»Dein Volk«, verbesserte Jiaan. »Sie läßt dir mitteilen, daß sie sich entschieden hat, das Kind auszutragen. Und daß wir bereit sind, in unsere Heimat zurückzukehren. Sie möchte wissen, wann du kommst, um uns dorthin zu führen.«
Richard drehte sich kurz zu den Menschen um. Nicht nur Wachen waren zusammengekommen, sondern auch Schwestern. Er erkannte einige seiner Lehrerinnen, die abwartend in der Nähe standen: die Schwestern Tovi, Nicci und Armina. Auch Pasha entdeckte er. Am gegenüberliegenden Rand der Menschenmenge sah er Schwester Verna. Auf einem Balkon in der Ferne stand die gedrungene Gestalt der Prälatin.
Richard wandte sich wieder an Jiaan. »Sag ihr, sie soll sich bereithalten, es wird nicht mehr lange dauern.«
Jiaan verneigte sich. »Danke, Caharin. Wir werden bereit sein.«
Richard wandte sich an die Wachen, die einen Kreis um sie bildeten. »Der Mann ist in friedlicher Absicht gekommen. Man soll ihn auch in Frieden ziehen lassen.«
Jiaan schlenderte von dannen, so unbesorgt, als befände er sich auf einem Spaziergang, doch der Ring aus Wachen folgte ihm — bis ein gutes Stück hinaus vor die Stadt, wie Richard wußte. Der Menschenauflauf begann sich aufzulösen.
Richard dröhnte der Kopf. Er hatte seinen Vater aus der Unterwelt zurückgeholt, indem er im Haus der Seelen das Zweite Gesetz der Magie ein zweites Mal verletzt hatte; er hatte versucht, das Richtige zu tun, und hatte statt dessen Unheil angerichtet. Warren hatte ihm erklärt, daß der Hüter einen Agenten brauchte, um aus der Unterwelt entkommen zu können, und genau den hatte Richard ihm geliefert.
Ihm drehte sich der Kopf. Gerade hatte er herausgefunden, daß Kahlan ihn liebte, und das Leben schien wieder lebenswert, nur um zu entdecken, daß er hier auf Hunderte von Jahren in der Falle saß, und Kahlan am Tag der Wintersonnenwende sterben würde, wenn es ihm nicht gelang zu fliehen. Seine Gedanken drehten sich im Kreis, verzweifelt und ohne Ausweg.
Er mußte etwas unternehmen. Die Zeit wurde knapp. Er beschloß, den einzigen Menschen aufzusuchen, der ihm vielleicht helfen konnte.
64
Sie hörte die Stimme im Vorzimmer und hoffte, es wäre die, die sie erwartete. Sie sah dem nicht gerade freudig entgegen, andererseits wurde ihr die Zeit knapp. Richard hatte inzwischen bestimmt eine Möglichkeit gefunden, Nathan aufzusuchen, und Nathan hatte seinen Part gewiß gespielt. Jetzt war es an der Zeit, daß sie den ihren übernahm.
Natürlich konnte sie Nathan nicht vollkommen vertrauen, in dieser Angelegenheit jedoch hatte er bestimmt das Erforderliche getan. Er kannte die Folgen eines Versagens. Er hatte eine Aufgabe, um die sie ihn nicht beneidete — er sollte das Gewicht besagter Schneeflocke hinzufügen.
Ein Fingerschnippen von ihr, und die Tür flog auf. Sie hatte den Türrahmen von Schreinern reparieren lassen müssen. Richard hatte ihn mit seinem Han zertrümmert, ohne überhaupt zu merken, was er angerichtet hatte. Und das war sogar noch vor seinem Besuch bei Nathan gewesen.
»Schwester Ulicia, Schwester Finella, es ist spät, warum geht ihr nicht in eure Arbeitszimmer und kümmert euch um den Papierkram. Ich werde sie empfangen. Schwester Verna, bitte tretet ein.«
Ann erhob sich, als Schwester Verna forschen Schritts ins Zimmer trat. Sie mochte Verna. Ihr war zuwider, was sie ihr jetzt antun mußte, aber die Zeit wurde knapp. Hunderte von Jahren für die Vorbereitung, und jetzt liefen ihr sowohl die Zeit als auch die Ereignisse davon.
Die Welt stand am Abgrund.
Verna verneigte sich. »Prälatin Annalina.«
»Bitte, Verna, setzt Euch. Es ist so lange her.«
Verna zog einen Stuhl an die gegenüberliegende Seite des Tisches. Sie setzte sich, den Rücken gerade, die Hände im Schoß gefaltet.
»Sehr freundlich von Euch, Eure kostbare Zeit zu opfern, um mich zu empfangen.«
Fast hätte Ann gelächelt. Fast. Geliebter Schöpfer, danke, daß Du sie in gereizter Stimmung zu mir schickst; das macht meine Aufgabe zwar nicht weniger lästig, aber gewiß einfacher.
»Ich hatte viel zu tun.«
»Ich auch«, fauchte Verna. »In den letzten mehr als zwanzig Jahren.«
»Offensichtlich nicht genug. Wie es scheint, haben wir Schwierigkeiten mit einem jungen Mann, den Ihr gebracht habt, und der längst, bevor er überhaupt hier eintraf, hätte ins Gebet genommen werden müssen.«
Vernas Gesicht verfärbte sich tiefrot. »Hättet Ihr mir nicht untersagt, meine Pflicht zu tun und mein Können einzusetzen, dann hätte ich das auch getan.«
»Ach ja? Seid Ihr so arm an Findigkeit, Verna, daß Ihr bei so geringfügigen Einschränkungen bereits nicht mehr Eure Pflicht erfüllen könnt? Pasha, gerade erst Novizin, scheint da bessere Erfolge zu erzielen, und sie arbeitet mit den gleichen Einschränkungen.«
»Glaubt Ihr das wirklich? Glaubt Ihr tatsächlich, er ist unter Kontrolle?«
»Er hat niemanden mehr umgebracht, seit Pasha die Verantwortung übernommen hat.«
Verna versteifte sich. »Ich denke, ich kenne mich ein wenig aus mit Richard. Ich möchte der Prälatin raten, mit Ihrem Vertrauen vorsichtig umzugehen.«
Ann hielt den Kopf gesenkt, schob Papiere hin und her, als richtete sie ihr Augenmerk auf Worte, die sie in Wahrheit gar nicht sah. »Ich werde Euren Rat berücksichtigen. Vielen Dank, daß Ihr gekommen seid, Verna.«
»Ich bin noch nicht am Ende! Ich habe noch nicht einmal angefangen!«
Sie hob langsam den Blick. »Wenn Ihr mir gegenüber noch ein einziges Mal die Stimme erhebt, Verna, dann werdet Ihr sehr wohl am Ende sein.«
»Prälatin Annalina, bitte verzeiht meinen Ton, doch es gibt Dinge von äußerster Wichtigkeit, die ich einfach zur Sprache bringen muß.«
Ann seufzte und tat ungeduldig. »Na schön, aber dann kommt bitte zur Sache. Ich bin ausgesprochen beschäftigt.« Sie faltete die Hände auf dem Schreibtisch und sah Verna ausdruckslos an. »Also bitte, sprecht.«
»Richard ist bei seinem Großvater aufgewachsen…«
»Wie schön für ihn.«
Verna hielt verärgert über die Unterbrechung inne. »Sein Großvater ist ein Zauberer. Ein Zauberer der Ersten Ordnung. Sein Großvater wollte ihn ausbilden.«
»Nun, um seine Ausbildung kümmern wir uns. Ist das alles?«
Verna kniff die Augen zusammen. »Ich muß die Prälatin doch nicht erst daran erinnern, daß es einen glatten Bruch der Waffenruhe darstellt, einen Jungen einem Zauberer fortzunehmen, der bereit wäre, ihn auszubilden. Mir hat man erzählt, es gäbe in der Neuen Welt keine Zauberer mehr, die Jungen ausbilden. Man hat mich angelogen. Man hat mich mißbraucht. Wir haben Jungen gestohlen. Und Ihr habt mich in diese Sache hineingezogen.«
Ann lächelte nachsichtig. »Schwester, wir dienen dem Schöpfer, damit alle lernen, in seinem Licht zu leben. In Anbetracht Eurer Pflicht dem Schöpfer gegenüber, was bedeutet da ein Waffenstillstand mit heidnischen Zauberern?«
Verna verschlug es die Sprache.
Geliebter Schöpfer, ich mag diese Frau so sehr. Bitte gib mir die Kraft, sie zu brechen. Nathan hatte seine Schneeflocke hinzugefügt, sie mußte ihre hinzufügen.
»Man hat mich auf eine zwanzig Jahre währende Jagd geschickt, man hat mich getäuscht, ohne daß ich den Grund dafür kannte, meine beiden Begleiterinnen sind durch meine Hand gestorben, man hat mir untersagt, bei meiner Arbeit von meiner Kraft Gebrauch zu machen…«
»Glaubt Ihr, ich hätte Euch den Gebrauch Eurer Kraft aus einer Laune heraus untersagt? Ist es das, was Euch Kummer macht, Schwester Verna? Also schön, wenn Ihr den Grund unbedingt wissen wollt: Es geschah, um Euch das Leben zu retten.«
Verna versteifte sich und wurde vorsichtig. »Wenn ich mich recht an meine Lektionen unten in den Gewölben erinnere, dann gibt es nur einen Grund, weshalb derartige Einschränkungen mein Leben retten könnten.«
Ann mußte innerlich lächeln. Verna wollte, daß es laut ausgesprochen wurde. »So ist es. Richard besitzt subtraktive Magie.«
»Das wußtet Ihr? Ihr habt jemanden mit Subtraktiver Magie den Halsring anlegen lassen? Dieses Risiko seid Ihr eingegangen? Ihr habt ihn tatsächlich herbringen lassen, in den Palast?« Sie faltete ihre Hände auseinander und beugte sich ein wenig vor. »Warum?«