»Natürlich nicht. An dieser Stelle nun kommt die Weisheit ins Spiel. Du mußt weise genug sein, die Folgen deines Tuns vorauszusehen.
Doch das Problem beim Zweiten Gesetz liegt darin, daß man niemals mit Sicherheit ausschließen kann, ob man es verletzt oder ob man schlicht das Richtige tut. Schlimmer noch, Magie ist gefährlich. Fügt man den guten Absichten Magie hinzu, kann ein Verletzen des Zweiten Gesetzes in die Katastrophe führen.
Magie anzuwenden ist nicht schwer. Zu wissen, wann man Magie anwenden soll, das macht es schwierig. Jedesmal, wenn du sie einsetzt, kannst du unerwartete Zerstörung heraufbeschwören.
Wußtest du, Richard, daß es das Gewicht einer einzigen Schneeflocke ist, welches die Lawine auslöst? Ohne diese eine letzte Schneeflocke käme es nicht zur Katastrophe. Wenn du Magie einsetzt, mußt du wissen, welches diese eine überzählige Schneeflocke ist, bevor du ihr Gewicht hinzufügst. Die Lawine wird in keinerlei Verhältnis stehen zu dem, was deiner Ansicht nach das Gewicht dieser Schneeflocke bewirken kann.«
Richard strich mit dem Daumen über das Heft des Schwertes. »Nathan, ich glaube, ich habe den Schleier eingerissen, weil ich das Zweite Gesetz der Magie gebrochen habe.«
»So ist es.«
»Was habe ich getan?«
»Du hast deine Magie mit Hilfe des Ersten Gesetzes eingesetzt, um zu gewinnen. Dabei hast du die Kästchen, das Tor, mit Magie gefüttert und den Schleier eingerissen. Du hast es aus Unwissenheit getan. Du kanntest die Folgen dessen nicht, was du für richtig hieltest, das jedoch die Zerstörung allen Lebens zur Folge haben könnte. Eine Schneeflocke, fürwahr. Magie ist gefährlich.«
»Wie kann ich das wieder richten?«
»Der Stein der Tränen muß dem Hüter wieder auferlegt werden. Der Stein der Tränen muß an seinen rechtmäßigen Platz zurückgeschickt werden, in die Unterwelt, wo er dazu beitragen wird, die Macht des Hüters in dieser Welt einzuschränken. Das erfordert beide Arten von Magie.
Dann muß der Schlüssel im Schloß gedreht werden, sozusagen, indem man das Tor schließt. Auch dazu benötigt man beide Arten von Magie. Mit nur einer Seite der Magie würde dies den Schleier zerreißen. Daher wäre ein Zauberer keine Hilfe, der nur mit additiver Magie begabt ist. Nur jemand wie du kann dies vollbringen.
Bis es soweit ist, schweben wir in schrecklicher Gefahr. Handelst du falsch und gebrauchst den Stein für deine eigenen Zwecke, dann hast du die Macht, das Gleichgewicht zu zerstören, den Schleier ganz aufzureißen und uns alle in die ewige Nacht zu schicken.«
Richard starrte auf den Tisch und dachte nach. »Weißt du, was ein ›Agent‹ ist?«
»Ah. Du sprichst bestimmt von dem bevorstehenden Ärger zur Wintersonnenwende. Ein Agent ist jemand, der mit dem Hüter Gefälligkeiten austauscht. Gefälligkeiten wie zum Beispiel die unschuldige Seele von Kindern als Gegenleistung für das Wissen um den Gebrauch von Subtraktiver Magie.«
Er warf Richard einen finsteren Blick zu. »Doch das wäre kein Problem, denn du hast Darken Rahl in die Unterwelt geschickt, von wo aus er im Diesseits keine Macht mehr hat. Darken Rahl befindet sich doch in der Unterwelt, oder?«
Richard verspürte einen bohrenden Schmerz in seiner Magengrube. Er hatte nicht nur den Schleier eingerissen, sondern dadurch, daß er das Zweite Gesetz erneut gebrochen hatte, weil er mit einer Versammlung hatte helfen wollen, hatte er einen Agenten, Darken Rahl, in diese Welt gebracht, wo dieser daran arbeiten konnte, den Schleier zu zerstören. Richard war an allem schuld. Ihm war heiß, sein Kopf drehte sich. Er glaubte, sich jeden Augenblick übergeben zu müssen.
»Nathan, ich muß diesen Halsring loswerden.«
Nathan zuckte mit den Achseln. »Dabei kann ich dir nicht helfen.«
Richard war aus einem bestimmten Grund hergekommen. Er wollte versuchen, die Antwort zu bekommen. Er räusperte sich.
»Nathan, da ist jemand, der mir sehr viel bedeutet. Sie schwebt in Gefahr, und ich muß ihr helfen. Es existiert eine Prophezeiung über sie, die mir auch in einer Vision erschienen ist.«
»Welche ist das?«
»Nur eine einzige von allen, die aus der Magie geboren sind, wird übrigbleiben, um die Wahrheit zu verkünden, wenn die Bedrohung des Schattens aufgehoben ist…«
Nathan beendete die Prophezeiung mit seiner tiefen, kraftvollen Stimme. »Aus diesem Grunde kommt die größere Finsternis der Toten. Damit es eine Chance auf die Bande des Lebens gibt, muß diejenige in Weiß ihrem Volk geopfert werden, zu dessen Freude und unter seinem Jubel.«
»Dann hast du von ihr gehört. Nathan, ich habe die Bedeutung der Prophezeiung gesehen. Man hat mir gesagt, ich dürfe nicht von der Vision sprechen, doch soweit ich es beurteilen kann, ist das kein freudiges Ende.«
»Sie wird enthauptet werden«, sagte Nathan ruhig. »Das ist die eigentliche Bedeutung dieser Prophezeiung.«
Richard verschränkte die Arme über seinem aufgewühlten Bauch. Genau das hatte er in der Vision gesehen. Die Welt begann sich erneut um ihn herum zu drehen.
»Nathan, ich muß fort von hier. Ich muß verhindern, daß das geschieht.«
»Sieh mich an, Richard.« Richard hob den Kopf, wobei es ihm gelang, seine Tränen zu unterdrücken. »Ich muß dir die Wahrheit sagen, Richard. Wenn diese Prophezeiung nicht Wahrheit wird, dann folgt darauf nichts mehr. Wir werden alle sterben. Es wird das Ende allen Lebens sein. Der Hüter wird uns alle bekommen.
Benutzt du deine Macht, um es zu verhindern, dann reißt du damit den Schleier entzwei und gestattest dem Hüter, die Welt der Lebenden zu verschlingen.«
Richard sprang auf. »Warum! Warum sollte sie sterben müssen, um die Lebenden zu retten! Das ergibt doch keinen Sinn!« Seine Faust ballte sich um das Heft des Schwertes. »Ich muß es verhindern! Das ist doch nur ein dummes Rätsel! Ich lasse sie doch nicht wegen eines Rätsels sterben!«
»Richard, es wird die Zeit kommen, wenn du eine Entscheidung treffen mußt. Ich habe lange, lange darauf gehofft, daß du, wenn diese Zeit kommt, klug genug bist, die richtige Wahl zu treffen. Es steht in deiner Macht, uns alle zu vernichten, wenn du dich falsch entscheidest.«
»Ich werde hier nicht einfach rumstehen, während du mir erklärst, daß ich sie sterben lassen soll. Die Guten Seelen haben nichts unternommen, um ihr zu helfen. Also muß ich es tun. Und ich werde es tun.«
Richard stürmte aus dem Zimmer. Risse liefen neben ihm die Wand entlang, als er den Gang entlangmarschierte. Brocken von Putz regneten hinter ihm herab, während er vorüberging. Richard bemerkte es kaum, und doch kam es ihm in dieser Stimmung gerade recht. Als er den Schild durchbrach, verkohlte die Farbe seitlich an den Wänden und rollte sich zusammen.
Richards Gedanken rasten. Jetzt wußte er mit Gewißheit, daß er eine Vision dessen gesehen hatte, was geschehen würde, wenn er es nicht verhinderte. Sie würde sich bewahrheiten, falls es ihm nicht gelang, aus dem Palast herauszukommen. Vielleicht war es das, was die Prophezeiung bedeutete: Wenn man ihn hier als Gefangenen hielt, könnte er nicht helfen, und Kahlan würde sterben.
Unten im Innenhof bemerkte er einen Tumult. Von allen Seiten kamen Wachen herbeigeeilt. Als er näher kam, erkannte er einen der Baka-BanMana-Schwertmeister. Es mußten wenigstens einhundert besorgt aussehende Wachen sein, die ihn in einem Ring umstellten und ihren Abstand wahrten. Der Mann in weiter Kleidung, in der Mitte des Ringes, wirkte unbekümmert.
Richard drängte sich durch die Menge. »Was ist hier los?«
Der Mann verneigte sich vor Richard. »Caharin. Ich bin Jiaan. Dein Weib, Du Chaillu, hat mich geschickt, um dir eine Botschaft zu überbringen.«
Richard beschloß, der Bemerkung, sie sei seine Frau, nicht zu widersprechen. »Worum handelt es sich?«
»Ich soll dir sagen, daß sie die Anweisungen ihres Mannes befolgt hat. Wir haben die Majendie dazu gebracht, Frieden mit uns zu schließen. Wir befinden uns nicht mehr im Krieg mit ihnen oder mit den Menschen hier.«
»Das sind wunderbare Neuigkeiten, Jiaan. Sag ihr, ich bin stolz auf sie und auf ihr Volk.«