Ann hielt dem Blick der anderen Frau stand. »Weil es Schwestern der Finsternis im Palast gibt.«
Sie zuckte nicht einmal zusammen. Sie wußte es. Zumindest hatte sie bereits den Verdacht gehabt. Gesegnet seist du, Verna, du bist ein heller Kopf. Vergib mir, was ich tun muß.
»Ist dieser Raum abgeschirmt?« erkundigte sich Verna mit ruhiger Stimme.
»Selbstverständlich.« Sie verschwieg, daß ihr Schild gegen diese Schwestern keinen Schutz bot.
»Habt Ihr Beweise für eine derartige Behauptung, Prälatin?«
»Ich brauche fürs erste keine Beweise, denn diese Unterredung bleibt unter uns. Ihr werdet kein Wort davon erwähnen. Es sei denn, Ihr wolltet Anklage erheben. Tut Ihr dies, werde ich natürlich alles abstreiten und erklären, Ihr wäret eine verbitterte Schwester, welche eines persönlichen Vorteils wegen versucht, die Prälatin der Gotteslästerung zu bezichtigen. Und dann würden wir Euch hängen müssen. Das liegt doch nicht in Eurem Interesse, oder täusche ich mich da?«
Verna saß steif und reglos da. »Nein, Prälatin. Doch was hat das damit zu tun, daß Richard hergebracht wurde?«
»Wenn Euer Haus von Ratten überrannt wird, bleibt Euch nichts anderes übrig, als eine Katze zu besorgen.«
»Diese Katze hält uns alle für Ratten. Und das vielleicht aus gutem Grund. Manch einer könnte sagen, Ihr hättet die Katze nicht wegen Eurer Ratten hergebracht, sondern als Köder. Richard ist ein guter Mensch. Der Gedanke, daß er geopfert werden soll, gefällt mir nicht.«
»Wißt Ihr, warum man Euch ausgesucht hat, Richard aufzuspüren?«
»Ich dachte, damit hättet Ihr mir Euer Vertrauen ausgesprochen.«
Ann zuckte mit den Achseln. »In gewisser Weise war es so. Wenngleich ich nicht ganz sicher bin, ob sich Schwestern der Finsternis im Palast befinden, und ich, wenn es denn zutrifft, keine Ahnung habe, wer sie sind, so mußte ich doch annehmen, daß die Schwestern Grace und Elizabeth Schwestern der Finsternis waren, da sie ganz oben auf der Liste standen. Aus einer Prophezeiung, die nur meine Augen gesehen haben, wußte ich, daß Richard wahrscheinlich subtraktive Magie besitzt und daß er darüber hinaus die ersten beiden Angebote ablehnen würde. Die beiden ersten Schwestern würden also sterben.
Hätten die Jünger des Hüters etwas davon gewußt, dann hätten sie bestimmt gewollt, daß auch der dritte Name auf der Liste einer der ihren ist. Ich habe mein Privileg als Prälatin dazu benutzt, die dritte Schwester selbst auszusuchen.«
»Ihr habt mich ausgewählt, weil Ihr darauf vertraut habt, daß ich nicht eine von denen bin?«
Ann hätte gerne geantwortet: Ich kenne dich seit deiner Kindheit, Verna. Ich kenne deinen regen Verstand, dein Herz und deine Seele. Von all den Schwestern habe ich ausgerechnet dir das Schicksal der Welt anvertraut. Ich wußte, daß Richard in deinen Händen sicher wäre.
Doch das durfte sie nicht sagen.
»Ich habe Euch ausgewählt, Verna, weil Ihr ganz unten auf der Liste standet und weil Ihr, alles in allem, recht wenig bemerkenswert seid.«
Eine ganze Weile herrschte Stille im Raum. Verna mußte schlucken. »Verstehe.«
»Ich war nicht der Ansicht, daß Ihr eine von ihnen seid. Ihr seid ein Mensch, von dem man wenig Notiz nimmt. Ich bin überzeugt, die Schwestern Grace und Elizabeth haben es nur deshalb bis ganz oben auf der Liste geschafft, weil der, der die Schwestern der Finsternis befehligt, wer immer das ist, sie für verzichtbar hielt. Ich befehlige die Schwestern des Lichts. Ich habe Euch aus demselben Grund ausgewählt.
Es gibt Schwestern, die für unsere Sache wertvoll sind. Für diese Aufgabe mußte ich eine Schwester aussuchen, deren Verlust uns nicht schmerzen würde. Der Junge erweist sich möglicherweise als wertvoll für uns, doch er ist nicht so wichtig wie andere Angelegenheiten im Palast. Möglicherweise ist er eine Hilfe. Es war schlicht eine Gelegenheit, die zu ergreifen ich für angebracht hielt.
Hätte es Schwierigkeiten gegeben und keine von Euch hätte es geschafft, zurückzukommen, nun, ich bin sicher, Ihr habt Verständnis dafür, daß ein General seine Truppen nicht bei einer Mission von geringer Dringlichkeit verlieren möchte.«
Vernas Atem wirkte gepreßt. Ihre Stimme klang ebenso. »Selbstverständlich, Prälatin Annalina.«
Ann schob ungeduldig ihre Papiere ineinander. »Ich muß mich jetzt wieder um wichtige Dinge kümmern. Gibt es sonst noch etwas, Schwester?«
»Nein, Prälatin.«
Als die Tür sich schloß, senkte die Prälatin ihr Gesicht in die zitternden Hände. Auf ihre Unterlagen fielen Tränen.
Sie sah ihm lange musternd in die Augen. Richard wußte nicht, ob sie zustimmen würde oder nicht, doch er hatte ihr einen Großteil dessen erzählen müssen, was er hatte in Erfahrung bringen können, damit sie wenigstens einverstanden war, sich seine Bitte anzuhören. Ein Scheitern konnte er sich nicht erlauben. Er brauchte Hilfe. Irgend jemandem mußte er vertrauen.
»Also gut, Richard, ich werde dir helfen. Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was du sagst, muß ich dir helfen.«
Richard seufzte und schloß erleichtert die Augen. »Danke, Liliana. Das werde ich Euch nie vergessen. Ihr seid die einzige hier, die bereit ist, auf die Vernunft zu hören. Können wir es jetzt sofort tun? Die Zeit ist knapp.«
»Jetzt?« flüsterte sie mit rauher Stimme. »Hier? Wenn es stimmt, daß du subtraktive Magie besitzt, geht es nicht einfach nur darum, dir den RadaHan abzunehmen. Ich werde mir einen magischen Gegenstand besorgen müssen, den die Schwestern unter Verschluß halten. Es handelt sich um ein Hilfsmittel, mit dem man Kraft vermehren kann. Vielleicht gelingt es damit und mit deiner Hilfe, den Halsring abzunehmen.
Und nicht nur das. Wenn der Namenlose seine Hand im Spiel hat, läßt sich unmöglich sagen, wer dich belauscht oder mit seinem Han ausspioniert.«
»Wann also? Und wo? Es muß bald geschehen.«
Sie wischte sich mit der Hand über die Augen und überlegte. »Nun, ich denke, ich kann den Gegenstand vor heute abend besorgen, also können wir es noch heute abend versuchen. Aber wo? Im Palast geht es nicht. Das wäre zu gefährlich.«
»Im Hagenwald«, schlug Richard vor. »Kein Mensch traut sich in den Hagenwald.«
Liliana hob den Kopf. »Das ist doch nicht dein Ernst, Richard. Es ist gefährlich dort.«
»Nicht für mich. Ich habe Euch doch schon erzählt, daß ich spüre, wenn die Mriswiths kommen. Dort ist es sicher genug. Außerdem brauchen wir nicht zu befürchten, daß irgendwelche Schwestern oder Pasha zufällig des Weges kommen, während wir versuchen, dieses vermaledeite Ding von meinem Hals herunterzubekommen.«
Sie blies nachdenklich ihre Wangen auf. Schließlich legte sie ihm eine Hand auf die Schulter, drückte sie und lächelte. »Also gut. Also dann im Hagenwald.«
Mit strengem Blick packte sie ihn an der Schulter und hielt ihn auf Armeslänge von sich. »Ich breche jede Menge Regeln, wenn ich das tue. Ich weiß, es ist wichtig, doch wenn sie uns erwischen, bevor wir fertig sind, werden sie dafür sorgen, daß ich nie wieder nah genug an dich herankomme, um es noch einmal zu versuchen.«
»Ich bin soweit. Gehen wir.«
»Nein. Zuerst muß ich versuchen, den Gegenstand zu besorgen.« Sie legte den Kopf auf die Seite und runzelte die Stirn. »Gerade fällt mir noch etwas anderes ein. Immer wieder sagen sie dir, du dürftest nie die Sonne im Hagenwald über dir untergehen lassen. Warum?«
Richard zuckte mit den Achseln. »Weil es gefährlich ist.«
»Und nach allem, was du erfahren hast, glaubst du ihnen? Du vertraust ihnen? Und wenn sie nur deshalb wollen, daß du die Sonne hier nicht über dir untergehen läßt, weil du dadurch etwas Nützliches in Erfahrung bringen könntest? Du hast gesagt, die Zauberer aus alter Zeit, die subtraktive Magie besaßen, hätten den Hagenwald geschaffen, um Menschen wie dir zu helfen. Was, wenn die Schwestern dir einfach nur diese Hilfe versagen wollen? Was, wenn sie dir nur Angst machen wollen, damit du nicht dahinterkommst?«