnd erinnerte sie sich an diesen Tag. Richard hatte ihr seine Hilfe bei der Flucht vor den Quadronen angeboten. Er hatte ihr das Leben gerettet. »Das scheint so lange her zu sein. Wirst du dieses Leben vermissen — als einfacher, sorgloser Waldführer?« Sie lächelte kokett. »Und als einsamer Mann?«

Richard mußte grinsen. »Die Einsamkeit vermissen? Nicht mit dir an meiner Seite. Und den Waldführerposten? Vielleicht ein wenig.« Er starrte ins Feuer. »Was auch immer geschieht, ich bin der wahre Sucher. Ich besitze das Schwert der Wahrheit und habe von daher all die Pflichten, die mit ihm verbunden sind, was immer sie sein mögen. Glaubst du, du kannst als Frau des Suchers glücklich werden?«

»Ich würde sogar in einem hohlen Baumstumpf glücklich werden, vorausgesetzt, du bist bei mir. Aber leider, Richard, bin ich noch immer die Mutter Konfessor. Auch ich habe Pflichten.«

»Nun, du hast mir erzählt, was es bedeutet, Konfessor zu sein — daß du jemanden nur mit deiner Kraft zu berühren brauchst, um alles zu zerstören, was er vorher war, und um es durch eine vollkommene magische Ergebenheit dir oder deinen Wünschen gegenüber zu ersetzen. Und daß du jemanden dadurch zwingen kannst, all seine Verbrechen zu gestehen oder überhaupt alles zu tun, was dir beliebt. Aber welche anderen Pflichten hast du noch?«

»Vermutlich habe ich dir nie von all den anderen Dingen erzählt, die es mit sich bringt, wenn man Mutter Konfessor ist. Es war nicht wichtig damals. Ich war überzeugt, daß wir niemals zusammenbleiben könnten. Ich dachte, wir würden sterben. Und selbst wenn es uns irgendwie gelingen würde, zu gewinnen, dachte ich, du müßtest zurück nach Westland und ich würde dich nie wiedersehen.«

»Du meinst jenen Teil, in dem es heißt, du seist mehr als eine Königin?«

Sie nickte. »Der Zentralrat der Midlands in Aydindril besteht aus Vertretern der wichtigeren Länder der Midlands. Mehr oder weniger ist es der Zentralrat, der die Midlands regiert. Obwohl die Länder unabhängig sind, unterwerfen sie sich dem Wort des Zentralrats. Auf diese Weise werden in der gesamten Konföderation der Länder die gemeinsamen Ziele geschützt, und der Frieden bleibt gewahrt. Und so bringt man auch die Leute dazu, miteinander zu reden, anstatt sich zu bekriegen. Sollte ein Land ein anderes angreifen, würde man dies als einen Angriff auf die Einheit betrachten, gegen die Gesamtheit, und diese Gesamtheit würde die Aggression niederwerfen. Könige, Königinnen, Herrscher, Beamte, Kaufleute und andere suchen den Zentralrat mit ihren Eingaben auf: Handelsverträge, Grenzabkommen, Übereinkünfte, die die Magie betreffen — es gibt eine endlose Liste mit Wünschen und Begehren.«

»Verstehe. In Westland ist es ganz ähnlich. Der Rat dort regiert auf ganz ähnliche Weise. Auch wenn Westland längst nicht groß genug für verschiedene Königreiche ist, so gibt es doch Bezirke, die sich selbst verwalten, in Kernland jedoch von Räten vertreten werden.

Da mein Bruder erst Rat, dann Oberster Rat war, habe ich einiges von der Regierung mitbekommen. Ich sah, wie Räte kamen, um ihre Bitten vorzutragen. Als Führer habe ich sie ständig nach Kernland hinein und wieder hinausbegleitet. Aus den Gesprächen mit ihnen habe ich eine Menge gelernt.«

Richard verschränkte die Arme. »Und welche Rolle spielt die Mutter Konfessor nun dabei?«

»Nun, der Zentralrat regiert die Midlands…« Sie räusperte sich und blickte auf ihre Hände, die in ihrem Schoß gefaltet lagen. »… und die Mutter Konfessor herrscht über den Zentralrat.«

Er löste seine Arme. »Willst du damit sagen, daß du über sämtliche Könige und Königinnen herrschst? Über alle Länder? Die gesamten Midlands?«

»Nun, ich denke, auf gewisse Weise schon. Du mußt wissen, daß nicht alle Länder im Zentralrat vertreten sind. Einige sind zu klein, wie Königin Milenas Tamarang oder das Volk der Schlammenschen, und ein paar andere sind Länder der Magie, das Land der Irrlichter zum Beispiel. Die Mutter Konfessor ist die Fürsprecherin dieser kleineren Länder. Überließe man es ihnen selbst, ihre Anliegen vorzutragen, würde der Rat beschließen, diese kleineren Länder zu zerstückeln. Es wäre ein leichtes, die Armeen dazu hätte er. Allein die Mutter Konfessor tritt für die ein, die keine Stimme haben. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, daß die Länder häufig nicht einer Meinung sind. Einige von ihnen sind seit Menschengedenken miteinander verfeindet. Häufig kommt es im Rat zum Patt, oder die verschiedenen Vertreter beharren hartnäckig auf ihren Vorstellungen, zum Nachteil der übergeordneten Interessen der Midlands. Die Mutter Konfessor verfolgt kein anderes Interesse als das Wohl der Midlands.

Ohne Führung würden die verschiedenen Länder sich im Zentralrat nur über Machtfragen streiten. Diesen engstirnigen Interessen stellt sich die Mutter Konfessor entgegen. So wie die Mutter dank ihrer magischen Kräfte oberste Richterin der Wahrheit ist, so ist sie auch die oberste Richterin der Macht. Das Wort der Mutter Konfessor ist Gesetz.«

»Du erklärst also sämtlichen Königen und Königinnen und all den Ländern, was sie zu tun haben?«

Sie ergriff eine seiner Hände und hielt sie fest. »Ich — und das haben die meisten Mütter Konfessor vor mir getan — lasse dem Zentralrat bei seinen Entscheidungen freie Hand. Doch wenn sie sich nicht einigen können oder keine gerechte Lösung finden, dann geht dies meist zu Lasten derer, die nicht vertreten sind. Erst dann schreite ich ein und erkläre ihnen, was geschehen soll.«

»Und sie tun immer, was du sagst.«

»Immer.«

»Warum?«

Sie schöpfte tief Luft. »Nun, sie wissen, wenn sie sich nicht der Führung der Mutter Konfessor beugen, dann sind sie allein und für jeden überlegenen Nachbarn, der nach Macht giert, angreifbar. Es würde so lange Krieg geben, bis die stärksten unter ihnen alle übrigen vernichtet hätten — so wie es Panis Rahl, Darken Rahls Vater, in D’Hara gemacht hat. Sie wissen, daß es letztlich in ihrem eigenen Interesse liegt, einen unabhängigen Ratsführer zu haben, der für kein Land Partei ergreift.«

»Aber im Interesse der Stärksten liegt das nicht. Es muß noch etwas anderes geben als ein gutes Herz oder den gesunden Menschenverstand, das die stärkeren Länder bei der Stange hält.«

Sie nickte und mußte lächeln. »Du kennst das Spiel der Macht sehr gut. Sie wissen ganz genau, wären sie so dreist, ihren Ambitionen freien Lauf zu lassen, würde ich oder eine andere Mutter Konfessor ihren Herrscher mit Hilfe von Magie besiegen. Aber da ist noch etwas. Die Zauberer unterstützen die Mutter Konfessor.«

»Ich dachte, Zauberer wollten mit Macht nichts zu tun haben?«

»Haben sie genaugenommen auch nicht. Es genügt, mit ihrem Einschreiten zu drohen. Die Zauberer nennen es die Paradoxie der Macht: wenn man Macht besitzt und bereit, willens und in der Lage ist, sie einzusetzen, dann braucht man sie nicht auszuüben. Die Länder wissen, wenn sie nicht zusammenarbeiten und sich nicht der unparteiischen Führung der Mutter Konfessor unterstellen, dann warten im Hintergrund noch immer die Zauberer, bereit, ihnen eine Lektion über die Nachteile von Unvernunft und Gier zu erteilen.

Das Ganze ist eine höchst vielschichtige, verschlungene Beziehung, doch letzten Endes läuft es darauf hinaus, daß ich den Zentralrat beherrsche und die Schwachen, Schutzlosen und Friedfertigen überrannt würden, sobald ich nicht anwesend wäre, um diese Aufgabe wahrzunehmen, während die übrigen in einen Krieg hineingezogen würden, der so lange andauert, bis alle außer den Stärksten vernichtet sind.«

Richard ließ sich zurücksinken und dachte mit einer gewissen Skepsis über alles nach. Sie beobachtete, wie der Schein des Feuers auf seinem Gesicht spielte. Sie spürte, was in ihm vorging: er dachte daran, wie sie von Königin Milena nur mit einer Geste ihrer Hand verlangt hatte, auf die Knie zu sinken, ihr die Hand zu küssen und ihr Ergebenheit zu schwören. Es wäre ihr lieber gewesen, sie hätte ihm nicht gezeigt, welche Macht sie besaß und wie gefürchtet sie war, doch was sie getan hatte, war notwendig gewesen. Manche beugten sich nur der Macht. Ein Führer mußte diese Macht zeigen, wenn es nötig war, sonst wurde er hinweggefegt.