Er blinzelte sie fassungslos an, versuchte, diese Generationenrechnung zu begreifen, doch in seinem Kopf verwandelte sich das alles in einen Brei. Plötzlich fiel ihm ein, wovor Shota ihn gewarnt hatte — vor einer Falle in der Zeit. Dies war die Falle.
Diese Menschen hatten ihm alles genommen. Alles, was er liebte, war dahin. Er würde Zedd nie wiedersehen oder Chase oder sonst irgend jemanden, den er kannte. Er würde Kahlan niemals wieder in den Armen halten. Er würde ihr niemals wieder sagen können, daß er sie liebte, daß er verstand, welches Opfer sie für ihn gebracht hatte.
63
Richard blickte von der Stelle auf, wo er am Boden saß, und sah Warren in der Tür stehen. Er hatte das Klopfen nicht gehört. Als er nichts sagte, kam Warren herbeigeeilt und hockte sich neben ihn.
»Hör mal, Richard, du hast etwas gesagt, das mich nachdenklich gemacht hat. Du hast gesagt, du würdest die Mutter Konfessor heiraten.«
Richards Gedanken lösten sich aus der Benommenheit, und er hob plötzlich die Augen. »In der Prophezeiung ist von ihr die Rede, hab’ ich recht? Die Prophezeiung, die, wie du gesagt hast, sich zur Wintersonnenwende erfüllen wird.«
»Das wäre möglich. Aber ich weiß nicht genug über sie, über Konfessoren, um es mit Sicherheit zu sagen. Trägt die Mutter Konfessor Weiß?«
»Ja. Konfessoren werden geboren, um die Wahrheit zu finden. Sie ist die letzte ihrer Art.«
»Ich glaube, das sind gute Neuigkeiten, Richard. Ich glaube, zur Wintersonnenwende wird sie das Glück finden und ihrem Volk bringen.«
Richard mußte an die Vision denken, die er im Turm der Verdammnis gehabt hatte. Er erinnerte sich, welches Entsetzen er dabei empfunden hatte. Kahlans Worte hatten sich in seine Erinnerung eingebrannt. Er zitierte sie für Warren.
»Nur eine einzige von allen, die aus der Magie geboren sind, wird übrigbleiben, um die Wahrheit zu verkünden, wenn die Bedrohung des Schattens aufgehoben ist. Aus diesem Grunde kommt die größere Finsternis der Toten. Damit es eine Chance auf die Bande des Lebens gibt, muß diejenige in Weiß ihrem Volk geopfert werden, zu dessen Freude und unter seinem Jubel.«
»Ja! Das ist es! Ich glaube, mit der ›größeren Finsternis‹ ist sowohl der Hüter als auch die Wintersonnenwende gemeint. Ich denke, es bedeutet … Richard, wo hast du diese Prophezeiung gelesen?«
»Ich habe sie nirgendwo gelesen. Sie wurde mir in einer Vision von ihr überbracht.«
Warren bekam große Augen, so wie oft, wenn ihn etwas zum Staunen brachte. »Du hattest eine Vision von einer Prophezeiung?«
»Ja. Sie brachte mir den Wortlaut und auch eine Vision dessen, was sie bedeutet.«
»Und was bedeutet sie?«
Richard strich sich über sein Hosenbein. »Das darf ich dir nicht sagen. Sie meinte, ich dürfte die Worte aussprechen, aber nichts von der Vision erwähnen. Tut mir leid, Warren, aber ohne die Folgen zu kennen, traue ich mich nicht, diese Warnung zu mißachten. Aber ich kann dir nur verraten, wenn diese Prophezeiung sich erfüllt, hat das weder für sie noch für mich erfreuliche Folgen.«
Warren überlegte einen Augenblick. »Ja, du hast recht.« Er sah ihn aus den Augenwinkeln an. »Ich denke, ich muß dir etwas über die Prophezeiungen verraten. Kaum jemand weiß das, aber oft geben ihre Worte nicht ihre wahre Absicht zu erkennen.«
»Wie meinst du das?«
»Nun, ein paarmal schon hatte ich beim Lesen einer Prophezeiung eine Vision. Diese Vision hat sich denn als wahr herausgestellt, und mit der Prophezeiung war es ebenso, aber anders, als man es nach dem Lesen vermuten würde. Ich glaube, in Wahrheit soll man Prophezeiungen mit Hilfe der Gabe verstehen, durch die Visionen.«
»Wissen die Schwestern das?«
»Nein. Vermutlich macht genau dies den Propheten aus. Richard, wenn du diese Vision hattest und diese Worte gehört und die Bedeutung erkannt hast, bedeutet das vielleicht, daß du ein Prophet bist.«
»Nach Ansicht der Prälatin habe ich ein anderes Talent. Wenn sie recht hat, dann stellen diese Visionen nur einen Teil meiner eigentlichen Begabung dar.«
»Und die wäre?«
»Die Prälatin meinte, ich sei ein Kriegszauberer.«
Er bekam wieder große Augen. »Richard, Kriegszauberer haben die Gabe für beide Arten von Magie. Seit … Tausenden von Jahren wurde niemand mehr mit der Gabe für das Subtraktive geboren. Vielleicht irrt sich die Prälatin.«
»Hoffentlich. Trotzdem würde das einiges erklären. Nachdem, was einer meiner Freunde mir erzählt hat, bedeutet additive Magie, das zu benutzen, was existiert, und dann etwas hinzuzufügen, es zu vermehren, zu verändern. Subtraktive Magie ist das Gegenteil, das Vernichten und Ungeschehenmachen von Dingen.
Sämtlich Schilde wurden von den Schwestern errichtet. Sie haben nur additive Magie. Selbst wer die Gabe hat, kommt nicht so ohne weiteres hindurch, kann sie nicht brechen, denn auch diese Leute haben nur additive Magie. Kraft gegen Kraft. Ich jedoch kann durch die Schilde hier einfach hindurchmarschieren und brauche mich nicht einmal anzustrengen.
Eine Erklärung dafür wäre subtraktive Magie. Subtraktive Magie würde die additive Magie der Schilde aufheben, sie zunichte machen.«
»Aber du hast doch gesagt, du hättest versucht, die Barriere zu durchbrechen, die uns daran hindert, von hier fortzugehen. Das ist doch auch ein Schild. Warum kannst du diesen Schild nicht durchbrechen, wenn du tatsächlich über subtraktive Magie verfügst?«
Richard zog eine Braue hoch und beugte sich vor. »Warren, wer hat diese Schilde eingerichtet?«
»Na ja, die, die auch die übrige Magie des Palastes eingerichtet haben, die Zauberer aus alter Zeit…«
»Die, wie du gesagt hast, subtraktive Magie besaßen. Dieser Schild ist der einzige, der von ihnen eingerichtet wurde. Es ist der einzige, den ich nicht durchbrechen kann. Es ist der einzige, den meine subtraktive Magie, wenn ich sie denn tatsächlich habe, nicht aufheben kann. Verstehst du, was ich meine?«
Warren ließ sich auf seine Fersen nieder. »Ja…« Er rieb sich das Kinn und dachte nach. »Das gäbe Sinn. Das stimmt möglicherweise mit einigen der Prophezeiungen überein, die dich betreffen. Vorausgesetzt, du bist tatsächlich ein Kriegszauberer und derjenige, der aus der Wahrheit geboren wurde.«
»Und heißt es in diesen Prophezeiungen, daß ich obsiegen werde?«
Warren zögerte. Er blickte kurz zum Schwert der Wahrheit hinüber, das in der Nähe auf dem Boden lag. »Die ›weiße Klinge‹, sagt dir das irgend etwas!«
Richard stieß einen schweren Seufzer aus, als er sich daran erinnerte. »Ich kann die Klinge meines Schwertes weiß färben, mit Hilfe von Magie.«
Warren wischte sich mit der Hand durchs Gesicht. »Dann stecken wir möglicherweise in Schwierigkeiten. Es gibt eine Prophezeiung, in der es heißt: Werden die Kräfte der Bestrafung freigelassen, so fällt ein noch viel düsterer Schatten durch das Zerrissene auf die Welt. Die Hoffnung auf Erlösung wird dann so schmal wie die weiße Klinge des aus der Wahrheit Geborenen.«
»Das Zerrissene. Das offene Tor«, sagte Richard.
»Damit wäre der ›düstere Schatten‹ der Hüter.«
»Warren, ich muß wegen dieser Prophezeiung irgend etwas unternehmen. Wegen der Prophezeiung über ›die in Weiß‹. Hast du irgendeine Idee?«
Warren sah ihn an, als versuchte er, sich zu irgend etwas durchzuringen. »Ich weiß nicht, ob uns das weiterhilft.« Er rieb sich verlegen die Schenkel. »Es gibt da einen Propheten, hier im Palast. Ich habe ihn noch nie gesehen. Ich würde gern, aber sie lassen mich nicht. Sie behaupten, es wäre zu gefährlich für mich, mit ihm zu sprechen, bevor ich nicht mehr gelernt hätte. Sie haben mir versprochen, wenn ich genug gelernt habe, lassen sie mich mit ihm sprechen.«
»Hier im Palast? Wo?«
Warren zog eine Falte seines Gewandes unter dem Knie hervor. »Das weiß ich nicht. Es befindet sich bestimmt in einer der verbotenen Zonen, ich weiß aber nicht in welcher, und ich weiß auch nicht, wie wir es herausfinden können.«