Er spürte, wie ihm der Schweiß den Nacken hinablief.
»Ich muß es tun.«
»Ich werde mein Han lenken und auf diese Weise versuchen, den Zugriff des Halsrings zu brechen. Die Hilfe wird dir Kraft entziehen, damit ich das Nötige tun kann, um den Rada’Han zu überwinden. Es wird dir weh tun.«
»Liliana, ich halte alles aus, wenn es sein muß. Es geht nicht anders.«
»Hör mir zu, Richard. Ich weiß, du willst es unbedingt tun, aber hör mir trotzdem zu. Ich werde dir deine Gabe entziehen, um dir auf diese Weise zu helfen, den Halsring zu zerbrechen. Dein Geist wird denken, ich würde versuchen, dir das Leben zu entziehen. Ganz tief in deinem Innern könntest du glauben, ich wollte dir die Gabe, das Leben selbst aussaugen.
Du wirst das Gefühl aushalten müssen, daß jemand dir das Leben entreißen will. Und zwar so lange, bis der Halsring bricht. Versuchst du, den Prozeß aufzuhalten, solange sich meine Kraft in deinem Körper befindet, so lange ich das tue, was ich tun muß…«
»Wenn ich dich recht verstehe, heißt das: Wenn es zuviel wird, und ich aufhören will, kann ich das nicht. Der Versuch, den Sog an meiner Gabe aufzuhalten, wäre tödlich.«
»Ja. Du darfst keinen Widerstand leisten. Tust du es doch, wirst du sterben.« Er hatte sie noch nie mit einem derart ernsten Ausdruck im Gesicht gesehen. »Du mußt mir unbedingt vertrauen und darfst auf keinen Fall versuchen, das, was mit dir geschieht, zu unterbinden, oder du stirbst und dadurch schließlich auch Kahlan. Bist du sicher, daß du das schaffst?«
»Liliana, um Kahlan zu retten, würde ich alles tun, alles aushalten. Ich vertraue dir. Ich lege mein Leben in deine Hände.«
Schließlich nickte sie und legte ihm die Statuette in den Schoß. Sie sah ihm lange in die Augen, dann küßte sie ihren Finger. Mit dem geküßten Finger berührte sie ihn an der Wange.
»Also dann, hinein ins Nichts, zusammen. Danke für dein Vertrauen, Richard. Du wirst niemals ermessen können, was das für mich bedeutet.«
»Oder für mich, Liliana. Was soll ich tun?«
»Das gleiche, was wir zuvor auch immer getan haben. Du versuchst einfach, dein Han zu berühren, alles übrige mache ich.«
Sie rutschte nach vorn, bis ihre Knie sich aneinanderdrückten. Dann faßten sie sich an den Händen, die sie locker auf die Knie legten. Jeder atmete einmal tief durch und schloß dann die Augen.
Anfangs war es so wie immer: ein tiefer Zustand der Entspannung, während er sich auf das Bild des Schwertes der Wahrheit konzentrierte. Der Schmerz war zu Beginn nichts weiter als ein unangenehmes Kribbeln. Er bohrte sich kreisend tiefer, setzte sich am unteren Ende seiner Wirbelsäule fest, wo er sich anfühlte wie ein gezerrter Muskel. Der Schmerz arbeitete sich seinen Rücken hoch.
Völlig unvermittelt brach er überall gleichzeitig aus, vergleichbar mit dem Schmerz des Strafers. Ein heißes Stechen, das sich durch sein Mark brannte. Denna hatte ihm beigebracht, Schmerzen auszuhalten. Im stillen bedankte er sich bei Denna für das, was sie getan hatte. Vielleicht konnte es nur dadurch alles aushalten und Kahlan so retten.
Die bohrende Qual nahm ihm den Atem. Richard saß steif da. Im Nu war sein Gesicht schweißüberströmt. Seine Lungen brannten nach Luft. Unter allergrößter Anstrengung nahm er einen Atemzug.
Schmerz explodierte in seinem Kopf und stürzte ihn in einen zeitlosen Ort endloser Qual, die ihn zu zerreißen schien. Er hatte Mühe, das Schwert in Gedanken festzuhalten. Tränen strömten ihm über das Gesicht. Er hatte keine Wahl.
Es fühlte sich an, als läge jeder Nerv in seinem Körper blank und werde in eine offene Flamme gehalten. Er glaubte, seine Augen würden zerplatzen. Er glaubte, sein Herz würde zerplatzen. Bei jedem quälenden, schmerzhaften Ziehen zuckte er zusammen. Es war eine Folter, die alles Erträgliche überstieg.
Und dann war ihm, als hätte es noch nicht einmal richtig angefangen. Er war weder imstande zu schreien, zu atmen noch sich zu bewegen. Die Seele schien ihm aus dem Leib gerissen zu werden.
Wie Liliana ihn gewarnt hatte, schien ihm das Leben selbst entrissen zu werden. Panikartig überkam ihn die Befürchtung, daß dies sein Tod sein könnte. Er spürte, wie die Finsternis des Todes in die Leere hineinsickerte, die das Entreißen bei ihm hinterließ. Verschwommen dämmerte ihm, daß dies vielleicht nicht richtig war. Tief in seinem Innern keimte eine entsetzliche Angst, dann wurde auch sie in den brodelnden Sturzbach hineingerissen, der sich gewaltsam einen Weg nach außen bahnte.
Er hatte keinen größeren Wunsch als zu schreien, so als könnte das die Qual irgendwie lindern. Doch er konnte nicht. Seine Muskeln schienen wie der Rest von ihm ihr Leben zu verlieren. Er konnte nicht atmen, konnte nicht mal seinen Kopf hochhalten.
Bitte, Liliana, bitte beeilt Euch.
Es fiel ihm schwer, ihrem Tun keinen Widerstand entgegenzusetzen. Er flehte darum, sich ihr nicht zu widersetzen. Er mußte zu Kahlan. Sie brauchte ihn.
Seine Augen standen offen. Das merkte er, als er die Statuette in seinem Schoß wiedererkannte. Sein Kopf hing herab. Der Kristall begann in einem matten Orange aufzuleuchten. Irgend etwas in ihm dachte, dies müsse bedeuten, daß er funktionierte, daß er seine Arbeit tat. Sein Kopf fühlte sich an, als wollte er in die Brüche gehen. Er erwartete, Blut herabtropfen zu sehen, doch er sah nur, wie das orangene Leuchten immer heller wurde.
Bitte, Liliana, beeilt Euch.
Schwärze hüllte ihn ein. Selbst die unerträglichen Schmerzen schienen plötzlich wie entrückt. Er spürte, wie ihm das Leben durch die Finger rann. Er spürte, wie ihn eine Leere überkam, die grauenhafter war, als alles, was er je für möglich gehalten hatte.
In den hintersten Winkeln seines schwindelnden Verstandes spürte er etwas.
Mriswiths.
Er fühlte, daß sie ganz nahe waren. Seine Beunruhigung wuchs. Sie waren überall ringsum und kamen näher.
Und dann hörte er wie aus großer Ferne Lilianas Stimme. »Wartet, meine Lieben. Ihr könnt haben, was übrig ist, wenn ich mit ihm fertig bin. Wartet.«
Im Geiste konnte er die Mriswiths undeutlich erkennen, so wie immer, wenn sie sich anschlichen. Auf Lilianas Worte hin zogen sie sich zurück.
Warum hatte sie das gesagt? Warum sollten die Mriswiths auf ihren Befehl hin zurückweichen? Was hatte sie damit gemeint? Vielleicht hatten ihn die Schmerzen wahnsinnig gemacht, und dies war nur eine krankhafte Täuschung.
Er spürte etwas hinter sich. Kein Mriswith. Schlimmer. Zehnmal grauenvoller. Er spürte fauligen Atem in seinem Nacken.
Lilianas Stimme ertönte als ein gefährliches Zischen. »Ich habe gesagt, warte.« Das Etwas zog sich ein Stück zurück, doch nicht so weit wie die Mriswiths.
Was hatte sie damit gemeint, sie könnten kriegen, was übrigbliebe? Er starb, das hatte sie gemeint. Er spürte es. Er war dabei zu sterben.
Unsinn. Liliana hatte gesagt, daß er genau das empfinden würde. Es geschah schlicht so, wie sie es vorhergesagt hatte, das war alles. Er mußte stark sein, für Kahlan. Dabei hatte er nur noch so wenig, was er geben konnte. Er war im Begriff zu sterben. Er wußte es einfach. Die Statuette in seinem Schoß leuchtete heller.
Dann saß ihm der heiße Atem wieder im Nacken. Er hörte, wie dieses abscheuliche Etwas leise knurrte. Er wünschte sich heftig, es würde von ihm ablassen.
Erneut war Lilianas drohende Stimme zu hören. »Warte. Noch einen Augenblick, dann bin ich fertig, dann kannst du seinen Körper haben. Warte.«
In diesem Augenblick verriet ihm etwas tief in seinem Innern, daß dies seine letzte Chance war. Jetzt sofort. Der Entschluß zu handeln erwuchs aus jäher Verzweiflung.
Tief aus dem Innern, aus dem Zentrum seines Geistes, aus dem Kern seines Seins, aus dem Innersten seiner Seele riß er seinen Willen los, und durch reine Willenskraft zerrte er in einer verzweifelten, ungeheuren Anstrengung seine Kraft, sein Leben — sein Selbst — zurück.