Richard stand auf. »Aber ich.«
Als der Schwertmann Kevin Andellmere bleich wie ein Gespenst wurde, wußte Richard, daß er zum richtigen Posten gegangen war. Anfangs war er widerwillig, tat, als wisse er nichts, doch als Richard ihn vorsichtig an all die Gefälligkeiten erinnerte, verriet ihm Kevin flüsternd den Ort.
Der Gebäudekomplex, den Kevin ihm verraten hatte, gehörte zu den bestbewachten. Richard wußte, wo sämtliche Wachen postiert waren, da er hier weiße Rosen gepflückt hatte und oben auf der Mauer gewesen war, ›um hinaus auf das Meer zu blicken‹. Außerdem kannte er alle Wachen. Sie waren häufige Besucher bei den Huren, die er bezahlte.
Am äußeren Tor verlangsamte er nicht einmal seinen Schritt, sondern nickte den Wachen als Antwort auf ihr Zwinkern lediglich zu. Die Wachen auf dem Festungswall zeigten sich erheblich zurückhaltender, stammelten etwas und streckten die Hand aus, um ihn aufzuhalten. Er schüttelte ihnen einfach die Hand und tat, als hätte er ihre Geste so verstanden. Schließlich nahmen sie seufzend wieder ihren Posten ein, während er mit wehendem Mriswith-Cape davonmarschierte.
Am Ende des Festungswalls gab es einen kleinen Säulengang, und an dessen Ende wiederum eine Wendeltreppe, die in die Gemächer des Propheten hinunterführte. Die Wachen an der Tür, auf die er es abgesehen hatte, waren jene beiden, die auf seine Seite zu ziehen ihm zunächst schwergefallen war, die aber dann als erste durch ihn in die Gunst weiblicher Gesellschaft gekommen waren. Sie nahmen Haltung an, als sie ihn sahen.
Richard hielt wie selbstverständlich auf die Tür zwischen ihnen zu. »Walsh, Bollesdun, wie geht es euch?«
Sie kreuzten ihre Hellebarden vor der Tür. »Richard, was tust du hier unten? Die Rosen wachsen oben.«
»Hör zu, Walsh, ich muß den Propheten sprechen.«
»Richard, tu uns das nicht an. Du weißt genau, daß wir dich nicht reinlassen dürfen. Die Schwestern würden uns bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren ziehen.«
Richard zuckte mit den Achseln. »Ich werde ihnen nicht sagen, daß ihr mich reingelassen habt. Ich werde sagen, ich hätte euch überlistet. Wenn jemand etwas merkt, was nicht passieren wird, erzählt ihnen einfach, ich hätte mich vorbeigeschlichen, und das sei euch erst aufgefallen, als ich schon wieder auf dem Weg nach draußen war. Ich werde eure Geschichte bestätigen.«
»Richard, du kannst wirklich nicht…«
»Habe ich jemals Ärger bereitet? Habe ich je etwas anderes getan, als euch allen zu helfen? Ich halte euch aus, ich leihe euch Geld, wenn ihr es braucht, ich bezahle die Mädchen für euch. Habe ich dafür jemals eine Gegenleistung verlangt?«
Richard hatte die Hand am Heft seines Schwertes. So oder so, er würde durch diese Tür gehen.
Walsh trat mit dem Stiefel gegen einen kleinen Stein. Mit einem schweren Seufzer nahm erst der eine, dann der andere seine Hellebarde hoch. »Bollesdun, geh und mach deine Runde. Ich verschwinde inzwischen mal kurz auf dem Abort.«
Richard nahm die Hand von seinem Schwert und gab dem Mann einen Klaps auf die Schulter. »Danke, Walsh. Ich weiß das zu schätzen.«
Nachdem er die Hälfte des Gangs zurückgelegt hatte, spürte Richard Schichten des Widerstandes, Schilde wie die vor der Tür der Prälatin, doch sie hielten ihn nur geringfügig auf. Er betrat den Raum, der so geräumig war wie sein eigener, vielleicht ein wenig eleganter eingerichtet. Eine Wand war mit riesigen Wandteppichen bedeckt, an einer anderen standen große Bücherregale. Die meisten Bücher jedoch lagen im Zimmer verstreut auf Stühlen und Sofas und überall auf den gelbblauen Teppichen, die den Boden bedeckten.
Im Sessel neben dem erkalteten Kamin erblickte Richard den Rücken eines Mannes.
»Du mußt mir erklären, wie du das machst«, meinte der Mann mit tiefer, kraftvoller Stimme. »Ich wäre sehr daran interessiert, den Trick zu lernen.«
»Machen? Was denn?« fragte Richard.
»Durch die Schilde hindurchzumarschieren, als wären sie nicht vorhanden. Wenn ich es versuchte, würde es mir glatt das Fleisch von den Knochen schmoren.«
»Wenn ich jemals selbst dahinterkomme, verrate ich es dir. Mein Name ist Richard. Ich würde mich gern mit dir unterhalten, wenn du nicht zu beschäftigt bist.«
»Beschäftigt!« Der Mann mußte herzhaft lachen. Als er sich erhob, war Richard ein wenig überrascht, wie groß er war. Sein langes, weißes Haar hatte Richard vermuten lassen, er sei alt und verschrumpelt. Alt war er tatsächlich, verschrumpelt jedoch nicht. Er wirkte kräftig und voller Lebensenergie. Sein Lächeln war gleichzeitig einladend und bedrohlich. Er trug einen Rada’Han genau wie Richard.
»Ich heiße Nathan, Richard. Ich habe mich darauf gefreut, dich kennenzulernen. Ich hatte nicht erwartet, daß du den Weg hierher allein finden würdest.«
»Ich wollte allein kommen, damit wir uns ungestört unterhalten können.«
»Und, weißt du, daß ich ein Prophet bin?«
»Ich bin nicht gekommen, um zu lernen, wie man Brot backt.«
Nathans Lächeln wurde breiter, doch er lachte nicht. Seine Brauen zogen sich zusammen wie die eines Habichts. Seine Stimme bekam etwas Zischendes. »Möchtest du, daß ich dir von deinem Tod erzähle, Richard? Wie du sterben wirst?«
Richard ließ sich auf das Sofa fallen und knallte seine Füße auf den Tisch. Er erwiderte das habichtähnliche, wütende Funkeln und zahlte ihm das bedrohliche Lächeln mit gleicher Münze heim. »Klar. Ich würde gern alles darüber wissen. Und wenn du damit fertig bist, erzähle ich dir, wie du sterben wirst.«
Nathan zog die Augenbrauen hoch. »Du bist auch ein Prophet?«
»Prophet genug, um dir zu sagen, wie du sterben wirst.«
Der finstere Blick bekam etwas Neugieriges. »Wirklich. Dann erzähl es mir.«
Richard nahm eine Birne aus einer Schale auf dem Tisch, polierte sie an seinem Hosenbein und biß davon ab. Kauend meinte er: »Du wirst genau hier sterben, in diesen Räumen, und zwar an Altersschwäche und ohne die Außenwelt jemals wiederzusehen.«
Die Falten in Nathans Gesicht wurden tiefer, sein Gesichtsausdruck erschlaffte. »Du scheinst tatsächlich ein Prophet zu sein, Junge.«
»Es sei denn, du hilfst mir. Wenn du mir hilfst, vielleicht kann ich dann wiederkommen und dir helfen, ebenfalls hier rauszukommen.«
»Und was möchtest du?«
»Ich will diesen Halsring loswerden.«
Nathans Gesicht verzog sich zu einem verschmitzten Grinsen. »Es scheint, als hätten wir ein gemeinsames Interesse, Richard.«
»Aber die Schwestern behaupten, ohne ihn würde ich sterben.«
Das verschmitzte Grinsen wurde breiter. »Von anderen verlangen sie die Wahrheit, doch sie selbst belasten sich nur selten damit. Die Schwestern haben ihre eigenen Pläne, Richard. Es gibt mehr als einen Pfad, der durch die Wälder führt.«
»Die Schwestern sagen, ich müsse lernen, mein Han zu gebrauchen, um den Ring loszuwerden. Sie scheinen dabei keine große Hilfe zu sein.«
»Es wäre einfacher, einem Baumstumpf das Singen beizubringen, als daß eine einfache Schwester dir beibringt, dein Han zu gebrauchen. Sie können dir nicht helfen.«
»Kannst du mir helfen, Nathan?«
»Vielleicht.« Nathan setzte sich auf seinen Stuhl und beugte sich entschlossen vor. »Sag mal, Richard, hast du je Die Abenteuer von Bonnie Day gelesen?«
»Gelesen? Es ist mein Lieblingsbuch. Ich habe es so oft gelesen, daß meine Augen fast die Buchstaben von den Seiten abgetragen haben. Ich würde gern den kennenlernen, der es geschrieben hat, und ihm sagen, wie sehr es mir gefallen hat.«
Ein breites, kindliches Grinsen stahl sich auf Nathans Gesicht. »Das hast du gerade, Junge. Das hast du gerade getan.«
Richard schnellte von der Sofalehne nach vorn. »Du! Du hast Die Abenteuer von Bonnie Day geschrieben?«
Nathan zitierte einige Passagen, um seine genaue Kenntnis zu beweisen. »Ich habe das Buch deinem Vater gegeben. Er sollte es dir schenken, sobald du alt genug zum Lesen warst. Du warst damals gerade geboren.«