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»Du warst zusammen mit der Prälatin dort? Davon hat sie mir nichts erzählt.«

»Ich bezweifele, daß ihr die Wahrheit klar gewesen ist. Du mußt wissen, Ann verfügt nicht über die Macht, um in die Burg der Zauberer in Aydindril zu gelangen. Ich half George hineinzukommen, damit er das Buch der Gezählten Schatten besorgen konnte. Es gibt dort eine Reihe sehr interessanter Bücher mit Prophezeiungen.«

Richard sah ihn erstaunt an. »Wie es aussieht, sind wir dann alte Bekannte.«

»Mehr als das, Richard Rahl.« Nathan sah ihn vielsagend an. »Mein Name ist Nathan Rahl.«

Richard fiel die Kinnlade herunter. »Du bist mein … Ur-Ur-Urirgendwas?«

»Es wären zu viele >Urs‹, als daß man sie zählen könnte. Ich bin fast eintausend Jahre alt, mein Junge.« Er drohte scherzend mit dem Finger. »Ich interessiere mich schon sehr lange für dich. In den Prophezeiungen ist von dir die Rede.

Die Abenteuer von Bonnie Day habe ich für die wenigen geschrieben, die über das Potential verfügen. In gewisser Weise ist es ein Buch der Prophezeiungen. Eine Fibel der Prophezeiungen, eine, die du in der Lage wärst zu verstehen, damit sie dir helfen kann. Das Buch hat dir doch geholfen, oder?«

»Mehr als einmal«, sagte Richard, der immer noch Mühe hatte, seinen Mund zu schließen.

»Gut. Dann bin ich zufrieden. Wir haben das Buch an ein paar ausgesuchte Jungen weitergegeben. Du bist der einzige, der noch lebt. Die übrigen sind bei ›unerklärlichen Unfällen‹ ums Leben gekommen.«

Richard aß die Birne zu Ende und dachte nach. »Und, kannst du mir nun helfen, meine Kraft zu benutzen?«

»Denk doch einmal nach, Richard. Die Schwestern haben dir mit Hilfe des Halsrings doch noch keine Schmerzen zugefügt, oder?«

»Nein. Aber das werden sie noch.«

»Den letzten Krieg kämpfen. Was hat Bonnie Day den Truppen Warwicks gesagt, die die Moore bewachten? Daß der Feind nicht angreifen werde wie zuvor. Daß sie töricht ihre Zeit vergeuden würden, wenn sie versuchten, den letzten Krieg zu kämpfen.« Nathan zog eine Braue hoch. »Offenbar hast du die Lehre nicht begriffen. Daß dir schon einmal etwas geschehen ist, bedeutet keineswegs, daß es dir wieder geschehen wird. Denk nach vorn, Richard, nicht zurück.«

Richard zögerte. »Ich … ich hatte eine Vision, in einem der Türme. Eine Vision, daß Schwester Verna mir mit dem Halsring Schmerz bereiten würde.«

»Und das rief deinen Zorn auf den Plan.«

Richard nickte. »Ich rief den Zorn herbei und tötete sie.«

Nathan schüttelte kurz enttäuscht den Kopf. »Diese Vision, das war dein Verstand, der dir etwas sagen wollte, der dir zeigen wollte, wie du dich selbst schützen kannst, wenn sie das tun — wie du sie besiegen kannst. Deine Gabe und dem Verstand haben Hand in Hand gearbeitet und versucht, dir zu helfen. Du warst zu sehr mit dem letzten Krieg beschäftig, um die Botschaft zu beachten.«

Richard schwieg verärgert. Er hatte sich so lange mit der Vorstellung herumgeschlagen, daß sie ihm weh tun könnten, bis er nichts anderes mehr gesehen hatte. Er hatte die wahre Bedeutung dessen, was Kahlan getan hatte, übersehen, weil er Angst gehabt hatte, die Vergangenheit könnte wieder aufleben. Denk an die Lösung, nicht an das Problem — das war es, was Zedd ihm beigebracht hatte. Er hatte sich von der Vergangenheit für die Zukunft blenden lassen.

»Ich verstehe, was du meinst, Nathan«, gestand er ein. »Wie war das gemeint, die Schwestern würden mir mit dem Halsring keine Schmerzen zufügen?«

»Ann weiß, daß du ein Kriegszauberer bist, das habe ich ihr bereits vor deiner Geburt gesagt. Vor fast fünfhundert Jahren. Sie hätte die Schwestern entsprechend angewiesen. Einem Kriegszauberer Schmerzen zuzufügen ist dasselbe, als wollte man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.«

»Du meinst, der Schmerz ist irgendwie das Geheimnis meiner Kraft?«

»Nein. Sie ist die Folge der Schmerzen. Der Zorn.« Er deutete auf Richards Hüfte. »Auf diese Weise gebrauchst du dein Schwert. Der Zorn beschwört die Magie. Genaugenommen beschwörst du die Magie, sie bringt dir den Zorn, und so funktioniert die Magie. Soll ich dir zeigen, wie man sein Han berührt?«

Richard rutschte nach vorn. »Ja. Ich hätte nicht gedacht, daß ich das sagen würde, trotzdem: ja. Ich muß in der Lage sein, von hier fortzukommen.«

»Dreh deine Handfläche nach oben. Gut.« Er schien eine Aura der Autorität um sich zusammenzuziehen. »Und nun sieh mir tief in die Augen.«

Richard starrte in die halbgeöffneten, tiefen, dunklen, himmelblauen Augen. Der Blick sog seinen auf. Richard fühlte sich, als fiele er in den klaren, blauen Himmel. Sein Atem ging stoßweise, folgte nicht mehr seinem Willen. Nathans Befehle spürte er mehr, als daß er sie hörte.

»Beschwöre die Wut herauf, Richard. Den Zorn. Beschwöre den Haß und die Raserei herauf.« Richard spürte es. Es war, als zöge er das Schwert. Als er spürte, wie der Atem in ihn hineingesogen wurde, spürte er auch, wie der Zorn ihn erfüllte. »Und nun spüre die Hitze dieses Zorns. Spüre seine Flammen. Gut. Und jetzt richte diese Gefühle in der Fläche deiner Hand.«

Richard bündelte den Zorn der Magie in seiner Hand, lenkte seinen Fluß, spürte seine Kraft. Sie war so stark, daß er die Zähne zusammenbeißen mußte.

»Sieh in deine Hand, Richard. Sieh es dort. Sieh dort, was du fühlst.«

Richards Blick wanderte langsam zu seiner Hand. Ein Ball aus blaugelbem Feuer wälzte sich über seine Handfläche. Er spürte, wie die Energie aus ihm herausströmte, hinein ms Feuer. Er verstärkte den Strom des Zorns, und der wütende Feuerball wurde größer.

»Und nun schleudere den Zorn, den Haß, die Wut, das Feuer in den Kamin.«

Richard warf die Hand nach vorn. Der sich langsam drehende Flammenball blieb bei seiner Hand. Er blickte zum Kamin, richtete den Zorn nach außen, schleuderte ihn von sich.

Heulend schoß das flüssige Feuer in den Kamin und explodierte dort krachend wie ein Blitz.

Nathan lächelte stolz. »So wird das gemacht, mein Junge. Ich glaube kaum, daß dir die Schwestern das in hundert Jahren beibringen könnten. Du bist ein Naturtalent. Kein Zweifel. Du bist ein Kriegszauberer.«

»Aber ich habe mein Han gar nicht gespürt, Nathan. Ich habe überhaupt nichts Besonderes gespürt. Nur, daß ich zornig war, so, als hätte ich das Schwert benutzt. Oder, von mir aus, als hätte ich mir den Finger in einer Tür geklemmt.«

Nathan nickte weise. »Natürlich nicht. Du bist ein Kriegszauberer. Andere besitzen nur eine Seite der Gabe. Sie benutzen, was in ihrer Nähe ist: die Luft, die Wärme, Kälte, Feuer, Wasser, was immer sie brauchen.

Kriegszauberer sind anders. Sie zapfen den Kern der Kraft in ihrem Innern an. Du lenkst nicht dein Han, du lenkst deine Gefühle. Die Schwestern zeigen dir immer nur das ›Wie‹, wie man etwas tut. Für deine Kraft ist das bedeutungslos. Für dich zählen immer nur die Folgen, denn du ziehst deine Kraft aus deinem Innern. Deswegen können die Schwestern dich auch nicht ausbilden.«

»Wie meinst du das, deshalb können sie mich auch nicht ausbilden?«

»Hast du jemals gesehen, daß eine Näherin ein Nadelkissen verfehlt? Die Schwestern wollen, daß du deine Hand beobachtest, die Nadel und das Nadelkissen. Auf diese Weise benutzen andere Zauberer ihre Magie. Kriegszauberer beobachten nicht, sie handeln einfach. Ihr Han reagiert instinktiv.«

»War das eben … Zaubererfeuer?«

Nathan lachte in sich hinein. »Verglichen mit Zaubererfeuer war das eine zornige Motte, die einem rasenden Bullen gegenübersteht.«

Richard versuchte es erneut, doch das Feuer wollte nicht entstehen. Der Zorn wollte nicht kommen. Er konnte den Zorn des Schwertes auf den Plan rufen, doch das funktionierte nicht so, wie das, was er mit Nathan getan hatte — aus seinem Innern heraus.

»Es funktioniert nicht. Wieso kann ich es nicht wiederholen?«

»Weil ich dir geholfen und mit meiner eigenen Kraft gezeigt habe, wie es sich anfühlt. Allein schaffst du es noch nicht.«

»Warum nicht?«

Nathan streckte die Hand aus und tippte gegen Richards Kopf. »Weil es von hier drinnen kommen muß. Du mußt dich selbst akzeptieren, akzeptieren, wer du bist. Du kämpfst immer noch gegen dich selbst an. Solange du dich nicht akzeptierst, solange du nicht überzeugt bist, solange kannst du dein Han nicht benutzen, es sei denn, du bist in großer Gefahr.«