Das Erste Gesetz der Magie. Führte man ihn hinters Licht? Glaubte er einer Lüge? »Vielleicht habt Ihr recht. Wir brechen kurz vor Sonnenuntergang auf.«
»Nein. Es ist besser, wenn wir nicht zusammen gesehen werden. Außerdem werde ich einige Zeit brauchen, um die Hilfe zu stehlen. Weißt du, wo der lange, gespaltene Felsen im Bach steht, in der südwestlichen Ecke des Hagenwaldes?«
»Ich kenne die Stelle.«
»Gut. Geh dorthin, bevor die Sonne untergeht. Du bist es, für den die Magie bestimmt ist. Geh zu dem gespaltenen Felsen im Wald. Dort werde ich dich treffen, wenn der Mond zwei Handbreit hoch am Himmel steht. Und, Richard, du darfst niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen davon erzählen, sonst setzt du nicht nur mein und dein Leben aufs Spiel, sondern auch Kahlans.«
Richard nickte dankbar lächelnd. »Mein Wort darauf. Also, bis heute abend.«
Nachdem sie gegangen war, lief er im Zimmer auf und ab. Er konnte kaum erwarten, es hinter sich zu bringen und von hier fortzukommen. Die Zeit lief ihm davon. Wenn Darken Rahl den Skrinknochen hatte, wäre es bereits zu spät. Doch das war töricht. Wie sollte er ihn bekommen? Er war ein Geist. Vielleicht war es, wie Warren gesagt hatte, daß kaum jemals alle Elemente an Ort und Stelle waren.
Kahlan war es, um die er sich Sorgen machte. Er mußte ihr helfen.
Ein Klopfen an der Tür riß ihn aus seinen Gedanken. Er dachte, es könnte vielleicht Liliana sein, die zurückgekehrt war, doch als er die Tür öffnete, drängte sich Perry, das Gesicht in Sorgenfalten gelegt, herein.
»Richard! Ich brauch’ deine Hilfe.« Er deutete auf seine Robe. »Sieh dir das an! Ich bin befördert worden!«
Richard betrachtete die schlichte, braune Robe von oben bis unten. »Glückwunsch. Das ist großartig, Perry.«
»Es ist eine Katastrophe! Richard, ich brauche deine Hilfe!«
Richard runzelte die Stirn. »Wieso ist das eine Katastrophe?«
Perry warf die Arme in die Luft, als müßte dies für jeden offensichtlich sein. »Weil ich nicht mehr in die Stadt kann! In dieser Robe unterliege ich Beschränkungen. Es ist mir nicht erlaubt, die Brücke zu überqueren!«
»Nun, das tut mir leid, Perry, aber ich sehe nicht, wie ich dir helfen könnte.«
Perry nahm einen tiefen Atemzug, um sich zu beruhigen. Er sah flehend auf. »Es gibt da eine Frau in der Stadt … ich habe mich in der letzten Zeit regelmäßig mit ihr getroffen. Ich mag sie wirklich, Richard. Ich bin heute abend mit ihr verabredet. Wenn ich heute nicht hingehe, wenn ich überhaupt nicht mehr komme, wird sie denken, ich würde mir nichts aus ihr machen.«
»Ich begreife immer noch nicht, was ich dabei tun kann, Perry«
Perry packte ihn an seinem Hemd. »Man hat mir alle meine Kleider abgenommen. Richard, du könntest mir welche von deinen leihen. Dann würde mich niemand erkennen, und ich könnte heimlich in die Stadt gehen und mich mit ihr treffen. Bitte, Richard, leihst du mir ein paar von deinen Sachen?«
Richard dachte einen Augenblick lang nach. Ihm war es egal, ob er irgendeine undurchschaubare Regel des Palastes brach, verglichen mit dem, was er vorhatte, schien das unbedeutend, trotzdem machte er sich Sorgen wegen Perry. »Die Wachen kennen mich. Sie werden merken, daß du das bist, in meinen Kleidern, und es den Schwestern verraten. Dann bist du dran.«
Perry blickte zur Seite und dachte hektisch nach. »Nachts. Ich warte, bis es Nacht ist, und dann gehe ich. Nachts werden sie vielleicht nicht erkennen, wer ich bin. Bitte, Richard? Bitte?«
Richard seufzte. »Von mir aus gern, Perry, wenn du es riskieren willst. Laß dich nur nicht erwischen. Ich will wirklich nicht dabei geholfen haben, dich in Schwierigkeiten zu bringen.« Er deutete zum Schlafzimmer, wo der Kleiderschrank stand. »Komm mit. Nimm dir, was immer dir gefällt. Du hast nicht ganz meine Größe, aber bestimmt wird dir etwas einigermaßen passen.«
Perry sah ihn von der Seite an und lächelte. »Die rote Jacke? Kann ich die rote Jacke nehmen? Darin werde ich ihr gefallen.«
»Sicher.« Richard führte den überglücklichen Perry ins Schlafzimmer.
»Nimm sie dir ruhig. Es freut mich, wenn sie dir gefällt.«
Perry durchwühlte den Kleiderschrank auf der Suche nach einer Hose und einem Hemd, die zur roten Jacke paßten.
»Ich habe gesehen, wie Schwester Liliana dein Zimmer verlassen hat, kurz bevor ich gekommen bin.« Er zog ein weißes Rüschenhemd heraus. »Ist sie eine deiner Lehrerinnen?«
»Ja. Ich mag sie. Sie ist die netteste von allen.«
Perry hielt das Hemd vor seinen Körper. »Wie steht mir das?«
»Besser als mir. Kennst du Liliana?«
»Eigentlich nicht. Mir läuft es nur immer kalt den Rücken runter, wenn ich sie sehe. Sie hat so seltsame Augen.«
Richard mußte an Lilianas sehr, sehr blasse blaue Augen denken, die mit violetten Sprenkeln durchsetzt waren. Er zuckte mit den Achseln. »Zuerst dachte ich auch, sie wären komisch. Aber sie ist so temperamentvoll und freundlich, daß sie mir kaum noch auffallen. Sie hat so ein warmes Lächeln, daß es schwerfällt, überhaupt noch etwas anderes zu sehen.«
65
Richard saß ruhig da, die Beine untergeschlagen, während das Schwert auf seinen Knien ruhte. Er trug das Cape des Mriswith, um sich vor Pasha und Schwester Verna zu verbergen. Keine der beiden sollte wissen, daß die Sonne im Hagenwald über ihm untergegangen war. Wenn sie wüßten, was er gerade tat, würden sie ihm gewiß beide folgen.
Er hatte eine kleine Lichtung gefunden, die hoch genug lag, um trocken zu sein, und dort seit Sonnenuntergang gewartet. Durch das dichte Astgeflecht konnte er den Mond erkennen und schätzte, daß er ungefähr zwei Handbreit hoch stand. Was nun eigentlich im Hagenwald geschah, wenn die Sonne dort über einem untergegangen war, wußte er nicht, bislang schien alles so zu sein wie immer, wenn er sich des Nachts dort aufgehalten hatte.
Er antwortete auf Lilianas Ruf, und sie trat hinter einer dicken Eiche hervor. Sie sah sich im Wald um. Ihr Blick war keinesfalls zaghaft, sondern taxierte ihn selbstbewußt.
Sie setzte sich vor ihm hin und schlug die Beine übereinander. »Ich habe den Gegenstand, der uns helfen wird. Den, von dem ich dir erzählt habe.«
Richard lächelte erleichtert. »Ich danke Euch, Liliana.«
Sie holte ihn unter ihrem Umhang hervor. Im Schein des Mondes konnte er erkennen, daß es sich um die kleine Statue eines Mannes handelte, der einen Gegenstand, klar wie Glas, in den Händen hielt. Sie hielt sie hoch, um sie ihm zu zeigen.
»Was ist das?«
»Der Kristall, der durchsichtige Teil hier, besitzt die Fähigkeit, die Gabe zu verstärken. Wenn es stimmt, daß du subtraktive Magie besitzt, habe ich nicht die Macht, dir den Rada’Han abzunehmen, denn ich besitze nur additive Magie. Halte dies in deinem Schoß. Wenn wir uns dann im Geist vereinigen, wird dies dir helfen, deine Kraft zu verstärken, damit ich sie benutzen und den Zugriff brechen kann.«
»Gut. Fangen wir an.«
Sie zog die Statuette zurück. »Erst muß ich dir den Rest erklären.«
Er blickte in ihre bleichen, blassen blauen Augen, betrachtete die dunklen Sprenkel, mit denen sie durchsetzt waren. »Also gut, erzählt es mir.«
»Der Grund, weshalb du nicht helfen kannst, den Halsring abzunehmen, ist der, daß du nicht ausgebildet bist, deine Gabe zu gebrauchen. Du weißt nicht, wie du deine Kraft lenken sollst. Dies wird diesen Mangel beheben. Hoffe ich.«
»Du versuchst mich vor irgend etwas zu warnen.«
Sie nickte einmal knapp. »Du weißt nicht, wie man den Fluß kontrolliert, daher bist du dem Gegenstand auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Doch diese magische Hilfe weiß nicht, was Schmerzen sind. Sie tut ganz einfach das, was sie tun muß. Was ich benötige.«
»Ihr sagt mir also, daß es weh tun könnte. Ich bin bereit, Schmerzen auszuhalten. Fangen wir endlich an.«
»Nicht ›könnte‹.« Sie hob warnend einen Finger. »Es ist gefährlich, Richard. Es wird dir bestimmt weh tun. Es wird sich anfühlen, als würde dein Verstand in Stücke gerissen. Ich weiß, du willst es unbedingt tun, doch ich will dir nichts vormachen. Du wirst glauben, daß du stirbst.«